Ist Black Desert tatsächlich der lange erhoffte Befreiungsschlag fürs MMO-Genre oder auch nur ein weiterer Flop, der bald wieder in der Versenkung verschwinden wird? Das ist die Frage, die in der Community aktuell immer wieder gestellt wird. Eine verbindliche Antwort darauf wird jedoch niemand liefern können – zumindest nicht so bald.

Auf dieser Seite findet ihr den ersten Teil unseres Black-Desert-Online-Tests. Habt ihr diesen bereits gelesen und wollt stattdessen zum umfangreichen Update, klickt hier.

In den letzten zehn Jahren ist die Welt ein ganzes Stück zusammengerückt. In der MMO-Szene vor allem, wo große Titel aus Fernost mittlerweile ihren Schatten vorauswerfen – lange bevor sie bei uns überhaupt offiziell angekündigt sind. So auch bei Black Desert, das uns in der Berichterstattung schon seit Jahren begleitet und das wir nun endlich voll lokalisiert und unter der Flagge von Daum Games Europe spielen können, dem europäischen Ableger des südkoreanischen Publishers.

Das Sorglos-Paket

Entsprechend groß war die Sorge in der Community vorab, dass Black Desert, ganz nach südkoreanischer Tradition, auch bei uns mit einem untragbaren Free-to-play-Geschäftsmodell dem Untergang geweiht sein würde. Doch Daum tat das einzig Richtige, heuerte ein europäisches Team an, das die Zeichen der Zeit erkannte und sich ein Geschäftskonzept für Black Desert ersann, das mit einem schlanken, einmaligen Kaufpreis von knapp 30 Euro Abokosten auskommt – ganz ohne Abokosten.

Dafür gibt es einen obligatorischen Cash-Shop mit allerlei Praktischem und Kosmetik, der eine Weile lang für seine ziemlich hoch angesetzten Preise in der Kritik stand, in dem sich jedoch, und das ist das Entscheidende, keine Pay-to-win-Elemente finden – zumindest aktuell nicht. Dass Daum in Zukunft noch hier und da wird nachfordern müssen, ist absehbar – und sei es durch den Verkauf von größeren Erweiterungen. Doch bevor wir allzu tief in die Diskussion um das richtige Geschäftsmodell einsteigen, knöpfen wir uns erst einmal das Spiel an sich vor.

Black Desert Online - Die zivile Revolution? [Teil 2 mit Wertung]

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Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist die Schönste im ganzen Land? Man kann über Black Desert sagen, was man will: An den Charakteren jedoch gibt es nichts zu meckern.
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Wer schön sein will, muss basteln

Das beginnt, wie so viele MMOs, mit der Generierung des Charakters. Die Grenzen, die man dabei hat, bestimmt tatsächlich nur die eigene Kreativität. Und natürlich die Geduld, denn bis man sich Gesicht und Körper perfekt zusammengezerrt, -geschoben und -gestaucht hat, können durchaus ein paar Stunden ins Land gehen, zudem man sich als gestaltender Künstler durchaus ein wenig in den Editor einarbeiten muss. Immerhin lassen sich die Ergebnisse auch ex- und importieren und das Internet bietet mittlerweile einen reichen Fundus an mehr oder weniger ansehnlichen virtuellen Gestalten für Black Desert.

Packshot zu Black Desert OnlineBlack Desert OnlineErschienen für PC

Einziger Wermutstropfen: Anders als im Vorfeld erhofft, ist es den europäischen Betreibern nicht gelungen, die teilweise geschlechtsgebundene Klassenauswahl in unserer Version zu liberalisieren. Der Aufwand sei, so der Publisher, im Nachhinein schlicht zu groß. Bei kommenden Klassen allerdings werde man den Wunsch der westlichen Community berücksichtigen.

Black Desert Online - Character Creator Trailer3 weitere Videos

Und so bleiben Krieger und Berserker männlich, Waldläuferinnen, Schwarzmagierinnen und Walküren weiblich und nur bei den Magiern hat man die Wahl. Für Rollenspieler mit einer Vorliebe für eine bestimmte Klasse kann das ein Grund sein, das Spiel zu meiden. Und das wäre schade, denn Black Desert hat so viel mehr zu bieten als hübsche Charaktere und schöne Landschaften.

Der Teufel steckt im Detail

Dabei steckt der Unterschied zu herkömmlichen MMOs nicht allein in der üppigen und liebevoll gestalteten Umgebung, der man eben nicht an jeder Ecke ansieht, dass sie von einem Designer für die Abenteuer des Spielers gebaut wurde, der auf einem eingeschränkten Pfad wandelt, sondern die als Welt überzeugt.

Ein ziemlich gutes MMORPG, das tatsächlich einmal zu einem genialen werden könnte.Fazit lesen

Es sind wohl gerade die unzähligen kleinen Details, die den Unterschied machen – das eigentlich winzige Dörfchen Olvia mit seinen kleinen Gässchen, in denen man sich anfangs ständig verläuft, weil es eher an die Vorlieben echter Bewohner angepasst zu sein scheint als die eines Spielers, der nur auf der Durchreise ist und der es möglichst schnell wieder verlassen will.

