Das mit Stahlstacheln ausgestattete Lederei hängt für einen Moment in der Luft. Adrenalin schießt in die Adern, letzte Beleidigungen werden zwischen den Zähnen hindurchgezischt. Einer meiner elf Spieler wittert seine Chance, springt dem wehrhaften Football entgegen und fängt ihn mit seinen langgliedrigen, behaarten Rattenkrallen. Ein Aufschrei wie ein Schlachtruf hallt übers Feld und durch das Stadion. Das Spiel hat begonnen.

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Erst Brett, dann Byte

Gehetzt sucht der Skaven eine Anspielstation und erspäht einen flinken Gossenläufer auf rechts. Doch er vermasselt den Pass und wirft den Ball direkt in die Arme des gegnerischen Orks. Ein Touchdown will in diesem ersten Match keinem der beiden Teams gelingen. „Bei einem Unentschieden haben die Zuschauer immer das Gefühl, dass die Spieler nicht alles gegeben haben“, lästert der Kommentator prompt nach dem Abpfiff. „Außer, wenn alle tot sind!“, fügt sein Kollege und Ex-Blood-Bowl-Spieler tiefsinnig hinzu.

Blood Bowl - Ein Fall für die Strafbank: Football im Warhammer-Universum

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Der kleine Timmy is nach Jahren der elterlichen Liebe endlich flügge geworden.
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Es ist Blood Bowl – im imaginären Vorgänger des American Football geht es um Punkte, Siege und Trophäen – und zuvorderst um Brutalität. Gewalttätiger, schneller, abwechslungsreicher als sein realweltlicher Nachfolger – bereits seit 1987 lässt Spielehersteller Games Workshop unterschiedliche Fantasy-Völker auf einem Spielbrett gegeneinander antreten und bedient sich dabei an der hauseigenen Warhammer-Welt. Das klassische Brettspiel des „Fantasy Football“ bannte eine ganze Generation Tabletop-Spieler. Nahezu jeder Szeneladen konnte eine organisierte Liga aufweisen.

Packshot zu Blood BowlBlood BowlErschienen für DS, PC, PSP und Xbox 360 kaufen: ab 4,75€

Der erste Eindruck des Klassikers im elektronischen Gewand: Ja, genau so muss eine Computerspielumsetzung von Blood Bowl aussehen. Die Grafik ist nicht revolutionär, vermittelt aber zumindest zu Beginn einen Teil der Atmosphäre aus der Fantasieumgebung. Der wichtige Humor kommt in den Einzel-, Liga-und Turniermatches nicht zu kurz und die vorgegebenen Spielernamen strotzen nur so vor Anspielungen auf bekannte Personen.

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"Warum liegt Jimmy da einfach so rum?" - "Der hat ins Gras gebissen!"
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Bereits Mitte der 90er Jahre versuchte das US-Programmierteam Destiny Software, die Faszination auf die heimischen Computer zu übertragen, scheiterte aber kläglich. Nun schickt Cyanide erneut Mannschaften von je elf Spielern aufs virtuelle Spielfeld, um das Stachelei endlich in die Endzone der Fans zu bringen. Gelegenheit zur Übung hatten die Entwickler ausreichend: Im Jahr 2004 veröffentlichte das französische Studio mit Chaos League ein Spiel, was bei Games-Workshop-Fans ein verschmitztes Lächeln auf hervorrief. Jeder wusste: Das hier war Blood Bowl. Fünf Jahre hat es gedauert, nun liegt eine gehörig aufgemotzte Version samt offizieller Lizenz im Laufwerk.

Runden- oder Echtzeitstrategie

Für Brettspiel-Anhänger hat das französische Entwicklerstudio den klassischen, rundenbasierten Modus übernommen. Orks, Waldelfen, Menschen, Zwerge, Skaven (Ratten), Goblins, Echsen oder Chaoskrieger werden über die Quadrate des Spielfelds dirigiert. Ob die Teammitglieder erfolgreich blocken, ausweichen, den Ball passen oder fangen entscheidet zunächst der virtuelle Würfel. Hier ist besonders viel Taktik gefragt, denn: Misslingt eine Aktion, ist der eigene Zug automatisch beendet und der Gegner an der Reihe.

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Diese Mädels haben gleich zwei...grüne Daumen.
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Verliere ich die Uhr aus den Augen, kann es ebenfalls passieren, dass ich meinen rattig ausgeheckten Plan nicht zu Ende bringen kann, da die Zeit – je nach Einstellung 30 Sekunden bis vier Minuten – bereits abgelaufen ist. Das Limit sorgt für ständigen Druck, so schnell wie möglich seine Aktionen durchzuführen. Wer nicht die Regeln der Vorlage verinnerlicht hat, oder ein echter Anhänger der Rundenstrategie ist, wird gegen den Computer wohl eher früher als später in den Echtzeit-Modus („Blitz-Modus“) wechseln.

