Es soll Leute geben, die zucken schon zusammen, wenn sie den Namen Guitar Hero nur hören oder irgendwo lesen müssen. Allein in diesem Jahr wurden schon vier Ableger ohne nennenswerte Innovation unter die Meute gebracht, und so leidet die Marke an Abnutzungserscheinungen. „Kein Problem“, dachten sich die Entwickler von Neversoft, „dann nennen wir die nächste Auskopplung halt Band Hero.“

Band Hero - GC 2009 Trailer Ein weiteres Video

Astrein geklont

Sofern sie halbwegs ordentlich gemacht sind, machen so ziemlich alle Musikspiele Spaß, egal wie oft ein und dasselbe Prinzip ausgewalzt wird. Trotzdem staunt man nicht schlecht: Die TV-Werbung zu Band Hero spricht von einem völlig neuen, nie da gewesenen Musikspielerlebnis für das Wohnzimmer und von 65 der größten Popsongs aller Zeiten. Sollte man Neversoft bzw. Activision deswegen das Schnüren einer Mogelpackung oder gar das Vortäuschen falscher Tatsachen zur Last legen? Ach iwo! Die vollmundigen Versprechen treffen doch immerhin für all jene zu, die die letzten fünf Jahre hinter'm Mond verbracht haben.

Band Hero - Die nächste Generation Musikspiele von den Guitar-Hero-Machern?

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Band Hero sieht nicht nur aus wie Guitar Hero 5, es spielt sich auch so.
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Es dauert für einigermaßen bewanderte Musikspieler nicht einmal fünf Sekunden, um das vermeintlich neue Spielerlebnis als „Guitar Hero 5“-Klon mit poppigerem Anstrich zu entlarven. Nicht ein einziges Feature ist neu, und so bleibt es beim gewohnten Ablauf: Bis zu fünf Spieler folgen zur Musik passenden rhythmischen Bildschirmanweisungen auf stark vereinfachten Gitarre-, Bass- und Schlagzeug-Imitaten. Zudem darf in bester Karaoke-Manier gesungen werden.

Als spielerischer „Guitar Hero 5“-Klon teilen sich Band Hero und das Original natürlich alle Vor- und Nachteile. Das Abschrubbeln der vereinfachten rhythmischen Vorgaben bleibt genauso spaßig wie zuvor und wird dank Karriere mit Spezialaufgaben und dem Party-Modus in allen erdenklichen Besetzungen ausgekostet. Eine anständige Band kommt natürlich nur zusammen, wenn jedes Instrument mindestens ein Mal vertreten ist, wer aber lieber für Punkte als für den musikalischen Beitrag spielt, kann auch ein Instrument mehrfach belegen.

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Der größte grafische Unterschied liegt in der grellen Farbgebung.
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So kann eine Combo theoretisch noch immer aus vier Sängern, Drummern oder Gitarristen bestehen – auch wenn drei davon genauso gut Luftgitarre spielen könnten, denn alle mehrfach belegten Instrumente spielen genau das Gleiche. Selbst am Mikrofon ergibt sich daraus kein hörbarer Vorteil, da auf mehrstimmigen Gesang a la „The Beatles: Rock Band“ verzichtet wurde. Und für den Spaß des gemeinsamen Grölens im Wohnzimmer, braucht man kein Spiel, das die Tonlage aller Sänger ausliest. Kurzum: Band Hero versucht den Party-Spaß zu maximieren, erkauft sich die Vorteile jedoch durch geminderten Musikbezug.

Fehlerloses Gejaule

Die Bevorzugung des High-Score basierten Spielansatzes spiegelt sich auch in der Karriere wider. Normalerweise geht es darum, bei bestimmten Songs eine Anzahl an Noten am Stück zu treffen, den „Star Power“ genannten Punktemultiplikator möglichst lange aufrecht zu erhalten oder hervorgehobene Passagen fehlerlos zu spielen. Je nach Leistung erhält man dafür eine von drei Auszeichnungen in Form einer Gold-, Platin- und Diamant-Schallplatte sowie Equipment für den frei erstellbaren Rocker-Avatar und natürlich weitere Herausforderungen.

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Für Gitarristen sollte man einen HD-Screen bereitstellen, sonst wird es fuzzelig.
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Auf der Suche nach Aufgaben greift Neversoft jedoch ab und zu ein wenig zu tief in den Topf. Einen ganzen Track lang durchgängig den Whammy-Hebel der Gitarre zu verwenden und somit selbst die schönsten Melodien in schräges Gejaule zu verwandeln, entspricht nicht gerade dem Ideal einer akustisch genießbaren Beschäftigung.

Insgesamt holt dieses System jedoch ziemlich viel aus der Musik heraus, da es den Spieler dazu anhält, das Instrument zu wechseln und bei mangelnder Leistung mehr zu üben. Es bleibt eine gute Idee, zumal die von Anfang an komplett zugängliche Setliste sonst keinen roten Faden bieten könnte. Nur etwas mehr Feingefühl und eine weniger instrumentgebundene Aufteilung wäre wünschenswert, denn wer nur ein Drumset, aber keine Gitarre oder Mikros besitzt, kann nur knapp ein Viertel der Herausforderungen spielen.

