Was ist dieses Beyond: Two Souls eigentlich genau? Verfilmtes Spiel, interaktiver Film oder irgendwas dazwischen? Müßig darüber nachzudenken – schieben wir lieber die Disc in unsere Konsole, und dann sehen wir mal, was da so kommt.

Der Prolog startet und die wunderbar vertraute Synchronstimme von Willem Dafoe heißt mich willkommen. Dann plötzlich Konfusion ob der verwirrenden Geschehnisse zu Beginn. Ist das schon das Ende, auf das ich unweigerlich zusteuern werde, ein Ereignis, das ich verhindern kann oder doch nur eine dunkle Vision? Ich will es jetzt wissen! Wenn ich nur wüsste, wann ich denn endlich mal loslegen darf?

Die Hände gebunden

Ja, Beyond macht ungeduldig. So dicht und atmosphärisch, wie die Geschichte der kleinen Jodie (Ellen Page) erzählt wird, tut man sich schwer, den Controller wegzulegen und das Spiel zu unterbrechen. Man möchte das arme Kind einfach nicht seinem Schicksal überlassen.

Dieser Wunsch mutet nach einiger Zeit reichlich naiv an, denn irgendwann muss man sich eingestehen, dass man eigentlich „nur“ ein emotional beteiligter Beobachter ist. Zwar hat man in nahezu jeder Episode die Möglichkeit, nach persönlichem und moralischem Gusto einen eigenen Weg zu wählen. Jedoch wird dadurch nicht das Wohin, sondern eher das Wie beeinflusst. Diesen Eindruck vermittelt zumindest die Preview-Version.

Beyond: Two Souls - Hollywood für die PlayStation

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Jodie Holmes ist kein Kind wie jedes andere
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Doch will man in solch einer ernsten Lage, in der sich das Kind befindet, wirklich ganz allein die Fäden in der Hand halten? David Cage tut gut daran, dem Spieler sämtliche Gewalten zu entreißen, denn dadurch fühlen wir uns ebenso hilf- und ahnungslos wie die völlig überforderte Jodie Holmes. Da gibt es diese Momente, wo wir ohne jeden Plan ein abgesperrtes Gebäude betreten sollen und drinnen mindestens so aufgeregt nach Luft japsen, wie das auch die ängstlich umherschleichende Jodie tut. Das spielt sich unglaublich intensiv und lässt das Spiel einem aufreibendem Kinoerlebnis extrem nahe kommen. Das Fantastische ist, dass die Spannung und das Ergriffensein deutlich länger anhalten, als das bei einem nur zweistündigen Kinobesuch der Fall wäre.

Auch wird die Intensität stets auf einem hohen Level gehalten, sodass die Handlung keineswegs gestreckt wirkt. Und dadurch, dass die Geschichte von Beyond: Two Souls in Form von mehreren scheinbar willkürlich angeordneten Episoden erzählt wird, bekommt man sogar noch das Gefühl, dass viel mehr Handlung in dieser Geschichte steckt, als wir als Spieler überhaupt zu sehen kriegen.

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Action nicht nur auf Knopfdruck

„Geht der auch nochmal auf das SPIEL ein?“ Genau wie David Cage kann auch ich diesen Part recht kurz halten. Denn letztendlich tut ihr nicht viel mehr, als im richtigen Moment den richtigen Knopf zu drücken bzw. den Control-Stick in die gebotene Richtung zu bewegen. Diese QuickTime-Events spielen sich allerdings sehr angenehm und werden passend eingesetzt. Trotzdem ist Beyond kein reines QTE-Feuerwerk.

Das prägende spielerische Element ergibt sich nämlich aus der Handlung. Da es der Titel des Spiels schon andeutet, nehme ich wohl nicht zu viel vorweg, wenn ich verrate, dass der besondere Kniff in Beyond: Two Souls die innere Zerrissenheit von Hauptcharakter Jodie ist. In ihr wohnt nämlich ein körperloses Wesen namens Aiden. Mit diesem ruhelosen Geist könnt ihr allerlei interessante Dinge anstellen. Aiden kann ungesehen Gegenstände umwerfen, Wände durchqueren und sogar die Kontrolle über manche Menschen erlangen, die ihr daraufhin selbst steuern dürft.

