Quantic Dream hat aus den Fehlern von Heavy Rain gelernt. Nicht nur cineastische Qualität, sondern auch erhöhte spielerische Interaktion sollen PlayStation-3-Besitzer diesmal in den Bann eines nervernzerreißenden Software-Thrillers ziehen.

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Hingabe kann man nicht mit Geld aufwiegen. Hingabe ist der feine Unterschied zwischen professioneller Aufbereitung und künstlerischem Anspruch. Manch einer würde sagen, sie ziehe die Grenze zwischen Virtuosität und Magie. Ein Zauber, der immer wieder die Werke des Softwarestudios Quantic Dream umgibt.

Darstellerische Tiefe

Nur wenige Sekunden Einblick in deren neueste Schöpfung genügen bereits, um sie wieder zu fühlen. Diese unterschwellige Faszination, das Kribbeln, die Spannung. Ob in gespenstig stillen Zwischensequenzen oder inmitten einer Verfolgungsjagd, Beyond: Two Souls beweist all diese Qualitätsmerkmale durchgehend, wie es Heavy Rain und Fahrenheit zuvor taten.

Es ist die Botschaft, die den Unterschied macht. Das Unausgesprochene, das man immer wieder in Jodie Holmes‘ Gesicht lesen kann, wie bei kaum einem anderen Videospiel-Protagonisten. Jeder Augenschlag, jedes Zucken ihrer Lippen verrät, wie sie sich fühlt, was sie denkt, während sie mit hängenden Schultern auf einem Stuhl des vorstädtischen Polizeireviers kauert.

Dass sie dem offenbar ehrlichen und besorgt um sie herumscharwenzelnden Polizisten nichts Böses will. Dass sie am liebsten an einem ganz anderen Ort wäre, fern von denen, die sie auf Schritt und Tritt verfolgen. Dass sie ein normales Leben leben möchte, aber nicht kann.

Beyond: Two Souls - Das nächste Meisterwerk der Heavy-Rain-Macher

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Jodie auf der Flucht. An ihrer Seite: ein Geist, den nur sie sehen kann.
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In den meisten Videospielen sind extreme Close-Ups tabu. Man würde sehen, wie steif das Gesicht des Helden in Polygone gegossen wurde und wie sparsam so manche Hauttextur Furchen und Narben verwirklicht, auch wenn sie aus der Ferne feinkörnig wirkt. Hier nicht, hier fährt der Kameramann auf Wimpernlänge heran, fokussiert Lippen, Augen und Grübchen, bis man letztendlich vergisst, dass es um Spielegrafik geht.

Packshot zu Beyond: Two SoulsBeyond: Two SoulsErschienen für PS3 und PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Jede einzelne Szene verrät mehr über die gezeigte Figur. So zeigt bereits der Schreibtisch des Polizisten, dass er ein „guter Bulle“ ist. Der gutbürgerliche Lieutenant Sherman. Patriotisch, gemütlich, mit beiden Beinen auf der Erde stehend. Er würde die Wahrheit niemals glauben, selbst wenn Jodie ihm alles erzählte. Und so schweigt sie.

Eine darstellerische Tiefe, die Quantic Dream natürlich nur dank schauspielerischer Expertise und Erfahrung in Motion-Capture-Verfahren erreicht. Ellen Page übernimmt die Rolle von Jodie Holmes und verleiht ihr gleichzeitig Stimme und Konterfei. Und das sogar vierdimensional, denn Jodies Geschichte erstreckt sich bis zu ihrem fünfunzwanzigsten Lebensjahr. Somit wird Beyond: Two Souls nicht nur zu einem ungewöhnlichen Videospiel-Thriller, sondern auch zu einem ausführlichen Charakterportrait, das Quantic Dream in mehreren geschlossenen Kapiteln vermitteln möchte.

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Geist Aiden bringt Jodie mit seinen Kräften immer wieder in Schwierigkeiten.
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Seit ihrer Kindheit kommuniziert Jodie mit einem Wesen jenseits dieser Welt. Eine spirituelle Erscheinung, die nur sie als Wesen erkennt. Das heranwachsende Mädchen kann den Geist, den sie Aidan nennt, nicht wirklich erfassen, aber er macht sich immer wieder bemerkbar und begleitet sie auf Schritt und Tritt. Dazu greift er gelegentlich in weltliche Geschehnisse ein. In der Regel nur als polterndes Schreckgespenst, das von den meisten Menschen nicht einmal als solches wahrgenommen wird. Betroffene glauben vielmehr, sie seien schusselig, wenn Aiden ihnen einen Kaffeebecher aus der Hand schnickt.

