Räuber und Gendarm – wer hat das als Kind nicht gern gespielt? Na gut, als ich noch ein Kind war, ist man zum Spielen oft und gerne nach draußen gegangen. Heute mag das anders sein. Aber dafür gibt es ja dann Spiele wie Battlefield Hardline, die dem einen Kindheitserinnerungen zurückbringen, dem anderen vielleicht erlauben, eher ein packendes Kino-Erlebnis nachzuzocken. „Hardline“ kann beides sein, aber ist es auch mehr als eine schnöde Erweiterung von Battlefield 4?

Ich beginne mal mit dem, was meiner Ansicht nach für die meisten Leser hier am unwichtigsten ist: der Einzelspieler-Modus. Er hat mich überrascht – positiv, wie negativ. Zum einen ist er spielerisch anders, als ich gedacht hätte. Gut, dass sich aufgrund des neuen Szenarios etwas ändern musste, war klar. Doch Entwickler Visceral Games hat tatsächlich einen Paradigmenwechsel vorgenommen. Statt militärischer Haudruff-Einsätze mit Soldaten aus dem Action-Baukasten versucht man einen zusammenhängenden Plot im TV-Serien-Format auf die Beine zu stellen. Die erste Überraschung ist, dass das sogar ziemlich gut funktioniert. Die Charaktere besitzen jetzt zwar keine übermäßige Tiefe und Komplexität. Als Serienhelden erfüllen sie ihren Zweck aber ganz ordentlich. Die elf Missionen erlebe ich mit allem Drum und Dran einer Serie – inklusive „Was bisher geschah“-Videos und meist unterhaltsamen Zwischensequenzen.

Sam Fisher meets Batman

Die zweite Überraschung ist der Spielablauf. Statt Dauergeballer setzen die Entwickler in Hardline auf einen Art Schleich-Shooter. Dabei guckt sich Visceral bei einer Reihe moderner Genre-Vertreter Features ab – etwa das Markieren von Feinden via Scanner, was auch durch Wände hindurch funktioniert. Oder das Sammeln von Beweismitteln, für den ebenfalls der Scanner herhält. Interessant ist die Option, Gangster nicht direkt umzunieten, sondern sie festzunehmen.

Battlefield Hardline - Der neue Battlefield-4-DLC im Test! Moment...

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Der Einzelspieler-Modus ist der beste, den es je in einem Battlefield gab. Auch wenn das nicht viel heißen mag.
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Erschieße ich sie, sacke ich keine Punkte ein. Zücke ich meine Dienstmarke und mache sie unschädlich, rattern satte Zähler auf mein Konto, womit ich neue Gadgets und Waffen freischalte. Mit vorgehaltener Dienstmarke kann ich bis zu drei Verbrecher gleichzeitig für eine gewisse Zeit in Schach halten, um sie nacheinander abzufertigen. Das ist anfangs ganz cool, bald aber zeigen sich auch die Schwächen dieses Systems.

Zum einen merkt man ziemlich schnell, wie dumm sich die KI dabei verhält. Das betrifft sowohl meine Cop-Kollegen des Miami Police Department, die meist eh nur gedankenlos in der Gegend rumstehen und mir mehr recht als schlecht Deckung geben, als auch die Kriminellen. Obwohl mein Held Nick Mendoza bei jeder Festnahme durch lautes Rufen auffällt, interessiert das nur wenige Meter davon entfernt stehende Kumpane nicht die Bohne. Sie quatschen weiter miteinander oder latschen stoisch ihren Weg ab.

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Kollegen wie die Nahkampfexpertin Khai Minh Dao sind dabei in der Regel nur Staffage, die für die Atmosphäre und das Erzählen der Geschichte wichtig sind. Ihre Schüsse haben aber praktisch keine Wirkung auf herbeistürzende Feinde. Nachdem ich Maximalstufe 15 erreiche, ist Schleichen de facto obsolet, denn Punktesammeln bringt mir ab diesem Moment keine weiteren Vorteile – da muss man dann keine falsche Rücksicht mehr nehmen. So wird die Polizeiarbeit, inklusive einer oberflächlichen Beweisstücksuche, ad absurdum geführt. Es bleibt ein spielerisch wie inhaltlich interessanter Ansatz, der nicht konsequent und überzeugend zum Abschluss gebracht wird.

Packshot zu Battlefield HardlineBattlefield HardlineErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Optisch basieren übrigens sowohl Einzel- als auch Mehrspieler-Modus auf der Battlefield-4-Engine. Das sieht häufig gut aus, bahnbrechend ist die Grafik aber sicher nicht, zumal es neben hübschen Lichteffekten auch etliche eher hässliche Abschnitte in Betonbunkern gibt.

