Schräge Vögel gibt es überall in der Welt, nicht nur im Internet. Dort jedoch fallen sie in letzter Zeit ganz besonders auf. Bevorzugt tummeln sie sich überall dort, wo man das Netz nicht nur konsumieren sondern auch aktiv mitgestalten kann. Klingt eigentlich ganz lustig, birgt in der Praxis jedoch auch Gefahren, insbesondere für manch frischgebackenes Gamer-Sternchen.

Behind The Games ist unsere wöchentliche Kolumne, in der Frank hinter die Kulissen der Videospiel-Industrie kriecht, dort mit einem Besen einmal kräftig durchkehrt und uns mit staub bedeckten Gesicht zeigt, was er gefunden hat.

Es schien ein ganz normaler Tag zu werden für Guy Beahm, eher bekannt unter dem Twitch-Namen DrDisRespect. Der Doktor schimpfte gerade über sein virtuelles Ableben in Call of Duty: Black Ops 4, als plötzlich eine Kugel das Fenster im oberen Stock seines Wohnhauses durchschlug. Also eine echte Kugel, keine virtuelle, nach Angaben von Beahm wohl abgefeuert aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug.

Wenn der Doktor wieder speichelt

Es war wohl schon das zweite Mal in Folge, dass der Doktor Ziel eines solchen Angriffs wurde, jedoch das erste Mal, dass es während des laufenden Streams geschah und die Zuschauer ihr Twitch-Idol sichtbar aufgelöst und ohne die obligatorische Perücke sehen konnten. Angesichts der Tragweite des Vorfalls eigentlich eine Nebensächlichkeit, die dennoch sofort für Tumult in den Communitys sorgte.

So skurril das für Außenstehende erscheinen mag - das Publikum feiert solche Ereignisse. Auch wenn DrDisRespect sicherlich kein schlechter Spieler ist, schauen doch die wenigsten Zuschauer zu, um Zeugen seines überragenden Skills als “zweifacher Champion” zu werden. Sie warten vielmehr auf den nächsten Ausraster, bei dem sich Beahm so sehr in Rage redet, dass ihm regelmäßig der Speichel aus dem Mund tropft.

“Für das Beste im Mann!”

Wobei es gar nicht Beahm selbst ist, der da sabbert sondern DrDisRespect, eben jene von ihm geschaffene Kunstfigur. Die wirkt ein wenig anachronistisch und extrem machohaft, wie ein mit Testosteron und Arroganz vollgepumpter Freddy Mercury, dessen extrovertiertes Auftreten Guy Beahm möglicherweise ebenso als Vorlage gedient hat wie die markante Gesichtsfrisur, laut Hauptsponsor Gillette bekanntlich “das Beste im Mann”, was auch immer damit gemeint sein soll.

Und so mag es auch nicht verwundern, dass nach den Schüssen rege darüber spekuliert wird, ob DrDisRespect den Vorfall nicht selbst inszeniert haben könnte, als Teil seines skurrilen Schauspiels und als Möglichkeit, mal wieder aus der Routine auszubrechen und die Zuschauerzahlen zu pushen. Dass die Polizei mittlerweile gegen den Schützen ermittelt und eine Inszenierung für Beahm höchst strafbar wäre, interessiert die Verschwörungstheoretiker wenig.

“Wer so austeilt, muss auch einstecken können!”

Und selbst jene, die an einen Angriff glauben, zeigen wenig Mitleid mit dem Streamer. Warum auch, so liest man immer wieder, immerhin sei der Doktor ein eisenharter Kerl und profitiere von dem Angriff, bekäme nun noch mehr Aufmerksamkeit, mehr Zuschauer und dadurch noch mehr Geld. Dass letzteres wohl für jeden von uns zur Nebensächlichkeit würde, wenn es an Leib und Leben ginge, kann oder will sich die Community offenbar gar nicht vorstellen. Manch einer deklariert die Sache als Gag, als Streich eines Teenagers, der dem umstrittenen Idol eigentlich nur helfen wollte.

