Was soll man schreiben über eine knappe Stunde ohne Kontext? Über erzählerisch feingliedrige, inszenatorisch packende 60 Minuten, die nur hier und da durchscheinen lassen können, in welchem übergeordneten Rahmen sie eingebettet sein werden? Es ist nur ein kurzes Blinzeln – eine Momentaufnahme, wenn ihr so wollt – von etwas viel Größerem.

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Streicht das „Größerem“. Das trifft es nicht, nicht im Geringsten. Es wird der Gedankenwelt dieses Mannes ebenso wenig gerecht wie die beiden anspielbaren Ausschnitte dem Leben von Jodie Holmes. Wie sollte es auch?

David Cage heißt dieser Mann, und er ist ein Getriebener. Der gebürtige Franzose wird von seinem eigenen Anspruch gejagt, – beinahe gehetzt, könnte man meinen - kontinuierlich neue Wege zu gehen, neue Formen des Geschichtenerzählens zu (er-) finden. Es braucht mutige Ideen und auch mal Konzepte, die ins Nichts führen. „We are an industry in desperate need of innovation“, sagt Cage selbst und ist sich dabei der vielen Fehlschläge bewusst, die auf dem Weg dorthin immer wieder zwangsläufig gemacht werden.

Seinem strengen Urteil halten nur wenige Projekte stand, am wenigsten noch seine eigenen. Im Februar 2010 wurde „Heavy Rain“, sein bis dahin ambitioniertestes und zugänglichstes Spiel, von einer ganzen Branche kollektiv mit Superlativen überschüttet. „Jahrhundertspiel!“, „Meisterwerk!“, „Revolution!“. Sowas eben. Kritik kam beinahe nur von ihm selbst. Sicherlich nicht völlig frei von einer berechnenden Spur Selbstdarstellung, aber letztlich doch Beleg für den Preis, den er für seine ziellose Suche zahlen muss. Cage ist nie zufrieden. Schlecht für ihn, schlecht für sein Team - gut für alle anderen.

Beyond: Two Souls - Heavy Rain 2.0: Die Geburt eines neuen Mediums?

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Die Sonne strahlt unbarmherzig auf Somalia. Im Land tobt ein schrecklicher Bürgerkrieg, bei dem brutales Blutvergießen an der Tagesordnung ist. Was Jodie hier verloren hat? Das erfahren wir (noch) nicht.
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Ein schönes Déjà-vu: Ist das noch ein Spiel?

Ganz so viel scheint dann aber doch nicht am 40-Millionen-Euro-Spiel verkehrt gewesen zu sein, ist der einzig mögliche Schluss nach nur wenigen Minuten „Beyond: Two Souls“. Sieht man von der melancholischen Grundstimmung einmal ab, über der stets ein undurchdringlicher Schleier latenter Verzweiflung und Aussichtslosigkeit zu schweben scheint, bestehen inhaltlich quasi keinerlei Parallelen zwischen beiden Titeln. Aufbau und Ablauf sind hingegen derart identisch, dass im Oktober auch durchaus ein „Heavy Rain 2“-Schriftzug die PS3-Hülle in den Händlerregalen zieren könnte.

Quantic Dreams verzichtet auf Videospielballast, wirft alles über Bord, was dem Vermitteln der Geschichte, dem Transportieren von Emotionen hinderlich wäre. Ihr werdet nicht hinter Jodies Schulter kleben und mit ihr springend, schießend oder auf allen Vieren krabbelnd kleine und große Ortschaften erkunden oder Gegner aus der Deckung heraus aufs Korn nehmen.

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Jodies geisterhafter Begleiter Aiden kann in Gegner hineinfahren und die Kontrolle über sie übernehmen - allerdings nur an vorgesehenen Stellen.
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Es wäre jedoch ein Irrtum im Umkehrschluss anzunehmen, dass jegliche Bewegungsfreiheit und krachende Pengbummabschnitte dem erhobenen Cage'schen Zeigefinger zum Opfer gefallen wären. Von beidem gibt es (zumindest in den ausgewählten Demoabschnitten) reichlich, fast ungewöhnlich viel – gerade wenn ihr „Heavy Rain“ als Maßstand heranzieht.

Zu keinem Zeitpunkt wird mehr von euch erwartet, als im richtigen Augenblick die angezeigte Taste zu drücken oder die verblüffend authentische Protagonistin etwas umständlich durch Gegenden zu scheuchen, deren Offenheit nichts als bloßer Schein ist. Schein, der nicht einmal kaschiert wird: Lauft ihr in eine nicht vorgesehene Richtung, macht Jodie automatisch auf der Stelle kehrt. Ein wenig ungelenk für ein ästhetisches Spiel wie „Beyond“, aber immer noch besser als unsichtbare Wände oder hüfthohe, unüberwindbare Barrikaden.

Beyond verwischt die Grenze zwischen Spiel und Film. Was übrig bleibt, ist vor allem eines: einzigartig.Ausblick lesen

Großes (Videospiel-) Kino

Ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Two Souls“ fehlt letzten Endes möglicherweise die durchschlagende Wucht des neuen Unbekannten, die vor dreieinhalb Jahren Anstoß endloser Essays, stundenlanger Diskussionen und einer neuen Videospielewahrnehmung war, die endlich auch in die Feuilletons großer Publikationen schwappte. „Heavy Rain“ hat damals, gemessen an der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Akzeptanz, mehr für dieses noch junge Medium getan, als es ein spleeniges Indiespiel je könnte. „Heavy Rain“, das war mehr als stumpfe Unterhaltung, mehr als bunter Kinderkram.

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Ellen Page legt ihr gesamtes schauspielerisches Können in die Waagschale und überzeugt auf ganzer Linie.
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Nun wird an exakt dieser Schnittstelle erneut angesetzt. „Beyond“ kann nur dann sein volles Potenzial entfalten, wenn es seinen Vorgänger als Wegbereiter nutzt, sich über dessen filmischen Anspruch hinweg- und verstärkt auf die Qualitäten des eigenen Mediums setzt. Quantic Dream produziert keine „normalen“ Spiele, wir haben's verstanden, fine with me. Nun, wo Spieler und Gesellschaft gleichermaßen sensibilisiert wurden, ist es aber an der Zeit, gehaltvollere Geschichten zu erzählen, ohne aufgesetzten Mit-dem-Hammer-ins-Gesicht-Twist wie Anfang 2010.

Mit Ellen Page und Willem Dafoe als prominente Aushängeschilder ist der Anfang für ein gleichermaßen filmisches wie spielerisches Erlebnis gesetzt. Bleibt zu hoffen, dass der Spagat gelingt und David Cage am Ende des Tages nur noch wenig zum Kritisieren bleibt.