Ein filmreifes Videospiel. Wird das Ende gut, ist alles gut.Ausblick lesen

Und obwohl sich das Ding wie eine fliegende Überwachungskamera spielt, wird es mit andauernder Spielzeit mehr und mehr zu einem Wesen mit Charakter. Man merkt wirklich, dass Jodie und Aiden ihr ganzes Leben lang miteinander verbunden sind. So werden sie auch gemeinsam erwachsen. Im Kindesalter ist es Aiden noch danach, mit Lippenstift einen Spiegel zu beschmieren, während er die richtig intelligenten Handlungen eben erst zu späterer Zeit vollziehen kann.

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Was Aiden zusätzlich Farbe gibt, ist die Freiheit, die euch gelassen wird. Wenn ihr wollt, könnt ihr eure Mitmenschen richtig in den Wahnsinn treiben, indem ihr sie mit Möbelstücken bombardiert, Fenster zerspringen lasst oder andere hinterhältige Ideen in die Tat umsetzt. Benehmt ihr euch derart daneben, wird Jodie mit der Zeit richtig verzweifelt. Denn sie ist es schließlich, die am Ende für seine Verfehlungen gerade stehen muss. Schon als kleines Kind wird sie als Hexe beschimpft und ausgegrenzt. Das schweißt die beiden einerseits zusammen, aber sorgt auch für eine Hassliebe, da Jodie durch Aidens Eskapaden ein normales Leben inmitten der Gesellschaft verwehrt bleibt.

Jedoch hat die Freiheit als Geist auch Grenzen. Nicht jedes Zimmer ist für euch begehbar und auch die bewegbaren Objekte sind mancherorts relativ limitiert. Dadurch wirkt die Szenerie mehr von einem Autor „erschaffen“ als natürlich. Aber was soll man auch erwarten? Den Handlungsspielraum eines Open-World-Spiels gepaart mit filmreifen Konsequenzen zu jedem einzelnen Geschehnis? Das würde den erzählerischen Rahmen sprengen, wodurch auch der Fokus der Hauptgeschichte vollkommen verloren ginge.

Oscarverdächtige Inszenierung

Womit wir wieder beim großen Thema von Beyond: Two Souls wären, bei der Geschichte. An der Inszenierung gibt es kaum etwas zu bemängeln. Beyond: Two Souls würde wunderbar auch auf eine Leinwand passen. Die Mimik der Charaktere ist enorm authentisch und auch der Sound überzeugt nicht zuletzt aufgrund der originalen Synchronsprecher.

Beyond: Two Souls - Hollywood für die PlayStation

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Ellen Page als Jodie ist eine Wucht
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Besonders auf atmosphärischer Ebene kann Beyond brillieren. Dass Quantic Dream den Fehler vermeidet, den Bildschirm mit Steuerungshinweisen, Karten oder aufploppenden Textblöcken zu überladen, war abzusehen. Dass die spielerischen Elemente dennoch kaum mal die optische Einheit stören, ist beeindruckend umgesetzt. Dazu kommen zahlreiche wirklich berührende Sequenzen, die einem die Gemütslage der kleinen Jodie unglaublich nahe gehen lassen.

In den Actionszenen ist die Spannung wiederum sehr künstlich. Der Spieler bekommt stets das Gefühl vermittelt, dem Tode knapp entronnen zu sein. Ob man Jodie nun fehlerfrei durch eine Verfolgungsjagd manövriert oder jedes einzelne Hindernis mitnimmt, spielt keine Rolle. Klar wäre ein Respawn irgendwie unangebracht, jedoch fühlt man sich so als Spieler manchmal etwas unnütz; ein Kompromiss, den man wohl eingehen muss.

Überhaupt ist Beyond ein Spiel, auf das man sich einlassen muss. Diejenigen, die nach Ungereimtheiten suchen, werden schnell fündig; und etwas distanziert betrachtet kann man die Story auch als etwas einfallslos und linear abtun. Aber mit dieser Distanz kann man Beyond:Two Souls einfach nicht spielen. Es mag pathetisch klingen, doch sobald ihr einmal in Jodies Gesicht geblickt habt, dann seid ihr drin im Spiel und womöglich auch fähig, die Spielwelt von nun an eurerseits mit Kinderaugen wahrzunehmen.

Und selbst wenn man das nicht kann, dann macht man wahrlich große Augen angesichts der unheimlich vielfältigen Entscheidungsmöglichkeiten, die euch Quantic Dream zur Lösung alltäglichster Aufgaben offeriert. Die einzelnen Ansätze sind so schön zu Ende inszeniert, dass man nie auf die Idee kommen würde, das Spiel hätte zusätzlich noch weitere Alternativen parat.