Battlefield: Hardline hatte wohl die brutalste Enthüllung, die einem Entwickler widerfahren kann. Die Beta wirkte wie ein SWAT-Mod für Battlefield 4 und exakt zum Zeitpunkt der Enthüllung im ehrwürdigen Orpheum Theatre wurde Los Angeles von einer heftigen Schießerei zwischen SWAT-Spezialeinheiten des L.A. Police Departments und einer Drogenbande erschüttert. Amerikanische Polizisten verloren an diesem Tag ihr Leben und die US-Presse zerriss Electronic Arts und die Dead-Space-Macher von Visceral Games für das Zelebrieren von militärisch aufgerüsteten Gangs, die in einem L.A.-Szenario Cops in Hinterhalte lockten, mit Raketen Einsatzwagen in die Luft jagen und ein virtuelles Blutbad unter SWAT-Einheiten anrichteten.

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Wir wollen hier jetzt nicht das ganz große Fass aufmachen und über die von einigen Journalisten doch recht stark konstruierten Parallelen zwischen der echten Welt und einem Videospiel streiten. Lasst uns stattdessen über das Gameplay reden. Über interessante Einflüsse von Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain und Batman: Arkham Knight, ein erstaunlich ordentliches Drehbuch aus der Feder von „The West Wing“-Chefautorin Wendy Calhoun und überzeugende Leistungen von Schauspielern aus Sons of Anarchy, Justified, Warehouse 13 und The Shield - denn wir konnten Hardline jetzt erstmals mehrere Stunden selbst in der Kampagne spielen. 



Die Geschichte ist eine intelligent strukturierte „Good Cop/Bad Cop“-Angelegenheit und dreht sich um Intrigen, Verrat, falsche Freunde und das große Geld. In der ersten Szene rollt ein schweres Eisentor zur Seite, Nick Mendoza und Partnerin rollen durch die weniger schönen Viertel von Miami und treffen auf eine Polizeistreife des Miami Police Departments. Die nehmen gerade einen Dealer fest; der tauscht nur vielsagende Blicke mit Mendoza aus.

Battlefield Hardline - Huch, was ist denn hier passiert?

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Nicht ganz die Produktionsqualität von Call of Duty: Advanced Warfare, aber nah dran. Die CGI-Sequenzen sehen richtig gut aus.
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Der Detective steckt tief drin im Milieu und wie man das so aus diversen Hollywoodstreifen kennt, holt er die Jungs für die Drecksarbeit schnell wieder aus der Zelle und bekommt dafür Informationen für den nächsten großen Deal geliefert. Generell nimmt sich Visceral Games viel Zeit, seinen Protagonisten aufzubauen. Einen Cop, der gelernt hat, das Spielchen aus „Eine Hand wäscht die andere“ für sich zu nutzen. 


Nick Mendoza: ein Charakter mit Profil

Sein Charakter entwickelt eine gewisse Tiefe und hat einen Hintergrund. Seine Familie kommt aus Mexiko, er ist im Drogenmilieu aufgewachsen, hat irgendwann den Absprung geschafft, aber nie die Traumkarriere hingelegt, die er sich so vorgestellt hat. Generell will Visceral das schlechte Story-Image der Battlefield-Reihe aufpolieren. Einen Oskar wird das Team dafür nicht gewinnen, die Geschichte hat aber durchaus Struktur und entwickelt während seiner zwölf Episoden eine gewisse Dramaturgie.

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Interessante Idee: Wer Gangster festnimmt, erarbeitet sich Good-Cop-Boni. Dabei hilft die Polizeimarke, die zumindest bei diesen Jungs hier Eindruck schindet.
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Serien wie The Shield dienen als klares Vorbild. Sendungen also, in denen knallharte Cops das Sagen haben, die auf der Straße schon viele Kollegen verloren haben, mitunter ein bisschen verbittert sind und durchaus auch mal über die Strenge schlagen. Mendoza erkennt schnell, dass Polizisten nicht so arbeiten wie in Police Academy, sondern alles über Informanten, Bestechung und schmutzige Details im dunklen Kämmerlein abläuft.

