Wie, du bist nicht auf der Gamescom? Dieser beinahe anklagenden Frage mussten sich in der vergangenen Woche wieder all jene Gamer, Streamer und Journalisten stellen. Dabei ist die Frage im Laufe der letzten Jahre immer nerviger geworden und sie wird vermehrt von Menschen gestellt, die eigentlich gar nichts mit der Materie zu tun haben. Warum? Weil sich die Gamescom gewandelt hat. Und nicht nur die.

Herzlich Willkommen zur ... gamescom 2018!

Behind the Games ist unsere wöchentliche Kolumne, in der Frank hinter die Kulissen der Videospiel-Industrie kriecht, dort mit einem Besen einmal kräftig durchkehrt und uns mit Staub bedecktem Gesicht zeigt, was er gefunden hat.

350.000 Besucher waren es im vergangenen Jahr und über 900 Aussteller. In diesem Jahr dürfte das noch einmal übertroffen worden sein. Selbst seriöse Tageszeitungen berichten aus Köln, im Radio laufen Sondersendungen von der Gamescom. Wo RTL noch 2011 in jener peinlichen Doku über die Gamerszene spottete, ist heute Jubel, Trubel, Heiterkeit angesagt.

Treffen der Generationen

Der gemeine Gamer wird nicht länger als potentieller Amokläufer gefürchtet oder als schwitzendes Moppelchen belächelt. Und die Cosplayer, früher noch skurrile Randgestalten der Szene, sorgen nicht länger für Kopfschütteln, sondern werden als nahbare Künstler gefeiert und mit Auszeichnungen überschüttet. Vor Selfie-Jägern können sie sich kaum retten.

Auch die Altersstruktur verändert sich zusehends. Der Branchenverband “game” erklärt die Altersgruppe der über 50-Jährigen mittlerweile zur größten in Deutschland mit insgesamt 9,5 Millionen Spielerinnen und Spielern. Eine Zahl, die man als Insider so nicht akzeptieren möchte, weil der Download eines Handy-Games einen neugierigen Renter noch lange nicht zum Silver-Gamer macht.

Doch im Kern ist die Botschaft durchaus richtig: Der Markt hat noch ein immenses Wachstum vor sich. Jeder Gamer altert unaufhaltsam und wenngleich sich das verfügbare Zeitpensum im Laufe des Lebens verändert, gibt doch kaum einer sein Hobby komplett auf. Dazu rücken jedes Jahr neue Gamer nach. Entsprechend ist das Durchschnittsalter auch von 35,7 auf 36,1 Jahre angestiegen. Für die Gamescom und den Branchenverband ist das eine tolle Sache. Man kann weiterhin sich selbst, seine Produkte sowie die Veranstaltung feiern, die offensichtlich so gut bei den Spielern ankommt.

Das ist nicht mehr meine Gamescom

Dabei erkennt man in manchen Spielerzirkeln durchaus ein Problem. Durch die fortwährende Vermischung der Generationen verliert die Veranstaltung zusehends an Profil. Je nach Alter und Hintergrund gehen Besucher mit ganz unterschiedlichen Erwartungen auf die Ausstellung. Was den einen freut, langweilt oder ärgert den anderen. Auch mancher Aussteller scheint nicht mehr so recht zu wissen, was man auf der Gamescom eigentlich noch aus dem Hut zaubern soll.

Uns Journalisten stößt das schon Wochen vor der Veranstaltung übel auf. Tonnenweise landen da Nachrichten von Games in unseren Postfächern, die an Irrelevanz kaum zu übertreffen sind. PR-Manager hauen am laufenden Band Einladungen für Gespräche auf der Gamescom raus. Die kommen zumeist so unpersönlich und generisch rüber, dass man keinerlei Motivation verspürt, sich überhaupt anzuhören, welches Nullachtfuffzehn-Game sie diesmal im Gepäck haben. Sorry, um einen Kaffee mit euch zu trinken, muss ich mich nicht in die Messehallen stürzen und die Lasagne eures Caterers möchte ich auch nicht essen. Echt nicht.

Echt beschissen sowas!

Zudem werden die Auftritte der Publisher immer irrelevanter. Man spürt, dass man dort längst keine Botschaft zu den Games mehr hat, die man der Community unbedingt übermitteln möchte. Vielmehr scheint man selbst nicht so recht zu wissen, was man eigentlich auf der Gamescom soll und würfelt einfach mal ein Team zusammen, das “etwas Großes inszenieren” soll, das die Fans irgendwie begeistert.

Kein Wunder, dass sich angesichts all der Nichtigkeiten schon solch spektakuläre Ereignisse wie ein Lauffeuer über die Kanäle der Influencer verbreiten, nach denen jemand eine Tüte mit Exkrementen vor den Fortnite-Stand gelegt haben soll, die sich dann über unzählige Füße über die gesamte Messe verteilt haben sollen. Ein Hoax, wie es scheint, aber das interessiert angesichts der Dimension der Meldung kaum noch jemanden.

Kunterbunter Casual-Zirkus

Überhaupt scheint die Gamescom nicht länger die Messe der Gamer, der Publisher und Fachbesucher zu sein. Längst haben die lautesten Influencer übernommen, die YouTuber, die Streamer und Instagram-Pos(t)er, von denen einige die große Bühne, auf der eigentlich neue Games im Mittelpunkt stehen sollten, zu ihrer ganz eigenen umfunktionieren.

Dabei wurden uns im Vorfeld doch eigentlich unzählige Neuankündigungen versprochen, krasse Erweiterungen und jede Menge Atemberaubendes. Doch wie schon in den letzten Jahren waren es vor allem die Menschenmengen, die den Atem raubten. Das ist sicher nicht weiter schlimm, wenn man die Gamescom zum Anlass nimmt, sich mal wieder mit Clan- und Gamer-Freunden zu treffen - von Veranstaltungen wie der E3 oder der PAX, auf denen es auch jede Menge relevantes Gamer-Futter, entfernt sich der kunterbunte Casual-Zirkus in Köln leider immer weiter.

Panem et circenses

Klar gibt es dort auch noch leidenschaftliche Gamer, die ihren Lieblingstitel feiern oder die ihren Publisher besuchen, weil sie auf ein ganz besonderes Spiel warten. Doch diese Gruppe scheint längst in der Minderheit und spätestens wenn T-Shirts ins Volk geworfen werden, gerät die Menge vollends in Extase. Der Aufdruck oder wer mit den Dingern um sich wirft, ist dann nebensächlich.

Mittlerweile stehen auch die offiziellen Gewinner der Gamescom 2018 fest: Den Award “Best of gamescom” bekommt Sekiro: Shadows Die Twice von FromSoftware. Ok, das kann ich noch nachvollziehen. Die Jungs machen gute Spiele, wobei die Japaner grafisch echt noch nicht im Jahre 2018 angekommen sind. Das müsste auch noch schöner gehen, wobei letztlich ja das Gameplay entscheidet.

Beim Publikumspreis hingegen muss ich leider schon passen. Den staubt Super Smash Bros ab, das im Dezember Jahr Nintendos Weihnachtsgeschäft noch einmal ordentlich aufpolieren soll. Ein lustiges kleines Spielchen für die ganze Familie sicherlich, doch ganz ehrlich - dass ein solches zum Publikumsliebling wird, macht mir nur schmerzlich deutlich, dass die Gamescom längst nicht mehr meine Messe ist.

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