Jeder Spieleredakteur dürfte sie haben: eine persönliche "To-Do-Liste", die spätestens, wenn man in 40 Jahren als alternder Profizocker in den Ruhestand geht und Gamepad gegen hautschonende Rheumasalbe eintauscht, abgearbeitet sein sollte. Ob man nun davon träumt Bill Roper im Würstchen-Wettessen zu besiegen, in Richard Garriotts Prunkschloss zu schlafen oder einmal gegen John Carmack im Quake-Multiplayer-Modus antreten zu können - auf jeder zweiten Liste dürfte folgender Punkt ganz oben stehen: die Blizzcon besuchen.

Schon die Debut-Veranstaltung vor knapp zwei Jahren war ein riesiger Erfolg und auch 2007 wollte scheinbar niemand den Fanevent missen - binnen drei Tagen waren sämtliche Eintrittskarten restlos vergriffen. Wen wundert's, schließlich hieß es bereits im Vorfeld neben Starcraft 2 würde man in diesem Jahr noch ein weiteres Projekt ankündigen. Auch die gamona-Redaktion braucht man in diesem Fall natürlich nicht zweimal bitten. Trotz zwölfstündigem Flug und brütender Hitze in den Staaten, haben wir uns auf die lange Reise nach Anaheim, Kalifornien, begeben.

Dort herrscht zwei Tage lang Ausnahmezustand im örtlichen Convention Center: Wohin man auch blickt, überall laufen Orks mit selbst gebastelten Pappäxten herum, Hexenmeister entsenden sexy Dämoninnen, duellieren sich mit wenigen Zentimeter großen Spielkarten und dazwischen - wir. Warum ein digitales Fischmenschen-Kostüm dieser Tage zur heiß begehrten Schmuggelware avanciert und Koreaner sehr wahrscheinlich hoch entwickelte Über-Roboter sind, klärt unser ausführlicher Hintergrundbericht des Großevents.

"Frühstück wird überbewertet!"
Wirklich geschlafen haben wir nicht, als wir uns am Morgen des 3. Augusts zu den heiligen Hallen des Anaheim Convention Centers aufmachen. Auch das Frühstück war eher - sagen wir - unzureichend. Aber das zählt dieses Mal nicht: Der Laptop unterm Arm, die Kamera im Gepäck und ein großer starker Kaffee müssen als Überlebensration reichen. Denn das oberste Gebot heißt Eile - die ersten Besucher können nämlich noch vor der feierlichen Eröffnungszeremonie einen Blick auf Starcraft 2 werfen.

BlizzCon 2007 - Von Über-Koreanern und Murloc-Kostümen: Ein Rückblick auf zwei Tage BlizzCon.

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In den frühen Morgenstunden war es hier noch ruhig: Das Anaheim Convention Center.
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Am Eingang sacken wir noch schnell die Presseausweise ein - in den nächsten Tagen unsere Allzweck-Geheimwaffe gegen überfüllte Plätze. Denn während man als "normaler" Gast (trotz knackiger 100 Dollar Eintrittskosten) bis zu 45 Minuten warten musste, um einmal Hand an die kommenden Blizzard-Highlights zu werfen, konnten wir die endlos scheinenden Schlangen zum Glück umgehen.

Schnell einen Platz gesichert, die zittrigen Hände an die Tastatur gelegt, noch ein letzter, neidischer Blick zum Sitznachbarn, der sich bereits mitten im Schlachtgetöse gegen die Protoss befindet und los geht's. Nach nur 20 Minuten ist uns klar: Starcraft 2 wird ganz großes Entertainment (den kompletten Spielbericht liefert unser ausführliches Preview). Dann heißt es aufbrechen: Wie vor zwei Jahren wird die Messe mit einer feierlichen Eröffnungszeremonie gebührend eingeleitet.

"Los, habt Spaß!"
Wie klingt Erfolg? Sehr wahrscheinlich dürften Standing Ovations und minutenlanges Fangebrüll ein klares Indiz dafür sein. Der tosende Applaus gilt in diesem Fall Mike Morhaime, CEO bei Blizzard Entertainment. Fast schon verschüchtert und sichtlich überwältigt, bedankt er sich als Erstes bei den Fans - schließlich hat man erst vor kurzem die 9 Mio. Abonnenten-Schallmauer durchbrochen.

