Rennspiele mit Fokus auf Simulation gibt es auf Konsolen zu genüge. Nur gehen sie meist geringfügige Kompromisse ein, um der Joypad-Kundschaft entgegenzukommen. Siehe Forza Motorsport oder Gran Turismo. Das kleine italienische Entwicklerstudio Kunos Simulazioni verschmäht dagegen jegliche Art von Stützrädern. Schon die PC-Fassung aus dem Jahre 2014 begeisterte mit ungemein glaubwürdiger Physik und kompromisslosem Fahrverhalten. Ob die Konsolen-Umsetzung da mithalten kann?

Kurz und schmerzlos: Ja! Weder beim Umfang noch in der Berechnung der Physik sind auf den Konsolen Abstriche feststellbar. Bei Assetto Corsa geht es allem voran um die Vermittlung eines glaubwürdigen Fahrverhaltens, das auf Xbox One und auf der Playstation 4 genauso anspruchsvoll anmutet wie auf dem PC. Das Programm kennt keine Gnade: Wer bei einem Heckantrieb zu schnell aufs Gas tritt, schleudert sofort über den Asphalt. Wer beim Kurvenaustritt mit einem Frontantrieb nicht gegensteuert, verpasst die Ideallinie. Wo Forza und Gran Turismo Gnade walten lassen, um den Frust zu minimieren, haut euch Assetto Corsa ohne Rücksicht auf die Finger. Allein die künstliche Trägheit der Renngeschosse sucht auf dem Konsolensektor Ihresgleichen und sorgt für ein ungemein befriedigendes Gefühl der Authentizität.

Das Ganze hat nur einen Haken: Man benötigt für Assetto Corsa auf den Konsolen dringend ein kompatibles Lenkrad samt Pedalen. Wer mit dem Standard-Joypad antritt, hat so gut wie keine Chance, mitzuhalten. Das ist keine Übertreibung, sondern eine gut gemeinte Warnung.

Kein Spaß ohne Lenkrad

Durchaus eine bemerkenswert Angelegenheit, denn die PC-Version lässt sich ganz vorzüglich mit einem normalen Controller steuern. Wir haben das gewissenhaft nachgeprüft. Der direkte Vergleich lässt arge Zweifel am Geschick des Programmierteams aufkommen. Was hat Kunos Simulazioni nur bei den Konsolen versemmelt?

Keine Ahnung. Auf jeden Fall steuert sich selbst ein Kleinwagen mit dem PS4-Controller wie ein Zweiter-Weltkriegs-Panzer auf Glatteis. Es scheint unmöglich, auch nur schlicht geradeaus zu fahren, geschweige denn eine Kurve sauber zu nehmen. Am PC selbst mit einem Joypad eine ganz einfach Angelegenheit, aber auf der Konsole ein unglaublicher Frustgenerator.

Auf der Konsole macht Assetto Corsa leider nur halb so viel Spaß wie auf dem PC.Fazit lesen

Was tun? Nun, da gibt es nur zwei Lösungsmöglichkeiten. Entweder man besorgt sich ein kompatibles Lenkrad, oder man fummelt Ewigkeiten in den Steuerungsoptionen herum, justiert allerhand Parameter, fährt Probe und kommt am Ende doch nicht auf eine annehmbare Lösung. Wir haben in unserem Test zwar Werte gefunden, mit denen man halbwegs zufriedenstellend fahren kann, aber ideal ist was anderes. Auf dem nächsten Screenshot könnt ihr sehen, was wir als einigermaßen brauchbare Steuerung einstufen. Weiteres Ausfriemeln sei wärmstens ans Herz gelegt.

Assetto Corsa - Geile Physik, aber sonst…

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Mit diesen Joypad-Einstellungen kann man halbwegs fahren, ideal ist das aber nicht. Richtig gut geht es nur mit einem Lenkrad.
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Perlen vor die Säue! Kunos Simulazioni kann nicht ernsthaft davon ausgehen, dass sich alle interessierten Konsoleros ein Lenkrad zulegen. Es bleibt also nur, auf einen Patch zu hoffen, der die Steuerung auf PC-Niveau hievt.

Auch sonst recht trocken

Selbst wenn, wird Assetto Corsa nur eine kleine, harte Fangemeinde finden, denn das Spiel verschmäht jeglichen Ansatz von Effekthascherei. Allein der geringe Umfang dürfte bereits Lager spalten. 15 Profi-Strecken mit einer Handvoll Abwandlungen sind wahrlich nicht die Welt. Forza Motorsport 5 startete vor drei Jahren mit der gleichen Anzahl und wurde deswegen von Rennspiel-Fans in der Luft zerrissen. Zumal die Auswahl optische Tristesse auftischt. Kein Stadtkurs, kein Bergkurs, nichts, was dem Auge schmeicheln würde. Ganz zu schweigen davon, dass alle Rennstrecken in Europa angesiedelt sind.

