2004 sah es schlecht aus für Adventure-Spieler. Genrevertreter waren rar, die seltenen Rätselperlen auf witzig getrimmt. Doch dieser Trend wurde von Entwickler Unknown Identity gebrochen, denn mit "Black Mirror – Der dunkle Spiegel der Seele" schufen die Tschechen ein schaurig schönes Gruselabenteuer, das mit intelligentem Rätseldesign und mitreißender Atmosphäre punktete.

Nur das wenig befriedigende Ende ließ die Fans im Regen stehen. Jetzt – fünf Jahre später – halten uns die Cranberry Studios aus Hannover einen rettenden Schirm über den Kopf und beantworten mit der langerwarteten Fortsetzung Black Mirror 2 so einige ungeklärte Fragen.

Black Mirror 2 - Deutscher Trailer

Willkommen in Biddeford

Ein finsterer Wald, strömender Regen, fahler Mondschein und dichter Nebel. Samuel, der Held aus dem ersten Teil, läuft panisch durch das Dickicht, bis er ein altes Gemäuer erreicht: das englische Schloss Black Mirror. In den Gängen des dunklen Anwesens spaziert eine junge Frau mit einer schwach leuchtenden Gaslampe und sucht nach Samuel, ihrem Mann. Als selbiger schließlich durchnässt neben ihr steht, antwortet er nicht auf ihre Fragen, sondern stößt sie gegen einen Schreibtisch. Die dort abgestellte Lampe fällt zu Boden und zerschellt, der Teppich fängt Feuer. Bald steht der gesamte Flügel des Hauses in Flammen, Samuels Gemahlin ist gefangen in der Feuersbrunst.

Black Mirror 2 - Wahnsinn ist vererbbar

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Auch im zweiten Teil steht das englische Schloss "Black Mirror" im Mittelpunkt.
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Nach diesem rätselhaften Intro geht es in das verschlafene Küstenstädtchen Biddeford in Maine, USA– weit weg vom englischen Willow Creek und Black Mirror. Wir schlüpfen in die Rolle des jungen Darren Myles - ein Physikstudent, der in seinen Semesterferien seine Mutter in Biddeford besucht und einen Nebenjob im örtlichen Foto-Laden angenommen hat. Unser Abenteuer beginnt im Keller des Shops, wir sollen eine Sicherung auswechseln. Den Auftrag für diese wenig heldenhafte Tat gabs direkt vom Chef, dem unsympathischen Choleriker und Ladenbesitzer Fuller.

Beim ersten Rätsel werden uns die Grundzüge des Spiels beigebracht. Per Knopfdruck werden alle Gegenstände markiert, mit denen wir interagieren können – das lästige Bildschirmabsuchen des Vorgängers entfällt. Ist ein Objekt für den weiteren Spielverlauf uninteressant, wird es nach genauerer Untersuchung ausgeblendet. Auch die weitere Bedienung ist denkbar einfach. Mit einem Linksklick untersuchen wir Gegenstände und führen Aktionen aus, ein Rechtsklick dient nur zur Betrachtung. Gesammelte Objekte werden im Inventar am unteren Bildschirmrand angezeigt und laden zum Kombinieren ein. Mit einem Doppelklick auf einen Gegenstand überspringen wir den Laufweg und stehen sofort am Ort des Interesses. Spätestens hier wird klar: Auch Black Mirror 2 hält sich an gängige Genre-Konventionen.

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Ganz genretypisch laden die Kulissen zum Schlendern ein.
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Zurück zum Foto-Shop und unserem stets mies gelaunten Chef. Den Strom stellen wir schließlich mit einer neuen Sicherung aus dem Schrank wieder her, anschließend sollen wir ein geschmackloses Werbeschild vor dem müden Laden aufstellen. Dabei treffen wir die hübsche Angelina, in die sich Darren sofort verguckt – gut zu erkennen an seiner unsicheren Stimmlage. Sie will Portrait-Aufnahmen von sich machen lassen, doch der dicke Fuller wimmelt uns ab, um mit der hübschen Dame "allein" zu sein. Als wir von unseren undankbaren Laufburschenaufgaben zurückkehren, steht Angelina fassungslos vor dem Laden. Es verwundert uns wenig zu erfahren, dass Fuller sie belästigt hat. Wir versprechen ihr, die entwickelten Fotos später zu ihrem Hotel am Strand zu bringen. Als Angelina fortgeht, bemerken wir einen finsteren Anzugträger, der sie verfolgt. Die mysteriösen Ereignisse nehmen ihren Lauf, unerwartete Wendungen und eine Liebesgeschichte inklusive.