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Sichtlich gerührt: Mike Morhaime auf der großen Eröffnungszeremonie.
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Mike kündigt eine exklusive Partnerschaft mit dem Computer-Riesen Dell an, mit deren Hilfe man das ultimative WoW Gaming System entwickeln wolle und gibt einige Eckdaten zur Erfolgsgeschichte ihres Superhits World of Warcraft preis. Zudem gibt es einige Eindrücke der WWI in Korea auf der Video-Leinwand zu bestaunen sowie das Starcraft 2-Cinematic - und einen Denkzettel für die Journalisten: "Wer auch immer die Gerüchte über unser neues Projekt verbreitet hat - dein Account ist gesperrt!", lacht Morhaime.

Dann folgt, worauf jeder in der Halle gewartet hat: Frank Pearce führt anhand eines Trailers das neueste WoW-Addon "Wrath of the Lich King" vor. Ein neuer Kontinent, Raidinstanzen für Gruppen aller Größen, ein weiterer Beruf und die erste Heldenklasse namens "Todesritter" bringen die Menge zum Kochen. Pearce verweist noch auf die Terminals, an denen man das erste Gebiet Howling Fjord anspielen kann, und schließt die Zeremonie mit den Worten "Los, geht spielen und habt gefälligst Spaß!" Das lassen wir uns nicht zweimal sagen.

"Focus Fire auf Chuck Norris!"
Der erste Ausflug ins eisige Northrend verläuft allerdings etwas enttäuschend. Die spielbare Version enthält bis auf ein erstes Startgebiet noch keine der angekündigten Features. Todesritter, neue Talente, Berufe, Frisuren, Belagerungswaffen - Fehlanzeige. Dafür darf man bereits die neue Raidinstanz Zul Aman besichtigen und durch den 5-Mann-Dungeon Utgarde Keep streifen - das Erlebnis ist jedoch nur von kurzer Dauer: Ohne eine gute Gruppe geht hier gar nichts.

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DAS Thema auf der BlizzCon: Das zweite WoW-Addon Wrath of the Lich King"
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Viel Zeit fürs Spielen bleibt uns nicht: Den ganzen Tag über finden so genannte Entwicklerpanels statt. In etwa einstündigen Sitzungen erklärt die erste Garde Blizzards alles Wichtige zu den Klassen, Raids und Berufen im World-of-Warcraft-Universum. Außerdem sorgt eine Starcraft-2-Live- Präsentation der Terraner für offene Münder. Die ersten Bilder der Singleplayer-Kampagne lassen auf Großes hoffen.

Im Anschluss dürfen dann die Fans ran: Wer sich in Reih und Glied anstellt, kann während der Q&A-Sessions eine Frage direkt an die Entwickler richten und erhält so brandheiße Informationen aus erster Hand. Neben Herzenswünschen a la "Bekommt mein Jäger demnächst endlich einen besseren Bogen?" oder "Warum machen Schurken keinen Schaden?" gehen Pearce, Pardo und Co. auch auf weniger ernste Angelegenheiten wie "Kommt Chuck Norris als Charakterklasse?" ein: "Wir haben ihn bereits kontaktiert", lautet die flapsige Antwort. Humor haben die Jungs also.

"Drei Murlocs fünfzig, bitte"
Am Nachmittag drückt man übrigens endlich auch der europäischen Presse das begehrteste Objekt der Blizzcon in die Hand: eine randvolle Tüte mit Goodies. Neben den üblichen Stickern, T-Shirts und Gutscheinen ist es jedoch eine kleine Plastikkarte, die in diesen Tagen weit mehr Wert hat als ein übergroßer Goldbarren. Löst man die darauf befindlichen Keys ein, erhält man Zugang zur Betaphase eines der kommenden Titel und kann sich fortan im Spiel als grüner Murloc verkleiden.

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Neben wirklich fantasievollen und aufwändigen Kostümen gab es auch einige Besucher mit sehr...nunja experimentellen Bekleidungen.
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"Hey, psst, ihr habt nicht zufällig noch einen Murloc-Code zu vergeben?" Unzählige Male flüstern uns während der nächsten paar Stunden zwielichtige Gestalten von der Seite an oder brauchen die Karten "ganz dringend für ihren kranken/mittellosen/ominösen Freund, der leider zu Hause bleiben musste". Schon klar. Auf der Blizzcon herrschen eben andere Gesetze: Dollar oder Euro sind hier als Zahlungsmittel nutzlos.