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Auch wenn dieser Mädchenchor ein wenig gruselig klingt – er ist ein Beispiel für die Liebe zum Detail, mit der die Entwickler von Pearl Abyss zu Werke gegangen sind.
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Gelenkt, geleitet und doch verloren

Wenn man in Black Desert aufwacht, wird man zwar, wie in MMOs mittlerweile üblich, auch gelenkt und geleitet – es beschleicht einen jedoch ein seltsames, unbestimmtes Gefühl, dass man etwas verpasst, wenn man wie gewohnt durchs Land fegt um den Charakter möglichst schnell an die Levelobergrenze zu bringen.

Wer das versucht, wird spätestens nach einem halben Dutzend Spielstunden ausgebremst, wenn er die Orientierung und den Überblick über Mechaniken und Möglichkeiten komplett verliert. Spätestens dann bemerkt man auch, dass sich der Fortschritt in Black Desert nicht durch Charakterwerte und Ausrüstungsstücke vertikal entwickelt.

Gehe zurück auf Los!

Vielmehr entfaltet sich Black Desert horizontal und hebt sich damit recht deutlich von dem ab, was man gemeinhin als Themepark-MMO bezeichnet. Eher schon ist es in mancherlei Hinsicht vergleichbar mit einer Sandbox wie EVE Online, wenngleich es auf den ersten Blick absolut nicht danach aussehen mag.

Also vergessen wir noch einmal alles, was wir zwischendurch gelernt haben, vernachlässigen das freie Kampfsystem samt Skills und Kombos, die fortlaufende Story rund um einen nervigen Schwarzgeist, der sich als Parasit, Symbiont oder was auch immer in uns eingenistet hat und kehren zum Anfang unserer Reise zurück: Olvia, das kleine Kaff im Norden von Balenos.

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Jagdfreude bei Sonnenuntergang. Doch Vorsicht! Nachts werden die Mobs härter, lassen jedoch auch mehr Beute fallen.
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Arbeitspunkte – Fluch oder Segen?

Dort gibt es nicht viel, außer ein paar Bauern, die sich wohl vor allem mit dem Anbau von Oliven und Trauben beschäftigen und Milchkühe halten. Nichts Spektakuläres und gewiss nichts, was uns in einem MMO im Örtchen halten würde, wäre da nicht die Möglichkeit, durch geschickte Laberei das Wohlwollen der wichtigsten NPCs zu gewinnen und damit die Aussicht auf zusätzliches Wissen, Dienstleistungen und Quests. Ziemlich viel Arbeit, wenn man mit allen gut Freund sein möchte.

Apropos Arbeit, dafür gibt es ein eigenes Punktekonto, das durch verschiedene Handlungen des Spielers angezapft wird und das sich mit der Zeit wieder langsam füllt. Bei ArcheAge diente dieses System dazu, dem Publisher fette Einnahmen zu bescheren, weil man als Spieler permanent ohne Arbeitspunkte dastand und die natürlich kostenpflichtig auffüllen konnte. Und bei Black Desert?

“Hey, Mr...!” - “Ich bin nicht der Mister, ich bin der Melker…”

Da dient dieses System wohl tatsächlich eher der Balance des Marktes, den Daum um jeden Preis vor den Eingriffen von unlauteren Kräften, insbesondere vor professionellen Goldfarmern, bewahren möchte. Das ziemlich üppige Punktekonto füllt sich schnell genug wieder auf, um den Normalspieler bei seinem Tagesgeschäft nicht weiter einzuschränken.

Dazu gehören zum Beispiel die täglich wiederholbaren Quests – eine generell ziemlich nervige Erfindung – nicht nur in Black Desert, wo sie bisweilen noch mit einem Minispiel gespickt werden: Euter rechts drücken, Euter links drücken – jedoch nicht zu kurz, sonst will die Kuh nicht mehr und nicht zu lange, sonst wird die Zitze wund. Zur Belohnung gibt es vom NPC etwas von der 3,5 % fetten Beute ab.

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So nervig dieser seltsame Kauz auch sein mag – ohne den Schwarzgeist, der einen vage durchs Spiel führt, geht es nicht.
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Der Klügere lässt arbeiten

Weit wichtiger als die Milch sind allerdings die Beitragspunkte, die man vor allem durch die Dailys farmen kann. Diese Punkte lassen sich in Knotenpunkte investieren. Das sind Orte von Interesse, entweder Monster-Camps oder Farmen mit einem meist sehr individuellem Angebot. Natürlich könnte man nun selbst Hand anlegen und gegen kostbare Arbeitspunkte Kartoffeln frisch aus dem Felde graben oder Kupfererz hacken. Doch es geht noch eleganter.

