Ubisoft Quebec hat sich stark von Rockstar Games inspirieren lassen und liefert auf den ersten Blick ein Assassin’s Creed ab, das sehr viel anders macht, sich arcadiger anfühlt, mit rasanten Kutschen-Rennen punktet, aber auch Stealth-Mechaniken ernster nimmt. Und das ganz schön brutal ist und deutlich konsequenter als Batman: Arkham Knight. Dort springen Passanten vor eurem Batmobil in Sicherheit, in Syndicate kommen sie unter die Räder...

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Assassin’s Creed Syndicate ist schneller, wilder, unberechenbarer als „Unity“. Seid ihr es bisher gewohnt, eher gemächlich Stockwerk für Stockwerk eines Gebäudes zu erklimmen, so katapultiert ihr euch jetzt regelrecht vom Boden auf die Dächer Londons. Wie Batman aktiviert ihr eine Seilkanone am linken Arm, visiert das Ziel an, schießt das Seil und zieht euch hoch. Oder rutscht herunter, und das ist eigentlich die spannendste neue Spielmechanik, die auf der Weltpremiere in Quebec gezeigt wurde.

Assassin's Creed Syndicate - Eine blutige Melange aus Uncharted 4 und GTA: London?

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Gestatten, Jacob Frye: würde gerne die Welt verändern, den Untergrund regieren und die Basis für eine Filmreihe namens „James Bond“ legen.
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Ihr seid nicht mehr beschränkt auf die ikonischen Angriffe wie den Tod von Oben, sondern könnt viel dynamischer angreifen. Könnt ein Seil zwischen zwei Dächern spannen, das eine tiefer gelegen als das andere, runterrutschen, bei halber Fahrt abspringen und den Schwung mitnehmen, um den Kutscher vom Bock eines Gefangenentransports zu kicken. Anschließend übernehmt ihr selbst die Zügel und prescht mit ein bis zwei Pferdestärken durch die Gassen Londons. Ubisoft Quebec fährt aber generell den Authentizitäts-Faktor stark zurück und schneidet das Gameplay auf fast schon „GTA“-ähnliche Spielmechaniken zu.

Kutsche kapern, Droschke rammen – GTA 1868

Ubisoft hat sich stark von Rockstar Games inspirieren lassen, doch das meinen wir gar nicht negativ. Es gibt einfach Spiele, denen tut Realismus nicht besonders gut, Assassin’s Creed gehört dazu. So sind echte Pferde zwar auch ganz schön schnell unterwegs, hätten aber nie die Kraft so rasant in die Kurve zu gehen, dass der Passagierwagen halb umkippt. Dieses arcadige Spielgefühl ist aber ziemlich klasse, weil Ubisoft viel daraus macht.

Ihr könnt andere Kutschen abdrängen oder in Droschken im Galopp reinpreschen. Jedes der Gefährte hat ein eigenes Schadenssystem, da splittert schon mal Holz ab, fliegt eine Tür auf den Weg oder gerät auch schnell mal ein Passant oder drei unter die Räder. In diesem Punkt fühlt sich Assassin’s Creed Syndicate sehr viel konsequenter an als Batman: Arkham Knight, wo Passanten generell immer in Sicherheit springen. Batman ist schließlich der strahlende Ritter, der überfährt keine Zivilisten. Einer der zwei neuen Protagonisten namens Jacob Frye ist hingegen eher der Typ Edward Kenway: ein rauer Bursche, der nicht davor zurückschreckt seinem Feind ein Messer direkt zwischen die Augen zu rammen und zu dem es passt, dass ihr – so ihr das denn wollt – auch direkt auf dem Gehweg fahren, Passanten einsaugen und hinten wieder deformiert rauswerfen dürft.

Die Geschichte: Marxscher Klassenkampf trifft auf Templer-Gehaue

Die Geschichte ist aktuell noch etwas undurchsichtig. Wir wissen eigentlich nur, dass die Geschwister Jacob und Evie vom englischen Land nach London kommen und dort die ganzen Auswirkungen der Industriellen Revolution miterleben. Denn der Fortschritt bringt zwar die Eisenbahn, auf der ihr euch James-Bond-ähnliche Kämpfe liefern könnt, hat aber nichts am Verhältnis des Adels gegenüber der Unterschicht geändert. Kaufleute sind im Rang gestiegen, die Armen eher noch ärmer geworden.

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Die sieben Bezirke Londons bieten mehr Raum für Fallen, fast schon so wie in Hitman. Das gefällt Evie, die sich mehr wie eine Stealth-Assassinin spielen soll.
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Jacob will sich des Klassenkampfes im Marxschen Sinne annehmen, scheint dabei aber auch ganz eigene, möglicherweise nicht ganz uneigennützige Pläne zu verfolgen. Denn er plant die Unterwelt, das organisierte Verbrechen Londons, an sich zu reißen. Wie üblich in der „Assassin’s Creed“-Serie haben er und seine Schwester zu Beginn wenig zu schaffen mit dem Krieg der Assassinen gegen die Templer. Denn der spielt natürlich auch wieder eine Rolle, die Templer haben den britischen Ableger des Ordens weitestgehend ausradiert, die Überlebenden für vogelfrei erklärt und in die Katakomben Londons vertrieben.

