Man gewöhnt sich an alles, heißt es, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt man – und zwar völlig zu Recht. Diese Binsenweisheit streift nahezu jeden Lebensbereich, auch und gerade unser aller Lieblingshobby, das sich bisweilen mehr auf unsere Routine verlässt, als uns lieb sein kann. Wir haben uns mit DLC-Flickenteppichen abgefunden, damit aufgehört, Day-One-Patches zu hinterfragen und führen blutige Exekutionen aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Das ist verständlich, ja sogar menschlich – und sollte uns trotzdem nicht davon abhalten, unseren inneren Kompass gelegentlich neu auszurichten.

Ich spiele seit mehr als 20 Jahren. Im zarten Alter von drei Jahren drückte mir mein älterer Cousin grinsend seinen Ziegelstein-Game-Boy in die Hand, nicht ahnend, was er damit auslösen würde. Als Konsequenz dieser frühkindlichen Prägung waren die folgenden zwei Jahrzehnte gezeichnet von großer Leidenschaft und wenig Berührungsängsten: Konsolenkrieg-Gepolter war mir fremd, der Spaß an der Sache, das Austoben in fremden Welten das eigentliche Faszination. Infolgedessen und aufgrund der eher liberalen Einstellung meiner Eltern spielte ich, was mir eben in die Finger kam – völlig unabhängig davon, welche Alterseinstufung da auf dem Cover prangte. Gemeinsam mit Freunden verbrachte ich dutzende Nachmittage mit einem bestimmten Bond-Shooter auf dem Nintendo 64, bevor ich „Schambehaarung“ überhaupt buchstabieren konnte, änderte die Systemsprache meiner PlayStation 2, um die Köpfe der GTA-Passanten wie Luftballons zerplatzen zu lassen und war in dieser Hinsicht noch nie ein Kind von Traurigkeit. Viele von euch werden ganz ähnliche Geschichten erzählen können.

Diese voyeuristische Begeisterung für stumpfe Gewalt, die beinahe ausschließlich ihrer selbst willen zelebriert wird, legte sich freilich mit zunehmendem Alter, mein kühler Blick für Szenen dieser Art jedoch blieb. Wer nämlich innerhalb eines solchen Umfelds sozialisiert wird, blickt mit anderen Augen auf bestimmte Unterhaltungsmedien als Außenstehende. Obwohl wir alle dasselbe sehen, bewerten wir es aufgrund unserer persönlichen Erfahrungen völlig unterschiedlich – eine zwischenmenschliche Dissonanz, die uns allen etwa während der regelmäßig aufploppenden „Killerspiel-Debatte“ nur allzu schmerzlich bewusst wird.

In dieser Erkenntnis liegt – wie auch in den folgenden Zeilen – keine moralische Wertung. Vielmehr ist dieser Hintergrund wichtig, damit ihr dieser Kolumne, meiner Argumentation überhaupt folgen könnt.

Battlefield 1 - Battlefield 1 wird großartig, doch ich werde es nicht spielen

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Battlefield 1 mag Gewalt nicht zelebrieren, scheint aktuell aber auch nicht an einer reflektierten Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert zu sein.
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„Was tue ich hier eigentlich?“

Ohne viele Gedanken daran zu verschwenden, verabredete ich mich für vergangenen Freitagabend mit meinem früheren gamona-Kollegen und guten Freund Dom (der inzwischen für Gamespilot in die Tasten haut), um der geschlossenen Battlefield-1-Alpha auf den Zahn zu fühlen. Ein lose Übereinkunft, wie wir sie schon zigmal getroffen hatten: online treffen, gemeinsam zocken, über das Spiel und was-auch-immer schwatzen, eine gute Zeit haben. Nach einem kurzen E3-Quickie mit EAs Shooter im vergangenen Monat dachte ich vage zu wissen, was mich erwarten würde. Nach wenigen Minuten war klar: Ich wusste es nicht.

In dieser kurzen Zeitspanne sah ich, wie Soldaten hilflos im Kugelhagel zuckten, bevor sie leblos zusammensackten. Ich hörte angsterfüllte, verzweifelte Hilfeschreie und gutturales Gurgeln, nachdem dort, wo gerade noch die Kehle meines Feindes war, ein schwarz-rotes Loch klaffte. Brustkörbe wurden mit Bajonetten durchstoßen, Körper platzen wie mit roter Farbe gefüllte Wasserballons. Ich war auf der Suche nach Zerstreuung – und fand Krieg.

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Unweigerlich kamen die Zweifel: an dieser Form der Unterhaltung, an der Arbeit der Entwickler, an mir. Zum vielleicht ersten Mal in meinem Leben hatte ich ernsthafte Bedenken, den virtuellen Abzug zu betätigen, war in meiner Rolle als Spieler gehemmt, ohne dass dies die Intention des Spiels gewesen wäre. Moralische Zwiespälte sind dem Medium Videospiel nicht fremd: Spec Ops: The Line brachte sein Publikum ganz gezielt dazu, getroffene Entscheidungen zu hinterfragen, Telltales The Walking Dead war im Grunde gar ein spielgewordener Persönlichkeitstest. In diesen Fällen war es jedoch das ausgemachte Ziel der Entwickler, exakt diese Reaktionen hervorzurufen. Wir als Rezipienten wurden subtil manipuliert, vorsätzlich in extreme Situationen geworfen. In Battlefield 1 passiert dies einfach nebenbei, moralisches Hintergrundrauschen, wenn ihr so wollt.

Das Paradoxe: Battlefield kann überhaupt erst so grausam sein, indem es spielerisch und technisch nahezu wegweisend ist. Und damit wir uns nicht missverstehen: Das ist es. Dice leistet bislang absolut fantastische Arbeit, will die Grenzen des technisch Machbaren neu auslosten und wird uns in vier Monaten sehr wahrscheinlich den Shooter des Jahres kredenzen. Als Redakteur gibt es wenig, an dem ich hier zweifeln würde. Als Spieler sieht das schon anders aus.

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