Dreieinhalb Jahre musste Blade & Soul erst alt werden, bis sich NCSoft anschickte, endlich auch mal eine Veröffentlichung in der westlichen Welt in Erwägung zu ziehen. Die liegt nun zwei actionreiche Wochen hinter uns und es wird es Zeit für ein Urteil. Ist Blade & Soul eine olle Kamelle oder ein gereiftes MMORPG?

2012 war sicherlich nicht das schlechteste Jahr für MMO-Fans, es war allerdings auch nicht das beste. TERA, Guild Wars 2 und The Secret World waren in Ordnung, konnten die MMO-Sucht der Vielspieler jedoch längst nicht befriedigen. Gerüchte von einem weiteren MMO machten die Runde, das die Spielergemeinde in Südkorea extrem begeisterte, weil es das Zeug zum E-Sport-Favorit habe.

Konkurrenz hätte das Geschäft belebt

Doch das Spiel, das in Fernost für großen Wirbel sorgte, ließ bei uns auf sich warten. Konkreter: NCSoft West hatte gar kein Interesse, das MMO der Mutterfirma zeitnah zu veröffentlichen, weil Guild Wars 2 gerade oberste Priorität hatte und man sich nicht selber Konkurrenz machen wollte. Konkurrenz, die jedoch das Geschäft eher noch belebt hätte, zudem Guild Wars 2 vom Konzept her recht wenig mit Blade & Soul gemein hat.

Die Welt von Blade & Soul ist an fernöstliche Sagen angelehnt - an Quinggong als Kampfphilosophie und vor allem an Wuxia als Literaturgattung. Die ist eigentlich uralt, jedoch erst durch diverse Hong-Kong-Streifen international berühmt geworden. Darin entwickeln die Protagonisten oft außergewöhnliche Fertigkeiten im Kampf und sie überwinden auch gerne mal die Naturgesetze, insbesondere die Schwerkraft.

Blade & Soul - MMOrtal Kombat

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 105/1091/109
Hübsch anzusehen ist Blade & Soul auf jeden Fall - sofern man nicht von asiatischen Einflüssen abgeschreckt ist.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wer den Kung-Fu-Zauber auf seiner Seite hat, braucht keine Magie

Mit Magie hat das allerdings nichts zu tun, wie oft betont wird - lediglich mit einem Höchstmaß an Training und Konzentration. Theoretisch, so die Idee, könnte sich also jedermann mit der Technik beschäftigen und letztlich über die Dächer der Stadt hüpfen und fliegen - ganz wie Matrix-Neo und ganz wie in einem jener verrückten Träume, die man nachts hat und von denen man am liebsten nicht so schnell erwachen möchte.

Ein Spiel, das Raum zum Träumen lässt also. Ein Märchen aus Fernost, das mittlerweile sogar einen eigenen Anime-Ableger bekommen hat, in dem die Schwertkämpferin Alka ihren ermordeten Lehrer rächen will. Ganz ähnlich läuft das auch in Blade & Soul, wo man sich Zeuge eines solchen Überfalls natürlich auf die Suche nach den Übeltätern macht und dabei selbst zum Meister seiner Klasse wird.

Blade & Soul - Launch Trailer2 weitere Videos

Zweiohrhasen

Davon gibt es insgesamt sieben und sie spielen sich nicht nur recht unterschiedlich, sie haben auch einen jeweils individuellen Schwierigkeitsgrad, der erfreulicherweise schon bei der Erschaffung des Alter Egos angezeigt wird. Der Charaktergenerator erfüllt gängige Standards, reicht allerdings nicht an das heran, was aktuell der Korea-Konkurrent Black Desert bietet.

Die Gestaltung der Chars, Rassen und Klassen ist durchaus gelungen, allerdings muss man mit bisweilen recht exzessiven Anime-Einflüssen rechnen und damit, dass man zum Beispiel gezwungen wird, einen hasenohrigen Kleinwüchsigen mit Katzenanhang zu spielen, wenn die Klasse denn unbedingt ein Beschwörer sein soll - übrigens eine sehr starke und gleichzeitig einfach zu spielende Klasse. Doch ist die Sache mit dem Schwierigkeitsgrad bei einem MMO überhaupt von Bedeutung?

Blade & Soul - MMOrtal Kombat

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 105/1091/109
Schande über des Tätowierers Haupt: Die chinesischen Schriftzeichen sind allesamt spiegelverkehrt aufgebracht!
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Klasse im PvP, Masse im PvE

Ist sie - zumindest im Kampf gegen andere Spieler und Bosse. Denn wenn NCSoft mit einem Versprechen nicht übertrieben hat, dann damit, dass Blade & Soul ein außergewöhnliches Kampfsystem bietet. Grob erinnert das an TERA, setzt jedoch noch stärker auf die Kombination von Skills und dem kontinuierlichen Aufbau von negativen oder positiven Effekten im Kampf.

