Stoff zum Diskutieren gab es mehr als genug, Erklärungsbedarf bei vielen da draußen vermutlich noch deutlich mehr. Dieses Ende ist keines, das man einfach so hinnehmen kann und im kollektiven Videospielgedächtnis schon jetzt einvernehmlich eines der besten überhaupt. Eines, das zum Nachdenken, Innehalten und Reflektieren anregt. Keines, dem unbedingt noch etwas hätte hinzugefügt werden müssen.

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So zumindest meine erste Reaktion auf Ken Levines Vorhaben, der hermetischen Geschichte von BioShock Infinite unbedingt einen weiteren Bogen hinzufügen zu wollen. „Erweiterungskampagne“ nennt es sich, aufgeteilt in zwei Happen, die bequem in einer Sitzung abgespeist werden können. Keine allzu umfangreiche Neuinterpretation also und – um das gleich klarzustellen – auch keine, die zwingend nötig gewesen wäre.

Zu Teilen der Episodenhaftigkeit des Story-DLCs geschuldet, wusste Irrational Games in den ersten zwei bis drei Stunden nur wenig mit den Erwartungen an ein zwar fragiles, aber noch funktionierendes Rapture anzufangen. Viel schlimmer: Sie lassen diese großartige Möglichkeit fast ungenutzt verstreichen und degradieren diese (zumindest bis jetzt) zur fadenscheinigen Rechtfertigung für das, was ihr separat für jeweils 15 oder zusammen im Season Pass für 20 Euro erstehen könnt.

BioShock Infinite: Burial at Sea - Der Legendenentzauberung erster Akt

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Rapture ist wundervoll inszeniert, aber leider viel zu kurz zu sehen.
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Die erste Episode selbst ist, wie auch Burial at Sea als Ganzes, zweigeteilt. Alles, was diese Erweiterung so vielversprechend machte, ist zwar vorhanden – wurde allerdings fast ausschließlich in die ersten 30 Minuten gepresst. Eine halbe Stunde (eine ganze Ecke kürzer, wenn ihr den Fehler machen solltet, BioShock wie jeden anderen Rush-and-go-Shooter zu spielen), die zeigt, was hätte sein können, was trotz aller DLC-Vorurteile Hoffnungen auf das hier machte.

Zumindest das Rapture des ausgehenden Jahres 1958 wird diesen in Teilen gerecht. Es ist längst kein perfektes Rapture mehr, wie Andrew Ryan es immer propagiert hat; die Zeichen des baldigen Endes sind nur allzu präsent und drohen die Stadt jederzeit ins Chaos zu stürzen – wenn ihr denn nur genau hinschaut. Subtile Andeutungen und latenten Wahnsinn gibt es überall.

Packshot zu BioShock Infinite: Burial at Sea - Episode 1BioShock Infinite: Burial at Sea - Episode 1Erschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Nicht so durchdringend wie im ersten BioShock, nicht derart politisch und gesellschaftskritisch wie es noch in Infinite der Fall war. Irgendwo zwischen Nostalgie und Unglaube verankert, schafft Irrational Games aber eine Welt, deren Besuch ich mir seit BioShock 1 immer wünschte, aber nie wirklich zu träumen wagte. Ein langgehegter Wunsch geht endlich in Erfüllung.

Spielerisch wie inhaltlich erschreckend uninspirierte Rückkehr nach Rapture, die ihre Vorlage ein Stück weit entzaubert.Fazit lesen

Nur um wenig später als schöne, aber nutzlose Fassade im Ozean zu versinken. Diese Seite der Unterwasserstadt wird euch nach einer viel zu kurzen Phase des Staunens und Wieder-da-Seins entrissen; als Ersatz schmeißt man euch in die versifften, tieferliegenden Gänge, die bereits jetzt zeigen, wie Rapture in wenigen Jahren aussehen wird. Kein guter Deal.

Was nun folgt, ist eine erschreckend uninspirierte Vermengung von Infinites Spieltrukstur mit den verliesartigen Katakomben der Unterwasserstadt – ohne dabei jemals die Qualität einer der Vorlagen zu erreichen. Zu unnatürlich, zu deplatziert wirken etwa die Sky-Rails in der beklemmenden Enge, zu durchwachsen ist die Architektur Raptures, der es, wie der gesamten ersten Episode, an entscheidenden Höhepunkten fehlt.

BioShock Infinite: Burial at Sea - Der Legendenentzauberung erster Akt

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Splicer sind beinahe alles, was Episode 1 zu bieten hat. Und davon (zu) reichlich.
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Es artet beinahe in Arbeit aus, wie ihr euch von Raum zu Raum kämpft, generische Splicer mit einem saftigen Schmatzen aus der Schrotflinte wegspratzt, weitestgehend bekannte Plasmide nutzt und euch irgendwann fragt, warum eigentlich. Ein konkreter Austausch zwischen Booker DeWitt und Elizabeth, die erst in der zweiten Episode spielbar sein wird, findet nicht statt (ihre Interaktion beschränken sich auf die aus Infinite bekannten kleineren Gefälligkeiten während der Schießereien), Erklärungen, warum ihr all das überhaupt tut, werden euch nur halbherzig zum abrupten Ende vor die Füße gerotzt. Viel mehr bleibt unbeantwortet.

Irrational Games verschenkt damit nicht einfach Potenzial. Es geht auch nicht unbedingt um die Auflockerung der permanenten Action, die schnell ermüdend wirkt und den Eindruck einer unnötigen Erweiterung enorm befeuert. Wie ein rostiger Nagel ragt dieser Punkt aus dem enggeschnürten Spielkorsett hervor, weil er eben diesem die Faszination nimmt, die Infinite erst so großartig machte.

Unter der Oberfläche brodelt es noch immer unter Elizabeths emanzipiertem, vielschichtigem Charakter, doch die meiste Zeit droht dieses Lodern zu ersticken. Die meiste Zeit ist sie genau das, was Ken Levine immer verhindern wollte: ein besserer Sidekick. Nett anzusehen, ganz hilfreich, aber im unterm Strich doch irgendwie unnötig.

Genau wie die erste Episode von Burial at Sea.

Fortsetzung folgt.