Am Ende doch nur ein Verkäufer?

Angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der sich die Branche in diesen Tagen verändert, besteht da durchaus die Gefahr, dass Steam den Anschluss verpasst. Klar ist vor allem: Gabe Newell hat sich viel zu lange auf fremde Studios und deren Arbeit verlassen und zu wenig fürs eigene Portfolio getan. Steam als Publisher war lange Zeit einzigartig, als Verkäufer von Computerspielen ist man jedoch bald einer von vielen.

Auch der Versuch, mit Steam.tv in die Fußstapfen von Twitch zu treten, kommt viel zu spät und wirkt nicht überzeugend genug. Ausgerechnet anhand der technischen Entwicklungen rund um Gabens einstige Paradedisziplin, dem Programmieren von Plattformen, kann man deutlich sehen, dass Valve in die Jahre gekommen ist und von jüngeren, kreativeren Leuten und Technologien überholt wird.

Artifact wird ein wenig Dota und ganz viel Magic: The Gathering.

Artifact - Valves nächstes Spiel ist ein Artefakt

Gleiches scheint auch für Artifact zu gelten. Wenngleich zu begrüßen ist, dass Valve überhaupt mal wieder ein Spiel veröffentlicht, sind die aktuellen Enthüllungen zum Dota-Trading-Card-Game doch ziemlich ernüchternd. Anders als die ziemlich erfolgreiche Konkurrenz soll Artifact doch tatsächlich nicht kostenlos spielbar sein. Und es kommt noch schlimmer.

Wer Artifact spielt, braucht gar nicht erst auf Karten oder Decks als Belohnung hoffen. Wer spielen will, zahlt 20 Dollar und bekommt dafür zwei Standard-Starter-Decks sowie zehn Packungen mit zufälligen Karten. Wer mehr will, muss weitere Packungen kaufen, ganz wie bei Magic: The Gathering, oder sich im Steam-Markt umschauen.
Einen Einblick in Artifact erlaubt euch der folgende Teaser:

Artifact: The Dota Card Game - Official Teaser

Spielen ohne Grind?

Doch wenn es keine Möglichkeit gibt, sich Karten zu erspielen, werden die Preise für seltene Karten dort ziemlich hoch sein und den Zugang zu einem fairen Spielvergnügen erschweren. Paradoxerweise ist es gerade das, was Chefentwickler Jeep Barnett eigentlich im Sinn hat: “Fairness ohne Grind”. Doch wo bitte ist ein Kartenspiel, bei dem es keine Belohnungen gibt weniger Grind als eines, bei dem es welche zu erspielen gibt?

Doch wie soll sich auch Fairness einstellen, wenn letztlich Richard Garfield die Richtung des Projektes vorgibt. Ja genau - jener Richard Garfield, der dereinst das geniale, aber sündhaft teure Magic: The Gathering erfunden hatte und der mit seinen 55 Jahren und einem komplett analogen Portfolio nicht gerade auf dem Laufenden zu sein scheint, was die Entwicklung im Bereich der digitalen Unterhaltung betrifft.

Vor 20 Jahren kostete noch jedes Hobby Geld

Das beweist Garfield auch mit seiner jüngsten Aussage, nach der das Spiel nicht pay-to-win sei, weil man doch lediglich bezahle, um mitzumachen. Auch dass man regelmäßig neue Packs kaufen muss, ohne zu wissen, was sie eigentlich enthalten, ähnlich also den umstrittenen Loot-Boxen, scheint den Karten-Erfinder nicht zu stören. In jedes Hobby müsse man schließlich etwas investieren.

Er zieht einfach den alten Vergleich zu einem guten Tennisspieler aus der Schublade, der mit einem schlechten Schläger auch einen schlechten Spieler besiegen kann, der sich einen guten Schläger geleistet hat. Aber ein Sammelkartenspiel, lieber Herr Garfield, lässt sich mal eben überhaupt nicht mit einer Sportart wie Tennis vergleichen.

Insgesamt scheint es, als hätten sich die Jungs von Campo Santo, bei denen Artifact seit der Übernahme durch Valve entwickelt wird, nicht einmal im Ansatz mit der jüngeren Philosophie von Valves Spielen beschäftigt, deren Erfolg letztlich darauf basiert, dass man nichts, aber auch gar nichts zukaufen muss, weder Helden noch Waffen. Und welcher Dota- oder CS-Spieler würde es denn als Grind empfinden, wenn ihm am Ende der Runde eine kosmetische Klamotte in die Hände fällt? Das sorgt eher noch für zusätzliche Motivation.

Lieber Gaben,

Sorry Gaben, aber mit dem derzeitigen Konzept von Artifact wirst du Valve nicht für die Zukunft fit machen können. Es werden auch keine zusätzlichen Spieler auf die Plattform strömen. Auf dem Markt der digitalen Unterhaltung wimmelt es nur so von guten Kartenspielen, die nahezu ausnahmslos kostenlos sind und mit denen ein komplett kostenpflichtiges Artifact niemals konkurrieren kann.

Wenn du in den vergangenen Jahren auch hier und da ein gutes Gespür bewiesen hast für große Entwickler und deren Ideen, hast du mit Richard Garfield den berühmten Griff ins Klo gelandet. Aber vielleicht war das ja auch der Plan und ein mäßig erfolgreiches Artifact die allerletzte Bestätigung, dass sich die Entwicklung von eigenen Spielen eben nicht mehr lohnt. Dann bist du wirklich der faule Verkäufer geworden, den Kritiker schon seit langem in dir sehen.

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