Doch denkt man im Netz nicht daran, dass Beahm nicht alleine in seinem Haus lebt und arbeitet sondern mit Frau und Kindern, die hier, anders als der Doktor in seinem Zockersessel, möglicherweise direkt in der Schusslinie stehen oder sitzen. Und wenngleich die Kugel wohl aus einer Luftpistole stammt und anscheinend nicht zielgerichtet auf eine Person abgefeuert wurde, ist dem Schützen doch eindeutig daran gelegen, dass Menschen zu Schaden kommen - potentiell körperlich, in jedem Fall aber psychisch, durch den Schock, der ausgelöst wird, wenn man in seinen eigenen vier Wänden derart angegriffen wird und sich nicht mehr sicher fühlen kann.

Wenn Virtuelles plötzlich real wird

Das weckt Erinnerungen an die jüngsten Ereignisse rund um den deutschen YouTuber Rainer W., besser bekannt unter dem Pseudonym Drachenlord. Auch der ist ein extrem extrovertiertes Unikum. Der Drachenlord hat sich mit seinen Auftritten im Internet einen Namen gemacht, zahlreiche Fans und nicht minder viele “Hater” gewonnen, die zuletzt sein Haus in einem kleinen Nest in Franken mit fast 10.000 Leuten belagerten, um sich am Leid des Drachenlords zu ergötzen wie Schaulustige im Mittelalter, wenn mutmaßliche Hexen am Pranger standen.

Dabei fühlen sich die sogenannten Hater zunächst oft provoziert von den Auftritten solch schräger Vögel. Dazu kommt eine Portion Neid, denn wie kann es sein, dass ein solcher Typ von seinen Videos oder Streams leben kann? Das führt dann regelmäßig dazu, dass ein Zuschauer zum Troll wird und dazu übergeht, den schrägen Entertainer seinerseits zu provozieren. Darauf werden dann bald andere Zuschauer aufmerksam und eine nicht minder schräge Sub-Community entsteht.

Trollt euch, ihr Trolle!

Eine Kettenreaktion nimmt ihren Lauf, die immer mehr Mobber auf den Zug aufspringen lässt. Man provoziert, erfreut sich an den Reaktionen des geliebt-verhassten Sternchens und lässt sich von den anderen Mobbern feiern. Je krasser man trollt, desto größer die Anerkennung gleichgesinnter Trolle und die Chance, es auch mal in ein Video zu schaffen oder seine eigenen zu vermarkten, ein kleines Stück vom zweifelhaften Ruhme des Großen abzustauben und dabei gleichzeitig zu unterstreichen, wie normal man im Vergleich doch wäre.

Doch Trolle sind nicht normal, ob nun im Gaming oder anderswo. Sie spielen, meist aus der bequemen und sicheren Anonymität heraus, mit dem dem Leid anderer Menschen, die sie für ebenso virtuell halten wie ihr eigene Existenz als Troll. Ein gefährlicher Trugschluss, denn die Wirkungen des vermeintlichen Schabernacks sind real und oft verdammt gravierend und wer sich dem mobbenden Mob anschließt, lockt dadurch neue, vielleicht noch schrägere und gefährlichere Gestalten an.

Was spielt ihr gerade? Das sind die Release September:

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Das Internet war ein Fehler”, so die traurige Bilanz eines anderen Opfers, das jüngst ganz plötzlich die Trolle um, an und bei sich hatte und das keine andere Lösung mehr sah, als sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und die Dienste einzustellen. Der Tross der Trolle zog kurzerhand weiter, zu einem, der es wagte, den Aussteiger zu verteidigen. Schade nur, dass diese virtuellen Chaoten nicht begreifen, dass sie mit ihren Aktionen real gefährden, was ihnen doch eigentlich so am Herzen liegt: die Freiheit im Internet.