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In der Karriere verlängern Sonderaufgaben den Spielspaß.
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Für GH5-Veteranen alles nichts Neues. Das Einzige, was die nun neonfarben daherflimmernden Sets wirklich von Guitar Hero unterscheidet, ist mal wieder die frische Songliste, die nicht mehr ganz so rockbezogen und deutlich seichter ausfällt als üblich. Laut Packung, Werbung und Webvideos sollen 65 der größten Popsongs aller Zeiten auf der Disc sein. Selbst mit höchster Toleranz und wirklich ohne jegliche geschmackliche Wertung entsprechen aber gerade mal 23 Tracks dieser Beschreibung.

Die Mogelpackung des Jahres: Band Hero ist Guitar Hero 5 mit abgewandelter Grafik und frischer Songliste. Langsam wird es dreist!Fazit lesen

David Bowies Achtziger-Hit „Let's Dance“, das kraftvolle „Love is a Battlefield“ von Pat Banatar oder der Party-Knaller Walking on Sunshine (Katrina and The Waves) gehören definitiv dazu. Auch „Black Horse and the Cherry Tree“, „Honkey Tonk Woman“ oder „Kids“ von KT Tunstall, den Rolling Stones und Robby & Kylie nimmt man ohne schlechtes Gewissen in die Liste auf.

Nur Top 40

Aber mal ehrlich, auf der mit akustischen Wundern gefüllten Fahrt durch die Musikhistorie sind Titel wie „Black Cat“ von Janet Jackson oder „Like Whoa“ von Aly & AJ doch höchstens Fliegendreck auf dem Tourbus. Solche argen Ausreißer sind selten, aber die restlichen rund 40 Titel entpuppen sich gerade mal als hörbare, wenn auch schnell vergessene Top-40-Ware aus der Retorte. Die Auswahl ist leider auch noch so seicht und profillos, dass sich selbst der Kuschelweich-Teddy einen Strick nimmt. Dass Tailor Swift als einer der größten Pop-Stars aller Zeiten angepriesen und mit gleich drei Songs vertreten wird, sollte bereits Bände sprechen.

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Der vordergründige Girlie-Stil verrät die angepeilte Zielgruppe.
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Zudem will nicht jeder Song so recht ins Profil passen. Marvin Gaye ist großartig, aber warum ist er in Band Hero vertreten, wenn sein Song offenbar nicht genug Stoff für die Gitarren bietet? Man spielt auf der Plastikklampfe fast durchweg Orgel, Streicher und Bläser. Aber die Rhythmusgitarre, die leicht im Hintergrund zu hören ist, wird komplett ignoriert. Gleiches bei YMCA oder – völlig deplatziert – Wannabe von den Spice Girls. Nicht dass irgendwer nach einem Schwung neuer Peripherie schreien würde, aber die Auswahl sollte zu den vorhandenen Instrumenten passen. Stichwort Keytar Hero.

Angesichts des noch grelleren Anstrichs in hellen Pink-Tönen, sehr Girlie-typisch eingefärbten Basischarakteren und der extrem seichten Songliste sind die offensichtlichsten Schlüsse schnell gezogen: Band Hero ist vornehmlich für ein weibliches Publikum gedacht. Nötig wäre das ganze Tamtam aber nicht, denn normalerweise unterliegt Musik keiner geschlechtlichen Aufteilung, sondern Kriterien der Gemütslage und persönlichen Präferenzen.

Auf einer richtigen Musikspielparty sind Schmusehits schließlich genauso gefragt, wie Ants-in-the-pants-Granaten im Kaliber eines „Walking on Sunshine“ oder die nächstbeste Headbanger-Hymne. Welcher sangeskräftige Kerl lässt es sich schon entgehen, weibliche Zuhörer mit einem basstief geschnurrten „Oh Pretty Woman“ zu endlosem Schmachten zu verleiten?

Trackpack Ahoi

Glücklicher Weise darf man zu diesem Zweck Tracks in beide Richtungen exportieren. Sprich 65 der 85 Titel von GH 5 machen für umgerechnet etwa 6 Euro den Sprung zu Band Hero. Umgekehrt darf man 61 der 65 „Band Hero“-Titel für rund fünf Euro auf die Festplatte schreiben lassen, um sie mit GH 5 zu verwenden. Zudem sind sämtliche Downloads aus dem Music Store und die bereits exportierbaren Titel aus „Greatest Hits“ und „World Tour“ kompatibel. Wer alle „Guitar Hero“-Teile und alle Downloads beisammen hat, kommt somit auf knapp über 400 Titel.

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Wie üblich darf man eigene Charaktere in einem Editor erstellen.
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Und das ist letztendlich der praktischste Nutzen für Band Hero. Als Trackpack macht das Spiel keine schlechte Figur und liegt auch beim Preis-Leistungs-Verhältnis einigermaßen im Rahmen. Zumindest, wenn man noch einige Titel findet, die man mag. Ein Blick auf die Songliste wird wärmstens ans Herz gelegt. Anderweitig fehlt es allerdings an einer echten Existenzberechtigung.

Soll Band Hero nun eine Spin-off-Serie werden? Für irgendwas muss der neue, wenn auch sinnfreie Name ja dienlich sein, außer für noch mehr Verwirrung auf dem Musikspiele-Regal zu sorgen. Allein der Fakt, dass Band Hero und Guitar Hero trotz exakt gleicher Engine und im besten Falle beinahe identischer Setlisten keinen Online-Modus miteinander teilen, spricht schon gegen das Spiel, da es die Guitar Hero Community weiter zersplittert. Rein technisch läuft aber auch hier alles gewohnt reibungslos.