Nach Jahren der Dürre liegt die MMO-Landschaft darnieder und große Teile der ehemals so mächtigen Community befindet sich in einer Art Dämmerschlaf und wartet auf den großen Weckruf. Der ertönt möglicherweise schon im ersten Quartal 2016 - und zwar aus fernöstlicher Richtung.

Während der letzten Jahre haben südkoreanische Studios, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, vor allem durch platte Plagiate und Pay-to-win-Abzocke von sich reden gemacht. Die meisten Titel aus Fernost waren es nicht wert, gezogen zu werden und verschwanden meist kurz nach der Installation wieder von der Platte. Das “Asia-MMO” wurde zum Inbegriff für kunterbunten Trash, für Blender ohne spielerische Substanz.

Lineage im Sinn

Dabei haben MMOs mit Tiefgang gerade in Südkorea Tradition. Die beiden Lineage-Titel und Ragnarok Online sind durchaus Spiele, die das Genre mit geprägt haben. Oder besser gesagt: Es sind Titel, die das Genre nachhaltiger hätten prägen sollen, denn leider arbeiten in den meisten westlichen Studios vorwiegend Entwickler, die nicht einen der altehrwürdigen Titel gespielt haben.

Was uns aktuell aus Südkorea erwartet, sind ein paar Spiele, deren Entwickler zumindest versuchen, den alten Tugenden zu folgen und eine Welt zu bauen, die wieder mehr bietet als Questpfade und Raids. Das geht nicht immer gut und scheitert gerne mal am erzwungenen Free-to-play-Geschäftsmodell, dessen Regeln kaum in Einklang mit den Mechanismen von Sandbox-Welten zu bringen sind. ArcheAge ist wohl das beste Beispiel dafür.

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Entweder fair oder gar nicht

Ein anderes ist tatsächlich Black Desert. Das wurde schon lange vor seiner Veröffentlichung in Südkorea gefeiert, brachte dann aber ein derart unfaires Pay-to-win-System ins Spiel, dass es insbesondere für Fans, die auf ein faires Spielerlebnis aus waren, schlicht untragbar wurde. Warum also sollten wir uns nun ausgerechnet auf Black Desert freuen, wenn es im ersten Quartal 2016 bei uns aufschlägt, zudem es auch noch vom gleichen Publisher betrieben wird?

Der hat extra für Black Desert eine Vertretung in Europa aufgebaut und einen deutschen Projekt-Manager angeheuert. Und der scheint eine möglicherweise folgenschwere Entscheidung getroffen zu haben, was die Vermarktungsstrategie von Black Desert im Westen betrifft: Das Spiel wird nicht kostenlos angeboten und über Mikrotransaktionen finanziert.

Ein Rohdiamant, der das Genre in neuem Glanz erstrahlen lassen könnte.Ausblick lesen

Das 30-Euro-Sorglos-Paket

Vielmehr kostet Black Desert in seiner Grundvariante knapp 30 Euro - mitsamt eines siebentägigen Testzugangs für einen Kumpel, die kleine Schwester oder wen auch immer. Zwei weitere Pakete zu 50 oder 100 Euro bieten dann mehr Gastzugänge sowie reichlich Krimskrams, der aber vorwiegend kosmetischer Natur zu sein scheint und den reichen Spieler nicht erkennbar über den ärmeren erhebt.

Black Desert Online - Im Westen was Neues

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Der Charaktereditor ist die Speerspitze des Genres und bietet ein Paradies an Möglichkeiten.
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Etwaige Abokosten, und das ist der Clou, fallen für Black Desert nicht an. Damit folgt das Spiel, zumindest auf dem ersten Blick, dem Vorbild von Guild Wars 2. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass man sich die Sache bei Daum Games Europe bis zur Veröffentlichung oder danach noch anders überlegt, doch bislang sieht es tatsächlich so aus, als hätten die Verantwortlichen mal den richtigen Riecher.

Ein faires Angebot

Ohne hier nun zu tief in die Diskussion über MMO-Preismodelle einsteigen zu wollen: Ein AAA-Titel vom Kaliber eines Black Desert sollte nicht kostenlos sein. Erst recht nicht, wenn es sich um ein Spiel mit Sandbox-Charakter handelt. Eine typische Free-to-play-Veröffentlichung öffnete den unlauteren Kräften ebenso Tür und Tor wie jenen Teilen der Community, die man eigentlich gar nicht in einer virtuellen Welt haben möchte.

Packshot zu Black Desert OnlineBlack Desert OnlineErschienen für PC

Gleichzeitig ist es schier unmöglich, mit Mikrotransaktionen genügend Geld zu verdienen, wenn die eben nicht auch entscheidende Vorteile im Spiel mit sich bringen. Ein einmaliger Kaufpreis ohne laufende Kosten ist, selbst wenn vielleicht einmal jährlich Kosten für einen eventuellen DLC anfallen sollten, sowohl für den Publisher als auch für die Community ein faires und kalkulierbares Angebot.

