Manchmal führt der Weg nach vorn über einen Schritt zurück: Im alten Ägypten findet Assassin’s Creed seine Wurzeln und blüht zu neuer Stärke auf. Einige Dornen sollte Ubisoft beim nächsten Mal aber noch entschlossener abschneiden.

Es ist soweit – Assassin's Creed: Origins erscheint morgen in den Läden. Seht, was euch im alten Ägypten erwartet:

Assassin's Creed: Origins - Das alte Ägypten erwartet dich - Launch Trailer18 weitere Videos

Assassin’s Creed Origins ist die letzte Chance für eine Spielereihe, die wie kaum eine andere strapaziert wurde, stagnierte und schließlich selbst die größten Fans frustrierte. Mit der Entwicklung von Origins wurde bereits 2013 nach der Veröffentlichung von Assassin’s Creed: Black Flag begonnen, wodurch dessen Nachfolger Unity und – das gemeinhin unterschätzte – Syndicate im Nachhinein quasi zu Füllern degradiert werden. Im Untertitel Origins schwingt mit, dass es um die Anfänge der Geschichte geht, aber auch um die (Wieder)geburt der Serie, den Start in eine neue Assassin’s-Creed-Ära.

Assassin's Creed: Origins - Arabischer Frühling mit Bayek von Riva … Pardon, Siwa

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Wird Bayek seine Bestimmung erfüllen können?
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Diese schwere Bürde lastet auf dem jungen Mann Bayek, der um 50 vor Christus im alten Ägypten als Medjai – eine Art Polizist – lebt. Durch eine familiäre Tragödie sondergleichen wird er zum Racheengel und meuchelt sich durch mehrere Riegen intriganter Verschwörer und Verbrecher. Das Setting eignet sich für Assassin’s Creed und dessen Hang zu historischen Figuren wunderbar, denn es laufen zahlreiche schillernde Persönlichkeiten wie Kleopatra und Julius Caesar auf. Wir haben durch eine spielinterne Randnotiz übrigens gelernt, dass zwischen dem Bau der ersten ägyptischen Pyramide und Kleopatras Amtszeit mehr Zeit verging als zwischen besagter Amtszeit und 2017. Eigentlich erstaunlich, dass Assassin’s Creed erst jetzt auf diese ausgesprochen lange und wichtige Epoche der Menschheit zurückgreift.

Atemberaubendes Ägypten

Gleichzeitig ist Ägypten ein toller Spielplatz, denn mitnichten stapft ihr nur durch endlose Wüsten. Ihr bereist kleine Dörfer und bedeutende Städte wie Alexandria und Memphis, leuchtet euch mit Fackeln den Weg durch dunkle Höhlen, erklimmt mächtige Berge, schippert über Flüsse und galoppiert über blühende Felder. Die Spielwelt ist eine der zentralen Stärken des Spiels, denn trotz ihrer beinahe erschlagenden Größe lädt sie immer wieder zum Entdecken ein und wirkt vor allem lebendig. Letzteres erreicht man nicht durch ein Vollstopfen mit möglichst vielen NPCs. Es ist vielmehr der nachvollziehbare Aufbau einer organischen Welt, die auch zwischen den zentralen Schauplätzen noch funktioniert und sich wie ein großes Ganzes anfühlt. So haben wir häufig auf die Schnellreisefunktion verzichtet, die ihr durch das Synchronisieren von Aussichtspunkten freischaltet, weil wir mit offenen Augen durch Ägypten reiten wollten.

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So beeindruckend ist die Grafik von Assassin's Creed: Origins
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Eine ähnliche Verbundenheit zur Welt haben wir in The Witcher 3: Wild Hunt erlebt und Assassin's Creed: Origins hat das Hexer-Spiel auch in anderer Hinsicht zum offensichtlichen Vorbild auserkoren: Origins setzt auf ein Quest-System, das euch abseits der Hauptmissionen mit zahlreichen Nebenaufgaben beglückt. Das nimmt zwar nicht die Dimensionen des Witchers an, ihr könnt aber schon einige Extrastunden damit verbringen, bedrängten Bauern einen Steuereintreiber vom Hals zu schaffen, einen verschollenen Ehemann vor Krokodilen zu retten oder eine mysteriöse Mordserie aufzuklären. Nahezu alle Quests sind mehrstufig aufgebaut und kommen mit ihren eigenen kleinen Geschichten, sodass sie sich gut einfügen und nicht wie lieblose Füllmasse wirken.

Luxor und Leveln

Da das Spiel stark levelbasiert funktioniert, könnt ihr die Nebenmissionen nur zum Teil ignorieren: Immer wieder müsst ihr zwischendurch die eine oder andere Zusatzaufgabe übernehmen, damit Bayek den empfohlenen Level für die nächste Storymission erreicht. Denn diese wiederum arbeiten mit Widersachern, deren Stärke sich über ihren Charakterlevel definiert – selbst ein harmlos aussehender Fußsoldat haut euch schnell aus den Sandalen, wenn euer Level deutlich unter seinem liegt.

