Ich weiß noch ganz genau, wo ich war, als ich Attack on Titan für mich entdeckte… vor meinem Computer nämlich, denn wo auch sonst? Die grimme Mär vom kümmerlichen Menschheitsrest, der sich wie eine Ansammlung Silberfischchen in vermeintliche Sicherheit flüchten muss, sobald die unfassbar gruseligen Titanen das Licht im Badezimmer anmachen, hatte mich in Anime-Form sehr schnell in seinen Bann gezogen. Zwar verlor es für mich schlagartig an Reiz, sobald sich das Mysterium um die Titanen zu lüften begann – nichts entzaubert so schnell wie Antworten auf Geheimnisse – doch die Staffel gehörte mit zum emotional zermürbendsten, was ich seit langer Zeit gesehen hatte. Und wie so vielen schoss mir angesichts der fliegend-akrobatischen Kämpfe gegen die namensgebenden Riesennackedeis im einen oder anderen Moment durch den Kopf: Man, es wäre bestimmt cool, das in einem Videospiel selbst zu machen. Was soll ich sagen: Ich war jung und naiv.

Denn mal ehrlich: Wie soll das gehen? Selbst, wenn man die 3D-Manöver-Gear-Nummer auf irgendeine Weise ansprechend gestalten kann, bleibt doch immer noch das Problem, dass der Kampf gegen einen Titanen, rein konzeptionell, immer gleich abläuft: Du umkreist und umspringst ihn, er grabscht nach dir. Je nachdem, ob du ihm zuerst den Nacken tranchierst oder er seine schmutzigen Griffel (und dann Zähne) an dich legen kann, bist entweder du tot oder er. Was man aber in einer erzählerischen Struktur, eben im Manga oder Anime, die komplett dem Autor unterworfen ist, trotz Wiederholungen spannend machen kann, wird in einem Spiel schneller öde als das Sortieren von Socken oder, was ab jetzt die augenzwinkernde Standard-Formel sein sollte, das Spielen von No Man’s Sky.

Denn Spiele basieren nun mal auf festen, hermetischen Schemata, und das weiß wahrscheinlich niemand besser als nun ausgerechnet Omega Force, die nicht nur Wings of Freedom gemacht haben, sondern ansonsten vor allem für die Dynasty-Warriors-Reihe bekannt sind. Von allen nun ausgerechnet für die. In der man namenloses Geschmeiß von immer gleichen Fußtruppen ohne Gesicht in derart rauen Massen niedermäht, dass das Spiel es in 1000er-Schritten kommentiert. Und das wieder. Und wieder. Und immer wieder. In Dynasty Warriors sind es die vielen verschiedenen Kämpfer, die für die Abwechslung sorgen. Ein Luxus, den Wings of Freedom nicht hat.

Attack on Titan: Wings of Freedom - Wir sind die Schläfer

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Attack on Titan besteht aus mehr als nur den Kämpfen – eine der Schwächen des Spiels, wofür es aber nichts kann.
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Kurze Warnung: Aus Gameplay-Gründen muss ich in diesem Text ein wenig die Original-Story SPOILEN. Ihr seid gewarnt, lest weiter auf eigene Gefahr.

Wings of Freedom erzählt kurz und ziemlich verknappt die Geschichte des Anime nach, inklusive Ausflügen zu den OVAs. Das bedeutet, dass sich die ersten Kapitel und Kämpfe größtenteils in der einzig verbliebenden Stadt der Menschen abspielen, in die die Titanen eindringen, nachdem sie eine der drei Mauern durchbrochen haben. Man übernimmt nacheinander, je nach Punkt in der Handlung, die Rollen von Eren, Mikasa und Armin, später auch anderen Charakteren wie dem furchtbar überstarken Captain Levi. Und dann gilt es, AoT-typisches Geschnetzel einerseits und das übliche Kartengehetze von Omega Force andererseits zu bewältigen.

Für diejenigen, die AoT bislang nicht so gut kennen: Die mysteriösen, menschenfressenden Titanen können aus Gründen, die erst später in der Geschichte erklärt werden, nur getötet werden, wenn man ihnen mithilfe von Doppelschwertern ein großzügiges Stück Fleisch aus dem Nacken schneidet. Jede andere Art von Verletzung, selbst abgetrennte Gliedmaßen, hält die Monster höchstens kurzzeitig auf und wird binnen kürzester Zeit geheilt. Abgesehen von den zwei Schwertern, die verflucht wie Teppichmesser aussehen und deren scharfe aber zerbrechliche Klingen innerhalb von Sekunden ausgewechselt werden können, kommt dabei vor allem die sogenannte 3D-Manöver-Ausrüstung zum Einsatz: Per Gasdruck von beiden Seiten des Soldaten abgeschossene Kabel bohren sich in alle Arten von erhöhtem Terrain und katapultieren dann per Rückzug den Kämpfer weit durch die Luft, bis er, darin Spider-Man nicht unähnlich, erneut Kabel abschießt und sich weiter schwingt. So gelangt er mit den Titanen auf Augen- bzw. Nackenhöhe und ist gleichzeitig agil genug, um deren Griffen und Bissen auszuweichen, die in aller Regel tödlich enden.

