Und alle marschieren mit

Mit weiteren Battle-Royale-Ablegern wird man Epic wohl kaum das Wasser abgraben können. Doch genau das versuchen die meisten Publisher irrsinnigerweise. Selbst bei Electronic Arts arbeitet man mittlerweile an einem Battle-Royale-Konzept für seine einst marktführenden Shooter-Reihen, dabei kranken die an ganz anderer Stelle.

Wenn es nämlich aktuell an etwas nicht mangelt, dann sind das kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Spielern in der klassischen PvP-Arena, ob sie nun Flaggenpunkte hat, die es einzunehmen gilt, oder eine schrumpfende Umgebung, in der am Ende nur einer überleben kann. Das alles haben wir im Überfluss und bekommen es trotzdem seit Jahrzehnten immer wieder vorgesetzt.

Die falsche Zielgruppe im Auge

Dabei überhören die Studios stur, wonach ein Teil der Community verzweifelt ruft. Jener Teil nämlich, der nicht ganz so begeistert ist vom Konzept der Battle-Royale-Games. Und - hier sollte man sich von Epics Erfolg nicht blenden lassen - die Gruppe der Fortnite-Verweigerer ist mindestens ebenso gigantisch wie die der Anhänger.

Entsprechend liegt die Chance auf Erfolg in der Suche nach einer brauch- und finanzierbaren Alternative. Wie wäre es denn zur Abwechslung mal damit, das alte Konzept von der Story wieder auszupacken, von Missionen, die in eine spannende Kampagne eingebettet sind? So etwas lässt sich heute, wo ein Drehtag im Motion-Capturing-Studio nicht mehr viel kostet, ungleich günstiger produzieren als früher und absolut unkompliziert in jedes Lobby-Game einfügen.

Wo sind all die Abenteuer hin?

Damals hatte jedes Game, das auf Missionen basierte eine solche Kampagne. Command & Conquer lebte von seinen Zwischensequenzen, die Wing-Commander-Reihe auch. Überall gab es Geschichten zu erleben, von denen man sich noch heute am Lagerfeuer erzählt. Und was bieten die Spiele heute? Eine blanke, bedeutungslose Arena, die sich nach jeder Runde resettet, dafür hübsche Optik samt krasser Physik und Technik, die jedoch keinen spielerischen Mehrwert bringt.

Dabei wäre das doch die perfekte Voraussetzung für spannende Kampagnen. Die Engines sind unglaublich flexibel geworden und erlauben die genialsten Verknüpfungen zwischen Spielgeschehen und Zwischensequenz. Filmszenen lassen sich komplett innerhalb der Engine inszenieren.

Folgt Netflix, nicht Epic

Zudem sind die Spieler durch Netflix, Amazon, HBO und dergleichen längst an das Konzept von Serien und Fortsetzungsgeschichten gewöhnt. Eine kostenpflichtige Kampagne würde sich, wenn sie ordentlich umgesetzt wäre, zum fairen Preis millionenfach verkaufen, denn man wäre mittendrin statt nur dabei. So würde sie nicht nur ein Vielfaches ihrer Entwicklungskosten einspielen, sie würde auch wieder Leben in die Bude bringen und die Lobby füllen.

Warum also bastelt Blizzard nicht an ein paar krassen Geschichten in Overwatch? Warum ziehen wir in World of Tanks oder War Thunder nicht mal in eine ordentlich inszenierte Schlacht? Ältere Spieler werden sich noch an Chris Roberts Strike Commander erinnern, wo man bei einer privaten Söldnertruppe anheuerte und Missionen flog, in denen man nicht nur spannende Geschichten erlebte sondern vom Profit auch Waffen einkaufen und damit haushalten musste. So etwas wollen die Spieler!

Raus aus der Arena, rein ins Abenteuer

Ja, liebe Entwickler, ihr steht unter großem Druck. Ihr sollt neue Spiele entwickeln, am besten Handy-Games, die wieder für Wachstum sorgen. Eine ziemlich unmögliche Aufgabe, wenn man sich immer nur an aktuell angesagten Erfolgskonzepten orientiert. Nicht unmöglich ist es jedoch, sich mal der alten Tage zu besinnen, die Ärmel hochzukrempeln und den Spielern endlich mal wieder echten Content zu liefern, statt immer neue Arenen.

Echte Inhalte, also spannend erzählte Geschichten, fiese Gegner und ein Gefühl von bedeutenden Missionen, bei denen man nicht nur gewinnen kann sondern auch verlieren und nach deren Abschluss das Warten auf die nächste Staffel so hart wird wie damals das Warten auf den nächsten Wing-Commander-Teil.

Zu viel Technik, zu wenig Leben

Die Engine, also die technischen Voraussetzungen habt ihr, das nötige Können auch. Leidenschaftliche und günstige Autoren, die solche Kampagnen schreiben, gibt es zu Tausenden, auch risikolos als Freiberufler zu buchen, von den Motion-Capturing-Schauspielern und Stuntmen ganz zu schweigen. Dann könnt ihr euch auch wieder verabschieden von schlüpfrigen Pay-to-win-Konzepten. Ihr könnt entweder die jeweilige Kampagne einzeln zum Kauf anbieten oder ein Monatsabo mit allen Kampagnen und ein paar Kosmetika inklusive.

Oder ihr könnt weiter jammern über das böse Fortnite und die bösen Spieler und den unglaublichen Druck, den die Chefs auf euch ausüben, weil sich eure leblosen Arenen einfach nicht mehr füllen wollen. Wir leben in einer aufregenden Zeit voller Möglichkeiten und Chancen - man muss sie nur erkennen und danach greifen.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis: