Man kann über Gearbox viele Dinge sagen, einige mit nahezu überschwänglichem Lob und andere mit nicht unberechtigter Verachtung. Die Texaner produzieren unleugbar ein paar tolle Spiele und, ebensowenig von der Hand zu weisen, einigen wirklichen Schrott – hauptsächlich technische Scherbenhaufen, die wahrscheinlich günstig eingekauft wurden und die, selbst wenn man Geld investiert hätte, nicht mehr zu retten gewesen wären. So Duke Nukem. So Aliens: Colonial Marines. Wenn man dann noch einen Blick auf die dreiste DLC-Ausschlachtung ihrer erfolgreichen Titel wirft (an der allerdings Publisher 2K sicherlich seinen Anteil hat), darf man mehr als ein bisschen die Nase rümpfen.

Aber was man ihnen nicht unterstellen kann: dass sie faul oder unkreativ wären. Eine ihrer Stärken ist seit jeher, gut funktionierende spielerische Elemente aus verschiedenen Genres zu nehmen und zu einem tatsächlich funktionierenden Gesamtkonstrukt zu verschwurbeln, dessen Ergebnis sich keiner sonst auch nur im Fiebertraum hätte ausspinnen können. Andere Ideen verschwinden im auf der Theke ruhenden Kopf eines Säufers, Gearbox hingegen macht Spiele draus. "Ey (HICK!), lassch mmmal Weltkriegsch-Shoota müt taktischem Gruppenbefehlszeugsss mischen, wie in sonen Schtrategieschpielen! Kommt bestimm prall! (HICK!)".

Auch Platzhirsch Borderlands ist die Vermengung von FPS, Diablo-Loot und klassischen Skilltrees – konnte man sich am Anfang eher schwierig vorstellen, klappt aber, wie wir mittlerweile wissen, hervorragend. Was wir noch nicht wissen: Wird Battleborn, der neueste Streich der ulkigen Bande um Randy Pitchford, ebenfalls konzeptionell aufgehen?

Battleborn - Trailer6 weitere Videos

Nun, ich weiß es zumindest im Ansatz, da ich das Privileg hatte, das Teil schon spielen zu dürfen. Erst auf der Gamescom, kürzlich erneut. (Hier könnt ihr meine Battleborn-Vorschau lesen) Mein Urteil von damals hat sich noch verstärkt: Battleborn ist nahezu unmöglich zu erklären und es attraktiv klingen zu lassen erfordert einiges an Arbeit. Sobald man es in den Händen hält, klickt es aber – oder eben auch nicht, jedenfalls weiß man dann ganz genau, ob es das richtige Spiel für einen ist. Bei unserer Journalistenrunde allerdings blieb kein Auge trocken und kaum jemand konnte oder wollte sich vom Rechner reissen. Ein Eindruck, der sich auch andernorts widerspiegelt.

Battleborn - Besser als Borderlands, besser als MOBA?

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Das einzige Medium, in dem Battleborn noch schlechter zur Geltung kommt als in Erzählungen: stillstehende Bilder.
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Aber anstatt euch einfach nochmal denselben Eindruck in grün vorzukauen, wollen wir doch mal einen Blick darauf werfen, wie sich Battleborn im direkten Vergleich abschneidet – nur im Vergleich wozu? Battleborn lässt sich nicht wirklich faul als Spiegelbild eines anderen Titels erklären, oder als x-ter Vertreter eines ausgelutschten Genres. Die beiden nächsten Verwandten, wie ich die Sache sehe, sind Gearbox' eigenes Schlachtschiff Borderlands und das MOBA-Genre. Und selbst die sind eher Cousins zweiten Grades.

Charakterklassen und Waffenmassen

Die Gemeinsamkeiten zu Borderlands sind gar nicht so stark, wie man vielleicht meinen sollte. Ja, ulkig karikative Charaktere ballern in Egosicht überzeichnete Knarren und sammeln Erfahrungspunkte, lernen Skills, finden Ausrüstung. Versteh schon. Aber die Gewichtung dieser Umstände ist eine vollkommen unterschiedliche. So unterschiedlich, dass man nicht einmal mit Sicherheit sagen kann, ob diejenigen, die Borderlands mochten, auch Battleborn mögen werden.

