In der Zehn-Millionen-Metropole Gotham City herrscht die Angst. Marodierende Banden, vernichtende soziale Probleme, organisiertes Verbrechen. Die neogotische Stadt hat schon bessere Zeiten gesehen, als wohlwollende Gönner und integre Politiker dafür sorgten, dass Gotham, bei allen Schwierigkeiten, blühte. Doch nun erreicht das Elend eine kritische Masse. Es ist Zeit, dass sich ein Held erhebt. Ein Symbol, das die bösen Buben das Fürchten lehrt. Ein Rächer, der an ihre Urängste appelliert und sie zurück in die Schatten treibt, aus denen sie kamen. Dieser Held... heißt Bruce.

Bruce hatte es nicht leicht, denn als er jung war, durfte er den Wandel der Lebensqualität in Gotham hautnahe erleben, als seine Milliardärseltern vor seinen Augen an explosiver Bleivergiftung durch Pistolenkugeln starben. Um zwei Elternteile ärmer und sowohl unzählige Milliarden Dollar als auch einen gehörigen Knacks reicher, beschloss Bruce, die Stadt sicherer zu machen, indem er sich in eine lederne Kluft zwängte und so tat, als wär er eine Fledermaus. So weit kennt jeder von uns die Geschichte, die mithilfe eines guten Therapeuten vielleicht hätte verhindert werden können. Und wir kennen sie in x Varianten und quasi auswendig. Warum erwähne ich Bruce und nicht sein flatteriges Alter Ego? Weil es um den dunklen Rächer, wie wir sehen werden und es die Überschrift andeutet, nicht geht.

Es ist einmal mehr die Entstehungsgeschichte, alles wurde auf kurz nach Null gedreht und Gotham ist gerade erst vorsichtig dabei, Bekanntschaft mit seinem neuen Superhelden und dessen Widersachern zu schließen – und so auch Bruce Wayne mit dem Doppelleben, das er sich erwählt hat. Harvey Dent, bislang Staatsanwalt und nun Kandidat für den Posten des Bürgermeisters, zählt auf die Hilfe seines alten Freundes Wayne, um sich nicht nur finanziell, sondern über den guten Namen Waynes auch populistisch den Wahlsieg zu sichern. Doch das ruft Mafiaboss Carmine Falcone auf den Plan, der die derzeit korrupte Regierung in der Tasche hat, und wissen will, ob Dent und Bruce bereit wären, nach seiner Pfeife zu tanzen. Schon bald gerät Richie Rich ins Kreuzfeuer der politischen Interessen. Gleichzeitig warnt ihn sein alter, aber mittlerweile ruinierter Freund Oswald Cobblepot, dass er große Pläne für Gotham hat, die nicht friedlich über die Bühne gehen werden. Und über den Dächern der Stadt findet eine Begegnung mit einer mysteriösen Dame statt, die in Verkleidung einer Katze hochsensible Informationen stiehlt.

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Und angesichts dessen ist es, wenn man darüber nachdenkt, auch völlig klar, dass es nicht so sehr um den dunklen Ritter, sondern um das Leben von Bruce Wayne geht. Denn ebenfalls hinlänglich bekannt ist Telltales Formel für... nun, "Adventures" trifft es nach wie vor nicht wirklich. Vielmehr sind es interaktive Filme mit eher vereinzelten spielbaren Passagen, vielen Quick-Time-Events und Dialogentscheidungen, die den Verlauf der Geschichte nicht final und maßgeblich, aber eben doch merklich formend beeinflussen. Die Entscheidungen und das Erzählen der Geschichte sind dabei seit jeher der eigentliche Reiz. Kein Mensch hat je gesagt, das Highlight von, sagen wir, The Walking Dead (oder, sein wir ehrlich, jeder anderen TT-Reihe der letzten Jahre) seien die sporadischen Renn-und-knall-Zombies-ab-Passagen. Es geht um die quälende Wahl zwischen unmöglichen Alternativen, die unter Zeitdruck gefällten und später in Zweifel gezogenen Entscheidungen und die Spannung darüber, wie sich dieses oder jenes auf den Fortgang der Geschichte auswirkt.

Und die Entscheidungen treffen, die Dialoge führen und mit den Mitmenschen umgehen, das sind alles die Aufgaben von Bruce Wayne, nicht von seiner spitzohrigen Persona. Faustschwingende Action findet man bei der Arkham-Reihe besser und vor allem nicht als stumpfe Aneinanderreihung von "Drück X, dann drück Y, drück zum Abschluss Z", Kampfillusionen, die man ohnehin nicht wirklich verlieren kann und die letztlich etwa so viel Interaktivität wie ein DVD-Menü aufweisen. Auch die Ermittlungsarbeit des größten Detektivs der Welt erschöpft sich bislang in reichlich platten Kombinationen wie "Hier drüben ist ein Brandgeschoss eingeschlagen – da drüben ist jemand mit einem Brandgeschoss getötet worden. Ich glaube, da besteht ein Zusammenhang!". Noch der witzigste Abschnitt ist die Erstürmung eines Penthouses, das man vorher per Drohne ausspioniert, doch auch hier beschränkt sich die Entscheidungsmöglichkeit beim vorherigen Schlachtplan auf "Ok, wenn ich gleich reinrenne – donner ich den Kerl mit dem Kopf auf den Tisch oder gegen die Wand?".

