Sammelkartenspiel und Echtzeitstrategie – an dieser Kombination hat sich schon so mancher Entwickler die Zähne ausgebissen. Phenomic nimmt sich mit BattleForge trotzdem dieser Herausforderung an. Man pokert hoch, pfeifft auf Soloinhalte, lässt die in diesen Tagen so umgarnten 'Casual Gamer' links liegen und entwickelt direkt für die obere Liga. Ass oder Flop – wir haben den Jungs vom Rhein in die Karten geschaut.

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Nicht einmal drei Jahre ist es her, seit sich Mega-Publisher Electronic Arts mit Phenomic ein kleines aber feines deutsches Entwicklerstudio einverleibt hat – als erstes in Europa, außerhalb von Großbritannien.

BattleForge - Die Revolution fürs Strategiegenre?

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Fans von 'Magic: The Gathering' werden sich bei der Schattenfraktion an die schwarzen Karten erinnert fühlen.
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Kurz nach der Übernahme kündigte der Publisher an, man werde sich bei EA Phenomic auf Online-Echtzeitstrategiespiele konzentrieren. Klar – immerhin hat man dort mit der SpellForce-Reihe bewiesen, dass man sich mit der Materie auskennt.

Vor einem knappen Jahr geisterten dann erste Infos durch die Branche und das Team um Volker 'Die Siedler' Wertich überraschte mit der Ankündigung, dass man Echtzeitstrategie mit den Vorzügen von MMOs und Trading Card Games vereinigen wolle. Ein spitzgedackelter Windhund sollte da also entstehen. Die Branche, insbesondere die Szene der eingefleischten Strategen, zeigte sich äußerst kritisch. Und das ist sie heute noch.

Strategie für Reiche?

Kritisch ist man vor allem auch, weil Phenomic dem System der Sammelkartenspiele Rechnung tragen will und der Spieler seine Einheiten nicht nur aus dem Spiel selbst bezieht, sondern auch über sogenannte Battleforge-Punkte gegen harte Währung kaufen kann. Vergleichbar ist das mit bekannten Titeln, die BattleForge offensichtlich als Vorbild gedient haben, allen voran 'Magic: The Gathering'.

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Kampf der Elemente – beim Zusammenbau des Decks ist man nicht an eine Fraktion gebunden.
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Zusätzlich zum Spiel bekommt der Fan nämlich je 2000 BattleForge-Punkte für knapp 20 Euro. Das ist allerdings wirklich optional und sollte nicht weiter abschrecken. Im Hauptspiel selbst sind bereits sämtliche Karten enthalten, die man fürs Erste benötigt. Das sind 16 Sammelkarten pro spielbarer Fraktion, plus 3000 BattleForge-Punkte – umgerechnet 96 Karten mit Überraschungseffekt extra.

Mit diesen 160 Karten kommt man vorerst prima aus und hat mit Sicherheit auch die eine oder andere Karte zum Tauschen übrig. Das funktioniert über ein virtuelles Auktionshaus, ähnlich jenen Handelsplätzen, die man in MMOGs vorfindet. Allerdings sollte sich der Anfänger nicht gleich ins Tauschgeschäft stürzen, da sich Wert und Nutzen mancher Karten zu Beginn überhaupt nicht richtig einschätzen lassen. Erfahrene Spieler werden hier später so manchen Schnapper machen, denn gut getauscht ist halb gewonnen.

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Alles Gute kommt von oben: Wer jetzt keine passende Luftabwehr im Kartendeck hat, kann aufgeben.
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Die allgemeine Menüführung erweist sich gleich zu Beginn als äußerst gewöhnungsbedürftig. Sie ist weder praktisch noch sonderlich ansehnlich. Und als wäre das an sich nicht schon schlimm genug, hat sich Phenomic obendrein dazu entschlossen, die gesamte Story in Form eines futzeligen Buches im Menü zu verstecken. Animierte Zwischensequenzen sucht man vergeblich und so wird die etwas skurril anmutende Geschichte um Götter, Himmelsfürsten und Riesen von kaum einem Spieler beachtet.