Da die Augenlider bereits schwer werden und die Gelenke erste Abnutzungserscheinungen zeigen, lassen wir den Abend ruhig ausklingen. Ein paar Cocktails und lecker Popcorn sorgen für das leibliche Wohl, die verschiedenen Wettbewerbe des Abends für die Unterhaltung. Neben einem Gesangs- und Tanzcontest wird auch das fantasievollste Kostüm der Blizzcon prämiert. Das Rennen macht (wie sollte es anders sein) eine sexy Hexenmeisterin.

"Good luck and have fun"
Tag zwei der Blizzcon: Die Nächte in Anaheim sind scheinbar kürzer als hierzulande, anders lassen sich unsere Augenringe in der Größe eines Autoreifen kaum erklären. Egal, schließlich verspricht der Samstag viel Action: Das Finale der Starcraft-Meisterschaft zwischen den koreanischen Pro-Gamern Savior und Nal_ra steht an. Bisher dachten wir ja, einen schreibwütigen Redakteur auf Kaffee könne man in Punkto Tastaturkontrolle niemals schlagen. Was die beiden Strategie-Künstler jedoch auf der Turnierbühne zeigen, grenzt an Übermenschliches.

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Auf gleich drei großen Leinwänden konnte man die E-Sport-Wettkämpfe verfolgen.
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Schon während der Aufwärmphase prügelt Savior alias Ma Jae-Yoon die immer gleiche Zahlenfolge in die Tasten, um seine Gelenke auf den bevorstehenden Shortcut-Gebrauch einzustimmen. Keine 20 Minuten später fegen seine Zerg den Protoss-Spieler Nal_ra einfach von der Map: Zwar bleibt das Match bis zum Schluss spannend, doch Saviors überragendes Micromanagement und Reflexe, die selbst manchen Quake-Profi alt aussehen lassen, entscheiden die Schlacht letztlich für den zierlichen Asiaten.

Nach all den Panels und Ankündigungen am Vortag bleibt uns nun endlich auch Zeit, die Messe ausgiebig zu besichtigen: Ob man nun eine Partie beim Starcraft-Board-Game spielt, sein Können beim Wacraft-Trading-Card-Game versucht oder im Blizzard-Shop stöbert - für echte Fans ist die Blizzcon sicher wie der Himmel auf Erden. Besonders harte Kerle (oder toughe Mädels) dürfen sich beim "Ride the Ellek" versuchen, der WoW-Version des beliebten Cowboysports.

"We will rock you"
Gegen 18 Uhr machen wir uns auf in Richtung Anaheim Sport Arena - schließlich erwartet uns dort laut Programmheft "der epische Höhepunkt einer fantastischen Reise". Große Worte, denen die nachfolgende Veranstaltung in nichts nachstehen wird. Für den nötigen Humor sorgt zunächst US-Comedian Jay Mohr. Ganze 30 Minuten poltert er gegen "nerdige Computer-Geeks", lästert über amerikanische Billig-Fluggesellschaften und lässt einen Gag der Kategorie "nicht-jugendfrei" nach dem anderen vom Stapel.

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An bestimmten Stationen konnte man das neue Starcraft-Brettspiel ausprobieren.
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Dann wird es "schwermetallen": Blizzards hauseigene Heavy Metal-Combo "Level 70 Elite Tauren Chieftain" rockt die Arena. Mit Mike Morhaime am Bass, Chris Segaty an der E-Gitarre und professioneller gesanglicher Unterstützung (Name des Sängers ist uns leider unbekannt), schmettern die Jungs Hits der Marke "Storm, Earth and Fire", "Rogues do it from behind" oder "I am Murloc" und feuern die Menge mit "For the Horde"-Schlachtrufen an. Garantiert nichts für Weicheier.

Frei nach dem Motto "Das Beste zum Schluss" endet die zweite Blizzcon mit einem echten Highlight: Das etwa dreißigköpfige "Video Games Live"-Orchester interpretiert samt Chor alte Blizzard-Songs neu. Von Starcraft über die klassische Warcraft-Reihe bis hin zu den bombastischen Klängen der World-of-Warcraft-Trailer sind wirklich sämtliche Meilensteine der Blizzard-Komponisten vertreten. Und als dann auch noch Ex-Wings-Gitarrist Laurence Juber die ersten Töne des Diablo-Soundtracks anklingen lässt, bekommen selbst die härtesten Fans eine Gänsehaut.