Die schlimmste Beleidigung in Kreisen der Spieletester ist der Vorwurf der Subjektivität. Die größte Auszeichnung dagegen liegt im Zusprechen von Objektivität. Die Frage, ob ein Spiel gut oder schlecht ist, braucht schließlich eine definitive Antwort.

Unsicherheiten oder gar Ambivalenz können wir uns nicht erlauben. Wertungen erfolgen daher als und sollen sich weiter aufdröseln lassen in: Zahlenwerte. Denn diese wirken beruhigend und vertrauenserweckend. Haben wir doch spätestens in der Mathematik gelernt, dass nur Richtig und Falsch existieren. Wenn wir dem folgend unsere Realität in Zahlen abbilden … dann muss diese Abbildung doch ebenfalls Objektivität für sich in Anspruch nehmen können, richtig? Falsch.

Ich erinnere mich daran, dass vor über zehn Jahren bei einem wohl nur noch den Rentnern unter euch bekannten Spielemagazin namens »PC Player« eine Entscheidung getroffen wurde, welche für deren Fans den Untergang des Abendlandes (oder doch wenigstens der »PC Player«) einleitete. Das herkömmliche, prozentuale Wertungssystem von theoretisch 1-100 Prozentpunkten wurde durch (lächerliche!) fünf Sterne ersetzt. Wellen der Empörung schwappten heran, um über überraschten Redakteuren zusammenzubrechen.

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Blick zurück: Wertungskonferenz bei der PC Player.
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Die Diskussion um das Für und Wider lief ungefähr nach folgendem Schema ab: Eine Seite argumentierte, dass durch die Reduzierung auf ein derartiges grobes System eine gehörige Portion Genauigkeit bei der Einortung und der Vergleichbarkeit von Titeln verloren ginge. Als Replik hörte man dagegen den Vortrag, es genüge völlig zu wissen, ob ein Spiel nun sehr gut, sehr schlecht oder etwas dazwischen sei. Denn wer ein 66%-Game nicht spiele, spiele wohl auch kaum ein 67%er. Warum also differenzieren?

Was für eine skurrile Debatte, wenn man überlegt, was eine solche in Zahlen ausgedrückte Wertung letztlich abbildet. Nämlich nichts anderes als den Spaß, den der jeweilige Tester beim Spielen hatte.

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Wem macht es Spaß? Egal, solange ich es bin.
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Natürlich beeinflussen ihn unterschiedliche Faktoren, zu denen Grafik, Sound, Steuerung und Ähnliches zählen. Im Endeffekt kommt es aber nicht auf die einzelnen Komponenten an, sondern auf deren Zusammenwirken. Das lässt sich nun mal nur mit einem einzigen Kriterium beschreiben, die Qualität nur mit einer einzigen Frage herausfinden. Macht es mir Spaß? Mir. Denn ob eine andere Person an einem Titel genauso Freude hätte, darüber kann man bestenfalls spekulieren, ohne prophetische Fähigkeiten jedoch keine verlässliche Vorhersage treffen. Egal ob in Sternen, Prozentpunkten, Goldmedaillen oder (verrotteten) Tomaten ausgedrückt: Spielwertungen sind die persönlichen Ansichten einer Einzelperson.

»Nee, Herr Schütz. Da stehense alleene da. Die Kollegen können det. Die werten objektiv. Nehmense die Computerbild Spiele …«

Richtig, die gibt es auch noch. Diese hochkomplexen Zahlenwerke, die sich aus zahlreichen, prozentual gewerteten Einzel- und Zwischennoten sowie einer Spielspaßgewichtung mit 50%, dem Stand des Mondes und dem durchschnittlichen Luftdruck im Verhältnis zum Menstruationszyklus der Redaktionsassistenz zusammensetzen. Wenn das nicht Objektivität ist, was dann?

Hilfreich wäre, wenn man diese Frage als nicht-rhetorisch verstünde. Denn laut Meyers Online Lexikon ist Objektivität ein »erkenntnistheoretischer Begriff für die überindividuelle, unabhängig vom Einzelnen bestehende Wahrheit eines bestimmten Gegenstandes (Objekts), Sachverhalts oder einer Aussage; […] In der Wissenschaft ist Objektivität verbindliches Kriterium für die intersubjektive Geltung von Aussagen und Verfahren; sie erweist sich an deren allgemeiner Überprüfbarkeit.«

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Zu lange keinen Sex mehr gehabt? "Ich hasse Lara Croft!"
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Eine einzige Definition hat uns treffsicher zum Kernproblem befördert: Nur Tatsachen können wahr sein. Meinungen und Wertungen nicht. Denn den Begriff »Wertung« macht gerade aus, dass er sich der Überprüfbarkeit nach den Kategorien »wahr« und »falsch« entzieht. Eine »objektive Wertung« ist somit nicht nur kein erstrebenswertes Ziel, sondern bereits eine sprachliche und faktische Unmöglichkeit. Der Vorwurf, nicht objektiv zu sein, absurd und der, nicht objektiv bewertet zu haben, sogar selbstredend. Denn Objektivität kann man nur wahren, soweit man sich einer Wertung enthält.