Ein weiteres filmreifes Kunstwerk von Quantic Dream. Ein echtes E3-Highlight!Ausblick lesen

Doch sein Beschützerinstinkt fährt bei Gefahr auch härtere Methoden auf. Notfalls übernimmt Aiden kurzzeitig die Kontrolle über andere Personen und zwingt sie zu schrecklichen Taten oder legt sich schützend um seine Begleiterin, um tödliche Geschosse abzuwehren. Ohne Jodie ist Aiden verloren, und so ist es nur zu seinem eigenen Besten. Er darf sich nur wenige Meter von ihr entfernen, sonst wird der Blick der Protagonisten undeutlich und das Spiel endet letztendlich. Warum Jodie und Aiden durch ein spirituelles Band aneinander hängen, wurde noch nicht verraten. Das dürfte wohl ein essenzieller Teil der Erzählung sein.

Ein rastloses Gespann

Auf der E3 präsentierten die Schöpfer eine Szene mitten aus der Geschichte: Jodie sitzt in ihrem Zugabteil. Abgewrackt, übermüdet und verärgert, weil Aiden sie nicht schlafen lässt. Nie kann sie ruhen, immerzu muss sie vor der Polizei flüchten, die ihr auch heute wieder an den Fersen hängt. Gerade eben war der Plagegeist noch unterwegs, um die Lage zu klären. Hindernisse existieren für ihn nicht, er schwebt auf Joypadkommando in Form eines dunstigen Wölkchens durch Wände und Personen hindurch während er Schabernak mit den Passagieren treibt.

Doch als der Zug mitten auf der Strecke stehen bleibt, weckt er Jodie unsanft, während eine Sondereinheit der Polizei sich bereits in den Fluren des Zuges ausbreitet. Plötzlich wird es hektisch. Wie schon bei Heavy Rain ist eine Folge von Quick-Time-Events zu absolvieren, die über den Erfolg von Jodies Tarnungsversuchen entscheiden.

Nach einer knappen Flucht auf das Dach des Zuges und einer dramatisch inszenierten Gegenüberstellung im strömenden Regen entkommt sie mit einem mutigen Satz ins Ungewisse. Auf der anschließenden Flucht durch den Wald erfolgt die Steuerung direkt über klassische Joypad-Eingaben, sodass man das panisch flüchtende Gespann aktiv durch das Dickicht manövriert.

Ganz klar: Quantic Dream möchte nicht den gleichen Fehler zweimal machen. Wo der Spieler in Heavy Rain noch passiv auf das Geschehen einwirkte, darf er nun aktiv den Kurs bestimmen. Natürlich funktioniert das nicht durchgehend, da sonst unendlich viele Handlungsstränge vorliegen müssten. Knotenpunkte und fest verankerte Szenen werden also einen erkennbaren roten Faden stricken. Trotzdem soll sich das Endergebnis diesmal deutlich interaktiver anfühlen als bei Heavy Rain.

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Beyond wird eine ähnlich emotionale Erfahrung wie Heavy Rain, soll aber spielerisch einen Schritt weiter gehen.
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Maßgeblich bleibt die Glaubhaftigkeit. Wo in anderen Spielen blind Videospielmechaniken abgeklappert werden, um Interaktion und Lebhaftigkeit vorzutäuschen, soll Beyond: Two Souls den Eindruck einer realistischen, organischen Welt vermitteln. Klingt blöd, aber Regen ist mehr als nur ein endloser Wasserfall aus gräulichen Bindfäden. Er ist Teil seiner Umwelt und verursacht mehr als nur ein paar Reflexionen auf den Oberflächen oder tropfende Kleidung.

Erst wenn all diese Elemente zusammenspielen und ein Gesamtbild ergeben, verschwimmt die Grenze zwischen Videospiel und realer Darstellung. Genauso verhält es sich mit den Darstellern. Erst ihre menschlichen Macken laden den Spieler ein, sich wirklich in ihre Lage zu versetzen und mit ihnen zu fiebern. Erstaunlicherweise gelingt es Quantic Dream nicht zum ersten Mal, dieses Kunststück mit Bravour zu vollziehen.

Und das auf einer Hardware, für die allein die grafische Darstellung inzwischen zu einem Kraftakt geworden ist. Der geringe Arbeitsspeicher und mangelnde Rechenkraft der PS3 kratzen gelegentlich ein wenig am Lack. Etwa wenn man bei den im Rudel antrampelnden Gesetzeshütern plötzlich grobere Animationsübergänge sieht als in Momenten, in denen weniger los ist.

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Die Gesichtsanimationen in Beyond: Two Souls suchen ihresgleichen.
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Auch in der Szene mit dem Dorfbullen, die an sich grandios inszeniert wurde, erkennt man schnell, dass viele Hintergrundobjekte unbeweglich sind oder nur durch ihre Texturen Details vortäuschen. Achtet im Trailer mal auf die Polizeimarke an seinem Hemd oder die Utensilien auf dem Schreibtisch. Alles, was bei diesen Dingen an Detail fehlt, steckt in den filmreifen Gesichtsanimationen, die dafür zweifellos entschädigen.

Beyond: Two Souls erscheint 2013 exklusiv auf der PlayStation 3. Wir können es kaum noch abwarten.