Für fingerfertige Fans von Arena-Prügeleien die erste Wahl - für alle anderen ein rundum unspektakuläres Themepark-MMO.Fazit lesen

Das erfordert tatsächlich ein gewisses Maß an Übung und Fingerfertigkeit. Nicht umsonst fühlt man sich während seiner Abenteuer in Blade & Soul hin und wieder an Mortal Kombat und Konsorten erinnert. Schade nur, dass sich dieser Reiz eher im PvP einstellt und weniger während des Aufstiegs, der dem Spieler wieder einmal jede Menge Trash-Mobs vorsetzt, die meist umfallen, bevor sie überhaupt einen Schlag gemacht haben.

Eine Schraube locker

Überhaupt fällt der Aufstieg in Blade & Soul extrem leicht, was natürlich auch daran liegt, dass die Entwickler für den Westen am Schwierigkeitsgrad geschraubt haben. Man möchte, dass wir möglichst schnell ins End-Game aufschließen und verspricht, die dreieinhalb Jahre Vorsprung, die Südkorea in Sachen Content-Erweiterungen hat, im Schnelldurchlauf aufzuholen.

Blade & Soul - MMOrtal Kombat

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 105/1091/109
“erhaltet Priorität in der Erhältlich im...”!? Die ersten groben Sprachschnitzer findet man schon im Charakter-Bildschirm.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Als Spieler hechtet man nur so durch die virtuellen Landschaften, die leider weit weniger offen sind, als man das von einem MMORPG erwarten würde. Die Umgebung ist zwar durchaus hübsch anzusehen, jedoch gespickt mit unsichtbaren Wänden und unzähligen Gegenständen, Ecken und Kanten, an denen der Avatar hängenbleibt. Ein Problem, das einer offensichtlich nicht ganz optimierten Unreal Engine 3 geschuldet ist und das den Spielfluss leider immer wieder stört.

Der rote Quest-Faden, an dem man durch den Content gezogen wird, lässt wenig Spielraum für Erkundungen auf eigene Faust und selbst an den meisten täglichen Quests rauscht man einfach nur so vorbei, weil sie ursprünglich für ein weit langsameres, mühevolleres Blade & Soul ins Spiel gebracht worden waren.

Westernisierung - eine delikate Angelegenheit

Gleiches gilt auch für das Crafting, das zwar in mehr oder weniger gewohnter Themepark-Form im Spiel enthalten ist, das einen jedoch eher beim Rennen nach oben ausbremst, als tatsächlich nützlich zu sein. Insbesondere mit Buff-Food wird man im Spiel bis in die oberen Ränge hinein derart zugemüllt, dass es kaum Sinn macht, es zu craften. Lediglich im End-Game lässt sich der eine oder andere Beruf in bare Münze umwandeln und dient als Alternative zu den nervigen Daily-Quests.

Blade & Soul - MMOrtal Kombat

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Wer unbedingt einen Beschwörer spielen möchte, sollte Zweiohrhasen mit Katzenanhang mögen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Etwas weniger nervig sind da schon die regulären Stroy-Quests, von denen ein Teil annehmbar vertont und mit netten Zwischensequenzen und kleinen Phasing-Kniffen mit veränderter Umgebung inszeniert wurde, jedoch mit bisweilen recht skurrilen Drehern und Ungereimtheiten in der Übersetzung. Wer außerdem die südkoreanische Vorlage gespielt und verstanden hat, wird bemerken, dass NCSoft West einige Quests inhaltlich grob entschärft hat, um Probleme bei der Jugendfreigabe zu vermeiden.

Kaum “westernisiert” ist hingegen das PvP von Blade & Soul. Und das ist auch gut so, denn entgegen westlicher Themepark-Gepflogenheiten ist da PvP hier endlich mal ein wesentlicher Bestandteil des End-Games, obwohl es sich vorwiegend in der Arena abspielt. Dort treffen sich die Kämpfer, die wirklich mal gefordert werden wollen - und das ist nicht einfach mal so dahingesagt.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

Wer sich für ein Arena-Gefecht anmeldet, kann davon ausgehen, dass er schnell seinen Meister findet. Was sich dort prügelt, hat den weitgehend anspruchslosen PvE-Aufstieg längst hinter sich gelassen und sucht nach passenden Sparringspartnern - in einer Umgebung, in der die erworbenen Items nichts zählen. In Südkorea ist die Arena von Blade & Soul längst zu einem Faktor im E-Sport geworden.

3 weitere Videos

Umso interessanter für westliche Kämpfer, dass sie sich jetzt auch für die entsprechenden Events qualifizieren können und damit eine Aussicht darauf besteht, nach Südkorea zu reisen und in einer gut gefüllten Arena um Ruhm, Ehre und Preisgelder zu kämpfen. Doch keine falschen Hoffnungen - in der Arena warten auch frustreiche Kämpfe und wer letztlich oben mitprügeln will, braucht viel, sehr viel Training. Fast wie beim Quinggong.