Die Story-Struktur dürfte also wieder relativ klassisch ausfallen, allerdings mit einer besonderen Note: laut Creative Director Marc-Alexis Côté haben die beiden durchaus unterschiedliche Ansichten und seine Autoren werden die Geschichte wohl aus konträren Perspektiven erzählen, was sich doch schon mal ziemlich spannend anhört.

Ubisoft liefern viele Neuerungen ab, müssen stilistisch aber noch beweisen, dass sie verstehen, was das viktorianische Zeitalter auszeichnet.Ausblick lesen

Boxen wie in Uncharted 4 oder Stealth-Assassinin?

Generell möchte Ubisoft Quebec mehr Spielstilen gerecht werden und mehr Freiheiten in der Talent-Auswahl gewähren. Deshalb könnt ihr in zahlreichen Missionen entscheiden, ob ihr lieber mit Jacob oder Evie losziehen wollt und die Charaktere entsprechend skillen. Wie genau das System funktioniert, wollen die Kanadier wohl erst auf E3 und Gamescom verraten, aber auf jeden Fall gibt es wieder einen dynamischen Tag- und Nachtwechsel.

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Faust-Physik: Trifft nur die Hand auf den Kiefer, schwillt die Wange an, wird rot und blau. Setzt ihr einen Schlagring ein, brechen Knochen.
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Das ist wichtig für die Atmosphäre, denn Assassin’s Creed Syndicate ist zumindest bei Tag nicht gerade das Jack-the-Ripper-Spiel geworden, womit die meisten gerechnet hätten. Es gibt insgesamt sieben Viertel, die Industrieviertel darunter sind zwar verqualmter, schmutziger und diesiger, insgesamt ist der Farbton aber relativ hell und freundlich. Interessant wird es, wenn es dunkel wird, denn Ubi Quebec nutzt ein ähnliches Stealth-System wie „Splinter Cell: Conviction“.

Stehen daher Gegner nah bei einer Lichtquelle, wirken die Farbtöne ihrer Kleidung sehr durchdringend, ein rot ist dann richtig knallig. In den dunklen Bereichen hingegen schwappt es mehr ins Graue über, damit ihr jederzeit wisst, ob ihr jetzt gerade in Deckung seid oder nicht. Zudem gibt es deutlich mehr Fallen als noch in Assassin’s Creed: Unity: Ihr könnt mit einem gezielten Messerwurf Netze mit Fässern lösen und damit Patrouillen erschlagen. Oder auch Halluzinogen-Pfeile benutzen, die Schläger aufeinander hetzen. Wer das clever anstellt und mit Pfiffen oder anderen Lauten die Wachleute erst an ein Feuer lockt und dann das Halluzinogen in die Flammen schießt, der sorgt für eine größere Flächenwirkung und eine schöne Massenkeilerei.

Die ist wiederum ganz nach Jacobs Geschmack, denn der ist zumindest bei der Weltpremiere als ziemlicher Haudrauf geskillt. Er kämpft zwar auch mit versteckter Klinge, Pistole und einem Kurzschwert, setzt aber vor allem seine harte Rechte ein. Es scheint fast so als wollte Ubi sich ein bisschen von den Schwertkämpfen verabschieden, die die letzten drei Assassin’s Creeds dominiert haben und wieder mehr Nahkampf-Optionen anbieten. Das Box-System ist nämlich sehr viel ausgefeilter als in anderen Ablegern. So könnt ihr jetzt Schläge mit dem Arm kontern, müsst mehr auf eure Beinarbeit achten, könnt eine harte Rechte verteilen oder einen Schwinger von links oder auch zum Kinnhaken ausholen. Das macht schon richtig Laune und bringt Abwechslung in die Serie.

Die Straßenschlachten: Gangs of New ... äh London

Wie in Filmen à la „Gangs of New York“ werden später auch Schlagringe eingesetzt, die das Gesicht nicht nur rötlich färben und anschwellen lassen, sondern Nasenbeine und Kiefer brechen. Schön: Syndicate arbeitet, zumindest von seiner ersten Demo her zu urteilen, nicht mehr so aggressiv mit Massen-Keilereien, sondern konzentriert sich auf deutlich länger währende Duelle.

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Beschreibung zu Screenshot #2640860
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Vor allem auch bei den Gang-Battles, die sich herrlich natürlich anfühlen. Um eine gegnerische Fraktion dazu zu „überreden“ für euch zu arbeiten, müsst ihr nämlich deren Anführer/in ausschalten. Dazu müsst ihr für genug Terror in deren Viertel sorgen, so kommt es dann zu den Straßenschlachten und die sind richtig gut inszeniert und auch spielerisch interessant.

Die Briten waren ja historisch gesehen einem guten Faustkampf nie abgeneigt und da die arme Bevölkerung von Stadtteilen wie Whitechapel (ja, genau das gleiche Viertel wie in „The Order 1886“) wenig Unterhaltungsmöglichkeiten haben, bauen sie regelrechte kleine Tribünen auf, schwenken mit Fahnen und feuern die einzelnen Fraktionen an. Spielerisch ist das interessant, weil ihr an der Seite eurer Gang, also gut zehn K.I.-Kloppern, kämpft. Der Feind konzentriert sich also nicht nur auf euch, sondern will eure ganze Bande verkloppen und ihr könnt euch rauspicken, wer zuerst seine Zähne verlieren darf.