Alle paar Monate bekommt der westliche JRPG-Gourmet neues Futter serviert. Ab und an kommt man in den Genuss eines schmackhaften, erinnerungswürdigen Leckerbissens. Gibt es nichts besseres, so begnügt man sich mit Fastfood. Schlecht schmeckt es nicht und dennoch isst man es nur aufgrund fehlender Alternativen. Einzelne gute Zutaten machen eben noch lange nicht die perfekte Mischung aus, wenn nicht alles aufeinander abgestimmt ist.

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Obwohl die langlebige Atelier-Serie schon aberdutzende Teile und Ableger - darunter auch Spiele wie Mana Khemia - hervorgebracht hat, habe ich ihr nie viel Beachtung geschenkt. Ehrlich gesagt hält sich mein Interesse für die Reihe auch nach dem neuesten Teil, Atelier Shallie: Alchemists of the Dusk Sea, in Grenzen, zumindest kann ich inzwischen aber nachvollziehen, was den Charme der Atelier-Titel für ihre Wertschätzer ausmacht. Zum einen ist es diese Wohlfühl-Atmosphäre: Zwar gibt es innerhalb des Spiels mehr als genug Konflikte zu bewältigen, die meiste Zeit jedoch schwingt durch das Zusammenspiel von idyllischer Musik, Spielprinzip und Inszenierung ein überwiegend lockerleichter Grundton mit.

Atelier Shallie: Alchemists of the Dusk Sea - Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen erlebe ich den Plot von gestern

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Hachja, bei all der Zeit, die man mit Zusammenbrauen verbringt, kann man schon schnell vergessen, dass eigentlich das Heimatdorf gerettet werden muss.
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Zum anderen wird das Spiel durch die mit viel Liebe zum Detail ausgearbeiteten Charaktere getragen, die auf unterschiedliche Weise mit eurer Spielfigur agieren. Dabei habt ihr am Anfang die Auswahl zwischen zwei Figuren: Shallistera, die Tochter eines Dorfanführers, die einen Weg finden muss, um ihre Heimat vor einer sich ausbreitenden Dürre zu retten, und Shallotte, einem unbefangenen, noch unerfahrendes Mädchen, das viel über die unbekannte Welt außerhalb ihres Zuhauses kennenlernen will (das ist genauso aufregend, wie es sich liest). Je nach Auswahl werdet ihr andere Perspektiven der Geschichte erleben, spannungsgeladene Wendungen und Offenbarungen solltet ihr aber nicht erwarten.

Probieren geht über Studieren

Obwohl das leidenschaftliche Rollenspielherz meist für die Handlung schlägt, zeichnet sich im Falle der Atelier-Reihe eher eine andere Komponente für die Spielmotivation verantwortlich: das Crafting-System. Mithilfe der Alchemie seid ihr in der Lage, aus verschiedenen Zutaten und Sammelobjekten neue Gegenstände zusammenzusetzen. Manche der Produkte eignen sich für den Kampfeinsatz, einige können euch heilen, andere erweitern wiederum eure Ausrüstung. Durch erworbene Rezepte ergeben sich immer mehr Kombinationsmöglichkeiten, so dass eure Item-Liste stetig umfangreicher wird.

Zusätzlich für Experementierfreude sorgt auch das komplexe Skillsystem. Mit jeder weiteren erfolgreichen Gegenstandsfusion sammelt ihr Erfahrungspunkte, wodurch ihr euer Alchemie-Level erhöht und neue Crafting-Fähigkeiten hinzu bekommt. Was anfangs ein wenig kompliziert und nicht unbedingt selbsterklärend erscheint, erschließt sich nach nur wenigen Versuchen. Durch diese Fähigkeiten ist es möglich, einzelne Zutaten eurer Mixtur mit speziellen Eigenschaften zu versehen. So kann sich beispielsweise der Effekt eures geschaffenen Produkts verstärken oder die Anzahl der am Ende hergestellten Gegenstände vervielfachen. Es kommt ganz auf eure Probierlaune an, wie ihr aus dem selben Rezept ein Erzeugnis mit komplett anderen Effekten kreiert.

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Mithilfe eurer Alchemie-Fähigkeiten könnt ihr die Zutaten mit bestimmten Effekten verbinden, wodurch die Attribute eures Endprodukts beeinflusst werden.
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Ihr treibt die Zutaten vorwiegend in den Gebieten außerhalb der Stadt auf, indem ihr die angezeigten Sammelstellen abgrast oder die herumstreunenden Monster besiegt. Je mehr Abschnitte ihr durchforstet und dabei neue Sammelobjekte entdeckt, desto mehr neue Orte könnte ihr auf der Oberweltkarte anwählen. Das könnte durchaus für Motivation und Sammelspaß sorgen, wenn das minimalistische Leveldesign nicht so schnell zur Ernüchterung führen würde. Außer den eindeutig markierten Sammelstellen und Gegnern gibt es bei der statischen, leblos wirkenden Umgebung nämlich nicht viel zu sehen. Dazu braucht ihr nicht mal mehr als zehn Minuten, um einen Bereich komplett nach Fundstellen abzusuchen. Leider zwingt euch das Spiel öfter mal aufgrund diverser Quests ein Gebiet mehr als einmal aufzusuchen. Dass die wiederkehrenden Monster irgendwann so gut wie keine Erfahrungspunkte mehr geben, ist auch nicht gerade spielspaßfördernd.

