Inmitten einer Stadt kommt es zu einer brachialen Schlacht zwischen Mensch und Titan, die mit einem triumphalen Todesstoß gegen den kolossalen Feind ihr Ende findet, woraufhin der massive Körper des Riesen mehrere Häuser unter sich begräbt und Wolken von Schutt und Asche aufwirbelt. Solche bildgewaltigen Kämpfe von den Ausmaßen eines Shadow of the Colossus oder God of War schwebten mir vor und war ich auch vom Manga und Anime gewohnt; präsentiert wurde mir letzten Endes ein spielerischer Trümmerhaufen.

Attack on Titan: Humanity in Chains - Full Trailer2 weitere Videos

Schon während der Erstausstrahlung des populären Anime Attack on Titan kam vermutlich vielen von uns bereits in den ersten Folgen der Gedanke, wie gut sich die unverbrauchte Fantasy-Geschichte um den hoffnungslosen Überlebenskampf der Menschheit und ihre Flucht vor den menschenfressenden Giganten als Videospielszenario eignen würde. Dazu kämen noch die akrobatischen (Luft-)Kämpfe, welche die Soldaten des Scout-Einsatzkommandos aus der Serie gegen die Titanen mithilfe ihrer Drahtseil verschießenden 3D-Maneuver-Gears bestreiten müssen. Gerade die wären für actionreiche Kampfszenen im Spiel prädestiniert gewesen.

All das konnte ich mir bildhaft ausmalen, als erstmals der Downloadtitel Attack on Titan: Humanity in Chains für den Nintendo 3DS angekündigt wurde. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich der Veröffentlichung nicht auch mit etwas Skepsis gegenüberstand. Die wurde auch ab dem Moment an größer, als das ursprünglich für den Mai angekündigte Spiel vor einiger Zeit im eShop entdeckt wurde, das auffälligerweise unauffällig augenscheinlich als 3DS-Design angepriesen wurde. Generell war die Medienpräsenz ausnahmsweise sehr zurückhaltend, obwohl gerade die Marke Attack on Titan für eine große Bandbreite an Interessenten sorgen kann, möchte man eigentlich meinen.

Attack on Titan: Humanity in Chains - Einst bedrohten Titanen die Menschheit, doch dann schnetzelten wir sie nieder

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 9/121/12
Der Rogue-Titan brüllt sich in Rage. Kein Wunder, bei dem halbgaren Spielkonzept wäre jedem zum Schreien zumute.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

On that day, mankind received a grim reminder

Minimal lassen sich die großen Ambitionen hinter einzelnen Spielelementen erkennen, die sich wohl zwischen Anime-getreuer Umsetzung und etablierten Rollenspiel- und Mehrspieler-Mechaniken positionieren sollten. Entstanden ist ein halbgares Spiel, das an allen Ecken und Enden in der Umsetzung schwächelt und Fanherzen angesichts der halbherzigen Aufmachung bluten lässt.

Gleich in den ersten Minuten erstreckt sich ein Armutzeugnis von einer Spielwelt, die nur oberflächlich etwas mit der Welt in Attack on Titan gemein hat. Die Stadt - sofern man dieses Labyrinth aus identischen Häuserblöcken als solche bezeichnen kann - erscheint zunächst recht groß, nicht selten werdet ihr aber auf viele unsichtbare Wände, dafür aber auf keinen einzigen Bewohner stoßen. Neben dieser Kargheit werdet ihr auch ständig von den sich langsam aufbauen Hintergrund-Texturen und der seltsam animierten Gegner rausgerissen, die durch die Gegend laggen. Fernab der alles andere als ansehnlichen Optik besitzt das Spiel durchaus auch gute Ansätze, die allerdings merklich nicht ausgearbeitet wurden. Mehreren Charakteren aus der Serie einen eigenen Handlungsfaden zu widmen, der durch das Absolvieren von Missionen in den jeweiligen Routen der anderen Spielfiguren freigeschaltet und weitergeführt wird, mag nun nicht die Innovation in Sachen Spielkonzept darstellen, hätte aber zumindest eine gewisse Langzeitmotivation mit sich gebracht. Die bleibt aber bereits nach wenigen Spielstunden aus, sobald ihr erst einmal die geringe Variation der Missionsinhalte bemerkt habt.