Packshot zu BattlebornBattlebornErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Borderlands setzte auf wenige, mit umfangreichen Skilltrees ausgebaute Klassen, ein zusammenschusterndes Lootsystem mit rauen Mengen an Swag, die der geneigte Ballerfritze irgendwann nur noch als bunten Rausch an seinen Augen vorbeiziehen sieht und sich höchstens die richtig fetten Beutestücke rauspickt. Borderlands und Battleborn versuchen beide, den Spieler zu überwältigen, das ist wahr.

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Tanks, Supports, Mages, Damage Dealer - im skurrilen Cast ist alles vertreten, was man z.B. in einem Moba auch finden würde.
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Aber Battleborn punktet nur teilweise durch seine Ausrüstung. Von der gibt es zwar einige, aber sie ist eher angenehmes Nebenkonzept als die Hauptsäule des Spiels. Und anstatt eine Handvoll Charaktere zu haben, die durch Komplexität, permanenten Fortschritt und derlei fesseln, beeindruckt Battleborn mit 25 Charakteren mit kleineren Kits und einigen Customizing-Möglichkeiten - sowohl kosmetisch als auch spielmechanisch. Mit jedem Level in Battleborn wählt man einen von zwei Perks, die diese oder jene Spielweise unterstreichen. Cool, würde aber den Braten nicht fett machen, wenn es nur vier von ihnen gäbe.

Hinzu kommt, dass es zwar im Hintergrund eine Art von permanentem Fortschritt gibt (passive Boni durch Gesamterfahrung), aber ansonsten ist das Spiel session- bzw. missionsbasiert. Ob man sich im Koop durch AI-Gegner fräst oder gegen andere Leute spielt, man beginnt immer mit einem Charakter der Stufe 1 und steigert sich innerhalb der Mission, wenn alles gut läuft, bis hoch zum Maximallevel. Natürlich machen angelegte Ausrüstung und die angesprochenen Passiv-Boni einen Unterschied, aber es ist eben doch was anderes, als wenn der Gunzerker endlich auf Level 31 steigt und seinen Capstone-Skill freischaltet.

Nicht Fisch, nicht Fleisch, und dennoch geil

Nein, dieser Ansatz erinnert eher, und damit sind wir beim anderen Cousin, an das MOBA-Genre. Bitte nicht abschalten! Ich weiß, dass MOBA nicht jedermanns Sache sind, aber bitte glaubt mir, dass Battleborn ein schon deutlich anderes Gefühl vermittelt als, sagen wir, League of Legends. Übrigens möchte ich mich an der Stelle dafür entschuldigen, dass die kommenden Vergleiche alle auf LoL bezogen sind, es ist nunmal das MOBA, mit dem ich mich am besten auskenne.

Ihr werdet die Parallelen bislang ja schon erkannt haben. Doch es geht noch weiter, denn zwei der drei PvP-Modi haben, wenn auch keinen extremen Fokus, doch deutliche Anleihen bei den isometrischen Heldenkloppereien im Stil von DOTA. Der erste Spielmodus, gut geeignet für Fans von normalen Shootern, ist das übliche Geschwurbel aus Erobern und Halten, was dank der ulkigen Fähigkeiten und Perks der Charaktere aber eben doch eine eigene Dimension erhält. Wenn der Charakter mit seiner "Ultimate" aufräumt, dann ist das von anderen kompetitiven Ballerspielen schon eine gewisse Abkehr. Gaudi macht es, die richtige Erwartungshaltung vorausgesetzt, trotzdem.

