Kanada statt Frankreich, Seefahrerromantik statt Revolution. Auf den gealterten Konsolen Xbox 360 und PS3 wagt Ubisoft Sofia keine Experimente. Assassine Shay erlebt eine Art Fortsetzung von Black Flag mit neuem Handlungsstrang – und das bleibt qualitativ definitiv auf der Höhe.

Als alter Retrospieler vermisse ich die gute alte Zeit, in der mehrere Konsolen unterschiedlicher Stärke nebeneinander existieren konnten. Commodore 64 neben Amiga und ST, Master System neben Super Nintendo und Mega Drive. Nur leider erlaubt das die Marktlage nicht mehr. Spielentwicklung ist inzwischen dermaßen teuer, es lohnt sich kaum, mehrere Systeme parallel zu bedienen. Optimierung verschlingt zu viel Zeit, das Publikum ist in zwei Hardware-Klassen gespalten und die Konsolenhersteller wollen den Umzug so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Zumal der vorherrschende Umschwung von Custom-Architekturen zum x86-Gerüst den Herstellungsprozess ändert.

Einige Softwareschmieden versuchen die immer größer werdende AAA-Lücke über Kompromisse zu schließen, siehe das quasi baugleiche LittleBigPlanet 3 bei Sony oder das ähnlich konzipierte, aber auf Xbox 360 leider vergurkte Forza Horizon 2 bei Microsoft. Ubisofts Lösung gefällt mir in diesem Gespann ziemlich gut. Unsere französischen Nachbarn versorgen Freunde der sterbenden Generation mit einem eigenständigen Ableger der Assassin's-Creed-Saga.

Assassin's Creed: Rogue - Noch 'ne Buddel voll Rum für die alten Konsolen

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Nur aufgewärmte Old-Gen-Pampe? Nope, mitnichten.
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Wo der Haken ist, fragt ihr? Nun, streng genommen nahm Ubisoft sämtliche Assets des Vorgängers Black Flag, strickte ein wenig neuen Inhalt drumherum und setzte alles in neuer Reihenfolge zusammen. Assassin's Creed: Rogue würde glatt als ausführliche Erweiterung durchgehen, auch weil die Kampagne rund um den Assassinen Shay mit rund acht bis neun Stunden nicht die längste ist. Angesichts des Trubels rund um die New-Gen-Episode Unity die bessere, wenn auch konservativere Lösung. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie Unity auf den alten Konsolen ausgesehen hätte.

Auf Los geht’s los

Rogue hält sich gar nicht erst mit großen Floskeln zur Einleitung auf. Wer Black Flag gespielt hat, taucht nach weniger als zwei Minuten in den Spielablauf ein und fühlt sich sofort zuhause. Ein wenig meucheln, ein wenig Erzählung, ein paar kurze Tutorials für blutige Einsteiger, dann geht es auch schon mit dem Zweimaster-Segelschiff „Morrigan“ auf hohe See.

Assassin's Creed: Rogue - Noch 'ne Buddel voll Rum für die alten Konsolen

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Row, Row, Row Your Boat...
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Vielleicht sollte ich lieber „kalte See“ schreiben, denn der nördlich gelegene Atlantik rund um das heutige Kanada ist kein attraktives Ziel für einen Badeurlaub. Shay und seine Mannschaft schaufeln im Kanonenregen vieler Seeschlachten permanent eisig nasse Gräber für große und kleine Schiffe und decken im Rahmen der fiktionalen Geschichte (diesmal) um die fiesen Templer pseudo-historische Zusammenhänge des späten achtzehnten Jahrhunderts auf. Alles selbstverständlich im Rahmen einer übergeordneten Erzählstruktur, wie man es aus den Vorgängern kennt. Die Geschichte wird also in fragmentierte Erinnerungen aufgeteilt, die man in den VR-Anlagen der futuristischen Firma Abstergo Entertainment nachvollzieht.

Wie schon erwähnt, ist der neue Handlungsstrang mit dem wankelmütigen Helden Shay nicht besonders lang, aber dank hervorragender Synchronisation und professionellem Erzählstil sehr unterhaltsam. Am Produktionswert erkenne ich keine Makel. Shay erlebt einen Gesinnungswandel und muss sich einstigen Verbündeten entgegenstellen, was über mehrere Kapitel hinweg prima eingeleitet und zugespitzt wird. Kein revolutionärer Stoff, aber grundsolide Unterhaltung mit massig Spielwert. Ein riesiger Sack voll Nebenmissionen, Sammelgegenstände und Upgrade-Optionen für Schiff und Crew strecken die Spielzeit ordentlich, sofern erwünscht.