Wenn der maskierte Rächer in den Hintergrund tritt und der Mann zum Vorschein kommt, kann Telltale mit seinen bekannten Stärken aufwarten - überraschend spannend.Fazit lesen

Nananananananana...

Und sonst steht man hier eher selten vor schwierigen und fragwürdigen Entscheidungen. Gut, man kann entscheiden, wie rau man einen zu verhörenden Gangster angeht. Doch die wirklich wichtige Entscheidung erfolgt, nachdem man bereits die notwendige Information hat: Brech ich dem wehrlosen Verbrecher völlig grundlos den Arm oder nicht? Was ist das für ein Murks? Entweder, ich will den alten Flatterer aus Rollenspielgründen in eine sehr finstere Richtung lenken, oder ich bleib heroisch, aber diese Entscheidung ist nicht schwer, ich wäge hier nicht ab oder bin mir unsicher, was das richtige wäre. Es mag Interaktion sein, aber sie ist nicht spannend – und das ist die Zusammenfassung der Rolle der namensgebenden Fledermaus.

Telltale Games - Die Geschichte von Telltale - Vom Pixelschubser zum Adventure-König

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Ganz anders aber eben Bruce Wayne. Wenn der Wahlkampf von Harvey Dent davon abhängt, ob Wayne sein Bild in der Öffentlichkeit riskiert, indem er vor Falcone kuscht, dann ist das spannend. Wenn Alfred ihn fragt, was ihm sein nächtlicher Feldzug bedeutet, dann ist das ebenfalls spannend. Und wenn sich Bruce und Selina Kyle erstmalig gegenübersitzen und sich anhand der Wunden, die sie sich kostümiert letzte Nacht zugefügt haben, erkennen und die Maskerade aufrecht erhalten müssen (oder eben auch bewusst mit ihr spielen und den jeweils anderen provozieren)? Es ist fucking spannend.

Wie üblich bei Telltale spürt man einige Konsequenzen des eigenen Handelns gleich, andere erst später und ultimativ wird eben doch alles auf etwa dasselbe Ende hinauslaufen. Es heißt bei Telltale eben, ihre Spiele seien "tailored" gemäß der Entscheidung, also geschneidert. Am Ende, soviel Prophezeiung dürfen wir uns trauen, werden wir immer ein Fledermauskostüm haben. Doch sein Schnitt kann und wird sich von Spieler zu Spieler unterscheiden. Über die Formel müssen wir nicht mehr reden. Hängt sie euch völlig zum Hals raus, dann lasst es einfach. Macht ihr es hingegen von dem Franchise und der jeweils erzählten Geschichte abhängig, könnt ihr es schlechter treffen als bei der DC-Adaption.

Batman - A Telltale Series - Das beste Bruce-Wayne-Spiel aller Zeiten!

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Alles auf Anfang: Telltale erzählt die Geschichte nochmal neu, so dass wir alle mal wieder so tun müssen, als wüssten wir nicht, wer das hier ist.
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Es sei aber doch erwähnt, dass der ersten Episode ein paar Makel und gewöhnungsbedürftige Designentscheidungen anhaften, die man Telltale zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr unbedingt verzeihen sollte. Dass ihre nach wie vor weitgehend unveränderte und spröde Engine damit überfordert ist, echt expressive Mimik und sogar Gestik darzustellen – das wiederholen wir alle seit mindestens drei Spielen gebetsmühlenartig. Die PC-Version hatte so schlimme Performance-Probleme, dass man sogleich nachpatchen musste (die Konsolen-Version übrigens läuft gut). Und wenn mir das Spiel einfach manche meiner Entscheidungen falsch anrechnet bzw. sie in Momentaufnahmen falsch erkennt und somit eine unpassende Reaktion abspielt, dann ist das einfach nicht tragbar. Nein, ich habe letzte Nacht den Verbrecher nicht krankenhausreif geschlagen, und das wurde auch positiv kommentiert. Nein, ich habe Reporterin Vicky Vale nicht abblitzen lassen, als sie ein Statement von mir wollte. Spiel, passt Du überhaupt auf?

Die Designentscheidungen sind natürlich stark subjektiv, aber mindestens eigen, schlimmstenfalls störend. Ganz cool, wenn auch sehr überraschend, sind Kleinigkeiten wie etwa, dass Oswald Cobblepot ein spindeldürrer unrasierter Tausendsassa mit frecher-humoriger Schnauze und einem Hang zur Rauferei ist, ein sympathischer, latent bedrohlicher Loser – mit anderen Worten weniger pinguinhaft, als er je war. Und süß sind die Gastauftritte von eher unbekannten, für Fans aber umso wichtigeren Charakteren wie Jack Ryder oder Renee Montoya. Troy Baker gibt einen guten Bruce Wayne, womit er auch der einzige Darsteller sein dürfte, der jemals sowohl ihn als auch den Joker gespielt hat – und doch fragt man sich, was gegen Stammstimme Kevin Conroy sprach. Aber spätestens, wenn sich Master Wayne und Alfred mit "Bruce" und, kein Witz, "Al" anreden, stutzt der Comic-Fan von Welt schon nicht schlecht. Es ist eben eine eigene Welt, eine Telltale-Welt – die die Welt von Al, Oz und vor allem Bruce. Gotham hat den Helden, den es braucht, nur trägt dieser überraschenderweise kein Cape, sondern eine Krawatte.