Attack on Titan: Humanity in Chains - Einst bedrohten Titanen die Menschheit, doch dann schnetzelten wir sie nieder

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 9/121/12
Fast schon ein Wunder, dass bei all der unterdurchschnittlichen Umsetzung zumindest eure NPC-Kameraden im Kampf vieles richtig machen und euch aus der Patsche helfen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Mal müsst ihr eine bestimmte Anzahl an Titanen erledigen, ein andermal eure schwer verwundeten Kameraden wiederbeleben und manchmal gilt es auch, frei herumliegende Gegenstände einzusammeln. Dabei werdet ihr in der Regel immer wieder die drei bis vier gleichen Levelabschnitte durchlaufen, die zwar an die Schauplätze aus dem Anime angelehnt sind, aber aufgrund ihrer gestalterischen Trostlosigkeit und Detailarmut weder den malerischen Charme noch die Atmosphäre der Vorlage ansatzweise wiedergeben.

Lieb- und schmucklos zusammengezimmerte Versoftung der vielversprechenden Vorlage. Schade drum.Fazit lesen

Zugegebenermaßen kann man dem Spiel teilweise ansehen, dass sich durchaus um etwas Abwechslung bemüht wurde. Neben besagten Missionszielen bekommt ihr unter anderem auch mal die Gelegenheit, auf einem Pferd durch die Gegend zu reiten, während ihr dabei versuchen müsst, eine bestimmte Zahl an Checkpoints abzulaufen. Darüber hinaus könnt ihr sogar in verwandelter Titanen-Form feindliche Riesen vermöbeln. Letzteres gehört noch zu den Abschnitten, in denen die Steuerung so funktioniert, wie sie auch gedacht ist. Über sonstige Elemente wie das allgemeine Kampfsystem kann man das weniger behaupten.

Spider-Man-Déjà-Vu mit Drehwurmgarantie

Während die Hangel- und Flugeinlagen mithilfe der 3D-Maneuver-Gears im Anime optisch einen stets coolen und überschaubar dynamischen Eindruck gemacht haben, ist die Umsetzung im Spiel weniger gelungen. Die Flug-Steuerung fällt in Kombination mit dem Einsatz eurer Halbklingenschwerter, mit denen sich die Titanen niederstrecken lassen, weniger intuitiv aus und krankt zusätzlich an den eigenwilligen Kameradrehungen.

So kann es auch leicht passieren, dass ihr versehentlich einen ungünstigen Fixpunkt beim Anvisieren anwählt und unkontrolliert durch die Gegend wirbelt, bis ihr schlussendlich auf irgendein Widerstand trefft. Hin und wieder kommt es auch mal vor, dass euch beim Heranziehen ein weiterer Titan im Weg steht und eurem Angriffsmanöver einen Strich durch die Rechnung gemacht wird. Wäre an sich nichts Dramatisches, wenn es in den späteren Missionen nicht häufiger zu einem mächtigen Gewusel von Titanenhorden kommen würde, was den Überblick über die Kampfsituation unglaublich erschwert.

Attack on Titan: Humanity in Chains - Einst bedrohten Titanen die Menschheit, doch dann schnetzelten wir sie nieder

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 9/121/12
Auch den beliebten Kommandanten Levi könnt ihr im Laufe der Geschichte spielen. Und was macht ihr natürlich in einen der ersten Missionen? Genau: Eurem Gaul die Sporen geben.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der Kampfverlauf an sich ist relativ selbsterklärend. Sobald ihr euch an einer Stelle des Titans eingehakt habt, werdet ihr an ihn herangezogen. Hierbei könnt ihr euch in der Konfiguration entscheiden, ob ihr die Angriffstaste gedrückt haltet oder sie zweimal drückt, um einen gezielten Schwerthieb auszuführen, der im richtigen Moment zu einem kritischen Treffer führen kann. Meist reichen eins bis zwei kritische Treffer aus, um einen Titan auf die Knie zu zwingen, was letzten Endes zur reinsten Quick-Time-Orgie verkommt. Das mag zwar auf der einen Seite von den Mechaniken her sehr simpel erscheinen, schrammt aber irgendwie zugleich an der Prämisse des Originals vorbei. Schließlich galten die Titanen in der Serie als die unheilvolle Bedrohung der Menschheit schlechthin - und genau dieser gefährliche Grundton geht durch die wie am Fließband vonstatten gehenden Schnetzeleien stark verloren.

Traurig aber wahr, unterm Strich sind die aus dem Anime stammenden Zwischensequenzen das einzig Gute am Spiel. Ansonsten hat sich die international erste Spieladaption von Attack on Titan hinsichtlich seiner technischen Aufmachung nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Solltet ihr also jemals in Erwägung ziehen, euch diesen Titel zu geben, lasst es lieber sein - oder spielt es meinetwegen, aber nicht für den Vollpreis. Oder schaut euch lieber den Anime nochmal an.