Nach all der harten Kritik trumpft Battlefield: Hardline mit gut erzählter Geschichte, interessanten Schleichkonzepten und einer künstlichen Intelligenz auf, die weiß, wie viele Schrotkugeln ein Holztisch aushält. 
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Schauspieler Nicholas Gonzalez (Sleepy Hollow) ist jetzt kein Kevin Spacey, spielt die Rolle des in sich zerrissenen Cops aber sehr ordentlich. Generell gibt es erstaunlich viel Screentime um alle Charaktere aufzubauen - das erinnert ein wenig an die Machart von 24. Die erste Hälfte ist noch recht klassisches „Good Cop/Bad Cop“-Geschäft, in der zweiten jedoch überschlagen sich die Ereignisse, schalten sich Maulwürfe bei der Polizei ein, gehen Festnahmen schief und werden Mendoza sowie seine Partner plötzlich vom FBI, der Drogenbehörde DEA und einem Drogenkartell gejagt.



Polizei-Marke hochrecken, Kleinkriminelle festnehmen
Sich als Bundesagent erkenntlich zu zeigen ist eigentlich in den meisten Serien ein Running-Gag für eine Person, die gleich erschossen wird. Wer die letzte „24: Live Another Day“-Staffel gesehen hat, wird sich sicherlich noch an jene Situation erinnern, in der britische Spezialeinheiten in einen Gebäudekomplex vordringen, in dem CIA-Agentin Kate Morgan gefoltert wird. Just in jenem Moment, wo sich der Gruppenführer vor offensichtlich schwer bewaffneten Terroristen als SAS-Agent zu erkennen gibt, wird er erschossen. Visceral macht daraus ein Gameplay-Feature.

Wenn ihr als Detective Mendoza eure Marke hochreißt, verwirrt das Kleinkriminelle, Handlanger und andere weniger ambitionierte Schergen genug, um zu ihnen zu eilen und sie festzunehmen. Doch Vorsicht ist geboten: Als wir beim Anspieltermin versuchten, mehrere Ganoven gleichzeitig dingfest zu machen, tauchte ein sich füllender Balken auf. Die Polizeimarke hat also nur einen kurzen Effekt. Wer nicht schnell eingreift oder Verdächtigen mit der Waffe droht, verliert den Respekt der Gangster. Bemerken die zudem, dass Nick nicht bereit ist zu schießen, büchsen sie entweder aus oder eröffnen selbst das Feuer. Generell operiert Battlefield: Hardline ein wenig wie Metal Gear Solid 5: je weniger ihr tötet, desto mehr Geld für Hightech-Gadgets fließt auf euer virtuelles Bankkonto.

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Die Areale sind weitläufig, die Möglichkeiten umfangreich. Ihr könnt die Gegend ausspähen wie in MGS 5“, schleichen oder ballern.
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Eure Entscheidung: Vorgehen wie in 24 oder CSI: Miami
Generell lässt euch Hardline fast immer die Wahl, wie ihr spielen wollt. Ihr könnt den guten Bullen mimen, ergo auf zu viele Leichensäcke verzichten und mit Tazer-Munition arbeiten. Diese Variante ist sehr schleichintensiv. Inspiriert von Splinter Cell arbeitet Visceral mit hackbaren Kamera-Ansichten, Abhör-Geräten auf höhere Distanz und sogar einigen Fallen. Die müssen wir uns allerdings erst mit „Good Cop“-Punkten erarbeiten.

Die Schleichmechanik funktioniert doch erstaunlich gut mit Sicht- und Hörkegeln von unterschiedlichen Feindtypen auf einer Mini-Karte. Der tumbe Handreicher von nebenan schert sich dabei weniger um Geräusche als gut bezahlte, top ausgebildete Söldner.
Hardline ist dabei nicht ganz so anspruchsvoll wie Hitman: Absolution oder Splinter Cell: Blacklist, aber es ist doch nett, nicht immer nur ballern zu müssen, sondern auch mal ein bisschen den Kopf anzustrengen.

Versperrt uns in einer Gasse ein Wachmann den Weg, könnten wir ihn abknallen, erhalten dann aber nicht die benötigten Good-Cop-Punkte. Oder wir suchen die Umgebung ab, finden eine abgefeuerte Patronenhülse und schmeißen die in die entgegengesetzte Laufroute des Bösewichts. Der blickt sich um, wir pirschen uns an, treten ihm die Beine weg und legen ihm Handschellen an.


