Wenn es nach Vorbestellungen ginge oder gar Youtube-Likes, wäre die Machtverteilung im Kampf um die Shooterkrone in diesem Jahr bereits vorab entschieden: Battlefield 1 hat im Vergleich mit Call of Duty: Infinite Warfare klar die Nase vorn. Aber so einfach ist es dann doch nicht: Nur weil Dice das Setting diesmal – ob aus eigenem Antrieb oder mit Blick auf die Fans – tatsächlich eine Abkehr von den modernen Kriegsschauplätzen vornimmt, muss das Spiel noch lange nicht das Nonplusultra sein. Wie gut es wirklich geworden ist, haben wir in einem intensiven Test herausgefunden.

Battlefield 1 - Fahrzeuge3 weitere Videos

Wenn es um Triple-A-Shooter geht, sind die Lager meist gespalten: die einen interessieren sich nicht für den Einzelspielermodus, wollen ganz asketisch nur den Mehrspielermodus zocken. Die andere Seite hat keinen Bock auf Online-Mehrspielerkrams. Aus wirtschaftlicher Sicht scheint es jedoch nur eine Meinung zu geben: Ein Shooter, der keinen Singleplayer anbietet, wird sich nicht gut genug verkaufen, um in die absolute Spitze vorzudringen. Aktuelle Beispiele: Titanfall oder Evolve (Ausnahmen wie Overwatch bestätigen die Regel). Warum ich hier so weit aushole? Battlefield hat in diesem Bereich traditionell Schwächen gehabt und konnte nie an die Blockbuster-Inszenierung des großen Konkurrenten heranreichen.

Battlefield 1 - Was ist das für 1 Krieg?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 29/331/33
Eine lineare Kampagne gibt es nicht, stattdessen setzt Dice auf eine episodische Erzählung.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Anno 2016 soll das anders werden. Punkten will Dice unter anderem mit einem frischen Szenario: Der Erste Weltkrieg dient als Vorlage, die tatsächlich in den letzten Jahren in diesem Genre kaum thematisiert wurde. Allerdings nimmt man sich die künstlerische Freiheit, es mit der historischen Korrektheit nicht allzu ernst zu nehmen. Etliche verwendete Waffensysteme hat es so im Großen Krieg nicht gegeben. Diese Entscheidung ist wohl der Tatsache geschuldet, dass es den Gefechten ansonsten an der nötigen Rasanz fehlen würde. Die Kampagne leidet jedenfalls nicht unter diesem Design-Kniff, denn eine ernst gemeinte Auseinandersetzung mit der ersten Ursünde der modernen Gesellschaft findet nur oberflächlich statt. Und das noch dazu in einem patriotisch angehauchten Soldaten-Pathos, der ziemlich überflüssig ist.

Packshot zu Battlefield 1Battlefield 1Release: PC, PS4, Xbox One: 21.10.2016 kaufen: ab 51,99€

Die Kampagne ist nicht als lineares Kriegsabenteuer aufgemacht, in deren Mittelpunkt sich ein Held befindet. Vielmehr hat Dice das Ganze in fünf unterschiedliche Kapitel aufgeteilt, die an verschiedenen Schauplätzen und mit verschiedenen Protagonisten spielen. Es sollen Einzelschicksale aufgezeigt und Emotionen für die Soldaten geweckt werden. Auch wenn die Idee an sich prinzipiell interessant ist, funktioniert sie hier nicht wie gewünscht: So richtig wird man mit ihnen nicht warm, kann sich nicht wirklich mit den Personen identifizieren. Dazu sind die Abschnitte zu kurz (ca. je 90 Minuten), die Handlung zu fragmentiert.

Kaum habe ich die Panzer-Missionen mit einem zum Helden werdenden Rookie absolviert, wirft man mich in eine rührselige Pilotengeschichte, schickt mich als Meldegänger (Scharfschütze) mit einem toughen Veteranen auf Tour oder lässt mich an der Seite von Lawrence von Arabien in der Arabischen Wüste gegen die Osmanen kämpfen. Doch nichts davon besitzt wirklich Tiefe, um einen mitzureißen. Es gibt selten denkwürdige Momente oder gar epische Schlachten, an denen man teilnimmt. Zwar hat man durchaus oft die Wahl, wie man die Aufgabe auf den halb-offenen Karten lösen will. Doch meist sind es nur kleinere Scharmützel. Anstatt mitgerissen zu werden, habe ich vielmehr oft das Gefühl, in einem überlangen Tutorial festzuhängen. Erobere ich Stellungen, wird das im Stile des Mehrspielermodus inszeniert.

Battlefield 1 - Was ist das für 1 Krieg?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 29/331/33
Die tolle Grafik kann einen schon aus den Stahlsocken hauen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dice verlässt sich dabei zu sehr auf die hervorragend gestalteten Zwischensequenzen und die Bombastgrafik. Inhaltlich ist die Einzelspielerkampagne aber eher eine mittlere Enttäuschung. Auch spielerisch fehlt irgendwie der Punch – zu oft muss man schleichend die gegnerischen Linien infiltrieren, anstatt sich mit Getöse ins Getümmel zu stürzen. Oder man nimmt lediglich Stellungen ein oder verteidigt sie. Das größte spielmechanische Ärgernis sind aber definitiv die strunzdummen KI-Soldaten, die oft genug wie kopflose Hühner übers Schlachtfeld rennen.

