150 Millionen registrierte Accounts, über 18 Millionen gleichzeitig eingeloggte Nutzer - Valves Vertriebsplattform Steam scheint für Gamer mittlerweile alternativlos geworden zu sein, der Siegeszug des Unternehmens unaufhaltsam. Doch die Zeiten sind rasanter denn je und selbst Valve hinkt den Entwicklungen zu oft nur noch hinterher. Seit einigen Monaten gerät auch Steam unter Druck.

Als Ex-Microsoft-Entwickler Gabe “Gaben” Newell im Jahre 2002 seine Idee von einer Gaming-Oberfläche, die eigentlich mal “Grid” oder “Gazelle hätte heißen sollen, in die Beta schob, ahnte er wahrscheinlich selbst noch nicht, wie groß der Druck einmal sein würde, mit dem Steam in den folgenden Jahren auf die Branche einwirken würde.

Microsofts verpasste Chance

Denn ursprünglich wollte Gaben dort gar nichts verkaufen. Ihm ging es lediglich darum, die zusehends attraktiver werdenden Multiplayer-Games irgendwie im laufenden Betrieb mit Patches und Updates versorgen zu können, sie vor Software-Piraten und Cheatern zu schützen. Seine Kooperationsangebote an verschiedene Unternehmen, darunter Ex-Arbeitgeber Microsoft, wurden von diesen allesamt in den Wind geschlagen.

Ein Fehler, wie sich bald herausstellen sollte, denn wer Steam hatte, hatte einen guten Computer und gutes Internet. Kurz: Steam-User waren besonders zahlungskräftig und nachdem man im Jahre 2005 die ersten Publisher davon überzeugt hatte, ihre Spiele auch auf Steam anzubieten, war der Erfolgszug der digitalen Dampfmaschine nicht mehr aufzuhalten.

Viel Dampf, wenig Substanz

2007 wurde Steam um einige wichtige Community-Funktionen erweitert, ein Jahr später kamen wichtige Matchmaking-Routinen hinzu, wie sie vielen Multiplayer-Games noch heute fehlen. Und so geht es seither weiter: Im Jahrestakt wird Steam um mindestens eine Funktion erweitert. Einige dieser Features sind auch sicherlich recht nützlich - die meisten allerdings sind Schnapsideen, die Steam kein Stück besser machen und die angebotenen Spiele auch nicht.

Denn genau an dieser Stelle hat sich Gaben so schwer verkalkuliert, dass sein Thron erstmals zu wackeln beginnt. Getragen wurde Steam nämlich stets von Valves Eigenentwicklungen. Spiele wie Half-Life und Half-Life 2 haben das Fundament gesetzt, Counter-Strike, Team Fortress 2 und ab 2011 dann Dota 2 wurden zu den Säulen, die das Bauwerk bis heute tragen und die, das muss man Gaben ja lassen, auch noch ein wenig Pflege bekommen.

Keine Zeit für neue Games

Doch davon abgesehen, hat sich Valve aus der Entwicklung eigener Games zurückgezogen. Viel zu viele Aufgaben fallen bei der Betreuung der Plattform an und bei der Einstellung neuer Mitarbeiter war man bei Valve stets äußerst zögerlich. Außerdem sind die Umsätze viel zu fett, die man mit den Titeln anderer erzielt.

30 % des auf Steam erzielten Umsatzes behält Valve direkt ein. Allein mit dem unerwarteten Hype um PLAYERUNKNOWN’S BATTLEGROUNDS, dürfte Valve eine Milliarde verdient haben. Dazu kommen millionenfach verkaufte große und kleine Titel, die mehr Geld in die Kassen spülen, als man als Publisher eigener Sachen je hätte verdienen können. Die Masse macht’s eben.

Artifact - schon nach wenigen Wochen ein Artefakt

Ach ja - und dann wäre da noch Artifact, das Kartenspiel eines eingekauften Studios, mit dem Valve sein Portfolio seit einigen Wochen erweitert hat. Ein sündhaft teures Spielerlebnis, mit dem sich Gaben keinen Gefallen getan und bewiesen hat, dass er jeden Sinn für die Erwartungen seiner Community verloren und den Anschluss an aktuelle Entwicklungen verpasst hat.

