Käse. Mozzarella. Irgendwas Weiches zum Kauen lag auf jeden Fall in der babyblauen Verpackung. Und als Dreingabe ein komisches, kaum beachtetes Spiel namens „Beyond Good and Evil“. Neben dem fantastischen „Bionic Commando“, das ich letztens für zwei lumpige Pfund am Londoner Flughafen gesehen hab, ist das der Gipfel des respektlosen Verramschens.

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Aber was soll man machen, wenn’s sonst keiner haben will? Käseköppe aus Kanada bekamen tatsächlich dieses krude Angebot: eine Packung „Cheese Heads“ und „Beyond Good and Evil“ als Beilage obendrauf. Umsonst. Kostenlos. Ja, ihr sagt es: gratis. Selten hat mich das traurige Schicksal eines Spiels so berührt wie bei diesem zauberhaften Abenteuer aus dem Jahr 2003. Selten lag mir eins so am Herzen wie das. Und selten war ein Spiel seiner Zeit so weit voraus wie die spannende Mär der Fotojournalistin Jade, die auf dem Planeten Hillys eine Verschwörung aufdeckt.

Rayman-Erfinder Michel Ancel hat ein wunderliches Buch aufgeschlagen, das sich jede Menge Zeit für seine Figuren nimmt, einen politisch zerrütteten und im Strudel der Intrigen blubbernden Planeten im Mittelpunkt. Mensch, ihr Genießer da draußen, die ihr in den Kommentaren immer nach spannenden Geschichten mit Herz und Seele schreit, hier ist sie! Für lumpige 800 Microsoft-Punkte (zehn Euro), hübsch zurechtgepudert mit viel HD-Make-up.

Beyond Good & Evil - Eure zweite Chance: Jetzt endlich kaufen, verdammt noch mal!

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Willkommen zurück, ihr beiden.
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Vielleicht bin ich ein wenig zu verklärt und gucke zu romantisch auf jenes Spiel zurück, das damals nächtelang in meinem GameCube rotierte. Vielleicht. Wahrscheinlicher ist aber die Freude darüber, dass alte Liebe nicht rostet und seit anno dazumal kaum eine Geschichte so tiefe Spuren hinterließ wie die von Jade und ihrem Begleiter Pey’j, dem Mechanikerschwein mit der fürsorglichen Ader - mit dem man bangt und leidet, wenn er von den Soldaten der zwielichtigen Alpha-Abteilung drangsaliert wird, und mit dem man lacht, wenn er den nächsten blöden Witz reißt.

Was „Beyond Good and Evil“ endgültig das Genick brach (und wahrscheinlich heute noch brechen würde), ist die unaufdringliche Spielerführung, die auf Lametta zum Ausschmücken des Checkpunktes verzichtet. Auch auf Kerzchen, die den einzig verfügbaren Weg und den Geist des Spielers illuminieren. Klar, es gibt Ziele, Vorgaben, Missionen, wenn ihr so wollt. Aber Ancel ließ immer eine Hintertür offen, gab mir ständig das Gefühl, dass ich neben dem nächsten wichtigen Meilenstein die Möglichkeit habe, zu stöbern, zu entdecken und die Nase in Angelegenheiten zu stecken, die mich nichts angehen - sofern ich nicht mit aufgesetzten Scheuklappen durch die Geschichte poltern möchte.

Packshot zu Beyond Good & EvilBeyond Good & EvilErschienen für PC, XBox, GameCube, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Und ganz wichtig: keine Richtungspfeile, keine Leuchttürme auf der Odyssee oder blinkende Objekte mit Symbolcharakter, die mich anschreien: „Hier, diesen Schalter umlegen, verdammt noch mal!“.

Pack die Kamera ein

Man sollte tatsächlich die Kulissen beäugen, sich mit ihnen beschäftigen. Und fotografieren wie ein Weltmeister: Die Fauna auf Hillys besteht aus wundersamen, faszinierenden, teils freundlich, teils feindlich gesinnten Kreaturen, oft kamerascheu und selten in der Position, in der man sie haben will. Wale, exotische Käfer, Insekten, Vierbeiner und Zweibeiner, Brüter und Jäger. Spiele in der Generation „Assassin’s Creed“ können so furchtbar seelenlos sein, werfen uns hunderttausend kunterbunte Collectables zum Fraß vor - man muss nur zupacken. Echt tolle Leistung!

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Freut euch auf fantasievolle Bossgegner.
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Diese Variante heutiger Sammelaufgaben macht so vieles auf Anhieb richtig. Was für ein motivierender Spaß damals, weil man sich jeden perfekten Schnappschuss verdienen musste und wie ein Schneekönig freute, wenn man dieses knubbelige Glubschaugenvieh endlich abgelichtet hatte. Der Fortschritt ist keine Aneinanderreihung von Haken in einer doofen Liste, sondern liebevolle Forschungsarbeit, Katalogisierung und Beobachtung - die eine gewisse Hingabe zu einer wunderlich fremden Kultur verlangt. Pokémon-Spieler kennen das so ähnlich.

Natürlich hat Ancel die Action-Adventure-Konkurrenz genau studiert, „Zelda“, „Metal Gear“ zum Beispiel tauchen auf seinem Designdokument wohl nicht bloß als dahingekritzelte Randnotizen auf. Und er hält sich an das Dreigestirn aus Erkundung, Kämpfen – teils gegen große, eindrucksvolle Bosse – und Dialogen. Doch er findet fast immer den Mittelweg zwischen der zwickenden Hundeleine für Spieler und Bewegungsfreiheit.

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Mit dem, öhm, Schlauchboot erkundet ihr den Planeten Hillys. Und zu Fuß natürlich auch.
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Wenn man unter der Hauptstadt ein Versteck der Alpha-Abteilung entdeckt, ist das ein genauso schöner Moment wie der, als man endlich genug Perlen (Währung auf Hillys’ Schwarzmarkt) für das Hüpf-Upgrade des Hoverboards beisammen hat. Bevor die Spielwelt strukturell ein Stück aus dem Leim geht, weitere Orte begeh-, befahr- und bespringbar sind. In diesem Abenteuer, das mit Schleichpassagen, Bootsrennen, Jump-and-Run-Einlagen und Fotographie-Arbeit für den Massenmarkt vielleicht einfach zu stark in die Breite ging - wie lange soll ich es noch anhimmeln?

Genauso bezaubernd wie am ersten Tag. Zu schön, um es noch einmal zu verpassen.Fazit lesen

Zum Schluss einige Worte zur HD-Portierung: Man erkennt, dass die Grafik nicht lieblos von der Konsole hochskaliert wird. Die Texturen wurden zwar nicht hochgerechnet, aber der Auflösung angepasst, sodass sie nicht so sehr verschwimmen wie bei vielen anderen Retro-Umsetzungen. Das Alter hat auch vor Jade nicht haltgemacht, sie hat ein paar Falten und Polster dazubekommen, doch wir wissen ja – alte Liebe rostet nicht.