Heute vor hundert Jahren saßen so manche unserer Vorfahren im höllischsten Krieg fest, den die Welt bis dato je gesehen hatte. In Lazaretten und Spitälern, den Schützengräben Europas, den Ruinen der Front. Der Erste Weltkrieg, gekämpft von 1914 bis 1918, war der Krieg, der alle Kriege übertreffen und beenden sollte – bis, ungefähr zwei Dekaden später, das noch unglückseligere Sequel gestartet wurde. Jenes, gemeinhin bekannt als "Zweiter Weltkrieg" (SEHR originell!), kommt uns als Szenario im Hobby unserer Wahl auch sehr häufig unter. Der Erste Weltkrieg hingegen... nicht gar so oft.

Dass Battlefield 1 sich demnächst in dieses Gefilde vorwagt ist sehr interessant und, wenn auch nicht Pionierarbeit, doch eine Kuriosität, eine Seltenheit. Denn der Große Krieg gilt zu weiten Teilen immer noch als kaum versoftbar, obwohl das schon mehrfach passiert ist. Gründe dafür gibt es einige, und die meisten haben mit der Struktur und zeitlichen Positionierung des Krieges zu tun. Bevor wir also darüber reden, welche Spiele sich doch mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen, lasst uns kurz gucken, warum es der Konflikt bislang so schwer im Games-Bereich hat – und dazu müssen wir kurz darüber reden, wie er denn funktionierte.

Der Erste Weltkrieg forderte weniger Opfer als der Zweite Weltkrieg, zerstörte weniger Gebäude und beraubte Millionen statt mehrerer zehn Millionen ihrer Grundlage – doch in vielerlei Hinsicht hinterließ er noch tiefere Narben im Geist und auf der Karte Europas. Die Alte Welt hat sich von diesem Schock nie erholt.
Edmond Taylor, The Fossil Monarchies

Am einfachsten ist das wahrscheinlich zu erkennen, wenn man ihn mit dem bekanntermaßen tausendfach in Spielen verheizten Zweiten Weltkrieg kontrastiert. Zum ersten wären da die Kriegsparteien. Nichts liebt der Spieldesigner und auch der Konsument vor dem Rechner und Konsole mehr als ein gutes Feindbild. Und wenn es um historische Szenarien geht, gibt es eben nichts besseres als die Nazis. Ideologisch und in der Praxis in einem solchen Maße abartig und ablehnenswert, dass sie inhärent entmenschlicht scheinen, starke Feinde zudem, ästhetisch distinktiv und cool, zeitlich noch nicht lange her und insofern auch ein Mahnmal für die potentielle Barbarei des modernen Menschen – es gibt einen Grund dafür, warum so viele fiktive Bad-Guy-Armeen seitdem auf ihnen basieren. Der Rest der Achsenmächte, obwohl er oft in den Hintergrund rückt, macht als Feindbild ebenfalls einiges her.

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Im Ersten Weltkrieg war das alles etwas anders. Zwei komplexe Interessenblöcke, die Mittelmächte (Österreich-Ungarn und Deutschland) einerseits und die Triple Entente (Frankreich, Britannien und, bis zur Revolution, Russland) andererseits, jeweils nebst einer Unmenge alliierter Nationen und Verbänden, gerieten durch im Konflikt stehende globale Machtinteressen bewegt und durch ein politisches Attentat als Auslöser aneinander. Die ganze Sache war ein rechter Rudelbums aus plötzlichen Überfällen, Dutzenden von Kriegserklärungen bis ins späte Jahr 1918 hinein, Bündnis-Reaktionen und explosiven historischen Entwicklungen, in dem es ziemlich schwer ist, durchzusehen. Kurz gesagt: Hier einen "Bösen" auszumachen ist nicht leicht, und keine der beteiligten Fraktionen oder Nationen steht emblematisch als Bösewicht für den ganzen Konflikt.

Und die Art des Krieges war auch vollkommen anders. Zwar hat der Erste Weltkrieg eine eigene, wiedererkennbare Ästhetik, die sich für Spiele eignen würde, doch der Grad an Technologie, der verfügbar war, wie auch das Niveau der Militär-Doktrinen, stellte die Armeen damals und die Spieledesigner heute vor ein paar Probleme. Der Erste Weltkrieg, obwohl sich das je nach Front auch unterschieden konnte, ist bekannt für gewisse Taktiken und Strategien: Schützengräben, Giftgas, Artillerie, die Einführung von Panzern, Kampfflugzeugen und automatischen Feuerwaffen, um nur die bekanntesten zu nennen.

Der Erste Weltkrieg - Der nicht spielbare Krieg?

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Der Erste Weltkrieg hinterließ Narben, die nie wieder verschwanden.
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Das Problem lässt sich sehr stark vereinfacht damit zusammenfassen, dass sich Waffentechnologie und Kriegsführung im defensiven Bereich stark entwickelt hatten und offensiv hinterherhingen – und als sie dann offensiv aufholten, mit der Mobilität und Durchbruchskraft der neu erfundenen Panzer, entdeckte man zu spät den Aufwand an Logistik und Ressourcen, den ein mobiler Krieg in Sachen Nachschub und Vorstoß verschlingt. Als die ersten mobilen Taktiken eingesetzt werden konnten und sollten, die dann das Vorbild für den späteren Blitzkrieg der Wehrmacht darstellen würden, war es auch schon 1918 und der Krieg vorbei.

Das alles führte zu Stillstands- und Pattsituationen, in denen harte Fronten errichtet wurden, in denen Soldaten lange in Schützengräben saßen und eine von zwei Sachen machten: Entweder, sie taten gar nichts, oder sie starben. Zwischen den verfeindeten Schützengräben war das Niemandsland, eine tödliche Abschusszone, und wer von seinem Generalstab den Auftrag erhielt, es zu überqueren, war in der Regel der erste, der in die Maschinengewehre, den Mörserbeschuss, das Senfgas und Schafschützenvisiere rannte. Klingt nach Spaß?

Es war ein höllischer Krieg in einer historischen Übergangssituation, und es war ein Krieg, der den Beteiligten eine Menge über das neue Zeitalter verriet. Die ersten Kriegsflugzeuge waren unbewaffnet und nur zum Ausspähen, bis ein französischer Pilot ein MG an seine Kiste schnallte und die ersten deutschen Flieger vom Himmel holte. Das erste Giftgas wurde bald durch noch tödlicheres Gas ersetzt und das führte nach dem Krieg dann aus verständlichen Gründen gleich mal zum Verbot des Teufelszeugs. Und die harten Lektionen darüber, dass man eine Front trotz Panzern und ähnlichem nicht dauerhaft verschieben kann, wenn die Versorgungslinien nicht weit genug reichen, hatten wir schon angesprochen.

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