Artifact ist binnen weniger Wochen von den ersten auf die hintersten Ränger der Top-100 auf Steam gefallen und darf, wenn sich nicht bald etwas am Geschäftsmodell ändert, offiziell als gescheitert angesehen werden. Ein Scheitern, das wir im September bereits an dieser Stelle vorhergesehen hatten.

Millionen, die nicht spielen wollen

Dabei hatte man sich bei Valve so auf die neuen Spieler gefreut, mit denen man die Zahlen der aktiven Community wieder ein wenig aufpolieren wollte. Denn die sehen aktuell gar nicht so gut aus. Wenngleich noch immer rund 15 Millionen Spieler in Steam eingeloggt sind, so sind es die meisten doch nur auf ihren Handys.

Die aktiven Spielerzahlen hingegen sind gefallen, allen voran die der hauseigenen Zugpferde. Für eine Weile war das egal, hatte doch PUBG drei Millionen Spieler gleichzeitig auf die Plattform gespült. Doch diese Spieler sind verschwunden, PUBG auf nicht einmal zehn Prozent seiner einstigen Größe geschrumpft.

Die unterschätzte Gefahr

Abgewandert sind die Spielerscharen zu den vielen großen und kleineren Publishern, die sich an eigenen Plattformen versuchen, zu CD Projects GOG, zu Green Man Gaming, zu den Plattformen von Electronic Arts, Ubisoft und Microsoft. Und auch der Voice-Chat-Anbieter Discord und Amazon-Tochter Twitch sind in die digitale Distribution eingestiegen und machen Steam Konkurrenz. Selbst Bethesda, bislang einer von Valves treuesten Partnern, verabschiedete sich mit dem mittelprächtigen Fallout 76 von Steam.

Die größten Sorgenfalten dürfte Gaben jedoch Epics Vorstoß in diesen Bereich auf die Stirn treiben. Getragen vom unglaublichen Erfolg des Battle-Royale-Games Fortnite, tummeln sich beim einstigen Außenseiter mittlerweile mehr Spieler als bei den Konkurrenten zusammen. Gaben hat, das ist mittlerweile offensichtlich, den Anschluss verpasst und Steam droht, auf ein Abstellgleis zu geraten.

Gesunde Konkurrenz

Bei Valve sucht man nun nach einem Ausweg aus der Krise. Dafür senkt man die eigene Provision von 30 % auf 25 %, wenn ein Titel über 10 Millionen einspielt, sogar auf 20%, wenn damit mehr als 50 Millionen umgesetzt werden. Sicher ein netter Zug von Valve, jedoch eine Geste, die allenfalls größere Studios interessieren dürfte, während Indie-Schmieden nach wie vor die vollen 30% abdrücken an Lehnsherren Gaben abdrücken müssen.

Bislang kamen die nicht um Steam herum. Doch nun gibt es eben jene erwähnte Konkurrenz, die möglicherweise bereit zu Zugeständnissen ist und einem Studio bei vielversprechenden Titeln ein gutes Angebot macht. Denn gute Spiele bringen aktive Spieler und die sind es bekanntlich, die ihr Geld ins Hobby investieren.

Gaben, mach Dampf!

Für die kleineren Studios könnte sich also eine Chance auftun. Sofern sie aufs richtige Pferd setzen, holen sie mehr aus ihren Projekten heraus. Die Gefahr, dass man mit seinem Spiel komplett übersehen wird, besteht auch bei Steam, das mittlerweile so rappelvoll ist mit Titeln und DLC, dass man die Spreu kaum noch vom Weizen trennen kann, dass es zu Verwechslungen kommt und gute Spiele bisweilen übersehen werden.

Steam oder nicht Steam - für die Spieler bleibt es also chaotisch und Konkurrenz belebt wie immer das Geschäft. So gern ich Steam selbst nutze - Gabens Trägheit in Bezug auf Design und Komfort der Plattform sowie bei der Entwicklung neuer Spiele dürfen einfach nicht ohne Konsequenzen bleiben. Es wird dringend Zeit, dass Valve mal wieder ordentlich nachlegt und die alte Dampflokomotive an die Spitze der Games-Branche schiebt. Dafür braucht Gabe Newell nur den alten Mut und die richtigen Berater.