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Vor allem im Anime sorgt das für perfekt choreographierte Kämpfe, mit flinken Bewegungen, dramatischen Wendungen und das Ganze wird nie langweilig. Der eigentliche Reiz ist aber nie das Geschlitze und Gebeiße im Vordergrund, sondern immer das Brodeln im Hintergrund. Die Verzweiflung der Menschheit, die Ungewissheit der Zukunft, die persönliche Motivation von Eren und seinen Freunden zu kämpfen, alles, was auf dem Spiel steht. Es ist ein bisschen wie in Star Wars: Erst, wenn die kämpfenden Charaktere wichtig und der Ausgang ungewiss ist, kommt Spannung auf. Wenn zwei x-beliebige Jungens auf Youtube mit reinretuschierten Lichtschwertern aufeinander einkloppen, ist das allerhöchstens einen hochgezogenen Mundwinkel wert. Ganz das Nämliche gilt für Wings of Freedom.

Dabei ist der erste Eindruck ziemlich gut. Die Bedienung geht flott von der Hand, was angesichts der im Anime doch sehr kompliziert wirkenden 3D-Manöver ein kleines Wunder zu sein scheint, doch bereits nach kurzer Eingewöhnung macht man Tarzan im Lianenschwingen gut Konkurrenz, denn alles passiert mittels weniger Knopfdrücke und nahezu automatisch – aber eben doch so, dass der Spieler aktiv gefragt ist. Es ergibt sich schöne Mobilität, alles Folgende ist jetzt nur noch eine Frage davon, ob man schnell genug am richtigen Ort ist und dort einigermaßen flugs die Titanen zerwürfeln kann.

Packshot zu Attack on Titan: Wings of FreedomAttack on Titan: Wings of FreedomErschienen für PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Jene gibt es in mehreren Varianten, die man so oder so ähnlich auch aus Manga und Anime kennt. Der Wald- und Wiesen-Titan ist gute drei Stockwerke hoch, es gibt kleinere und flinke Versionen, die selbigem bis zum Knie reichen und die unter dem Sammelbegriff „Abnormale“ zusammengefassten Monster, die sich im Spiel meistens darin erschöpfen, dass sie rennen und springen. Abgesehen von den kleinen Titanen, die mehr als Kanonen- bzw. Schwertfutter verstanden werden dürfen, ist der Kampf gegen die Titanen aber immer ähnlich. Sie haben fünf anvisierbare Schwachpunkte: Arme, Beine und den Nacken. Um einen erfolgreich Angriff zu starten, bringt man sich mittels 3D-Manöver günstig in die Luft, schießt dann die Kabel in den zu treffenden Schwachpunkt, lässt sich von ihnen mit Geschwindigkeit ranziehen und haut dann zu.

Attack on Titan: Wings of Freedom - Wir sind die Schläfer

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Die Atmosphäre haut dank der Titanen halbwegs hin, obwohl sie Kanonenfutter sind. Die eher zweckmäßige Grafik hilft auch nicht.
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Anfangs reicht das oft schon, um die Extremität abzusäbeln bzw. den Titanen zu töten. Leider ist jede sich später entwickelnde Schwierigkeit nur darauf zurückzuführen, dass die jeweiligen Körperteile mehr Lebensenergie haben – ein Umstand, dem man mit einem Upgradesystem entgegenwirkt, das so unnötig, aufgesetzt und langweilig ist, dass ich es hiermit zum letzten Mal erwähne. Sein Hauptverdienst besteht darin, dass manche der Materialien in den Gliedmaßen der Titanen stecken und auch angezeigt werden. Das ermutigt den Spieler dazu, einen Titanenkampf auch mal anders anzugehen. Der Witz ist nur: Eigentlich sollte das Upgradesystem der Hauptnutzen sein und die dadurch geschaffene Variation im Kampf der Trick dahinter. Ich hab es aber genau anders empfunden: Eine grobe Empfehlung, mal anders zu kämpfen, hab ich sehr bewusst und gerne aufgenommen, nur war mir das Upgrade im Hintergrund extrem egal. Es ist einfach stumpfes Zahlen-nach-oben-Gedrehe, sowohl auf der Titanenseite als auch bei den eigenen Klingen, Scheiden und Antrieben.

