*Bäääm*, *boooom*, *zack*, *rattatatatata*. Ich töte einen, zwei, drei Gegner hintereinander. Der große EVE-Pool, quasi der Rapture-typische Ersatz für Erfahrungspunkte, schwillt an. Ich bin stolz, hacke ein Geschütz, freue mich wie ein Schneekönig – und werde von hinten geschlüsselt. Jahaa, geschlüsselt. Schraubgeschlüsselt, um genau zu sein. Eine gemeine Art, im Mehrspielermodus von Bioshock 2 das Leben zu lassen.

Die Digital-Extremes-Mehrspielerexperten, die sonst vor allem die Unreal-Tournament-Flagge hochhalten, gewähren euch im Multiplayer-Teil einen Blick auf die Unterwasserstadt, als sie noch zu großen Teilen intakt war, als das Eintreten in Säle und Flure noch kein Unbehagen, sondern Staunen ob des überbordenden Prunks auslöste. Rapture also, wie es sich vor Andrew Ryans visionärem Auge in endlosem Pomp verging – hat was. Die Spieler mimen in diesem Fall keine seelisch und körperlich zugrunde gerichteten Splicer, sondern die Menschen, die für den Aufbau der Stadt verantwortlich waren, vertreten durch sechs verschiedene Figuren, die hier unten alles verloren haben.

BioShock 2 - Nachgelegt: Der Multiplayer-Modus im Test

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Peer Schrotflinte will's offenbar wissen...
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Na gut, noch nicht ganz. Aber bald, denn darum geht’s ja im Multiplayer-Modus: die Auswirkungen des Gen-Splicing zu testen, die letztendlich zum Zerfall Raptures geführt haben. Ihr merkt's schon: Wie super wäre dieser Stoff in einem echten Prequel aufgehoben... Allein was man erzählerisch daraus hätte machen können... haaaaach. Aber nein, um noch mehr Spieler ins Tiefseegefängnis zu locken, musste es unbedingt ein Mehrspielermodus sein. Und was soll man sagen? Er ist weder besonders gut noch so schlecht, dass man die Disc unter Magenkrämpfen aus dem Fenster pfeffern möchte.

Die äußerlichen Gestaltungsmöglichkeiten der Figur beschränken sich auf eine Karnevalsmaske und eine Nahkampfwaffe, die von der Rohrzange übers Nudelholz bis zum Schlagstock ein zufriedenstellendes und spielerisch unterm Strich völlig identisches Arsenal umfasst. Damit passt es wenigstens gut zum Grundsatz von Digital Extremes, der sich nicht um Umfang oder Tiefgang schert, sondern der Straight-to-the-Face-Attitüde folgt.

Peer Schraubenschlüssel

Zwei, vielleicht drei Minuten vergehen, dann steckt man schon mittendrin im ersten Match, verteilt Stromstöße und Kugeln, hackt Geschütze und erforscht die Leichen besiegter Spieler, um Schadensboni gegen sie zu erhalten. Vor der Linse baumelt nur eine einzige Karotte: das nächste Level, das übernächste – und das danach. Ähnlich wie in Call of Duty und Co. werden nach besonderen Herausforderungen und einem Stufenaufstieg neue Plasmide, Waffen und Tonika freigeschaltet, mit denen man sich vor jedem Match ausstattet. Aber nicht im grenzenlosen Ich-will-alles-haben-Wahn, sondern mit zwei Waffen und Plasmiden sowie drei Tonika.

BioShock 2 - Nachgelegt: Der Multiplayer-Modus im Test

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Der MP-Modus von Bioshock 2 recycelt die Gegenden aus Teil 1.
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Digital Extremes hat die Bioshock-Mechanik behutsam für die Multiplayer-Komponente zusammengestaucht, um euch den Verzicht vor Augen zu führen: Lieber Schrotflinte sowie Maschinengewehr und auf den Granatwerfer verzichten? Oder doch die Armbrust? Wie viel bringt die Geysirfalle, die Gegner sprudelnd in die Höhe schießen lässt, wenn ich auf das Abfackeln-Plasmid verzichte? Lieber das EVE-Schoner-Tonikum, das den Verbrauch der wertvollen Substanz im Zaum hält, oder „Forschungsexperte“, um die Zeit zum Erforschen von Leichen zu reduzieren?

Das sind alles nette Sachen, aber pro Kategorie gibt’s nur eine Handvoll und letzten Endes kaum genug, um langfristig zu motivieren. Danach geht’s in den namentlich für Rapture angepassten Varianten von „(Team-)Deathmatch“, „Capture the Flag“, „Domination“ und weiteren Modi gegen bis zu neun weitere Spieler um alles oder nichts. Und zwar auf zehn Maps, die bestens aus dem ersten Teil bekannt sind: etwa Raptures Lunge Arcadia, Fort Frolic, Medical Pavilion oder Neptune's Bounty. So tragisch es klingen mag, aber das war's auch schon fast. Die Action plätschert unspektakulär vor sich hin, ab und zu findet man einen Big-Daddy-Anzug und wird zum Taucherglockenmonster, das etliche Treffer wegsteckt und um ein Vielfaches mehr Schaden anrichtet als die normalen Figuren.

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Endlich: Licht am Ende des Gewehrlaufes.
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Das ändert aber nichts daran, dass sich der komplette Mehrspielermodus mit Händen und Füßen dagegen wehrt, in die vor Extravaganz übersprudelnden Zahnräder Raptures zu greifen. Der Sinn von Gewalt und ihrer Auswirkung, die uns Spielern innerhalb der Geschichte immer wieder als Spiegel vorgehalten wird, all das verkommt zum Selbstzweck, zur aufgesetzten Punktepirsch – und ist das nicht das komplette Gegenteil der Botschaft, die Bioshock transportiert?

Fazit: Bioshock 2 Multiplayer

Aufgerissen, herumgeballert, ein paar Mal auf-, danach ausgestiegen und wieder beendet. Der Mehrspielermodus von Bioshock 2 leidet unter einem Symptom: akuter Seelenlosigkeit. Er ist keine nach unten ausschlagende Vollkatastrophe, kein von Lags zerfressener Müllhaufen, aber angesichts der großartigen Geschichte und der transportierten Botschaft fast wie ein Geschwür, das sich festsetzt. Wenigstens eins, das man ignorieren kann. Oder eben spielen, um nach zwei, drei Stunden, wenn sich zehntausend ADAM-Einheiten auf dem Konto tummeln, festzustellen: Die Action plätschert belanglos vor sich hin, das alles ist nichts Großes, nichts Tolles.

Nach dem Einzelspielermodus hängt man vielleicht ein paar Matches dran, schleppt sich dann aber regelrecht in die nächste Runde – und hofft, dass das Rapture für Genießer von Geschichten eines Tages spielerisch komplett überarbeitet zurückkehrt.

Bioshock 2 Einzelspieler-Test: Hier lesen.

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