Man kann fast seine Uhr danach stellen: Alle Jubeljahre überkommt es die sonst so konservativen Japaner. Vielleicht nach einer verlorenen Wette während einer durchzechten Karaokenacht, vielleicht als demokratische Mehrheitsentscheidung im Zuge eines Meetings mit Krawatte, Flipchart und Mineralwasser. Lässt sich bei Nintendo nicht so genau sagen. Spielt auch keine Rolle, wichtig ist nur: „Bayonetta 2“ erscheint exklusiv für Wii U. Und es wird großartig.

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Wer auch immer das mittelgroße Wunder letztlich vollbracht hat, die obersten Nintendo-Bosse davon zu überzeugen, Platinum Games mit Nachdruck für ein Wii-U-exklusives „Bayonetta“ zu hofieren, steht in einer viel zu kurzen Linie genialer Leute. Leute, die „outside the box“ denken, wie es im Englischen gleichermaßen treffend und prägnant heißt.

Ohne Personen dieses Kalibers hätte es vielleicht kein „Resident Evil 4“ gegeben, wie wir es heute kennen. Nintendo hätte sich gewiss keinen Arm ausgerissen, nur um einen „erwachsenen“ Exklusivtitel im GameCube-Portfolio anbieten zu können. Solch ein Wagnis gehen die Kontrollfreaks aus Fernost gewöhnlich nur ein, wenn sie (zumindest teilweise) kreative Mitbestimmungsrechte am Projekt haben.

Bayonetta 2 - Fangt an zu sparen: Die sexy Hexe könnte der Wii-U-Kaufgrund werden

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Was für ein Auftritt! Inszenatorisch feuern Platinum Games wieder aus allen Rohren.
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Zuletzt war zwischen Austausch-Marios und schnell zusammengeklöppelten Schema-F-Spielchen nur noch wenig Platz für genial-abstrusen Kram wie „Killer 7“, „Xenoblade Chronicles“, „Muramasa: The Demon Blade“, „Hotel Dusk: Room 215“, „Eternal Darkness“ oder „Space Station Silicon Valley“. Und just als man jene Seite an Nintendo endgültig verloren wähnte, kam wie aus dem Nichts eine Meldung, die das Gegenteil bewies: „Bayonetta 2“ wird exklusiv für Wii U erscheinen. Geschichte wiederholt sich.

Weniger Haare, weniger Klamotten, und trotzdem mehr von allem

Viel länger als zehn Minuten Minuten hat's nicht gedauert, maximal 15. Wie viel Action und blankgeputzten Wahnsinn kann man in eine Anspielversion von dieser Zeitspanne packen? Jeder, der auch nur mal einem Kumpel beim Spielen der ersten Hexenjagd über die Schulter geschaut hat, dürfte eine vage Ahnung haben. Nehmt eine beliebige Szene des Erstlings (bis auf das Ende vielleicht) und multipliziert sie mit einer zweistelligen Zahl. Egal welche. Grob über den Daumen gepeilt wisst ihr nun, was euch in „Bayonetta 2“ erwarten wird.

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Wer den Vorgänger gespielt hat, kennst solche Szenen zu Genüge. Viel hat sich nicht geändert - zum Glück.
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Keine Spur von Wischiwaschi-Gekeile oder familienfreundlicher Abendunterhaltung: Platinum Games hat einen kompromisslosen Freifahrtschein von Nintendo ausgestellt bekommen – andernfalls hätte Serienschöpfer Hideki Kamiya wohl ohnehin nicht mit den Arbeiten an einem Nachfolger begonnen.

Rasanter Wahnsinn in Lack und Leder: Bayonetta marschiert zielstrebig auf den Thron zu, den sie der Konkurrenz bereits mit ihrem Debüt 2010 entriss.Ausblick lesen

Eine spielbare Version des dicken E3-Trailers und ein Paradebeispiel für kognitive Dissonanz war das, was wir vor Ort in Frankfurt endlich selbst in die Finger bekommen haben. Bis auf ein paar Zentimeter ihrer Haare hat Bayonetta nichts, aber auch gar nichts von ihren Reizen verloren. Selbst wenn ihr die knapp drei Minuten Gameplay-Irrsinn die letzten Tage in Dauerschleife auf einer 60-Zoll-Glotze habt rotieren lassen, lässt sich nur erahnen, wie präzise, elegant und blitzschnell die sexy Hexe tatsächlich agiert, wenn sie eurer Kontrolle untersteht.

