Genauso überdreht wie das Gegner-Ensemble, die Musik und ihre Kleidung sind auch ihre Spezialangriffe. Da ihre hochhackigen Schuhe anstelle von Absätzen mit Pistolen bestückt sind, ist es ein Leichtes für sie, im Handstand mit den Beinen zu strampeln wie ein kleines Kind, während sie alles und jeden um sich herum mit Blei füttert. Immer wieder ein Blickfang ist auch der Breakdance, bei dem sie sich ausgelassen auf dem Boden windet, in einer Sekunde gefühlte hundert Schüsse abgibt und am Ende lasziv in die Kamera lächelt.
In der „Hölle“ erwartet euch jedes Mal ein alter Bekannter, der euch mit neuen Waffen, Techniken und hilfreichen Items versorgt.Hinzu kommen unzählige freischaltbare Techniken, die in Summe ein verdammtes Acht-Meter-Gemälde von einem Kampfsystem ergeben, inklusive fuchsigen Manövern, bei denen sie im Boden verschwindet und sich von oben auf die Feinde stürzt. Sie kann sich auch einige der Engelswaffen schnappen, die mehr Reichweite als Katana und Co. haben, und zuschlagen oder sich ausgelassen wie eine Stripperin an der Stange drehen, während jeder Gegner um sie herum ohne langes Federlesen zerfleischt wird.
Richtig Eindruck schinden die Bosskämpfe, der kraftvollste Einmarsch riesiger Over-the-Top-Giganten seit Shadow of the Colossus. Es ist schwierig, die Faszination mit Worten einzufangen, wenn Bayonetta, ähnlich wie damals der namenlose Held, über wuchernde Tentakel zum Schwachpunkt des Gegners rennt, um ihn lahmzulegen. Besonders im vorletzten Abschnitt, der quasi nur noch aus Bossgegnern besteht, zündet Platinum Games das größte aller Feuerwerke, das einen atemlos und nach Luft japsend zurücklässt. Nicht nur, weil sie Bosse bei andauernden Attacken langsam die Haut verlieren und zum blutigen Fleischbrocken werden, sondern vor allem, weil die Climax-Finisher das todbringende Duell eindrucksvoll beenden.
Auch ein schöner Rücken weiß zu entzücken.Hat man Mr. Big Boss nach minutenlangem Ausweichen, nach vielen Neustarts und energiespendenden Kräuterlutschern (jawoll!) endlich weichgeklopft, macht Bayonetta ihm den Garaus. Und zwar wieder mit ihrem Dämon, der aus ihrer bis zur Schmerzgrenze wachsenden Haarpracht entsteht, aus dem Boden schießt und seine spitzen Zähne in den gegnerischen Körper tackert. Manchmal erscheinen auch vier Dämonenfäuste, die kurzerhand Volleyball mit dem Körper der Kreatur spielen und sie danach einfach zu Tode prügeln. Oder ein Raubvogel kommt geflogen und verleibt sich den angeschlagenen Boss einfach ein. Beißt zu und verschlingt ihn wie eine Schlange ihre Beute.
Das Schöne: Bis zum Ende brennt das Fantasiefeuerwerk lichterloh. Immer wenn man denkt, es geht einfach nicht mehr, erscheint der Climax-Dämon in einer neuen abstrusen Form. Immer wenn man sich gedanklich auf die ersten Längen im Spieldesign einstellt, wird man überrascht. Dann kann sich Bayonetta auf einmal in einen Panther verwandeln, der à la Okami bei jedem Schritt Blumen hinter sich erscheinen lässt, schneller rennt und weiter springt. Dann bekommt sie die Fähigkeit, an Wänden entlangzulaufen, und muss über einstürzende Gebäude fliehen. Nimmt Platz auf einem Motorrad und rast über eine in sich zusammenfallende Brücke. Oder reitet feuernd auf einer Kanonenkugel nach vorne – ganz im Stil von Segas Klassiker Rez.
Und wenn es die Entwickler schaffen, bis zum letzten verdammten Bosskampf kleine Überraschungen zu servieren (verraten wird nichts), dann bleibt einfach nichts anderes übrig, als das Haupt senken und zu nicken. In Anerkennung für das, was Platinum Games hier erschaffen hat: ein Monster modernen Designs, ein Meisterstück der Motivation, ein übersprudelndes Erlebnis, bis obenhin gefüllt mit wilden und frechen Eindrücken. Es gäbe noch so viel mehr über diese Hexe zu erzählen. Darüber, wie sie sich einen riesigen Schlüssel auf den Rücken schnallt und Gegner damit zerteilt. Darüber, wie sie auf fliegenden Gesteinsbrocken über Lavawellen surft, nachdem ein Vogel aus ihren rabenschwarzen Haaren kam und den Boss, eine steinerne Fratze, mit seinem Schnabel an der Wand verteilt hat.
Aber Worte werden Probleme damit haben. Spielt es!
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