Ein Szenario kommt wieder in Mode. Ob stark verfremdet wie in Wolfenstein: The New Order, als historisches Hintergrundrauschen in Titeln wie World of Tanks und War Thunder oder auch verhältnismäßig unverfälscht und erdig wie in Company of Heroes 2: Der Zweite Weltkrieg, so zynisch das klingen mag, ist wieder im Kommen. Nachdem das unscheinbare globale Scharmützel jahrelang in Shootern bis zur Erschöpfung gemolken wurde, erfährt es nun eine Renaissance – und zusammen mit dem Mini-Revival des RTS-Genres ist Blitzkrieg 3 also etwas wahrhaft besonderes.

Allerdings nicht nur in dieser Hinsicht. Als ich vor einigen Monaten zu einer ersten Präsentation geladen wurde, hatte ich anschließend mehr als nur ein paar lobende Worte für das übrig, was Entwickler Nival mir dort zeigte. Aus der leicht verschrienen Unity-Engine hatte man die Auferstehung eines längst verlorengeglaubten Franchises gemeißelt, mit wuseliger Güte und einem Ansatz nach alter Schule: wenig Micromanagement, schmal in der Hüfte, kein unnötiger Schnickschnack. Dafür Positionierung, Schlachtaction und ein ungewöhnlicher Ansatz in Sachen Spielstruktur. Ich hab mich wirklich darauf gefreut, selbst Hand anzulegen.

Nun hab ich genau das getan und bereue es nicht völlig – Blitzkrieg 3 macht in seiner Early-Access-Version durchaus eine Weile Spaß. Aber Euphorie will sich nicht einstellen, es entsteht kein rechter Sog und es fehlt insgesamt etwas dazu, mich jubilieren zu lassen. Vielleicht, weil es nur sehr entfernt an übliches RTS erinnert. Vielleicht, weil die Grafik selbst auf höchsten Einstellungen genug flimmert, um mir leichte Kopfschmerzen zu verschaffen. Oder vielleicht auch deshalb, weil es eben noch eine Early Access ist und insofern nicht gerade üppig mit Inhalt bestückt.

Blitzkrieg 3 - Das erste M in "MMO" steht für "massive", oder?

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Sieht witzig aus, spielt sich auch nicht schlecht, nutzt sich aber durch mangelnde Vielfalt momentan zu schnell ab.
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In der jetzigen Version gibt es in Blitzkrieg 3 zweierlei Spielmodi zu sehen. Einer der beiden Punkte lässt sich unter "ferner liefen" einordnen und ist eindeutig nicht der Fokus des Spiels, nämlich "Historical Battles". Wurden ursprünglich drei vollwertige Kampagnen für jede der spielbaren Fraktionen versprochen, ist davon momentan verständlicherweise noch nichts zu sehen. Stattdessen gibt es Einzelspieler-Missionen ohne allzu clevere Ideen, inspiriertes Design oder echten Reiz. Durchgescriptete Missionen ohne Inszenierung und erinnerungswürdige Momente. Selbst ich als Singleplayer-Enthusiast sage genauso knapp wie ehrlich: Könnwa abhaken, ist hier einfach nicht die Stärke und so lange es nicht mehr davon zu sehen gibt, können wir uns hier kein Urteil erlauben.

Blitzkrieg 3 versteht sich als MMORTS, eine Genreneuschöpfung, an der sich schon mehr als ein Entwickler verhoben hat. Die Idee von Nival ist, dass jeder Spieler eine Basis hat, die er mithilfe von Ressourcen ausbaut und verteidigt. Diese Basis dient allen anderen Blitzkrieg-Spielern als mögliche "Mission" – der angreifende Spieler versucht mithilfe limitierter Einheiten und Unterstützungsfähigkeiten, die Defensivlinien zu durchbrechen und mehrere Basenpunkte zu erobern. Gelingt das teilweise oder vollständig, hagelt es für den Sieger Erfahrung für seine Einheiten (sie sterben nie permanent, immer nur für das aktuelle Gefecht) und Ressourcen für den weiteren Ausbau seiner eigenen Basis, den Erwerb neuer Einheiten, Upgrades usf.

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Man zahlt nicht für Kristalle - aber zahlen kann man doch

Wenn das vertraut klingt, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass ihr schon mal ein Aufbauspiel in eurem Webbrowser gespielt habt, eines von der Sorte, die man täglich pflegen muss, die meistens über Unity laufen und die in aller Regel zwar initial kostenlos, aber in Wahrheit quasi zwangsläufig Freemium-Abzocke sind, weil die notwendigen Schritte zum Vorankommen irgendwann Tage, dann Wochen dauern. Wenn man dann noch weiß, dass Blitzkrieg 3 auch auf Unity basiert... heieiei.