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Wird Battleborn gut? Bestimmt sogar. Aber wie gut genau?
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Doch dann wären da die anderen beiden Modi. In einem der beiden spawnen tatsächlich Wellen von Minions und rennen in Richtung der Gegner. Nur puffern sie nicht etwa die Schüsse von übermächtigen Türmen, sondern versuchen, in ein feindliches Portal zu rennen, um dem Feind so Tickets abzuziehen – wer keine mehr hat, verliert. Das kennt man aus der Arena von S.M.I.T.E., bei Battleborn hat man aber tatsächlich mehrere Lanes und ausbaubare Verteidigungsstellungen. Indem man neben dem Kampfgeschehen auf der Karte eine Währung sammelt, kann man Türme, Heilstationen und derlei errichten. Ebenfalls sehr cool: Damit die angesprochene Ausrüstung nicht früh zu unfairen Vorteilen führt, muss sie über diese Währung, "Shards" genannt, erst aktiviert werden. Eine feine Idee, die in unserer Session gut funktioniert hat.

So sehr sich das nach MOBA anhört, tatsächlich fühlt es sich etwas mehr nach klassenbasierten Shootern mit alternativen Spielmodi an – weniger LoL, vielmehr so ähnlich wie zum Beispiel Payload bei Team Fortress 2. Ein lustiges Hin- und Herschieben der Mapdominanz ergibt sich, viel wildes Kämpfen, das gleichzeitig mit dem Beschützen der eigenen Minions, dem Klatschen der feindlichen, dem Sammeln der erwähnten Ressource und dem Ausbau eigener Verteidigungsstellungen balanciert werden muss.

Der dritte Modus, den ich leider noch nicht anspielen konnt, klingt dann doch deutlich mehr nach MOBA, genauer: nach den Maps mit einzelnen Lanes wie Howling Abyss. Eine Lane, Minions helfen beim Durchbrechen und am Ende wartet zwar kein Ancient oder Nexus, aber eine metallene Riesenspinne, die vom eigenen Team geklatscht werden muss.

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Die zeitliche Nähe zu Overwatch ist natürlich nicht günstig.
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Zurück also zur anfänglichen Frage: Wird Battleborn besser, schlechter, vergleichbar gut wie Borderlands? Oder eben die Kollegen aus dem MOBA-Bereich? Die Antwort ist ein ganz klares und eindeutiges "Wer weiß?". Borderlands klang anfangs komisch, hat sich aber bewiesen. Diese Chance braucht Battleborn noch, und es verdient sie auch. Die Größe von MOBAs wird es nicht erreichen, wie auch?

Aber Skepsis ist angebracht. Die PR für das Spiel ist bislang verhalten, und gerade bei einem Spiel, das bei verbalen Beschreibungen immer falsch rüberkommt und das so visuell wirkt, dass man eigentlich haufenweise Videos dazu hätte rauskloppen müssen, passiert nichts dergleichen. Alleine für jeden der bislang 15 angekündigten Charaktere ein ausführliches "Champion Spotlight" (erneut, sorry für LoL-Speak) rauszubringen würde immens helfen. Wenn man schon das Unglück hat, parallel zu Blizzards Overwatch ein vermeintlich ähnliches Spiel rausbringen zu wollen, muss man doch die Öffentlichkeitsarbeit mindestens genauso stark fahren wie der Gigant nebenan, idealerweise noch stärker. Wenn man nicht mittelfristig mehr Leute überzeugt, wird das nichts mehr mit dem Riesenerfolg. Und das wäre eine Schande, denn vom bislang Gesehenen zu urteilen wird Battleborn so, SO gut.

Und ein Wort der Warnung. Nicht an euch, sondern an Gearbox. Wisst ihr, Battleborn, das kein F2P-Spiel mit Microtransactions werden soll, ist aus Geschäftssicht wirklich clever. Ein besseres Modell für DLC lässt sich kaum denken. Aber: Ihr, Gearbox, habt die Tendenz zur Übertreibung. Gebt uns sinnvolle DLCs mit neuen Charakteren und Items zu sinnvollen Preisen. Wenn die Spieler künftig in den Steam-Store gucken und von Inhalten erschlagen werden, die als Fitzelportionen insgesamt das fünffache des Kaufpreises kosten, wird euch das die Spieler- und vor allem Käuferschaft nie verzeihen.

Das Battleborn-Erscheinungsdatum soll am 9. Februar 2016 sein. Spätestens dann wissen wir mehr.