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Die Entwickler inszenieren das Geschehen als TV-Serie und machen das gar nicht mal schlecht.
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Der Mehrspieler-Modus ist spielerisch aus einem anderen Holz geschnitzt. Das prinzipielle Battlefield-Feeling ist trotz des neuen Szenarios zwar erhalten geblieben, vor allem spielerisch ist Visceral aber sehr nah dran an BF4. Was jedoch schnell auffällt, sind die kompakten Maps, das Fehlen schweren Geräts (also zum Beispiel Panzer, Jagdflugzeuge) und der neue Hacker-Modus.

Insgesamt bringt Hardline beim Start sieben Modi mit, davon sind aber nur fünf komplett neu: Domination und Conquest kennt man aus der Vergangenheit. Bleiben Heist, Blood Money, Hotwire, Rescue und Crosshair. Deathmatch gibt es außerdem obendrauf.

Packende Magerkost

Ich fange mal bei den zwei Letztgenannten an, weil ihr sie noch nicht aus dem Beta-Test kennt. Beide Modi sind vor allem auf E-Sport zugeschnitten und verströmen am wenigsten das gewohnte Battlefield-Flair. Sie werden auf sehr kleinen Kartenausschnitten der neun mitgelieferten Maps in 5-vs-5-Teams ohne Respawn (aber MIT Wiederbelebung!) gespielt. Bei Rescue geht es darum, dass die Gangster eine Rettung der Geiseln durch die Cops verhindern sollen. Kennt man ja so ähnlich auch von Counter-Strike. Das spielt sich äußerst taktisch, allein schon deshalb, weil die Karten oft nur wenige Zugänge zu den Gekidnappten bieten. Die Teams müssen intensiv miteinander kommunizieren, damit die Einsätze nicht im Desaster enden. Schön flott und spannend, so mein Eindruck.Werde ich mit guten Kollegen gerne zocken, ist aber für Pick-up-Groups eher weniger geeignet.

Hardline bietet viel Licht, aber auch Schatten und ist eher eine große Erweitung als ein eigenständiges Spiel.Fazit lesen

Enttäuschend ist für mich dagegen Crosshair. Einer der fünf Spieler in einem Team wird als VIP auserkoren und muss von seinen Kumpels beschützt werden, bis er sich ins Ziel rettet. Doch die Runden sind meist superschnell beendet, weil es den VIPs oft gelingt, einfach durchzurennen, noch bevor sich eine Verteidigung etablieren kann. Gut möglich, dass der Modus erst mit der Zeit sein wahres Potenzial entfaltet – die Entwickler sagten im Gespräch mit gamona, dass der VIP viele Möglichkeiten habe, das Schlachtfeld zu manipulieren und neue Wege zu öffnen bzw. spezielle Waffen zu beschaffen. Genutzt hat das aber bislang noch kaum jemand.

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So richtig zur Sache geht's erst im Online-Modus. Es ist immerhin ein Battlefield - was habt ihr erwartet?
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Den Kern des Hardline-Mehrspieler-Modus bilden somit im Prinzip nur drei neue Modi, wobei Heist die Rolle am besten und intensivsten ausfüllt. Hier habe ich greifbar das Gefühl, an einem heftigen Gefecht teilzuhaben, an einem Überfall auf eine Bank oder ein Anwesen. Eine Armee von Schwerverbrechern versucht der Kohle habhaft zu werden, die Cops wollen sie daran hindern. Gerade die Bank-Job-Map oder auch „Downtown“ sind ideale Umgebungen, die mich an Filme wie Heat erinnern.

Harte Schusswechsel, mitten auf der Straße: Glas geht zu Bruch, Autos explodieren, Scharfschützen auf den Dächern – einfach klasse!. Da vermisse ich weder Panzer noch Kampfhelis; hier geht es um reine Dominanz der Infanterie. Die greift zwar im Vergleich zu Battlefield 4 auf ein relativ eingeschränktes Waffenarsenal zu, aber ehrlich gesagt ist das nicht so dramatisch, wie es von einigen dargestellt wird. Zumal sich schlagkräftige Waffen auch finden oder freischalten lassen. Und so ein plötzlich „hervorgezaubertes“ LMG kann den Gegner zumindest für kurze Zeit beeindrucken.

Blood Money hat einen völlig anderen Ansatz, spielt sich eher wie Capture the Flag. Beide Seiten versuchen, aus einem Geldvorrat Kohle zu klauen und in ihrem Depot abzuliefern. Die Situation ist unberechenbarer, weil das Gefecht auf mehrere Zentren verteilt ist und nicht, wie in Heist, auf ein Gebiet konzentriert ist. Auch kommen mittelschwere gepanzerte Fahrzeuge und Helis zum Einsatz, was das hin- und herwogende Geschehen, mit herumschwirrenden Geldscheinen bei Abschüssen von Geldräubern, noch zusätzliche Würze verleiht.