Beachtung findet hingegen sofort die Arena, auf die der Spieler nach dem Start des Spiels schaut. Die Arena ist ein Konstrukt, auf dem sich Karten beliebig ausspielen lassen, um sie an ebenso einfach frei gelassenen Gegnern zu testen. Das erleichtert den Bau eines Kartendecks und animiert zu allerlei Experimenten. Eine tolle Idee, die so manches Studio in Zukunft aufgreifen dürfte.

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Fantasy und Technik verschmelzen in BattleForge mitunter zu etwas skurril anmutenden Erscheinungen.
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Wer in der Arena ein Weilchen zugebracht hat, erkennt schnell, mit welcher Liebe zum Detail man bei Phenomic zu Werke gegangen ist. Die Einheiten sind sehr abwechslungsreich gestaltet und animiert. Bläst ein ausgelöster Sturm über eine Gruppe Bogenschützen hinweg, wirbeln sie wie kleine Samenkörner im Wind durch die Landschaft. Werden sie von einem Lauffeuer erfasst, brutzeln sie effektvoll vor sich hin. Angesichts von derzeit 200 Karten, aufgeteilt in die vier Fraktionen Frost, Feuer, Natur und Schatten, fasziniert allein schon die unglaubliche Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten.

Hat man da noch Töne?

Der Sound, im Genre meist arg vernachlässigt, ist perfekt. Da bricht Jubel unter den Einheiten aus, wenn Verstärkung vom Himmel fällt. Humanoide kommentieren den Einsatzbefehl, Kampf-Dinos röhren gefährlich und selbst Insektoide schaben so über den Boden, wie man sich das bei zu groß geratenen Kakerlaken vorstellt. Woher Phenomic all die Töne genommen hat, welche Bomben da im Tonstudio gezündet wurden, um sämtliche Großzauber akustisch in Szene zu setzen, werden wir wohl nicht erfahren. Sicher ist, dass sich künftige Titel im Genre an der Soundkulisse von BattleForge messen lassen müssen.

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Wie auch immer die Sounds zum Spiel entstanden sind – Phenomic muss im Tonstudio so manche Bombe gezündet haben.
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Doch nach all den optischen und akustischen Experimenten wird es Zeit für die ersten Gehversuche im Spiel. Dafür eignen sich die Solomissionen. Allerdings auch nur dafür, denn der Einzelspielerspaß ist vorbei, noch ehe er so richtig begonnen hat. Danach bedarf es eines Teams von bis zu zwölf Spielern, um sich erfolgreich durch die Kampagne zu schlagen. Und wer nicht allzu viel Zeit sinnlos verschenken möchte, sollte sich dieses Team ebenso sorgfältig zusammenstellen wie das Kartendeck.

Phenomic erweist sich als Trumpf in den Händen von EA und präsentiert rasante Echtzeittaktik à la carte für perfektionistische Sammler, Deckbastler und eSportler.Fazit lesen

Ohne Netz und doppelten Boden

Die Missionen können durchaus ein paar Stunden Zeit in Anspruch nehmen und lassen sich oft nur mit den richtigen Karten meistern. Verliert ein zufällig ausgewählter Teamkollege während des Matches die Geduld, ist es ohnehin aus. Eine Speicherfunktion gibt es nicht. Das liegt einerseits in der Natur von Onlinespielen, hat zudem aber auch juristische Gründe. In den Missionen gibt es nämlich Belohnungen, mit denen sich einzelne Karten aufwerten lassen. Das ständige Speichern würde Schummlern Tür und Tor öffnen und in Folge für Inflation sorgen.

