Acht Monate nach der ersten Reise durch Yharnam ist es wieder Zeit zum Sterben. Der Tod wartet auf Opfer: Er lauert hinter jeder Ecke, steckt in Fallen und Mutanten, in Selbstschussanlagen und fossilen Muscheln im knietiefen Wasser. Die Erweiterung „The Old Hunters“ lädt erfahrene Jäger zur nächsten Runde Bloodborne ein – und macht das beste PS4-Spiel des Jahres noch besser.

Bloodborne: The Old Hunters - Trailer zur Erweiterung

Vorsichtig wandere ich über eine der Galerien der Forschungshalle, stets leisen Schrittes und darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Um mich herum: zahllose ekelhaft mutierte „Patienten“, schießwütige Rollstuhl-Opas, mit Fallen gespickte Chemikalienschränke, deren ätzender Inhalt bei einem Tritt auf die falsche Bodenplatte meine Lebensleiste auf einen Schlag leeren könnte. Und so, so viele Treppen: Links geht es hinauf, rechts herunter, in der Mitte gabelt sich der Weg. Es ist ein tödliches Labyrinth voller Fallen und Gefahren. Als ich um einen Pfeiler herumschleiche, kommt mir eine Gruppe Patienten entgegen, sie sehen mich, stürmen auf mich zu, diese widerlichen Wesen mit ihren seltsam entstellten Ballonköpfen. Es sind zu viele, merke ich und nehme die Beine in die Hand.

Bloodborne: The Old Hunters - Geheimnisvoll, gnadenlos, genial

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Fiese neue Gegner gibt es massenweise. Und sie fordern einiges an Kampfgeschick.
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Ich renne die Treppe links hinauf, eile in die Tür – verdammt, eine Sackgasse! –, eile ebenso schnell wieder hinaus. Die Horde kommt immer näher, mir gehen die Möglichkeiten und die Orientierung aus. Wo soll ich hin? Aha – links ist die nächste Treppe! Panisch sprinte ich die Stufen hinauf, wissend, dass ich den Kampf mit meinen übrigen zwei Blutphiolen nicht riskieren kann. Ich drehe mich kurz um, kann die Patienten in der Entfernung sehen, haste sicherheitshalber weiter hinauf. Bloß kein Risiko eingehen. Zwei Meter weiter endet die Treppe plötzlich auf halber Strecke und ich stürze schreiend in die Tiefe. Gestorben – schon wieder. Bloodborne, du elendes Mistviech. Was habe ich dich vermisst!

Neue Umgebung, bekanntes Spielprinzip

The Old Hunters macht genau dort weiter, wo die finstere Reise durch Yharnam damals aufgehört hat: Es fordert und fördert, fesselt und frustriert, fasziniert und verstört. Dass der DLC erst nach dem Hauptspiel geplant und entwickelt wurde, fällt überhaupt nicht auf – alles wirkt wie aus einem Guss. DLC können From Software, das haben sie nicht zuletzt schon mit Artorias of the Abyss für das erste Dark Souls bewiesen. Mit The Old Hunters haben die Japaner allerdings noch mal einen draufgesetzt.

Alleine schon die nackten Zahlen können sich sehen lassen: Mehr als vier brandneue Bossgegner, zehn neue Waffen für die linke und rechte Hand und vier große neue Gebiete bedeuten in der Souls-Sprache einen Umfang von mindestens zehn, mit der eingehenden Erforschung aller Umgebungen und Geheimnisse gar 15 Stunden Spielzeit. Das ist für einen DLC ziemlich beeindruckend und in Bezug auf Bloodborne gleich doppelt erfreulich, denn wenn dem Hauptspiel eines gefehlt hat, dann waren es Waffen, die sich unterschiedlich anfühlten. Umso schöner also, dass The Old Hunters quasi im Stundentakt neue Todbringer ausschüttet. Und ziemlich coole dazu: Freut euch auf einen Hochofen-Hammer, dessen mächtige Erdstöße Explosionen auslösen, oder auf eine flinke Klinge, die sich in einen Bogen transformieren lässt. Oder auf eine wirbelnde „Kreissäge am Stock“, was genauso brutal klingt wie es sich für die armen Gegner anfühlen muss, wenn sie vom rotierenden Blatt in Stücke gerissen werden. Die Vielfalt ist groß, die Effizienz der Waffen hoch – und es gibt sogar ein paar, für die es sich lohnt, ein bisschen Arkan zu leveln. Das ist etwas, was dem Hauptspiel damals definitiv gefehlt hat!