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Die Messlatte hoch gesteckt

Dabei kann sich Black Desert auf den ersten Blick mit sämtlichen verfügbaren MMOs messen. Das fängt bei der Charaktergenerierung an, über die sich mancher Phantombildzeichner freuen würde. Die Charaktere sehen zudem ausgesprochen echt aus, wenngleich es sich gar nicht so leicht gestaltet, einen wirklich hässlichen Avatar zu entwerfen. Was gewisse geschlechtergebundene Klassen betrifft, so scheint sich der Publisher den Wünschen der westlichen Community beugen und nachliefern zu wollen.

Ähnlich hoch stecken die Entwickler die Messlatte, was Animationen, Landschaft und Architektur betrifft. Der Avatar interagiert zudem mit der Umgebung, schwingt sich über eine Mauer, drückt den NPC im Vorbeigang zur Seite und schießt dem gegnerischen Scharfschützen den Verteidigungsturm unter dem Hintern weg, sodass er in die Tiefe fällt. Bisweilen fühlt man sich eher an ein Assassin’s Creed erinnert als an ein klassisches MMO. Dazu kommt die Seefahrt und all die Optionen, die sie mit ins Spiel bringt und die nicht nur entfernt an ArcheAge erinnern.

Wie dynamisch ist die Wirtschaft?

Zudem die Welt tatsächlich aus einem Guss ist. Es gibt keine Instanzen, deren Laden den Spielfluss unterbrechen würden. Black Desert bietet eine riesige, zusammenhängende Welt, mit zahlreichen Siedlungen, für die sich die Entwickler eine Bedeutung überlegt haben. In den Siedlungen stehen Gebäude frei, die man mieten kann und die dem Crafting dienen.

Black Desert Online - Releasetermin Europa

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Dazu kommen computergesteuerte Angestellte. Die Ortschaften sind auf bestimmte Güter spezialisiert, was den weltweiten Handel ankurbeln soll. Wie gut das Crafting in der Praxis funktionieren wird und ob die als dynamisch geplanten Wirtschaftsmechanismen greifen, ließ sich aus der kurzen Testphase natürlich noch nicht erkennen.

Mein Schloss, mein Boot, meine Krieger!

Gleiches gilt für die zahlreichen Möglichkeiten, sich mit Gilden und Allianzen um Territorien zu streiten. Black Desert ist ein PvP-MMO, darüber sollte sich jeder im Klaren sein. Das Late- oder Endgame ist weniger auf Raids oder Questcontent ausgerichtet, sondern findet zwischen den unzähligen Spielerfraktionen statt.

Wie seinerzeit in Lineage 2 kämpfen Gilden, die etwas auf sich halten, um die Herrschaft über eine Festung. Anders als bei Spielen wie Guild Wars 2 behält der siegreiche Clanlord die Herrschaft jedoch unanfechtbar über die nächste Woche hinweg und kann derweil nicht nur die Festung verwalten, sondern die Umgebung gleich mit. Das soll eine politische Komponente ins Spiel bringen, in der Allianzen gebildet und allzu dominante Feudalherren wieder vom Thron gestoßen werden.

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Westernisierung läuft

Gekämpft wird natürlich auch jenseits der Belagerungen und Arenen. Es gibt jedoch ein Karmasystem, das allzu aggressive Zeitgenossen daran hindern soll, sich wahllos an Mitspielern zu vergreifen. Ob und wie es zieht, bleibt abzuwarten, zudem der westliche Zweig des Publishers im Zuge der Lokalisierung noch immer an allen erdenklichen Details zu arbeiten scheint.

Doch was auch immer Daum noch bastelt: Black Desert wird wohl immer ein MMO mit PvP-Ausrichtung bleiben, auch wenn das vielen Spielern möglicherweise nicht schmeckt. Dafür spricht auch das Kampfsystem, das auf TAB-Targeting verzichtet und durchaus eindrucksvolle Kämpfe erlaubt, die natürlich auch entsprechend stark auf Flächenwirkungen ausgelegt sind.

Das macht es den Entwicklern nicht immer leicht, die einzelnen Klassen auszubalancieren. Da es in Black Desert jedoch vornehmlich um Gruppen-PvP geht und nicht um die Auseinandersetzung zweier Kombattanten, erscheint das zumindest derzeit nicht weiter tragisch. Eine Klasse, die im Zweikampf keinen Eindruck schinden kann, wird möglicherweiße im Gruppenkampf umso mehr reißen.