Wer hätte gedacht, dass nicht etwa in Silicon Valley an der größten Sandbox auf dieser Seite der Galaxis gearbeitet wird sondern in Würselen, einem kleinen Nest in der Nähe von Aachen. Dort nämlich sitzt das Team von Egosoft seit nunmehr 30 Jahren an der X-Reihe, die, nachdem sie zuletzt einen Tiefpunkt hinter sich gelassen hat, nun wieder direkten Kurs auf eine traumhafte Zukunft nimmt.

Behind The Games ist unsere wöchentliche Kolumne, in der Frank hinter die Kulissen der Videospiel-Industrie kriecht, dort mit einem Besen einmal kräftig durchkehrt und uns mit staub bedeckten Gesicht zeigt, was er gefunden hat.

Als Bernd Lehahn 1988 eine Firma namens Ego Software gründete und mit mutmaßlich magerem Budget eine Reihe von Werbespiele für solch namhafte Auftraggeber wie den World Wide Fund for Nature, die SPD oder die Sparkasse Gelsenkirchen entwickelte, ahnte wohl niemand, dass er damit den Grundstein für ein virtuelles Universum legen würde.

Treffen der Generationen

Kein Wunder, dauerte es doch noch einmal geschlagene zehn Jahre, bis Lehahn 1999 mit X: Beyond the Frontier zum ersten Mal nach den Sternen griff und den vernachlässigten Space-Fans eine Alternative anbot, die sich irgendwie größer anfühlte, lebendiger als Elite, Privateer oder all die gescripteten Weltraum-Shooter. Mit der ersten X-Inkarnation konnte Egosoft die billigen Plagiate und Werbespiele dann endlich hinter sich lassen.

Dass Egosoft in den zwei Jahrzehnten, die seither vergangen sind, an nichts weiter gearbeitet hat als an genau diesem X-Universum, an verschiedenen Versionen und Erweiterungen, die alle auf das gleiche Grundgerüst aufbauen, ist aus heutiger Sicht kein Fehler sondern Zeichen jener Beharrlichkeit, die ein Entwickler benötigt, will er etwas wirklich Großes vollbringen, einen alten Traum Wirklichkeit werden lassen.

Eine schwere Geburt

Der Traum der Fans wurde jedoch gewaltig erschüttert, als Egosoft vor fünf Jahren X Rebirth auf den Markt brachte. Die vermeintliche Wiedergeburt des X-Universums stellte sich als Rückschritt heraus, den Fans fehlten die gewohnten Optionen, insbesondere die Möglichkeit, wirklich alles und jedes im All selbst fliegen zu können während es Einsteigern immer noch zu kompliziert war und natürlich zu verbuggt - wie so ziemlich jedes Egosoft-Game zum Release.

Es allen recht zu machen, ist in diesem Genre tatsächlich auch gar nicht möglich. Eine harte Lektion für Egosoft, angesichts der teilweise ausufernder Kritik für eine zugegeben schwache Vorstellung. Doch wer nun erwartet hätte, dass Bernd Lehahn das Handtuch geworfen und sich einfacheren Genres zugewandt hätte, der irrt gewaltig. Noch in diesem November soll das nächste X-Game erscheinen und nach dem aktuellen Stand der Dinge scheint Egosoft keine unnötigen Zugeständnisse mehr an den Massenmarkt zu machen. Das lässt sich schon am Titel erkennen.

Zurück in die Zukunft

X4: Foundations soll einerseits da anknüpfen, wo man mit X3: Albion Prelude aufgehört hatte. Gleichzeitig soll es das Fundament bilden für etwas, das locker zur größten Sandbox am Spielemarkt werden könnte. Und das ist sicher nicht in Bezug auf die reinen Ausmaße der virtuellen Galaxis gemeint wie bei Elite: Dangerous das zwar riesig ist, jedoch keinesfalls das Prädikat Sandbox verdient hätte, weil es in den unendlichen Weiten doch reichlich oberflächlich zugeht.

Vergessen sind die unsäglichen Beschränkungen von X Rebirth, wo man mit einem eher klobigen Vehikel auf galaktischen Autobahnen durchs Weltall schippern musste. In X4 wird man tatsächlich wieder alles fliegen können, was irgendwo Düsen hat - vom aufrüstbaren eigenen Raumanzug über schnittige Kampfjäger und träge Frachtkähne bis hin zu waffenstarrenden Großkampfschiffen.

Keine Konkurrenz

Wobei die Arbeit an Rebirth nicht ganz umsonst gewesen ist, denn die eigenen Beine haben auch in X4 einen praktischen Nutzen. Konkret wird man auf der Raumstation in einen Hangar laufen können, von dort aus ins Cockpit eines Jägers klettern, ins All durchstarten, in den Hangar eines Trägeschiffs einfliegen, landen, aussteigen und zur Brücke gehen können, von der man den Weltraumkoloss dann eigenhändig lenkt und die komplette Crew managt.

Das alles passiert natürlich ohne Unterbrechungen oder nervige Ladebildschirme. Schon klar, der Einwand wird nun sicher kommen, das alles wird auch Star Citizen mal bieten - irgendwann mal. Doch, anders als Bernd Lehahn, muss Chris Roberts erst noch beweisen, dass er mehr kann, als ein paar virtuelle Sonnensysteme zusammenzubasteln. Egosoft hingegen setzt die faszinierendsten Mechaniken bereits seit Jahren ein und entwickelt sie beharrlich weiter.

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