Leider geht bei der schnelleren Gameplay-Variante die taktische Komponente etwas verloren – auch wenn eine Partie mit Hilfe des „Konzentrationsmodus“ angehalten werden kann, um mehreren Spielern gleichzeitig Anweisungen zu erteilen. Damit dies nicht zu oft nötig ist, wird den Akteuren auf dem Feld eine allgemeine Orientierung gegeben, wie sie sich zu verhalten haben: defensiv, neutral oder offensiv. Das klappt in vielen Fällen recht gut. Doch in entscheidenden Situationen sollten in jedem Fall direkte Befehle gegeben werden, á la „Blocke Spieler X, prügel Spieler Y windelweich“, denn die KI-gesteuerten Figuren stellen sich selten geschickt an und verpassen regelmäßig, aussichtsreiche Situationen auszunutzen.

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Neulich beim Synchronsterben: Ein klarer Sieg für die Orks (in grün).
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Im körperbetonten Treiben der Blood-Bowl-Stadien hat jede Rasse seine Vor- und Nachteile – und die sollte man gut kennen. Am Ende des Zeitlimits sollen schließlich die meisten Touchdowns und damit auch Punkte auf der Habenseite stehen. Während etwa die Skaven rattenflink über den Rasen wetzen, aber bei Blocks meist das Nachsehen haben, wirken Chaos-Teams meist statisch, knüppeln aber alles nieder, was sich nicht bei Drei hat auswechseln lassen. Neben vorgegebenen Mannschaften wie den Orcland Raiders oder Reikland Reavers (Menschen) macht es die größte Laune, ein eigenes Team aufzubauen. Mit einem Anfangsbudget geht es auf Mannschafts-Einkaufstour, wobei die Spielerpreise je nach Fertigkeiten variieren.

Gutes Management ist der halbe Sieg

Ähnlich eines Rollenspiels beginnen alle Team-Mitglieder auf der untersten Stufe. Vermöbele ich meinem Gegner ordentlich, fange einen Pass ab oder bin selbst mit einem Wurf über das halbe Feld erfolgreich, sammeln meine Spieler Erfahrung, die mit „Starspielerpunkten“ belohnt wird und ihnen in höhere Level hievt. Starspieler sind die Creme de la creme bei Blood-Bowl. Entweder sie werden vor einer Partie mit genug Gold als Söldner angeheuert, oder mühsam im eigenen Team herangezüchtet. Mit ihren zahlreichen Spezialfähigkeiten sind sie ein Faktor, der eine Partie entscheiden kann.

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Dank Trampolin-Wettbewerb: Der Geburtstag des kleinen "Wolfi" war ein voller Erfolg.
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Ist die eigene Mannschaft scheinbar hoffnungslos unterlegen, helfen neben bewährten Methoden wie Bestechung des Schiedsrichters und gegnerischer Spieler auch die Zuschauer. Wenn der Ork auf die letzte, nur aus einem schmächtigen Skaven-Werfer bestehende Verteidigungslinie zustürmt, helfen neben enormen Würfelglück nur noch die Stadionbesucher. „Das sieht nach einem Touchdown aus“, tönt dann die quäkige Stimme des Goblin-Kommentators bereits aus den Boxen. Doch vor der Partie wurden die Zuschauer mit einem Zauberspruch ausgestattet, der den Angreifer doch noch aufhält.

Um die eigenen Spieler aufzuputschen, gibt es neben der Möglichkeit des Individualtrainings vor einer Partie auch verschiedene Tränke, die einzelne Attribute für die Dauer des Matches erhöhen. Das Alter eines Akteurs kann dagegen nicht mit Mittelchen kompensiert werden. Bekommt ein Team-Mitglied überdurchschnittlich häufig viel auf den Veteranen- oder Starspielerhelm, leidet sein Körper und er muss schneller in den Ruhestand. Auf die Mannschaftszusammensetzung zu achten ist der halbe Sieg - wie bei einem Fußballmanager-Spiel.

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Hartes Foul in der 8. Spielminute: Die Schweißfüße der Grünen hauen ihre Gegner glatt um.
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Denn neben den Grundattributen Stärke, Geschicklichkeit, Bewegungsweite und Rüstungswert gibt es auch eine Vielzahl spezieller Fähigkeiten, die in einigen Situationen entscheidend sein können. Die obskurste: Ist jemand „Lebensmüde“ kann er von einem Mannschaftskollegen, der die entsprechende Fähigkeit besitzt, über die gegnerischen Reihen geschleudert werden – mitsamt Ball. Dagegen nicht besonders hilfreich: Ist ein Spieler „Saublöd“, vergisst er die erhaltenen Befehle einfach.

Kampagne und Multiplayer - das Herzstück

Im Kampagnenmodus ist es besonders wichtig, die Entwicklung des eigenen Teams in die richtigen Bahnen zu lenken. Denn nur mit dem Engagement der „Bloodweiser Babes“ am Spielfeldrand wird die Mannschaft nicht die großen Turniere erreichen. Vom Erfolg bei den kleineren ist es abhängig, wie schnell die höher dotierten Wettbewerbe freigeschaltet werden. Pro Saison können fünf Turniere gespielt werden. Nach jeder abgelaufenen Spielzeit enden die Verträge mit den Akteuren. Um steigende Gehaltsforderungen zu erfüllen und sie halten zu können, muss Sponsoren mit Erfolgsprognosen für die folgende Saison Gold aus dem Beutel geleiert werden.

