Wenn man neu im Beat’em-Up-Genre ist, gibt es eine goldene Regel: Niemals gegen echte Profis spielen, schon gar nicht wenn ein in Asien kultisch verehrter, in westlichen Gefilden aber eher unbekannter Titel wie „Guilty Gear“ im Laufwerk liegt. Denn dann – drücken wir es mal hübsch provokant aus – gibt’s mächtig auf die Fresse. So sehr, dass Einsteigern regelmäßig die Lust vergeht. Was schade ist, denn so könnte man kleine Sternstunden des Prügelgenres verpassen – wie etwa „BlazBlue“.

Blazblue: Calamity Trigger - Trailer zum Prügel-GeheimtippEin weiteres Video

Achtung: Profikämpfe

Die ersten Minuten hätten schmerzhafter kaum sein können: In freudiger Erwartungshaltung starten wir „BlazBlue“, im Optionsmenü werden die unteren Schwierigkeitsgrade gleich mal übersprungen, die sind nur für Pussys. Storymodus aktiviert, Tastenbelegungen brauchen wir nicht lesen – schließlich meistern wir „Streetfighter 4“ mittlerweile auch ohne Gamepad. Das Match fängt an, wir drück… Moment mal, das war so nicht… hallo?

Blazblue: Calamity Trigger - Nackenschlag für Streetfighter: Der Beat'emUp-Geheimtipp im Test

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Die Hintergründe sind eine echte Augenweide. Hier bejubeln uns kleine Stoffkatzen (!) beim Kampf.
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Ohne Gnade pflückt uns der CPU-Gegner wie eine überreife Pflaume aus der Luft, schnelle Kombination – ZACK – und aus! Zehn Sekunden hat oben beschriebenes Match gedauert – eine grandiose Schmach und einzigartige Lehrstunde zugleich: „BlazBlue: Calamity Trigger“ ist kein Spiel für den schnellen Schlagabtausch zwischendurch. Ohne Schweiß, Geduld und Einarbeitungszeit ist im Arcade-Modus nicht viel zu reißen.

Genre-Jünger dürften hier längst aufhorchen, spätestens nach Sichtung der Screenshots aber wissend mit dem Kopf nicken: „BlazBlue: Calamity Trigger“ entstammt den kreativen Händen von Arc System Works, und die kennen Veteranen als Schöpfer der „Guilty Gear“-Reihe – noch so ein Geheimtipp aus Fernost, der unter Liebhabern heißer verehrt wird als alle Tekkens und Streetfighters zusammen.

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Ragna the Bloodedge, der Bösewicht der Story, saugt Kontrahenten die Lebensenergie ab.
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Als Grund darf hier vornehmlich das extrem komplexe Gameplay angeführt werden. Ja, mit etwas Übung kann man seinen unkomplizierten Spaß mit „BlazBlue“ haben, bei nur vier Tasten löst selbst der ungeübteste Spieler noch ein paar wirkungsvolle Angriffe aus. Wer allerdings wirklich in die Tiefe geht, findet sich alsbald in den Fängen eines der vielschichtigsten Fighting-Games der jüngeren Zeit.

In die Königsklasse der „BlazBlue“-Profis schaffen es nämlich nur jene, die das vertrackte Spiel mit Erholungsphasen (Recovery), Gegenangriffen (Counter), Bewegungsabbrüchen (Cancel), Blocks (Barriers) und der Zerstörung derselbigen (Barrier-Break) aus dem Effeff beherrschen. Obendrein gibt es noch Rolls, Dash-Moves, Drives, Distortion-Drives, Taunts und Astral Heat. Erwähnten wir schon Clash Attacks, Throw Escapes oder Rapid Cancels?

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Noch ein Beispiel für die schönen Backgrounds. Zu dumm, dass man während der hektischen Kämpfe einfach nicht zum Staunen kommt.
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Während echte Beat’em Up-Profis wahrscheinlich längst die Daumenschützer vorwärmen, verstehen Anfänger hier bereits nur noch Bahnhof. Und dürften möglicherweise die Flinte ins Korn werfen. Verständlich: Was sich überfrachtet und kompliziert liest, nun ja - ist es irgendwo auch. Allein die Auflistung der Standardmoves verschlingt im Handbuch geschlagene acht Seiten. Doch „BlazBlue“ kitzelt gekonnt den Ehrgeiz seiner Spieler heraus und - viel wichtiger - weiß diese Mühen geschickt zu entlohnen.

Mit jeder Runde werden die eigenen Fähigkeiten spürbar besser, bis man den Punkt erreicht, an dem eine einzelne Kombo genügt, um den Gegner direkt nach dem Matchstart aus den Latschen zu klopfen - ein ungemein befriedigendes Gefühl. Auch das gehört zu „BlazBlue“: Wer einmal das Pech hatte, gegen einen echten Könner anzutreten, weiß, dass man hier im schlechtesten Fall nicht einen einzigen Treffer landen kann.