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Neue Waffen machen die Jagd noch abwechslungsreicher.
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Selbst mehr als ein halbes Jahr später dauert es auch gar nicht lange, bis man wieder in den gewohnten Flow verfällt. Starten, kämpfen, sterben, kämpfen, sterben, siegen – Frust und Spaß liegen in The Old Hunters genauso nah beieinander, wie man das von einem Souls eben erwartet. Nach meinen ersten 20 Anläufen beim ersten Boss hätte ich den DualShock 4 am liebsten quer durch das Zimmer geschleudert! Doch als es dann beim 21. Mal endlich geklappt hat und der Schriftzug „Beute erlegt“ über den Fernseher flackerte, waren Freude und Erleichterung grenzenlos. Das ist es, was ein Souls und eben ein Bloodborne ausgezeichnet hat – und genau das findet ihr auch in The Old Hunters. Vielleicht sogar noch einen Tick mehr: Ich empfand den DLC als deutlich schwerer als das Hauptspiel.

The Old Hunters führt die Tradition Bloodbornes konsequent fort und macht das wohl beste PS4-Spiel des Jahres noch besser.Fazit lesen

Erkundung lohnt sich wie selten zuvor

Ich halte mich in diesem Test bewusst mit konkreten Beispielen zurück, um nicht zu viel von den Geheimnissen zu verraten, die das Add-On bereithält – am meisten Spaß macht es bekanntlich, die Dinge selbst herauszufinden, und am prägendsten sind doch die Momente, in denen man plötzlich vor einem riesigen Bossgegner steht und damit gar nicht gerechnet hat. Ich will und werde euch davon nichts vorwegnehmen, sondern euch nur kurz und knapp mitteilen: The Old Hunters ist einer der stärksten DLCs, die ihr dieses Jahr spielen könnt – plattformübergreifend. Auch an Freunde der Lore hat From Software gedacht und erzählt Hintergründe der Story, die im Hauptspiel nur kurz angerissen wurden. Was hat es eigentlich mit dem ominösen Kos (oder Kosm?) auf sich? Und was wurde nochmal aus dem ersten Jäger der heiligen Kirche? Alte Mythen werden gelöst, neue erschaffen, und wer sich schon im Hauptspiel mit der Geschichte auseinandergesetzt hat, bekommt im DLC noch mehr Stoff.

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Die neuen Bosse werden euch wieder an eure Grenzen treiben.
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Zwischen der alten Kathedrale, dem tiefroten Blutfluss und dem astralen Uhrturm herrscht abermals eine beklemmende Atmosphäre – nicht zuletzt deshalb, weil man die Präsenz des Todes quasi spüren kann. Hinter jeder Ecke könnte er lauern, hinter vielen lauert er auch tatsächlich. Wenn man deshalb leise durch die Gassen schlurft, vorsichtig nach links und rechts in leere Gänge lugt und sich scheinbar achtlosen Gegnern nur auf leisesten Sohlen nähert, dann ist die Spannung fast schon greifbar. Und wehe dem, der viele Blutechos mit sich trägt und den Weg zur Lampe nicht findet – in solchen Momenten wirkt ein jedes verdächtige Geräusch wie ein Alarmruf, sofort das Weite zu suchen. Besonders dann, wenn jenes Geräusch ein mysteriöses Glockenläuten ist. Denn dann scheinen irgendwo auch diese seltsamen Jägermutanten mit ihrem Geweihhelm in der Nähe zu sein…

Rein spielerisch bleibt natürlich alles weitestgehend gleich, was auch absolut richtig ist. Ausweichen bleibt eine Frage des perfekten Timings, Blocken eine Unmöglichkeit, Eingeweide-Angriffe sind nach wie vor die hohe Kunst des Konterns – und auch der elende Wahnsinn nervt genauso wie damals. Was The Old Hunters Eigenständigkeit verleiht, sind die neuen Waffen, Gegnertypen, Bossfights und Gebiete. Oft wirkt der Albtraum des Jägers, so der Schauplatz des DLCs, als wäre er gar kein Add-On, sondern ein integraler Bestandteil des Hauptspiels. Wie oft kann man das über einen DLC schon sagen?