Zukunftsforscher, Ökonomen und IT-Experten sind sich ausnahmsweise mal einig: Künstliche Intelligenzen werden unser Leben in wenigen Jahren komplett umgekrempelt haben. Sie werden unsere Umgebung smart beleuchten, unsere Heizungen regeln und den Kühlschrank gut bestückt halten. Sie werden Autos für uns fahren, uns Artikel wie diesen hier vorlesen und uns mit Spielen die Zeit vertreiben, die sie für uns entwickelt haben.

Spielt noch jemand Battlefield? Wir haben den fünften Teil angespielt:

Battlefield 5 - Bis zum letzten Soldaten auf Verbogener Stahl

Noch ist Electronic Arts einer der Giganten der Unterhaltungsbranche. Noch verfügt man über gewinnträchtige Serien. Noch kann man es sich erlauben, ein Update pro Jahr als neues Spiel zum Vollpreis zu verkaufen und obendrein mit Mikrotransaktionen zu bestücken. Noch schafft man es, den Hype mit hohen Werbebudgets ins nächste Jahr zu tragen. Noch.

Spielt noch jemand Battlefield?

Tatsächlich jedoch schlägt Electronic Arts gerade einen harten Kampf gegen die erstarkende Konkurrenz, die aus immer neuen Nischen nach dem großen Markt greift. Im Segment der Multiplayer-Games rangiert der Publisher mittlerweile nur noch unter ferner liefen. Lediglich FIFA 19 schafft es noch ab und zu in die Top-10 auf Twitch.

Derweil hat die Battlefield-Reihe ihre einst so gewaltige Community im Laufe der Jahre Stück für Stück verloren und die Begeisterung fürs neue Battlefield V hält sich, kurz vor der offiziellen Veröffentlichung, noch immer in Grenzen. So richtig gut aufgehoben fühlen sich die FPS-Fans bei EA schon seit einer Weile nicht mehr, wanderten erst zu Overwatch, später lockte dann PUBG. Und mittlerweile ist eben Fortnite angesagt, das immerhin in Sachen Update- und Preispolitik in einer ganz anderen Liga spielt.

Die schlechte Nachricht zuerst

Und bei den Solo- und Story-Games? Da sieht es kaum anders aus. BioWare, einst das Vorzeigestudio der Branche mit innovativstem Portfolio, scheint mit dem Ausscheiden seiner beiden Gründer Greg Zeschuk und Ray Muzyka anno 2012 den letzten Funken Innovation und Sachverstand verloren zu haben. Selbst die ergebensten BioWare-Fans haben längst ihre Zweifel, ob Anthem mit seinem aktuellen Konzept den Niedergang irgendwie aufhalten können wird. So weit die schlechte Nachricht.

Die gute jedoch ist, dass man sich seiner Lage bei Electronic Arts offenbar selbst bewusst ist. Man scheint zu erkennen, dass sich die Branche gewandelt hat, dass die Erwartungen der Spieler andere sind als noch vor zehn Jahren. Und man weiß, dass die Welt an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter steht: Dem Zeitalter der künstlichen Intelligenzen. Und die sollen fortan auch in der Spieleentwicklung mitmischen.

Die Erde auf den Schultern

Bei EA hat das Kind sogar einen Namen: Project Atlas, benannt nach dem griechischen Gott, der die Welt auf seinen Schultern getragen hat. Ein passender Name, denn genau das soll Electronic Arts Engine in Zukunft auch tun. Wobei die Bezeichnung Engine der Tragweite des Projekts kaum gerecht werden dürfte, handelt es sich dabei doch um so viel mehr.

Im Kern ist Project Atlas ein Versprechen, für das Ken Moss, Cheftechnologe bei EA, verantwortlich zeichnet. Es ist das Versprechen, dass wir bald durch “lebendige, atmende Welten” streifen werden, die auch ohne unser Zutun ständigen Veränderungen unterworfen sind, sei es nun durch die Handlungen anderer Spieler, durch die KI oder durch Einflüsse der echten Welt auf die virtuelle.

Ein unmöglicher Traum?

Ein Spiel also, in dem man nicht alles so vorfindet, wie man es verlassen hat, sondern eines, bei dem man vermisst wird. Ein Traum für einen Publisher, denn entsprechend hoch ist die Motivation für einen Spieler, möglichst viel Zeit in der virtuellen Welt zu verbringen. Und damit das auch möglich oft funktioniert, soll es keine Hardwareschranken mehr geben. Moderne Cloud-Technologien garantieren jederzeit Zugang von jedem erdenklichen Gerät. Inhalte werden gestreamt, die Berechnungen übernimmt die Cloud.