Investiert man seine Beitragspunkte nämlich in den Städten oder den Farmen zugehörigen Häusern, lassen sich dort, je nach vorgegebenen Angebot, Werkstätten, Lager oder Behausungen errichten. Letztere ermöglichen es einem dann, Arbeiter anzuheuern – NPCs, die tatsächlich im Spiel zu sehen sind, zu den Feldern laufen und ihrem Tagewerk nachgehen, auch wenn man gerade nicht im Spiel eingeloggt ist.

Hauptsache, es gibt Bier!

So errichtet man sich mit der Zeit ein kleines Netzwerk an Werkstätten, Abbauplätzen und Arbeitern, die natürlich auch ernährt werden wollen und aufsteigen können – diverse Boni inklusive. Die Knotenpunkte verbindet man sinnvollerweise miteinander und bekommt so die Möglichkeit, Waren vom Lager einer Stadt in die der anderen transportieren zu lassen, wo man sie in den eigenen Werkstätten weiterverarbeiten lässt oder eben selber etwas daraus bastelt, köchelt oder braut.

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Reittiere sind ein wichtiges Element in Black Desert – nicht nur als Fortbewegungs- und Transportmittel, sondern auch im berittenen Kampf.
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Das alles ist auf den ersten Blick äußerst vertrackt und in ein System gepackt, bei dem einem recht schnell der Kopf raucht. Und doch verspricht dieses System den einen oder anderen Motivationsschub, der sich spätestens einstellt, wenn das eigene Netzwerk halbwegs autark geworden ist, man sich den Nachschub an Erntewerkzeugen gesichert hat und genügend Bier für die Belegschaft brauen kann, ohne es teuer vom Markt zukaufen zu müssen.

Die Providence gegen einen Esel eingetauscht

Das alles greift auf den ersten Blick recht ordentlich ineinander, in dieser gigantischen, offenen Welt, in dem Spieler weder teleportieren können noch sonst irgendwie schneller reisen als zu Fuß oder auf dem Rücken des eigenen Reittieres, das selbstverständlich ebenfalls gefüttert und ausgerüstet werden will.

Und so läuft ein Teil des Craftings so ab, wie man es von anderen MMOs gewohnt ist – ein anderer hingegen geschieht über die Weltkarte und erinnert eher an ein Aufbau- oder Logistikspiel, in das man unzählige Stunden stecken kann, ohne dass Langeweile aufkäme. Spätestens wenn man dann zum ersten Mal mit einem bis zu den Ohren beladenen Packesel bequem per Autopilot von einer Stadt zur nächsten trabt, geht jedem EVE-Spieler ein Licht auf und man fragt sich, wie sich die Transportkapazität am schnellsten steigern lässt.

Ich möchte Fischer werden!

Und so verbringt man Stunde um Stunde mit Black Desert, ohne auch nur ein einziges Mal auf den Erfahrungsbalken oder den eigenen Level zu schauen. Man zähmt und züchtet Pferde, versucht sich als Koch, als fahrender Händler, Konzernchef und Logistiker oder Fischer. Man grast beinahe stoisch die Dailys ab, um sein Imperium auszudehnen und stellt fest, dass jedes einzelne Teilelement von Black Desert eine Wissenschaft für sich ist.

Eine Wissenschaft, die einen tatsächlich davon abhalten kann, Monster zu jagen. Zudem: Wer jagt schon gerne Monster, bevor er nicht entsprechenden Knotenpunkt freigeschaltet und erweitert hat, damit er eine erhöhte Chance auf besonders fette Beute bekommt? Jedoch auch eine Wissenschaft, unter deren gigantischer Oberfläche nicht zwangsläufig auch ein stimmiges System stecken muss.

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Und täglich grüßt das Murmeltier. Oder die Kuh...
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Denn noch sind die Leute von Daum Games Europe damit beschäftigt, das System für Europa anzupassen. Noch führt man den erbitterten Kampf gegen die Goldfarmer und greift dabei auf Mittel zurück, die bisweilen der kompletten Spielerschaft wehtun, schränkt den freien Handel durch Preisvorgaben ein und unterbindet den direkten Austausch von Gütern zwischen Spielern.

Eine ordentliche Portion Lineage 3

Welche Mittel dabei letztlich wirksam sind und wie gut das irrsinnig tiefgreifende Marktsystem von Black Desert in der westlichen Welt greift, wird sich noch ausweisen müssen, zudem das Spiel weit mehr zu bieten hat: Weite Teile der Welt sind noch nicht zugeschaltet, darunter auch die Schwarzwüste, der Black Desert seinen Namen verdankt und in der MMO- und Survival-Elemente miteinander verschmelzen.

Auch die Burgbelagerungen samt territorialer Kontrolle fehlen noch und damit jenes Late- oder Endgame, von dem sich Sandbox-Fans so viel erhoffen, gerade weil Black Desert ein durchaus spaßiges Kampfsystem hat – eine grobe Mischung aus TERA und Blade & Soul, mit dem sich insbesondere im PvP eine Menge anstellen lässt und das von einigen Gilden schon ausgiebig getestet wird.

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