Singt, ihr elenden Landratten!

Wer mit dem Segeln in Black Flag nie so recht warm wurde, wird Rogue keineswegs angenehmer empfinden. Egal ob während der Kampagne oder der freien Erkundung, man verbringt sehr viel Zeit auf dem Meer. Hat mich persönlich nicht gestört, denn ich amüsiere mich allein schon aufgrund der witzigen Seefahrer-Songs, die meine Mannschaft auf Kommando schmettert. Hier und da mal die gegnerische Marine an Poseidons Busen schicken oder einen Wal harpunieren bringt Abwechslung, Rohstoffe und Kohle ein (respektive Upgrades für Panzerung, Bewaffnung und Seetüchtigkeit). Grafisch macht das Meer ebenfalls einiges her. Für ein Spiel der sterbenden Generation ungemein schnuckelig, was Ubisoft abliefert. Alles sehr ähnlich wie in Black Flag und doch interessant genug für eine Quasi-Fortsetzung.

Kein Geniestreich, aber ein gelungenes neues Meuchler-Abenteuer im Black-Flag-Gewand.Fazit lesen

Technisch war Assassins Creed noch nie absolut sauber. Der Gesamteindruck ist jedoch rund, weil flüssig und die Spielbarkeit litt in meinem Testlauf nie unter Unzulänglichkeiten von Hardware oder Programmcode. Keine Zauberkunst, wenn das Spiel auf dem Sockel des Vorgängers sitzt, aber ich dachte mir, es wäre eine Erwähnung wert.

Assassin's Creed: Rogue - Noch 'ne Buddel voll Rum für die alten Konsolen

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Rogue ist richtig gute Unterhaltung und ein würdiger Abschluss auf Xbox 360 und PS3.
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Der einzige ernstzunehmende Kritikpunkt auf meiner Seite wäre der etwas zu gutmütige Schwierigkeitsgrad. Die Tölpel der Navy knicken ein wie Streichhölzer und lassen sich selbst in dicht besiedelten Gegenden extrem leicht unbemerkt aus Verstecken heraus abmurksen. Der ein oder andere tarnende Busch weniger hätte die Herausforderung an Land erhöht. Klar, wer einer Meute verärgerter Soldaten entgegentritt, bekommt sein Gebiss nach wenigen Sekunden ausgehändigt, aber es lässt sich oft vermeiden.

Notfalls nimmt man eben eine Geisel und hinterlässt eine Staubwolke. Helferlein wie ein Luftgewehr, Granaten und andere Werkzeuge erweisen sich sehr früh als effektiv genug, um ein ganzes Lager zu verwirren. Außerdem scheinen mir die vorgezeichneten Free-Climbing-Pfade noch offensichtlicher als sonst, was ein wenig von der Überraschung nimmt. Die berühmten AC-Belohnungs-Momente („Ach DA soll man entlang, um den Wachen auszuweichen!“) spendiert das Programm manchmal zu gutmütig.

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Das raubt AC: Rogue keineswegs den Spaß. Sein Sandbox-Element inklusive Versteckspiel und Ablenkung birgt weiterhin verdammt viel Unterhaltungswert und lädt zum Experimentieren ein. Aber Serien-Veteranen dürften trotz neuer Aspekte im AC-Universum sehr schnell wissen, wie der Hase läuft. Einige Angriffsvarianten wurden umgestaltet, etwa das Meucheln aus einem Versteck heraus. Nichts Weltbewegendes.

Stört mich persönlich ehrlich gesagt wenig. Der Generationswechsel war überfällig und verläuft nun etwas schneller als gewohnt – war aber abzusehen und fordert seinen Tribut. Neun Jahre, das ist ein stolzes Alter für Xbox 360 und PS3. Assassin's Creed: Rogue gehört grafisch wie inhaltlich noch zu den ambitioniertesten Versuchen, Last-Gen-Freunden entgegenzukommen. Meiner Prognose nach wird es spätestens Mitte 2015 nur noch Ramsch für diese Plattformen geben – siehe der Übergang von PS2 zur PS3.