Action satt

Hotwire mag der umstrittenste neue Modus sein. Im Prinzip geht es gar nicht so sehr um reine Kills, man kann die Runde am Ende auch gewinnen, wenn man niemanden erschießt oder sogar eine hundsmiserable Kill Death Ratio vorzuweisen hat. Gepunktet wird nämlich vorwiegend damit, dass bestimmte Wagen möglichst lange ohne Unterbrechung gefahren werden. Um diese streiten die Kontrahenten, weil so die feindliche Ticketzahl reduziert wird.

Es ist schon ziemlich lustig, was dabei so alles geschieht: Mehrere Leute lehnen sich bei voller Fahrt aus dem Auto und versuchen, verzweifelt davonrennende Gegner abzuknallen (oder umzufahren) oder Vehikel der Konkurrenz hochzujagen. Dabei muss man ständig aufpassen, nicht selbst zum Ziel zu werden oder in eine Sprengfalle zu donnern. Hotwire sollte man als das nehmen, was es ist: ein Fun-Modus, der kaum etwas mit dem ursprünglichen Battlefield zu tun hat, aber dennoch ungemein unterhaltsam sein kann. Wenn man jedoch versucht „klassisch“ zu spielen, wird man eher weniger Spaß haben.

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Die verschiedenen Mehrspieler-Modi sind abwechslungsreich und insgesamt sehr unterhaltsam.
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Und sonst so? Visceral hat, wie beschrieben, an der spielerischen Battlefield-Linie kaum etwas geändert. Stattdessen hat sich das Team auf Details konzentriert und trifft dabei durchaus ins Schwarze. So kann ich mir Munition und Heilung direkt von Kameraden schnappen, muss nicht auf eine Zuweisung des Heil- oder Munitionspakets warten, sehe Respawn-Timer für Fahrzeuge oder die verbleibende Zeit für eine Wiederbelebung und bekomme die Anzahl der belegten Plätze in Gefährten angezeigt. Man sieht außerdem, welche Klassen die Squad-Kumpels ausgewählt haben. Das sind alles nette kleine Ergänzungen, die das Spielerlebnis runder machen, aber keine grundlegenden Änderungen lostreten.

Ein paar Worte noch zum Hacker: Pro Team kann sich ein Spieler als Hacker verdingen und die Geschicke aus dem Hintergrund lenken/manipulieren. Das ähnelt ein wenig der Rolle als Commander, nur dass man hier keine Raketen regnen lässt, sondern Kameras freischaltet, seine Mitspielern einen Boost verleiht, ihren GPS-Sender verstärkt (oder den gegnerischen stört), Respawn-Zeiten reduziert oder Gasattacken aktiviert. Dabei können sich durchaus interessante Duelle mit dem feindlichen Hacker entwickeln, auch wenn ich mir etwas mehr Durchschlagskraft eigener Attacken durch Geschütze o.ä. wünschen würde.

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Bleibt die Frage: Geht Hardline wirklich als eigenständiges Spiel durch? Wir ziehen uns mit einem klaren "Jein!" aus der Affäre und überlassen euch die Entscheidung.
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Battlefield-4-Veteranen werden Levelation kennen: Level-Events wie zusammenstürzende Häusern oder Tsunamis, die Einfluss auf das Geschehen nehmen. Das gibt's erneut, allerdings müssen deutliche Einschränkungen hinsichtlich der Zerstörungsmöglichkeiten hingenommen werden. Das ist schade, denn auch davon lebt Battlefield – neben dem Bombastsound war das eines der Highlights der letzten Jahre. Die Soundeffekte können sich übrigens auch in Hardline absolut hören lassen, sogar die häufigen Probleme beim Levelstart hat Visceral beseitigt. Dafür ist aber ein neues Problem aufgetaucht: Während meines Tests hatte ich mit gelegentlichen Soundaussetzern zu kämpfen, die hoffentlich beim Start des Spiels nicht mehr auftreten.

Apropos Probleme: Neben den Sound-Bugs traten einige kleinere, nicht reproduzierbare Fehler auf. So konnte ich mich manchmal nicht aus einem Wagen lehnen, auch Verbindungsabbrüche traten sporadisch auf. Nach den negativen Start-Erfahrungen mit BF4 sollte man den Beteuerungen einer technisch sauberen Veröffentlichung seitens Visceral mit einer gesunden Skepsis begegnen, bis das Gegenteil bewiesen ist.