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Mit großer Liebe zum Detail hat Phenomic sämtliche Karten grafisch und akustisch umgesetzt.
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Hat man das passende Team beisammen, können die Koop-Karten durchaus begeistern. Gespielt wird wie bei jedem klassischen Echtzeitstrategiespiel – allerdings fällt der anfängliche Basisbau quasi flach. Vielmehr erobert man unterwegs Energiebrunnen, Monumente und Mauern. Während die Brunnen mit der erzeugten Energie das Ausspielen der Karten ermöglichen, dienen die Monumente der technologischen Aufwertung und Mauern natürlich der Verteidigung.

Spielt man eine Karte aus, landet die erzeugte Einheit direkt an Ort und Stelle. Ausgespielt werden darf überall dort, wo sich bereits eigene Truppen oder Gebäude befinden. Wer seine Einheiten allerdings im freien Feld erzeugt, muss temporäre Abzüge in Kauf nehmen. Außer den verschiedensten Truppen lassen sich auch Gebäude mit unterschiedlichen Funktionen in die Welt setzen und Karten ausspielen, die einen Zauber auslösen.

Die Ruhe vor dem Sturm

Der erfahrene Echtzeitstratege kann sich vorstellen, dass die Konsequenz dieser schnellen Art der Einheiten- und Gebäudeerzeugung ein rasant schnelles Spiel ist. Das gilt vor allem für die Königsdisziplin: PvP. Im Kampf gegen Spieler laufen zu Beginn nicht selten zwei einsame Einheiten gegeneinander an.

Doch schon Sekunden später sind sie dann von unzähligen Kumpanen umringt, es wachsen Raketentürme aus dem Boden und eisige Wirbelstürme pfeifen durch die Lüfte. Innerhalb kürzester Zeit kann sich die triste Graslandschaft in ein episches Schlachtfeld verwandeln. Wer schon zu Beginn auf die falsche Karte setzt, hat keine Chance mehr.

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Gigantomanie – nicht kleckern, sondern klotzen – lautet die Devise. Wer allerdings zu schnell auf derart wuchtiges Kriegsgerät baut, wird meist im frühen Spiel von der Map gefegt.
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Das ist der Preis, den man dem durchaus ansprechenden schnellen Spielkonzept zollt. Denn nur wer sein Deck sorgfältig durchdacht hat, wird Erfolg haben können. Nur wer das Schlachtfeld bis ins Detail kennt und sich mit einer schnellen Einheit zielgenau auf das richtige Monument zu bewegt, die Mauer im richtigen Augenblick hochzieht und den Kampf dort gewinnt, wird siegen. In BattleForge entscheidet nicht so sehr das Mikromanagement während der Schlacht, sondern die Planungsarbeit vor und nach dem Spiel.

Never change a winning team

Umso wichtiger ist es, sich die Wiederholungen der Scharmützel anzusehen, um daraus zu lernen. Denn nur so lassen sich einerseits Fehler in Zukunft vermeiden und andererseits die wirksamen Tricks der Gegenseite übernehmen. Für eingefleischte Echtzeitprofis ist so etwas Routine, für den Durchschnittsstrategen ist es ein Gräuel.

Wer ohne Clan und schlagkräftige Freunde in BattleForge ankommt, sollte sich schnell um Anschluss bemühen. Nur ein Team kann den Frust mindern und die Lust am Perfektionieren wecken, die man entwickeln muss, um bei BattleForge langfristig am Ball zu bleiben.

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Masse statt Klasse? Der nächste Eistornado wird diesem 'Gezerge' garantiert ein Ende bereiten.
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Doch in dieser Hinsicht wird auch bei Phenomic noch nachgebessert. Man verspricht neue Szenarien und Inhalte nachzuliefern – kostenlos sogar. Allerdings lässt sich an dieser Stelle bereits erahnen, dass mit neuen Inhalten auch neue Karten ins Spiel kommen werden. Die möchte man als passionierter Spieler natürlich besitzen und spätestens hier sind dann eben doch die knapp 20 Euro extra fällig.