Bei den Rennwagen sieht es ähnlich aus. Inklusive DLC-Wagen kommt man auf knapp über 100, von denen die allermeisten rassige Sportwagen darstellen. Alltagskutschen? Kleinwagen? Karts? Bis auf kleine Ausnahmen alles Fehlanzeige. Die Anzahl reicht definitiv aus, nur etwas mehr Abwechslung hätte nicht geschadet.

Packshot zu Assetto CorsaAssetto CorsaErschienen für PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Geschmackssache, sagte der Affe und biss in die Seife. Optische Tristesse ist bei Hardcore-Simulationen nichts ungewöhnliches, wenn auch nicht zwingend notwendig, schließlich gibt es optisch schöne Profi-Kurse, siehe Monaco oder Mount Panorama. Dass solche in Assetto Corsa fehlen, dürfte Simulations-Enthusiasten mit Fokus auf dem Fahrverhalten wenig stören. Bei durchschnittlichen Rennspiel-Käufern geht hier allerdings das große Gähnen los.

Assetto Corsa - Geile Physik, aber sonst…

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Die ideallinie ist leider nicht dynamisch und somit Anfängern keine Hilfe.
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Zumal die grafische Darstellung auf beiden Konsolen keine Bäume ausreißt. Technisch rangieren Geometrie und Texturen sichtbar unter dem Niveau des neulich getesteten F1 2016, trotzdem leistet sich Assetto Corsa schon bei drei näher betrachteten Autos und ein wenig Reifenqualm heftige Bildrateneinbrüche, völlig gleich ob auf PS4 oder Xbox One. Beide Systeme peilen 60 FPS bei 1080p an, was an sich erfreulich ist, da auch Microsofts Kiste nicht hochskaliert, sondern auf natives Full-HD setzt. Leider ist das aber zu hoch angesetzt. 60 FPS werden nie erreicht, was an einem sichtbaren Stottern beim Passieren der Umgebungsobjekte zu erkennen ist. Zeilenversatz (Tearing) ist an der Tagesordnung. Bildrateneinbrüche können zusätzlich so heftig ausfallen, dass sich Assetto Corsa kurzzeitig in eine Diashow verwandelt, die weit unter 30 FPS arbeitet.

Dies ist nicht der Hardware anzulasten. Sowohl Xbox One als auch PS4 könnten die Grafik von Assetto Corsa locker stemmen, nur sind deren eher schwächlichen Hauptprozessoren womöglich zu sehr mit den Physikberechnungen beschäftigt. Hier merkt man leider allzu sehr, dass Kudos Simulazioni ein kleines Studio mit lediglich 30 Mitarbeitern ist. Angesichts der Größe der Firma ist deren Leistung beachtenswert. Im Vergleich mit anderen Produkten fällt ihr Rennspiel allerdings deutlich ab. Tolle Physik hin oder her, Präsentation und Technik lassen auf grafischer Seite stark zu wünschen übrig.

Rammfreudige KI
Dass die Karriere mit ihrer strengen Vorverschachtelung dem Standard von 1997 entspricht, wird Gelegenheitsfahrern ebenso wenig schmecken. Da genügt ein einziger Wettbewerb mit Anlaufschwierigkeiten, um den kompletten Spielfluss aufzuhalten. Was leider nicht zu verhindern ist, weil die Wettbewerbe sehr ungleichmäßig ausbalanciert wurden und die Künstliche Intelligenz himmelschreiend schlecht ausfällt.

Assetto Corsa - Geile Physik, aber sonst…

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Tolle Physik, schicke Automodelle. Nur die Kurse hinken den technischen Möglichkeiten hinterher.
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Befinden sich gegnerische Piloten beim Einschlag in einer Kurve in unmittelbarer Nähe, so bekommt man in 9 von 10 Fällen direkt eine reingewürgt. Körperloses Fahren ist der KI absolut fremd, da wird gerammt, gedrängelt und geschubst, was das Zeug hält, was angesichts der pingeligen Physik nicht viel Freude aufkommen lässt. Einen Heckantrieb auf Kurs zu halten ist auch so schon nicht leicht, da braucht man keine drei Gegner, die einem volle Kanone in die Seite fahren.

Keiner dieser Faktoren basiert auf zufälligen Ereignissen. Man kann die Uhr danach stellen. Kurve? Gegner in der Nähe? Rumms! Generell ist das Fahrerfeld viel zu einfach einzuschätzen. Wenn es um eine Position auf dem Treppchen geht, legt man sich letztendlich doch nur mit zwei Autos an, die dem Feld regelmäßig vorauseilen. Zwischen den beiden und dem Rest klafft immer eine riesige Lücke, die mit steigender Rundenzahl immer größer wird. Dafür, dass die Entwickler angeblich so viel Wert auf Simulation legen, verhalten sich Kontrahenten extrem unrealistisch.

Langfristig bleibt somit nur das Ausweichen auf den Online-Modus. 16 Spieler passen hier in eine Lobby, von denen es bislang leider nur vorgefertigte öffentliche gibt. Streng private Begegnungen im Freundeskreis sind leider nicht möglich. Auch hier bleibt nur Hoffnung auf ein Update.