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Erschreckende Bilder vom letzten G8-Gipfel: So sieht es also hinter den Absperrungen aus...
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Die im Liga-System, Pokal oder Play-Off gegen den Computer hochgezüchteten Teams können exportiert werden - und sind im lokalen Netzwerk gegen Freunde einsetzbar. Sogar ein Hot-Seat-Modus ist vorhanden. Im Großen und Ganzen sind die Einzelspieler-Varianten einigermaßen unterhaltsam, doch Langzeitmotivation wecken sie nicht. Die Partien gegen den Computer sind meist schnell zu den eigenen Gunsten entschieden, denn die KI stellt sich unabhängig vom Schwierigkeitsgrad bisweilen besonders blöd an. So jucken schon nach wenigen Matches die Finger, in den Online-Arenen Mannschaften menschlicher Gegner zu überrennen.

Tumbe Gewalt und Fouls soweit das Spielfeld reicht: Blood Bowl ist herrlich schräg, nur das Spiel dahinter will nicht funktionieren.Fazit lesen

Bis zu 32 verschiedenen Teams können verwaltet werden, um sich ins Mehrspieler-Getümmel zu stürzen. Hier erstelle ich eigene Ligen oder trete bereits bestehenden bei. Neben den privaten Wettbewerben, die auf Einladungsbasis funktionieren, werden die Werfer, Blocker und Blitzer der Teams in die Prügelarena der öffentlichen Rangliste geschickt. Hier heißt es: Alle gegen alle. Am Geldwert des Teams ist abzulesen, ob es sich lohnt, eine als Pop-Up auftauchende Herausforderung anzunehmen. Je größer die Differenz nach oben, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ich schon vor einem solchen Match die Grabsteine in zweistelliger Zahl ordern kann.

Mehr Spieler, mehr Spaß

Ähnlich dem Kampagnenmodus des Einzelspieler-Teils muss ich die Mitglieder meines Teams hegen, mit dem Sanitäter pflegen aber manchmal nichtsdestotrotz ersetzen, wenn der Gegner sie unter die Erde getrampelt hat. Besonders bei hochgelevelten, wertvollen Spielern ist das ärgerlich. Deshalb sollte vor jedem Match noch genug Geld für Wiederholungswürfe und Sanitäter-Einsätze vorhanden sein. Geht ein Würfelwurf daneben – was recht häufig passiert -, kann so das Schlimmste abgewendet werden. Sind die Fans auf meiner Seite, beeinflussen sie beim (Wieder-)Anstoss, was mit dem Ball passiert.

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Die Gerüchte wegen Steroid-Missbrauchs beim FC Bayern verhärten sich zusehends.
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Zudem schmeißen sie regelmäßig Attribut-Powerups in Form von Pilzen oder Fleischkeulen aufs Feld. Das kann hilfreich sein, aber auch verhängnisvoll, wenn wegen der Gier nach Eiweiß eine Aktion scheitert. Häufig entscheidend ist die Blockfähigkeit. Ist der Gegner erst einmal zu Boden gestoßen, kann sein Brustkorb als temporäres Trampolin genutzt werden. Sieht das der Schiedsrichter, folgt mit der roten Karte der Platzverweis; Doch nicht selten übersieht der Goblin in Weiß und Schwarz die unfaire Aktion. Ein Vorteil, denn Verletzungen und sogar Todesfälle sind keine Seltenheit – und Auswechslungen nicht immer möglich.

Auch die vor Spielbeginn engagierten Sanitäter können dem darnieder liegenden Gegner nicht immer helfen – und der mühsam hochgepäppelte Starspieler hat vielleicht die längste Zeit auf Blood-Bowl-Feldern verbracht. Neben den großen Problemen trüben auch Details den Gesamteindruck: Wenn drei Zuschauer bei einem Anfänger einen Lärm verursachen, als hätte Deutschland in der 90. Minute des Fußball-WM-Finales gegen Holland gerade das 1:0 erzielt, kann das keine Absicht sein.

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Ein Fall für Katja Sahlfrank? Die anderen Kinder grenzen den kleinen Johnny ständig aus.
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Die Lobby im Mehrspieler-Modus ist arg langsam und stürzt zuweilen gar ganz ab. Die Aufteilung der Hauptoberfläche ist dabei so leicht durchschaubar wie die Football-Regeln beim ersten Mal Super Bowl gucken. Im Spiel fällt zudem auf, dass die Animationen nach den Touchdowns immer dieselben sind. Da hätte sich Cyanide ruhig mehr Mühe geben können – wie bei den unterschiedlichen Intro-Videos, die die Atmosphäre von Blood Bowl hervorragend transportieren.