Kleiner Kader, aber oho

Noch wichtiger als ein gutes Kampfsystem ist jedoch der Prügelkader, der sich in Ausübung dessen in den Matcharenen beweisen muss. Doch genau hier scheint „BlazBlue“ auf den ersten Blick herb zu enttäuschen: Gerade einmal zwölf Kämpfer stehen zur Auswahl. Keine versteckten Bosse. Keine freischaltbaren Cameo-Charaktere. Und Pandabären sucht man hier erst recht vergebens.

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Einfach nur "wow": Hier zündet die zierliche Noel Vermillion einen Distortion Finisher.
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Der erste Eindruck trügt allerdings. Gewaltig! Was Arc System Works hier im prallen Dutzend auffährt, strotzt nicht nur vor Kreativität und gestalterischer Finesse, sondern ist an spielerischer Diversität kaum zu überbieten. Keiner der glorreichen Zwölf spielt sich gleich, jeder Recke bedient sich anderer Spielmechaniken. Und das geht auch schon mal weit über die typischen Kampfstil-Wechsel eines „Tekken“ hinaus.

Vom Geheimtipp zur echten Alternative: BlazBlue wischt selbst große Genrevertreter wie Tekken mühelos vom Tisch.Fazit lesen

Die zierliche Lady Alucard kann den Wind beeinflussen und damit Projektile, Gegner und sogar sich selbst nach Belieben über das Spielfeld schubsen, der Magier Carl Clover nimmt gar eine mystische Puppe mit aufs Spielfeld, die ihn standardmäßig im Kampf unterstützt – sozusagen zwei Kämpfer in einem. Das glitschige Schleim…äh -ding Arakune schießt den Vogel völlig ab – macht sich z.B. unsichtbar, verflucht Gegner oder fliegt durch die Luft.

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Wer zu häufig blockt, wird dank Barrier Break ganz schnell von den Latschen geholt.
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Die Bedienung ist hierbei stets individuell. Und damit ist nicht ein „Ryu/ Ken“-individuell gemeint, sondern ein echter spielerischer Unterschied. Während in „Streetfighter 4“ ein und dasselbe Kontrollschema auf beinahe alle Kämpfer angewendet werden kann, bedarf es bei „BlazBlue“ weitaus mehr Variabilität. Nur weil eine gewisse Tastenkombination bei Kämpfer eins die Finisher-Attacke auslöst, muss das bei Kämpfer zwei nicht zwingend genauso sein.

Daraus ergibt sich ein vielschichtiges Kämpferspektrum, wie man es selten in der Welt der Beat’em Ups sieht. Wo in „Streetfighter 4“ mit Dan, Gouken, Ryu, Ken, Akuma, Sakura und Gen ganze sieben (!) Charaktere zu finden sind, die nach exakt demselben Prinzip funktionieren, muss man in „BlazBlue“ schon lange suchen, um ein spielerisches Pendant ausmachen zu können.

Story-Modus ohne Story

Neben dem Gameplay ist es in erster Linie das Design, für das wir „BlazBlue“ umarmen möchten: Die Hintergründe sind noch einmal deutlich fantasievoller und detaillierter gestaltet als in „Streetfighter 4“, die Kämpfer sind hübsch gezeichnet. Okay, man muss ein gewisses Faible für nahöstliche Kultur mitbringen, aber wer auf kitschigen Japano-Pop und kunterbunten Optik-Schmuck steht, darf sich gehörig satt sehen.

Blazblue: Calamity Trigger - Nackenschlag für Streetfighter: Der Beat'emUp-Geheimtipp im Test

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Der abwechslungsreiche Kämpfercast greift auf die unterschiedlichsten Spielmechaniken zurück.
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Leider färbt der Tiefgang des Kampfsystems nicht auf die Vielfalt der Modi ab: Story-Modus, Arcade, Versus und Score Attack sind alte Bekannte in diesem Genre und erfahren auch hier keinerlei Auffrischung. Die Handlung im Story-Modus kann man getrost vergessen, die Präsentation anhand schnöder Animestandbilder hätte spärlicher kaum sein können, entspricht aber sonst den Standards à la „Streetfighter“.

Dafür gibt’s in Punkto Langzeitmotivation genügend Stoff, sich die Nächte um die Ohren zu hauen. Bis auf wenige Ausnahmen wollen die ganz dicken Finishing-Moves nämlich erst einmal freigeschaltet werden, zudem gibt’s Bonuscontent in Hülle und Fülle. Und wer dann immer noch nicht genug hat, begibt sich online auf die Suche nach Gegnern. Die Fights funktionieren hierbei tadellos, nahezu lagfrei sogar, allerdings fanden sich hier nicht immer auf Anhieb willige Gegner.