Wir haben uns schon seit einiger Zeit an die jährlich erscheinenden neuen Assassin’s-Creed-Episoden gewöhnt. Die dabei aufkommende Monotonie ignoriert Ubisoft einfach – Millionen Käufer geben dem Entwicklerstudio schließlich recht. Aber es ist nicht allein diese regelmäßige Schwemme an Spielen, die mich als Fan kritisch auf neuartige Ausgaben im Attentäter-Universum blicken lässt. Eine Identifikation mit den Helden wird zusehends dadurch schwieriger, dass die Protagonisten ständig ausgetauscht werden. Habe ich etwa mit Ezio mehrere Abenteuer erlebt, muss ich mich auch in Syndicate wieder auf neue Figuren einstellen.

Nach der Französischen Revolution des vorherigen Teils (Unity) sind wir mittlerweile im Zeitalter der Industriellen Revolution angekommen. Der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft hat bekanntlich vielerorts soziale Spannungen und Unruhen ausgelöst. Und der mit der Revolution in Verbindung stehende technische Fortschritt soll sich spürbar auf den Spielablauf der neuen Episode auswirken. So rattern etwa Züge durch das imposant erbaute London, man kann aufspringen und sich herumfahren lassen. Creative Director Marc-Alexis Cote bezeichnete sie auf der E3 als wichtigen Teil des Spielerlebnisses. Ich darf nicht nur lapidar draufklettern, es gibt sogar Zugentführungen, wenn das stählerne Fortbewegungsmittel bedeutsame Fracht geladen hat. Alternativ kann man laut Cote auch einfach nur durch die Stadt gondeln und die Aussicht genießen. Es muss ja nicht immer gleich Blut fließen ...

Das soziale Gefüge ins Wanken bringen

Ubisoft will die sozialen Konflikte der Epoche auf eine Handlung herunterbrechen, die im Assassin’s-Creed-Millieu Sinn ergibt. Die nun schon seit einigen Jahrhunderten als Hauptgegner etablierten Templer beherrschen mit ihren Gangs die Straßen des London von 1868. Unser Held Jacob Frye soll im neunten Hauptspiel der Serie diese Machtverhältnisse aufbrechen und die Gangsterbanden der Templer zurückdrängen. Dafür zettelt er einen Gangkrieg an, versucht ihnen Mitglieder abspenstig zu machen und sein eigene „Gewerkschaft“ zu stärken. Wie seit Jahren etabliert, muss ich deshalb die einzelnen Territorien der Stadt (Westminster, Whitechapel, Lambeth, Strand, City of London und Southwark) von der Knute meiner Feinde befreien und so den eigenen Einfluss vergrößern.

Assassin's Creed Syndicate - Neverending Story meets Arkham's Creed

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Kutschen dienen nicht nur der Fortbewegung, auch zünftige Verfolgungsjagden gehören dazu.
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Beim Anspielen habe ich einige der neuen Kampfmanöver ausprobieren können. Sie sind teilweise brutaler inszeniert als in der Vergangenheit, was auch an der Interaktion mit der Umgebung liegt. So knallt Jacob seine Rivalen zum Beispiel mit dem Kopf in Wände hinein, bevor er ihnen den Gnadenstoß verpasst. Auf Äxte oder Schwerter verzichtet man diesmal überwiegend – die Helden gehen eher mit kleineren Waffen zu Werke. Das System ist auf eine Art Kampfkunst ausgelegt, die größeren, unhandlicheren Schlagwaffen wären in diesem Sinne hinderlich.

Dazu kommen eine Reihe neuer Waffen und neuer Animationen. Beim Schleichen zieht sich Jacob etwa den Hut vom Schädel und ersetzt ihn durch eine Kapuze. Dabei kommt ein wenig Batman-Feeling auf, weil ich noch schneller als früher von einem Gegner zum nächsten husche, mehr Treffer lande, anstatt mit dem ersten oder zweiten Schlag zu töten. Auch wenn durchaus der Eindruck entsteht, es würden viele Kontrahenten gleichzeitig attackieren, ist doch vielmehr die eigene Spielfigur ständig in Bewegung und teilt kräftig aus. Was sich nicht geändert hat, ist das etwas nervige Gelaber nach dem Niederstrecken eines wichtigen Feindes: „Wir werden trotzdem siegen“, „Mein Tod bringt dir gar nichts“ usw. Das habe ich schon von zig anderen Widersachern bis zum Überdruss gehört.

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Abkürzung gefällig?

Neu ist allerdings der Seilwerfer. Das Hilfsmittel wurde von Ubisoft auch im Hinblick auf den historischen Kontext eingeführt, weil die Bauwerke in diesem Zeitalter entschieden höher und die Straßen bedeutend breiter sind. Das Erklimmen der Gebäude oder Überqueren der Fahrbahnen dauert viel länger, wenn man den Seilwerfer nicht einsetzt. Er wirkt sich dementsprechend deutlich aufs Gameplay von Assassin’s Creed: Syndicate aus. Ich kann mich mit ihm erheblich schneller durch London bewegen – auch in diesem Fall fühle ich mich massiv an die Batman-Spiele erinnert. Die Konsequenz: Ich muss nicht mehr Absatz für Absatz nach oben hangeln, erreiche meine Ziele in luftiger Höhe eindeutig zügiger.

Packshot zu Assassin's Creed SyndicateAssassin's Creed SyndicateErschienen für PS4, Xbox One und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Der Seilwerfer dient in der gesamten Stadt nicht nur als flottes Fortbewegungsmittel, er ist zudem für Attentate extrem hilfreich, wie ich selbst ausprobiert habe. Anstatt nur an vorgegebenen Punkten auf Opfer zu lauern, spanne ich einfach ein Seil über ihre Laufwege und erhalte so völlig neue Wegpunkte, um ihnen aufzulauern und Anschläge zu verüben.

Insgesamt bleibt es jedoch trotz dieser eher feinen Änderungen beim etablierten Assassin’s-Creed-Schema; viele Überraschungen sind in den nächsten Monaten nicht mehr zu erwarten. Daran wird wohl auch die weibliche Figur - Evie Frye, Zwillingsschwester von Jacob - kaum etwas ändern. Zwar soll sie einen (noch) flinkeren Kampfstil bevorzugen und dabei auf Wurfmesser und ein im Laufstock verborgenes Schwert setzen. Es würde mich aber verblüffen, wenn der Unterschied größer ist als ein paar neue Animationen.

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Spieler können diesmal zudem auf Kutschen aufspringen, um sich schneller fortzubewegen oder Feinden hinterherzujagen. Nach meiner Probesitzung fand ich dieses Möglichkeit eher nervig, da sich die Vehikel störrisch durch den durchaus dichten Verkehr anderer Kutschwagen bugsieren ließen und ich öfter an irgendwelchen Häuserecken hängen blieb. Zudem scheint das Überfahren von Passanten keine Konsequenzen zu haben, was nicht so ganz zu der „Töte keine Zivilisten“-Attitüde passt.

Auch wunderhübsche Schönheit kann irgendwann ganz schön ... langweilig sein.Ausblick lesen

Und: Natürlich sieht das Spiel auch in der neuen Ausgabe hervorragend aus. Die Weitsicht ist enorm und der Detailgrad der Gebäude faszinierend hoch. Hoffentlich kommt es in der finalen Fassung des Spiels nicht wieder zu massiven Rucklern. Aber gerade die historische Umgebung gucke ich mir sehr gerne aus in der Realität unmöglichen Perspektiven an. Der Todessprung vom Wahrzeichen Big Ben hat schon was.