Launischer Held

Sämtliche Vorfälle, Aufgaben und Rätsel dokumentiert Darren in seinem Tagebuch. Das erleichtert nicht nur den Wiedereinstieg nach längerer Spielpause, es verhindert auch, dass wir uns verirren oder einen Hinweis aus den Augen verlieren. Auch für die Fortbewegung hat sich Entwickler Cranberry etwas besonderes ausgedacht: Mit Hilfe einer Postkarte von Biddeford beziehungsweise dem Gebiet um Willow Creek können wir bequem und schnell zwischen verschiedenen Orten hin- und her reisen. Lästige und ausufernde Laufwege entfallen.

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Stimmungsschwankungen beim Protagonisten? Wir vermuten eine bipolare Störung.
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Neben unserem unliebsamen Chef und der netten Angelina lernen wir noch weitere Charaktere in Biddeford kennen. Etwa den grimmigen und blinden Trödelladenbesitzer Eddie, die tratschende Leiterin des Touristenzentrums mitsamt ihrer Klatschfreundin oder die zurückhaltende Wirtin Biba des gleichnamigen Diners. Die meisten Bewohner des öden Städtchens haben alle etwas gemeinsam: Sie sind unsympathisch. Und wenn sie doch mal nett zu sein scheinen, reagiert Darren harsch selbst auf freundliche Worte – unser Held leidet nämlich an schweren Stimmungsschwankungen.

War er gerade noch gelassen und liebenswürdig, ist er plötzlich zornig und abweisend. Diese spontanen Wandlungen machen die Identifizierung mit dem Helden zunächst schwer, bessern sich aber mit der Zeit. Gerade Darrens sarkastische und zeitgenössische Kommentare machen ihn letztlich doch sympathisch, etwa wenn er die neuen Pentium-Prozessoren als überflüssig abschreibt, da er auf seinem 386er locker Sierra-Adventures spielen kann. Black Mirror 2 spielt nämlich im Jahr 1993, zwölf Jahre nach Samuels erstem Schlossbesuch.

Willow Creek, wir kommen!

Mit der Zeit decken wir in Biddeford Intrigen und finstere Machenschaften auf. Dass Fuller die eine oder andere Leiche im Keller hat, ist uns schon zu Beginn klar. Hinzu kommt ein mysteriöser Unfall von Darrens Mutter, die fortan im Krankenhaus liegt. Die Verbindungen von Darrens Familie und den Geschehnissen in Biddeford zum Schloss Black Mirror werden immer deutlicher, etwa durch ein Bild im Haus von Darrens Mutter, auf dem "Willow Creek" steht, aber auch durch Storyenthüllungen, die wir euch an dieser Stelle nicht verraten wollen. Eines nehmen wir aber vorweg: Im dritten Kapitel geht es zurück ins englische Dorf Willow Creek und schließlich in das unheimliche Anwesen Black Mirror. Erst dann entfaltet sich die typisch düstere Atmosphäre, die wir bereits im Vorgänger geliebt haben.

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So richtig Spannung kommt erst im späteren Spielverlauf auf. Dann aber richtig.
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Gerade im ersten Kapitel kommt die Geschichte von Black Mirror 2 nur langsam in Fahrt. Zwar sind die Vorkommnisse interessant, aber noch wenig mitreißend, da das Spieltempo nur gemächlich vor sich hindümpelt. Doch das ändert sich im späteren Spielverlauf, denn das neu entfachte Mysterium um die Morde in Willow Creek vor zwölf Jahren und der grausamen Fluch der Familie Gordon wissen wie bereits der Vorgänger zu fesseln. Nach jedem Kapitel gibt es zudem ein stimmungsvolles Rendervideo, das verzerrte Bilder von bereits besuchten Orten und Charakteren, aber auch von noch unbekannten Geheimnissen zeigt.