Von Testern kann daher nur Neutralität im Sinne von Unbefangenheit zu fordern sein. Also, sachfremde Erwägungen bei der Bewertung außen vor zu lassen. Wie etwa die Tatsachen auf dem Weg zur Arbeit seinen Porsche in einer Baugrube versenkt (»Ich hasse NFS!«) oder zu lange keinen Sex mehr gehabt zu haben (»Ich hasse Lara Croft!«). Vielleicht auch schlicht vom PR-Mensch eines Publishers schon einmal als »Scheiß Nordhess'!« tituliert worden zu sein (Huhu, Ingo!)

Das Aufspalten in frickelige Einzelwertungen, die nach mehr oder minder überzeugenden Kriterien wieder zusammengeschraubt und verrechnet werden, ändert an der obigen Aussage rein gar nichts. Soweit ich meine übergeordneten Kriterien in Subkategorien herunterbrechen mag, an irgendeinem Punkt dieses Schemas muss ich als Tester doch wieder eine subjektive Einschätzung vornehmen.

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Lila Tentakel ist sauer auf die Polygonprotze von heute.
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Zwar wäre die Anzahl der Level, Monster oder Zaubersprüche oder die gleichzeitig darstellbaren Polygone nachprüfbare Tatsachen. Nur treffen diese allesamt keinerlei Aussage über die Qualität eines Spiels. Denn ein begabter Grafiker bastelt mit der richtigen Texturierung selbst mit 500 Polys coole Charaktere, eine Pfeife im 3D-Bereich produziert mit der zehnfachen Anzahl nur Unansehnliches.

Sobald ich mich aber wiederum bei meinen Subkategorien auf den qualitativen Eindruck der Optik beziehe, bin ich zurück am Ausgangspunkt. Dann entscheide ich auf der untersten Wertungsebene doch subjektiv und setze hieraus mein Endergebnis zusammen. Nur: Die Addition subjektiver Subkriterien ergibt nicht auf magische Weise in der Gesamtheit eine unumstößliche Wahrheit.

Dass solche Systeme nicht nur wenig hilfreich, sondern durch die starre Bewertung der einzelnen Unterpunkte schädlich sind, zeigen die folgenden Beispiele deutlich. Klassischerweise muss an dieser Stelle »Tetris« herhalten, welches unbestritten zu den genialsten Spielen aller Zeiten zählt. Dieser Erfolg beruht aber lediglich auf dem brillanten Grundkonzept. Zu Sound, Grafik, Steuerung oder ähnlichen Einordnungen ließe sich entweder nichts oder nichts Gutes sagen.

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Zeitlos veraltet: Tetris
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Noch drastischer zeigt sich die Absurdität der Idee, anhand von »harten Fakten« allgemeingültige Aussagen treffen zu wollen an den Extrembeispielen eines Blinden, Stummen oder Tauben. Ersterer könnte »Singstar« - bei auswendig gelernten Texten - Freude abgewinnen, dem ausgefeiltesten 3D-Shootern dagegen nicht. Für den Stummen läge die Situation exakt andersherum. Der Taube hingegen empfände bei einem dialoglastigen Spiel die (Nicht)Existenz von Untertiteln als absolutes K.O.-Kriterium. Der restlichen Zockergemeinde fiele dies nicht einmal auf. Soviel zum Thema der starren Kriterien.

Statt zwei Dinge gleichzeitig haben zu wollen, die sich ausschließen (Wertung und Objektivität), sollten wir uns lieber mit dem Wesen von Tests abfinden. Sie vermitteln einen ersten Einblick in die Mechanismen eines Spiels, der Tester gibt seine Einschätzung ab. Legen wir auf die gleichen Kriterien wert wie er (Grafik ist alles!), sind wir beim Kauf halbwegs auf der sicheren Seite. Tun wir es nicht (Story ist alles!), müssen wir eben Vorsicht walten lassen. Es gibt schlicht und ergreifend keine Gewissheiten im Leben - außer dem Tod und jährlichen Spielfortsetzungen von EA.

Macht man sich noch einmal klar, dass Wertungen naturgemäß nicht wahr oder falsch sein können, stimmt endlich der Satz, den ich seit langer Zeit in die Welt hinaus rufen wollte:
»Ich habe IMMER Recht!«

Und ihr auch. Ein Glück.