Im Mehrspielerbereich ein Fest, für Solisten jedoch (mal wieder) eine kleine Enttäuschung.Fazit lesen

Klasse statt Masse

Im Mehrspieler-Modus bietet sich uns aber zum Glück ein ganz anderes Bild, hier liefert Dice tatsächlich exzellente Arbeit ab – wobei es aber ein wenig an Risikofreude und Innovationskraft fehlt. Die überwiegende Mehrheit der riesigen Maps besitzen ein hervorragendes Layout und sind mit extrem viel Liebe zum Detail gestaltet. Die Grafik ist allererste Sahne und bietet wohl die Spitze des technisch im Rahmen eines derartigen Massenprodukts Machbaren. Meine Güte, was da alles los ist – insbesondere die Häuserkämpfe auf der Amiens-Map sind enorm intensiv.

Die Akustik ist erneut über alle Kritik erhaben, Dice liefert wieder ein vortreffliches Soundgewitter ab. Und auch das Wettersystem ist hervorragend ins Spiel integriert und sollte nicht unterschätzt werden: Wer als Scharfschütze auf Opfer wartet und von einem Sandsturm oder dichtem Regen/Nebel überrascht wird, wird nach einem Respawn zumindest zeitweise auf eine andere Klasse umsatteln wollen, weil die Sichtweite einfach zu eingeschränkt ist.

Battlefield 1 - Was ist das für 1 Krieg?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 29/331/33
Die Wettereffekte können sich wirklich sehen lassen – der Durchblick kann da schon leiden …
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Apropos Klasse: Die Entwickler haben hier keine allzu großen Überraschungen parat. Neben dem Späher stehen noch Sanitäter, Sturmsoldat und Versorgungssoldat zur Verfügung – alle mit eigenen Waffensystemen und zig freischaltbaren Ausrüstungsgegenständen. Neu ist: Wer beim Respawn direkt in einen Flieger oder Panzer einsteigt, wird einer eigenen Klasse zugeordnet (Pilot oder Panzerfahrer). Einen besonderen Einfluss auf den Spielfluss hat das meiner Meinung nach aber nicht.

Es gibt eigentlich nur zwei neue Modi. Die Operationen hat Dice bei sich selbst abgeguckt: Wer den aktuellen DLC zu Star Wars Battlefront (Todesstern) kennt, weiß, was ich meine: Hier wird im Prinzip der Eroberungsmodus als Basis hergenommen und ein größerer Konflikt simuliert, der sich über zwei bis drei Maps erstreckt. Beide Parteien müssen dabei versuchen, in Angriff und Verteidigung erfolgreich zu sein, um am Ende der Serie als Gewinner dazustehen. Die Angreifer verfügen dabei nur über eine begrenzte Anzahl von Respawn-Tickets. Das ist nicht besonders einfallsreich, dennoch oft verdammt spannend.

Spielerisch habe ich davon abgesehen bei Battlefield 1 selten das Gefühl, in einer vollkommen anderen Epoche in die Schlacht zieht als noch bei Battlefield 4. Okay, es gibt Pferde, mit denen man ins Gefecht reiten kann. Doch das funktioniert eher mittelmäßig gut – denn meist ist man eher leichte Beute für die ganzen Schützen und Geschütze des Spiels. Wirklichen Einfluss auf den Spielablauf haben nur zwei Neuerungen: die Kampfkolosse (Behemoths) und die Elite-Kämpfer. Bei den Behemoths handelt es sich um riesige Kampfzeppeline, schwer gepanzerte Artillerie-Züge oder Schlachtschiffe, die nach der Hälfte Spielzeit dem jeweils zurückliegenden Team zur Verfügung stehen. Mit diesem Kriegsgerät, das von mehreren Spielern bemannt wird, lässt sich schwerer Schaden anrichten. Das gegnerische Team sollte unbedingt versuchen, die Behemoths auszuschalten, um nicht plötzlich ins Hintertreffen zu geraten.

Battlefield 1 - Was ist das für 1 Krieg?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 29/331/33
Wie in einem langen Tutorial lernt man in der Kampagne alles, was der Mehrspielermodus an Kenntnissen erfordert.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die Elite-Soldaten sind mit speziellen Waffen ausgestattet: Flammschütze, gepanzerter Wachsoldat mit Maschinengewehr und Tank-Killer mit mannshohem Snipergewehr. Ob ich mit den drei Elite-Kämpfern glücklich werde? Irgendwie sind sie schon sehr übermächtig – wenn man von ihnen überrascht wird, hat man kaum eine Chance zu überleben. Andererseits erhalten so vielleicht eher durchschnittliche Spieler die Möglichkeit, ein paar Erfolge auf dem Schlachtfeld einzuheimsen. Und dann ist da noch die Suche nach der Taube: Beide Teams versuchen in „Kriegstauben“ eine verschollene Taube auf dem Schlachtfeld zu finden. Wer sie ausfindig macht, bekommt die Möglichkeit, die Konkurrenten mit Artilleriebeschuss unter Feuer zu nehmen. Das ist ziemlich hektisch, macht aber durchaus Spaß. Davon abgesehen bietet Battlefield 1 nur noch die bereits bekannten Modi Rush, Vorherrschaft und Team-Deathmatch. Es beschleicht einen schon das Gefühl, dass hier weitere Inhalte für die bereits angekündigten DLCs zurückgehalten werden.

Die große Frage ist natürlich: Werden die Server stabil sein? Bislang gab es keine größeren technischen Vorkommnisse. Aber auch wenn der Early-Access-Zeitraum schon ziemlich gut besucht war, steht er sicher nicht stellvertretend für den richtigen Start in wenigen Tagen. Bei Star Wars: Battlefont gab es keine nennenswerten Probleme, deshalb kann man nur hoffen, dass Dice aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Im Test kam es zu vereinzelten Verbindungsabbrüchen während der Suche nach Spielen und nach den Matches gab es Verzögerungen bzw. wurde ich vom Server geschmissen, ohne dass jedoch die erzielten Punkte verloren gingen.