Intrigen, Morde und okkulte Machenschaften: Dieses Schloss besuche ich immer wieder gern.Fazit lesen

Besondere Spannung wollten die Entwickler mit Szenen erzeugen, in denen wir unter Zeitdruck agieren müssen, etwa wenn wir verfolgt werden oder jemand eine Waffe auf uns richtet. Wirklich effektiv ist das nicht, denn der vermeintliche Adrenalinschub kommt oft überraschend und wir sind nicht immer in der Lage, in dem kurzen Zeitraum die richtige Lösung zu finden und erleben mindestens einmal unser Ableben. Fair: Das Spiel legt vor jedem dieser Momente automatisch einen Speicherpunkt an.

Fotos entwickeln und Schlösser knacken

Die Rätsel im Abenteuer rund um die Gordon-Familie sind weitgehend logisch und fordernd. Einfallsreiche Kopfnüsse lockern zudem die Standard-Denkprozesse auf, so müssen wir etwa in einer Dunkelkammer Fotos entwickeln und darauf achten, dass Helligkeit und Kontrast stimmen. Oder wir sind in einem stockdunklen Raum und nur das Blitzlicht unserer Kamera erhellt für einen Bruchteil einer Sekunde die Umgebung. A pros pros Kamera: Wenn wir wichtige Orte im Spiel fotografieren, schalten wir damit Artworks und Minispiele im Hauptmenü frei. Eine optionale, doch intelligente Zusatzmotivation.

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Viele kleine Minispiele lockern das Spielgeschehen auf und regen zum Nachdenken an.
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So manch verschlossene Tür oder versiegeltes Fach ist durch spezielle Mechanismen versperrt, die sich nur durch das Lösen eines Schieberätsels öffnen lassen. Beim Knacken einer Tür mit Einbruchswerkzeug müssen wir ebenfalls ein Minispiel lösen, in dem es gilt, mit einem Draht die Bolzen eines Schlosses an die richtige Position zu drücken. Oder wir müssen auf einem Polizeirechner das Phantombild eines Verdächtigen erstellen, dessen Aussehen Darren zuvor beobachtet und in seinem Tagebuch niedergeschrieben hat.

Generell findet Black Mirror 2 eine ausgezeichnete Balance aus neuen Orten oder kombinierbaren Gegenständen - überfordert ist man zu keinem Zeitpunkt. Das hohe Niveau der Rätselqualität zieht sich durch die gesamte Spiellänge. Das ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass die spannende Reise durch Biddeford und Willow Creek über 15 Stunden dauert. Alles wunderbar also? Leider nein, denn neben dem trägen Einstieg gehört auch das Ende wieder in die Kategorie "unbefriedigend". Vor allem da wir nicht nochmal fünf Jahre auf einen Nachfolger warten wollen.

Musikalischer Hochgenuss

Grafisch geht Black Mirror 2 den gleichen Weg wie sein Vorgänger: 3D-Charaktere auf vorgerenderten 2D-Hintergründen. Die Orte und Umgebungen überzeugen mit atmosphärischen Details und sich bewegenden Wolken, Regen und Spiegelungen. Gerade für Black Mirror-Veteranen ist der Wiedererkennungswert der Gebiete in Willow Creek und dem Schloss sehr hoch, die Veränderungen sind deutlich.

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"Black Mirror"-Veteranen werden sich im zweiten Teil sehr wohl fühlen.
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Bei den Charaktermodellen wurde hingegen gespart: Zwar sehen sie um Welten besser aus, als im Adventure-Thriller von 2004, sind aber trotzdem nicht mehr zeitgemäß. Polygonarmut, schwach aufgelöste Texturen und teils hakelige Animationen lassen einige Charaktere schlicht hässlich aussehen. Dafür halten sich die Systemvorraussetzungen in Grenzen: Black Mirror 2 läuft auch auf älteren Rechnern.

Was in Sachen Grafik auf der Strecke bleibt, wird vom Sound wieder ausgeglichen. Hier ziehen die Cranberry-Studios alle Register: Die Musik untermalt die Geschehnisse im Spiel mit stimmigen Piano-Klängen, ähnlich denen des Vorgängers. Soundkulisse und vor allem Synchronisation wissen ebenfalls zu überzeugen. Hier sind professionelle Sprecher am Werk, die den Personen im Spiel Leben einhauchen. Lediglich kleinere Fehler stören, bei uns fielen etwa von Zeit zu Zeit die Hintergrundgeräusche aus.