Na huch: knackiger Schwierigkeitsgrad, smarte K.I.
Wer keine Lust auf Schleicherei hat, kann aber auch mit der Pistole Kopfschüsse verteilen, schaltet so Sturmgewehre, Granat- und Raketenwerfer sowie Minen und allerlei anderes aggressives Spielzeug frei. Allerdings haben wir nicht schlecht gestaunt, wie viel die Jungs aushalten. Wo ihr in Battlefield 4 noch ganze chinesische Armeen im Dauerlauf ausradiert habt, sind große Feuergefechte gegen mehrere Gegner in Battlefield: Hardline jetzt ein echter Gewaltakt.

Die K.I. hat richtig viel dazu gelernt, nutzt Räume taktisch, versperrt Fluchtrouten und gibt sich gegenseitig Feuerschutz. Einmal räuchern uns Spezialeinheiten richtig aus. Sie werfen Gasgranaten, damit wir unser gut geschütztes Versteck verlassen müssen, warten auf den richtigen Moment und zack, liegen wir mit einer Kugel im Kopf in unserer eigenen Blutlache. Die K.I. ist in den höchsten Schwierigkeitsgraden zudem gefühlt deutlich besser vorbereitet auf die Möglichkeiten der Frostbite-Engine.

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Die Gesichter glänzen etwas zu stark und könnten natürlich wirken, ansonsten ist die Grafik mit ihren Rauch- und Partikeleffekten aber ansehnlich.
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Gehen wir hinter Holztischen in Deckung, wechseln die Truppen auf SPAS-12-Schrotflinten, die unsere Deckung ganz schnell in einen Schweizer Käse verwandeln. Wir selbst können uns die physikalisch korrekte Berechnung von Stoffen zunutze machen. Feuern wir mit einer Schrotflinte auf ein Sofa, wirbeln die Stofffetzen durch den ganzen Raum, nehmen Gegnern die Sicht und geben uns genug Zeit in eine bessere Position zu springen oder den Raum zu umgehen. Steht ein Scherge vor einer Holztür, durchlöchern wir das Ding einfach mit entsprechendem Kaliber.



Detektiv spielen wie in Batman: Arkham Knight
In einer interaktiven Zwischensequenz lernen wir eines der wichtigsten neuen Gadgets aus Battlefield: Hardline kennen: die Nachtsichtkamera. Mit ihr markieren wir Feinde auf der Karte und dem HUD; so gleichen wir Gesichter von Verdächtigen mit der Polizeidatenbank ab. Finden wir einen per Haftbefehl gesuchten Kriminellen und nehmen ihn fest (mit Handschellen, ohne Kugeln), kassieren wir einen üppigen Bonus, mit der wir unsere Ausrüstung in mehreren Stufen aufwerten.

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Knackige K.I.: Besonders die SWAT-Spezialeinheiten stecken eine Menge Kugeln ein, gehen organisiert vor und räuchern uns auch gerne mal aus. 

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Die Kamera ist aber auch sonst gut in Schuss. Mit einem Richtmikrofon können wir Unterhaltungen abhören, so Beweismaterial sichern. Am Ende der ersten Mission schicken wir einen Lockvogel in ein Drogenversteck. Er soll dem Oberboss ein Geständnis aus den Rippen ziehen. Doch etwas geht schief, ein Gangkrieg beginnt – trauriger Alltag in Amerikas heruntergekommenen Vororten. Als sich der Staub legt und wir die Drogenhölle hochnehmen, muss die Kamera wieder her. Mit ihr suchen wir mehrere Räume nach Beweismitteln ab, die genau wie in Batman: Arkham Knight erst auftauchen, wenn wir den Detektiv-Modus aktivieren.

Am Anfang des Spiels machen es uns die Macher noch leicht: Die gesuchte Geldtasche, ein Büchlein mit Notizen und ein PC stehen alle im selben Raum. Später wird es aber umfangreicher. Dann kann sich ein solcher Fall schon mal über mehrere Missionen ziehen. Übersieht man das erste Beweisstück in einer vorangegangenen Episode, ist die komplette Ermittlung hinfällig. Das Meta-Feature gibt der Kampagne einen Handlungsrahmen, der einem oft optionale Nebenziele vorgibt. Das verleiht dem Krimi eine schöne Tiefe. Cool gemacht!