Kein (Wii-U-)Spiel wie jedes andere

Ob das klotzige GamePad für einen High-Speed-Arschaufreißer wie diesen nicht zu ungelenk, zu klobig wäre, rumorte es seit der Ankündigung immer wieder durchs Netz. Nicht im Geringsten. Stünde ich vor der Wahl zwischen DualShock 3 und Wii-U-Tablet, meine Wahl fiele, zumindest in diesem speziellen Fall, auf Letzteres (360-Pad einmal außen vor gelassen).

Dem beinahe unverändert übernommenem Kampfsystem haben allerdings weder Touchscreen, noch Gyrosensor, Kamera oder ein anderes Gimmick viel hinzuzufügen. Bis auf eine gänzlich überflüssige Touchscreen-Steuerungsalternative (kein Witz!), die nicht mehr von euch verlangt, als minderbemittelt auf den Gegner zu trommeln, und damit jeglichen Anspruch im Keim erstickt, könnte man „Bayonetta 2“ ebenso gut mit dem Pro-Controller der HD-Konsole spielen. Vielleicht keine schlechte Idee, entspricht dieser weitestgehend dem 360-Pendant.

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Was genau Bayonettas Anlass ist, im zweiten Teil erneut gegen die Dämonen zu Felde zu ziehen, wurde noch nicht verraten.
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Spätestens ab dem Tag der Veröffentlichung werden zwangsläufig auch jene Spötter verstummt sein, die mit der Wii-U-Exklusivität des Edelschnetzlers zugleich dessen Untergang prophezeiten. So viele negative Eigenschaften der Nintendo-Konsole und den zugehörigen Spiele (mehr oder weniger gerechtfertigt) attestiert werden: Hier werdet ihr keine davon finden. Hätte sich das Gerät nicht während der gesamten Spielzeit noch gerade so in meinem peripheren Blickwinkel befunden, ich wäre mir selbst nicht sicher gewesen, welche Plattform diese Bilder auf den Fernseher schaufelt.

Und schaufeln trifft es ziemlich genau, dürfte die Wii U mit „Bayonetta 2“ gut auf Betriebstemperatur gebracht werden. Trotz unterdurchschnittlicher Präsentationsfernseher und eines Bildabstandes von der Länge eines Cockerspaniels wischt Platinum bereits zum jetzigen Zeitpunkt mit jedem anderen Spiel derselben Konsole den Boden auf. Zugegeben, nicht unbedingt ein Kunststück bei Konkurrenz wie „ZombiU“, „Lego City: Undercover“ oder „Monster Hunter 3 Ultimate“.

Dennoch: Als die buchstäblich knackscharfe Hexe auf einem Düsenjäger stehend effektgeladen einen Dämon nach dem anderen zerfetzte, während der Jet an spiegelnden Hochhausfassaden und glitzernden Seen vorbeischoss, blitzte in mir mehr als einmal die Vermutung auf, erstmals eine grobe Vorahnung dessen zu sehen, was Nintendos erste HD-Konsole tatsächlich zu leisten imstande ist. Wenn sich die Spekulationen bestätigen (unsere Nachfragen vor Ort konnte nicht eindeutig beantwortet werden) und „Bayonetta 2“ bei einer nativen (!) Auflösung von 1080p konstant mit 60 Bildern pro Sekunde laufen sollte, wäre die Frage nach dem Technikvergleich mit Xbox 360 und PlayStation 3 endgültig obsolet.

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Kinderkonsole? Wenig potente Hardware? Fuchtel-Casual-Spielchen? Nächstes Jahr räumt die nun kurzhaarige Hexe mit diesen und ähnlichen Wii-U-Unkenrufen auf.
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Spätestens 2014 wissen wir mehr. Bis dahin wird sich ebenfalls zeigen, inwieweit die zur Schau gestellte Zuversicht der Japaner, die sich wie immer äußerst zufrieden mit ihrem Projekt zeigen, gerechtfertigt ist. Dass sie wieder ein tolles Spiel abliefern werden, steht kaum noch zur Debatte, wohl aber, ob sie einen Nachfolger veröffentlichen, der dem Hexenuniversum als Ganzem etwas Entscheidendes hinzuzufügen hat.

Bei allem Applaus für das Beibehalten liebgewonnener Kernkompetenzen, bei allem Jubel für das bewährte Spielprinzip und Kampfsystem: Ein konkreter Fortschritt im Vergleich zum Vorgänger ließ sich bis jetzt noch nicht erkennen.

Da tröstet der Gedanke, dass es selbst eine auf alten Pfaden wandelnde, etwas zu konservative Bayonetta noch immer mühelos mit dem Großteil der Konkurrenz des nächsten Jahres wird aufnehmen können. Next-Gen hin oder her.