Na klar, solche Versprechen von der perfekten, dynamischen Welt hauen die Publisher schon seit Jahren raus, ohne bislang etwas geliefert zu haben. Diesmal jedoch scheint es Electronic Arts ernst zu sein und man vertraut Ken Moss ein unglaubliches Budget an in Form von über 1.000 Entwicklern in Dutzenden Studios überall in der Welt, die derzeit an der Verwirklichung von Project Atlas arbeiten. Und darunter sind nicht nur reine Techniker.

Ein ganz neuer Ansatz

Denn Project Atlas ist keine Engine im herkömmlichen Sinne, da hat EA schließlich schon die technisch ziemlich starke Frostbite-Engine in der Schublade. Project Atlas ist eher eine Idee davon, diese Engine und alles, was mit ihr erschaffen wurde, in ein größeres Ganzes einzubetten. Die Engine wird auch weiterhin nötig sein und kontrolliert, wie gehabt, alle fundamentalen Dinge, darunter die gewohnten Spielmechaniken, die Physik, Akustik und Optik, Grashalme, die sich im Winde biegen und dergleichen.

Jene Elemente also, an denen die Publisher in den vergangenen Jahren intensiv gefeilt haben, die sie mittlerweile so realistisch inszenieren, dass sich die virtuelle Welt auf den ersten Blick kaum von der realen unterscheiden lässt. Mehr Spielspaß allerdings haben uns diese Bemühungen nicht beschert. Deswegen auch der Ansatz von Project Atlas.

Atlas trägt die Welt nicht nur, er haucht ihr Leben ein

Das vereint jene zusätzlichen Elemente, die Entwickler einem Spiel bislang mühsam ankleben mussten. Möglichkeiten tiefgreifender sozialer Interaktion zum Beispiel. Oder starke Matchmaking-Systeme, die ähnlich ausgerichtete und talentierte Kontrahenten zusammenbringen. Identitäten, die sich auch wie solche anfühlen und Werkzeuge, mit denen Spieler selbst Inhalte für die virtuelle Welt erschaffen können.

Das alles soll Project Atlas möglich machen und noch viel mehr. Um einen verständlichen Vergleich zu bemühen: Wenn die Game-Engine der Motor ist, der es uns ermöglicht mit einem Auto durch eine Stadt zu fahren, soll Project Atlas quasi all das in sich vereinen, was eine Stadt zu einer solchen macht, was ihr Bedeutung verleiht und sie mit Leben erfüllt.

Gott ist eine KI

Damit das auch tatsächlich funktionieren kann, setzt Electronic Arts voll und ganz auf die Macht der künstlichen Intelligenz. Klar - eine Stadt oder gar eine ganze Welt lässt sich eben nicht von Hand in Szene setzen, da kommen selbst die größten Entwicklerteams mittlerweile an ihre Grenzen. Ganz anders die KI. Die füttert man einfach mit den wichtigsten Naturgesetzen und lässt sie dann schöpferisch tätig werden.

Auch in vielen anderen Studios wird schon so gearbeitet, bei Frontier zum Beispiel an Elite: Dangerous, bei dem eine ganze Galaxis aufgesetzt wurde oder bei Chris Roberts Megaprojekt Star Citizen, wo es Industriemetropolen und Planetenoberflächen sind, an denen die KI bastelt. Wobei EA mit Project Atlas nicht nur den Makrokosmos im Auge hat sondern auch den Mikrokosmos an sozialen Möglichkeiten, an computergesteuerten Individuen, an dynamischen Märkten und wirklich überzeugenden Biotopen.

Was möchtest du mal werden?

Vergleichbar ist das aktuell wohl nur mit SpatialOS von Improbable. Auch dort arbeitet man an einer Cloud-Plattform, die im Hintergrund all jene Berechnungen anstellt, mit denen die Engine und das System des Spielers überfordert wäre. Doch bei Improbable drehen sich die Mühlen noch recht langsam und das System, an dem rund 170 Entwickler werkeln, wird nur zögerlich von der Industrie angenommen.

Electronic Arts hat dieses Problem nicht. Mit über 1.000 Entwicklern könnte man tatsächlich Welten bewegen. Auch muss man seine Idee nicht vermarkten, kann sie selbst nutzen. Einmal ordentlich aufgesetzt, kann sie tatsächlich jedes erdenkliche Spielkonzept bereichern und in einen größeren Kontext, in eine Welt einbetten, in der man eine Karriere als Fußballmanager verfolgt, als Partylöwe, Bürgermeister, Söldner oder Gamedesigner.

In den letzten Jahrzehnten waren es professionelle Entwickler, vor allem Techniker, die sich daran versuchten, Spielspaß zu generieren. Und während man ihnen durchaus Respekt für das zollen muss, was sich technisch auf die Beine gestellt haben, versagten sie in Sachen Spielspaß auf ganzer Linie. Die Welten wurden durch Menschenhand schöner und größer, bunter und physikalischer, fesselnder wurden sie dadurch nicht. Vielleicht ist es wirklich mal an der Zeit, die KI ranzulassen.