Einzigartig und es wird überraschend viel aus dem gleichförmigen Konzept rausgeholt, es nutzt sich aber unfassbar schnell ab.Fazit lesen

Doch der Kampf fetzt am Anfang schon nicht schlecht, am allermeisten an jener schönen Schwelle, an der man das Kampfsystem gerade verinnerlicht hat und es aber noch nicht als abgenutztes Schema F daherkommt. Das ist er, der eine magische Moment, der Zenit, die Bergspitze. Es ist wichtig, diesen Punkt genau zu bestimmen, im Hintergrund das (lamentablerweise nicht im Spiel enthaltene) Lied „Feuerroter Pfeil und Bogen“ aus dem legendären ersten Intro des Anime anzumachen und ihn so gut es geht zu genießen. Denn er ist viel, viel zu schnell wieder vorbei.

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Wings of Freedom ist meisterhaft darin, die Titanen und mit ihnen den ganzen Stoff zu entzaubern. Ein Blick in die Achievement- und Trophäenliste zeigt Errungenschaften für das Töten von 1000 Feinden und, noch schlimmer, das Zerhackstücken von 10 Titanen binnen einer Minute – eine Trophäe, die ich lächerlich früh und einfach gekriegt habe, obwohl ich noch halb in der Lernphase war. Ihr könnt euch vorstellen, wie bedrohlich Titanen wirken, die man zu Dutzenden rundmachen kann, nämlich gar nicht. Es ist schade, denn man gab sich bei Omega Force durchaus Mühe. Da hat dann auch schon mal ein Titan einen Nackenschutz, was einfach dazu führt, dass man häufiger draufhaut, oder kann mittels einer Schall- oder Blitzbombe kurzzeitig betäubt werden, aber das macht die Viecher natürlich noch weniger bedrohlich. Die einzige Variation ist die eher unwichtige Frage, mit welcher Spielfigur man unterwegs ist. Wunderkind Mikasa kann zum Beispiel bei einem Treffer mehrfach nachschlagen, falls der Feind noch nicht tot ist, Levi dreht sich vor dem Schlag wie ein Brummkreisel, um mehr Schaden anzurichten und Armin, der eher ein Taktiker ist, kann seinen sonst unauffälligen Teammitgliedern befehlen, an seiner statt die Schwachpunkte eines Giganten zu zerfleischen. Das Gefühl ist schon unterschiedlich, aber etwa so, als ob man morgens seinen Scheitel mal ganz rebellisch auf die andere Seite kämmt. Totally cray, eben.

Attack on Titan: Wings of Freedom - Wir sind die Schläfer

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Das Kampfsystem ist schön dynamisch und macht definitiv Laune, wird allerdings schnell repetitiv.
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An dieser Stelle letzte Chance, doch noch wegen Spoilern wegzulesen. So: Spätestens, wenn Eren in Titanenform durch die Stadt heizt, wird das Spiel ein unerträglich stumpfes Haudrauf-Fest, eine Passage, die so unnötig wie unlustig ist. Und wenn die Szenerie auf die Felder außerhalb der Stadt wechselt, dann kann man nicht mal mehr mit der 3D-Manöver-Gear arbeiten, sondern umreitet einfach auf einem Pferd die Titanen, bis man hinter ihnen ist, springt ihnen wie ein Mörderfloh in den Nacken und dann ist fin. Unter diesen und den vorher genannten Schwierigkeiten bricht der Spielspaß und mit ihm leider auch alle Spielmodi, wie Nebenmissionen und Free Mode, zusammen.

Der Punkt ist: Attack on Titan ist so viel mehr als seine Action – und genau deshalb ist Wings of Freedom so viel weniger als Attack on Titan. Wenn man Omega Force auch zugestehen kann, dass sie aus der Prämisse in Sachen Kampf so viel rausgeholt haben, wie sie konnten, waren sie wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt. Ich stelle an dieser Stelle eine kontroverse These auf: Bis mir ein Game das Gegenteil beweist, behaupte ich, dass sich Attack on Titan einfach nicht für ein Spiel, zumindest einen Action-Titel, eignet. Ich denke, unser Hirn hat uns beim Lesen / Gucken damals einfach einen Endorphin-induzierten Streich gespielt. Zu gleichförmig ist seine Kampfformel, zu wichtig seine anderen Stärken, um ein lohnendes Gesamtergebnis hervorzubringen. Vielleicht also wird Wings of Freedom das beste AoT-Spiel bleiben, das wir kriegen. Angesichts dessen können es sich Hardcore-Fans sicherlich reuelos für einen Rabatt-Preis schießen. Immerhin ist es nicht Humanity in Chains.