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Kampagne und Einzelspielermissionen folgen später, sind aber auch nicht der Kern des Spiels.
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Blitzkrieg 3 will euch keinen Handel mit spezieller Microtransaction-Währung überbraten, aber es lässt sich nicht leugnen, dass nicht nur die Struktur der, Zitat, "Multiplayer Kampagne" an derlei Webspiele erinnert, sondern auch Teile des zukünftig geplanten Geschäftsmodells. Der Multiplayer-Part, auf dem der Schwerpunkt des Spiels liegt, kostet keine gesonderten Gebühren. Man soll realistisch Fortschritt erzielen können, ohne sich violette Kristalle, Goldmünzen oder derlei Schmuh für bare Münze zuzulegen. Aber: Es gibt allerdings die Idee eines Premium-Abos für Spieler, die diesen Fortschritt schneller erzielen wollen. Klingt riskant? Ein wenig bullshitty? Wir werden es abwarten müssen, aber eines lässt sich jetzt schon sagen: Wenn die Balance zwischen den Vorteilen des Premium-Accounts und der Fairness für Nicht-Premium-Spielern nicht stimmt, wird niemand, aber auch wirklich niemand Nival ihr Experiment verzeihen und das ehrgeizige Projekt des russischen Entwicklers wird in der Luft zerrissen werden.

Was sich ebenfalls schon in Maßen beurteilen lässt, ist der dritte Faktor in dieser Gleichung, nämlich die Langzeitmotivation. Ich errichte mir also eine Basis, erforsche für meine Gebäude einige Upgrades. Ich kann Einheiten anwerben, die in aktiven Schlachten die Sturmgarde sind und ansonsten in meiner Basis als Verteidigung positioniert werden können, kann Geschütze und Minenfelder platzieren, die im Defensivfall ordentlich draufhalten. Dann geh ich in die Schlachten, in denen es immer darum geht, zwei Eroberungspunkte zu sichern.

Als Gerüst und Early Access okay, aber es muss noch viel geboten werden, damit das eigenwillige Geschäftsmodell aufgeht.Ausblick lesen

Zu wenig, schlicht zu wenig

Die taktische Tiefe dieser Gefechte hält sich, auch dank der weitestgehend fehlenden Skills für Einheiten, der nicht hohen Einheitenvielfalt und der dadurch beschränkten Möglichkeiten, in Grenzen. Hauptsächlich bestehen die taktischen Entscheidungen in der Positionierung der Einheiten – wann rücke ich mit wem vor, wann zieh ich wen zurück usf. Die Einheiten sind auch meist nicht spezialisiert, sondern einfach immer aufeinander aufbauende Upgrades. Der leichte Panzer vom Ende der 30er wird auf Stufe 2 zum leichten Panzer der frühen 40er, und abgesehen davon, dass sich ein paar Statuswerte heben, merkt man keine große Veränderung. Nicht auf die stilisierte, eher grobe Art, wie sie Company of Heroes 2 bietet. Nicht auf die detaillierte, bis auf die einzelne Kugel heruntergebrochene Art wie bei Men of War.

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Es überzeugt noch nicht wirklich, aber mit einem Stück mehr Inhalt und Arbeit könnte Blitzkrieg 3 cool werden.
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Die Anzahl der Maps ist momentan ebenfalls einfach zu gering, um wirklich lang bei der Stange zu halten. Erstes Match gegen einen anderen Spieler? Selbe Karte wie die, auf der ich meine Basis errichtet hatte, und bei weitem nicht das letzte Mal, dass ich sie binnen der nächsten Stunde sehe. Ich taste mich vor, habe Erfolg oder eben auch nicht und wiederhole das Prinzip ad nauseam. Und der Punkt, an dem man sich leicht langweilt, ist leider gar nicht so fern. Das passiert, wenn es nicht viele Optionen gibt, man immer wieder dasselbe macht, die Upgrades linear und langwierig freizuschalten sind.

Klingt alles ziemlich furchtbar? Ganz so schlimm ist es gar nicht. Man hat bei Blitzkrieg in seiner momentanen Inkarnation nur den Eindruck, dass ihm das Fleisch auf den Rippen fehlt. Das Konzept wirkt gut, die Schlachten sehen witzig aus und spielen sich, bei relativer Flachheit, recht ordentlich. Nur gibt es zu wenig Inhalt, von allem. Nicht genug unterschiedliche Einheiten, nicht genug Upgrades, nicht genug Maps. Das bisschen Unterschied und Herausforderung, das die jeweilige Neupositionierung der Einheiten durch den jeweils anderen Spieler bringt, reicht nicht aus, um das Prinzip lebendig zu halten.

Glücklicherweise ist das ja aber genau eines der Probleme, die in einer Early Access ganz selbstverständlich sind und sich bis zum Release hoffentlich noch beheben lassen. Ansonsten sind die Scharmützel in der Unity-Engine, die von gravierendem Flimmern der Vegetation mal abgesehen wirklich hübsche Gefechte liefert, für Strategie-Fans durchaus schon einen Blick wert. Einen Kauf? Vielleicht auch das, sicher. Doch mir fällt momentan niemand ein, der in der jetzigen Version ohne Reue einen Blick, einen Kauf und das zusätzliche Geld für einen Premium-Account investieren könnte oder sollte. Sofern also damit nicht eine Bauchlandung hingelegt werden soll, muss da bis zum Release noch ein bisschen was passieren.