Wobei die Kämpfe durchaus fordernd sein können, spätestens wenn ihr es mit einigen zähen Bossgegnern und ganzen Gegnerwellen zu tun bekommt. Innerhalb der rundenbasierten Kämpfe habt ihr - ähnlich wie in Grandia oder in The Legend of Heroes - die Möglichkeit, die Angriffsphasen der Gegner zu unterbrechen. Gerade bei einer größeren Welle müsst ihr das sogar, da ihr sonst ziemlich schnell ins Schwitzen geraten würdet. Euer Team setzt sich dabei aus maximal sechs Gruppenmitgliedern (drei Hauptkämpfer und drei Assistenten) zusammen, was euch im späteren Spielverlauf deutlich mehr Spielraum für taktische Vorgehensweisen einbringt. Wer dem Kampf lieber aus dem Weg geht, kann Auseinandersetzungen die meiste Zeit auch vermeiden, indem er erst gar nicht mit den sichtbaren Gegnern in Berührung kommt.

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Ob Zutaten in der Küche oder Team-Mitglieder im Kampf - Jede Zusammensetzung bringt seine Überraschungen mit sich.
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Zwischendurch-Menü für eine Person

Neben der ganzen Sammelaktionen für eure Rezepturen versucht euch das Spiel mit diversen trivialen Erledigungen (den sogenannten Life Tasks), Angel-Gelegenheiten und spielinternen Errungenschaften bei Laune zu halten. Die Mehrheit der Aufgaben ist austauschbar und dient der Generierung des schnellen Geldes. Wesentlich unterhaltsamer sind einzeln eingestreute Events mit den Nebencharakteren, mit denen ihr einzeln unterschiedlich oft die Zeit verbringen könnt. Habt ihr euch auf einen bestimmten Charakter gefestigt, erhaltet ihr spezielle Charakter-Events und entsprechend alternative Enden.

Wer bereits mit den anderen Titeln der Atelier-Serie vertraut ist, weiß auch, dass ein Spiel eine Vielzahl an Enden besitzt. Ein Wiedersehen mit wiederkehrenden Charakteren des Franchises gibt es auch. Vorkenntnisse braucht man aber glücklicherweise keine, um als Quereinsteiger die einfach gehaltene Geschichte zu verstehen. Der animeaffine Veteran, der sich bestens mit der japanischen Synchronsprecherkultur auskennt, freut sich über die eine oder andere wiedererkannte Stimme. Was den Genuss für die Japanisch-Pro-Fraktion bedauerlicherweise ein wenig dämpft, sind die fehlenden Untertitel innerhalb der Animesequenzen – ein bekanntes Problem, das bereits die Vorgängerteile hatten.

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Die Hintergrundgeschichte von Shalotte in einem Satz zusammengefasst.
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Weitaus weniger verzeihlich sind die Systemabstürze, die durch die Einführung späterer, essentieller Spielelemente (wie dem Growth System) vorkommen können. Man kann nur hoffen, dass ein zeitiger Patch dem Problem schnell Abhilfe schafft. Solche Fehler schmälern den Gesamteindruck von Atelier Shallie: Alchemists of the Dusk Sea beträchtlich. Bei all der Liebe und Mühe, die man außerdem beim Design der Charaktere und der Craftings-Spielereien entgegenbringt, wäre es schön gewesen, anderen Aspekten ähnlich viel Aufmerksamkeit und Hingabe zu schenken.

Trotz der spaßigen Alchemie-Komponente kommt der Rest drumherum durchschnittlich daher. Der durchgängige Wohlfühl-Charme lässt sich aber nicht bestreiten.Fazit lesen

Immerhin weist das Spielkonzept einige gut funktionierende Komponente auf, die Atelier Shallie eine gewisse Würze verleihen, während andere wie eben die repetitive Quest-Absolvierung oder das Leveldesign wiederum völlig austauschbar daherkommen. Für ein rundum zufriedenstellendes JRPG hätte nicht viel gefehlt, wenn jene Mängel dem Spielerlebnis nicht die Suppe versalzen hätten und daher für einen leicht schalen Beigeschmack sorgen.