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Es erwartet euch ein härteres Kampfsystem
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Für derlei Kämpfe hatte Ubisoft grundlegende Veränderungen versprochen und tatsächlich ist Origins bei Gefechten anspruchsvoller. Ihr müsst häufig zwischen leichten und schweren Attacken variieren, ausweichen, blocken und kontern. Gerade im Duell mit zwei oder mehr Gegnern wird das Ganze aber chaotisch, zumal die Geschwindigkeit zu hoch ist, wodurch es wiederum an gefühlter Wuchtigkeit fehlt. Außerdem gibt es keine Ausdauer, mit der Bayek haushalten müsste. So schlagt ihr oft wild um euch oder rennt wie ein Huhn herum, damit Bayeks Energie sich wieder auffüllt – die entsprechende Selbstheilungsfähigkeit könnt ihr früh im Spiel erlernen.

Lasst ihr euch dann doch mal von den Feinden niederknüppeln, gibt es keinerlei Konsequenzen, das Spiel stellt euch einfach ein paar Meter entfernt wieder ab. Selbst bereits erledigte Schlüsselgegner der laufenden Mission bleiben tot. In der Summe fehlt Origins der Mut, vor Belohnungen richtige Herausforderungen zu setzen. Um es überspitzt zu sagen: Assassin’s Creed Origins ist weder bei Kämpfen wie Dark Souls noch in der Erkundung der Welt wie Zelda: Breath of the Wild. Während ihr in Letzterem über viele Spielstunden eure Ausdauer verbessern müsst, um schließlich diese eine verdammte Stelle erklimmen zu können, klettert Bayek von Beginn an die steilsten Berge hinauf. Das ist grundsätzlich legitim, schließlich soll Origins nach wie vor ein zugängliches Spiel für eine breite Zielgruppe sein – wir sind aber doch überrascht, dass es sich in diesem Bereich nicht einmal optional stärker von seinen Vorgängern und anderen Popcorn-Abenteuern emanzipiert.

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Assassin's Creed bleibt Assassin's Creed - alte Fehler schleichen sich wieder ein
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Ubi kopiert Ubi

Origins profitiert zwar von seiner neuen Quest-Struktur, zeitweise artet es aber doch in das typische Abarbeiten von Interaktionspunkten aus. Dabei kommt einleitend oft Habichtadlerweibchen Senu ins Spiel, die aus der Luft wichtige Punkte erkennen und markieren kann. Im Grunde ist sie das Pendant zum Fernglas aus Far Cry, nur dass das Fernglas hier eben Flügel hat. Eine echte Herausforderung besteht dabei nicht, sodass das einleitende Umschalten zur Vogelperspektive schnell zur belanglosen Routine wird. Eine vergleichbare Mechanik ohne großen Mehrwert haben wir jüngst in Mittelerde: Schatten des Krieges gesehen, wo ihr von den Türmen aus selbst bestimmte Punkte auf der Karte markieren müsst. Die Funktionsweise über sich verkleinernde Kreise als Suchhilfe ist exakt identisch. Abermals aus Far Cry stammt hingegen die Jagd nach Tieren: Nilpferde und Co. sind nicht nur erstaunlich beliebte Quest-Opfer, auch für bestimmte Upgrades müsst ihr Felle, Häute und Schädel sammeln. Peta wird sich freuen. Man verzeiht dem Spiel seine vielen Anleihen an andere Spiele aber zu weiten Teilen, weil die starke Spielwelt und die Story über schwächere Aspekte hinwegtrösten.

Origins ist der beste Serienteil seit langer Zeit und begeistert mit einem authentischen, abwechslungsreichen Ägypten. Spielmechanisch bleibt aber Luft nach oben.Fazit lesen

Origins präsentiert sich in gleich mehrerlei Hinsicht aufgeräumt: Zum einen ist die Karte bei weitem nicht so überfüllt wie in anderen Open-World-Spielen. Zum anderen verinnerlicht man die Steuerung schnell. Die Parkour-Kletterei funktioniert so gut, dass man kaum noch ungewollt Wände erklimmt. Last but not least sind auch die Menüs des Spiels weniger überfrachtet als in anderen Titeln des Genres. Das mag nach einem unbedeutenden Detail klingen, es ist aber gerade bei derlei umfangreichen Spielen sehr angenehm, sich schnell in den Menüs zurechtzufinden.

Rollenspiel Light

Ein wenig unentschlossen ist Origins bei seinen RPG-Elementen: Zwar könnt ihr Bayek hochleveln und durch verdiente Punkte neue Skills freischalten. Neue Ausrüstung bringt aber nicht immer Verbesserungen mit, Outfits zum Beispiel sind rein kosmetischer Natur. Dafür sind die vielen Schwerter, Zepter, Hämmer und Bögen in Diablo-Manier in verschiedenen Güteklassen erhältlich, wobei seltene oder legendäre Exemplare neben guten Grundwerten oft Boni mitbringen.

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Nicht benötigte Fundsachen verkauft ihr in den verschiedenen Läden, wobei der kontroverseste Shop nicht an einer staubigen Straße Ägyptens, sondern direkt in den Menüs des Spiels zu finden ist. Origins frönt der modernen Unsitte, ein Vollpreisspiel mit einem Echtgeld-Ingame-Shop auszustatten. Ihr könnt dort Items und Zeitersparnisse kaufen. Wir haben bewusst komplett auf die Nutzung dieses Angebots verzichtet, um zu überprüfen, ob sich das Spiel auf dem normalen Schwierigkeitsgrad ohne zusätzliche Investitionen problemlos bewältigen lässt. Dies war der Fall. Wenn ihr euch auch an diesem Geschäftsmodell stört, empfehlen wir, den Echtgeld-Shop zu ignorieren.