Ding ding, Runde drei von dem Brei. Nach den letzten beiden, insgesamt doch höchst blassen Episoden der leider so gar nicht epischen Ablegerreihe um historische Szenarien, die für die Hauptreihe offenbar einfach zu interessant oder spannend waren, verschlägt es uns diesmal ins frisch postzaristische Russland. Und diesmal steigen wir gleich in die Galoschen nicht nur eines, sondern zweier Assassinen. Doppelt so viel... äh, Spaß?

Bevor wir loslegen: Hier gelangt ihr zu unseren Tests zu ACC: China und ACC: India.

Nikolai ist nicht nicht nur Assassine, sondern so viel mehr. Zum Beispiel Schnauzbartträger, Gewehrschütze und Familienvater. Eigentlich will er sich mit seiner Frau und Tochter nach Amerika absetzen, doch er hat einen letzten Auftrag zu erledigen: Die Zarenfamilie ist im Besitz eines Progenitor-Artefakts, und die aktuellen Unruhen sind der perfekte Zeitraum, um die hiermit gefüllte Schatulle den gefangenen Romanows zu entwenden.

Nun hat sich Nikolai einen schwierigen Zeitpunkt für diese Mission ausgesucht, denn obwohl der Zar und seine Familie lange gefangen waren, taucht der alte Assassine genau dann auf, als die Bolschewisten sich entscheiden, die Familie hinzurichten. An dieser Stelle bemüht ACC Russia aber eine der klassischsten historischen Gurkenmythen: das angebliche Überleben der 17jährigen Anastasia Romanow. Als Nikolai sie vor den menschenfressenden Rotarmisten rettet, passiert etwas seltsames: Die junge Zarentochter kann plötzlich meucheln und klettern wie eine Veteranin des Assassinen-Ordens...

Assassin’s Creed Chronicles: Russia - Anderes Rezept, derselbe Borschtsch

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Stil und Szenario können gefallen, aber es wird nicht viel rausgeholt.
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... okay, machen wir kein größeres Geheimnis draus, als unbedingt sein muss – es gibt jetzt noch eine Spoilerwarnung, dann reden wir weiter. 3. 2. 1. Okay, also Anastasia wird besessen vom Geist von Shao Jun, legendäre chinesische Assassine und Protagonistin von ACC China. Das sorgt nicht nur für einen Erfahrungsschatz beim Messern von Templern, sondern auch für ein aufbrausendes Gemüt und – oh weh – einen Satz von Superkräften.

Jupp, Superkräfte. Genau das hatte der ganzen Reihe ja gefehlt: unsichtbar werden, teleportieren, Attentate ohne Spuren hinterlassen undsoweiter. Zugegeben, das ganze ist an ein einigermaßen restriktives Mana-System gekoppelt und eher an Stellen einzusetzen, an denen es wirklich keine andere Option gibt, aber es ist dennoch ein ganz schöner Schlag vor den Kopf.

Assassin’s Creed Chronicles: China - Launch TrailerEin weiteres Video

Vielleicht muss man aber eines an dieser Stelle klarstellen, was die Spielstruktur angeht. Wie schon in den Vorgängern kriegt man nach jedem durchgespielten Mini-Abschnitt eine Bewertung, die sich grob um einen von drei Spielstilen rankt: sich durchmorden, sich durchschleichen, sich durchkämpfen. Noch im ersten Teil war es herzlich wumpe, welche der drei Varianten man bevorzugte – solange man sich gut dabei anstellte, konnte man die Schlächterin der halben chinesischen Bevölkerung sein und trotzdem Höchstwertungen erhalten.

Ist in Russia nicht mehr ganz so. Versteht mich nicht falsch, man kann sporadisch (und vor allem später) immer noch ein bisschen kämpfen, wenn es drauf ankommt, und es ist dasselbe anspruchslose Gehampel, dass die Vorgänger geplagt und schon die Hauptreihe verflucht hat. Nur kommt es, zumindest über lange Zeit, nicht dazu, weil im Jahr 1918 fast alle Leute, Nikolai eingeschlossen, Schusswaffen haben und man sich sehr schnell (anfänglich schon nach einem Treffer von irgendwas) die russischen Primeln von unten anguckt.

Assassin’s Creed Chronicles: Russia - Anderes Rezept, derselbe Borschtsch

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Der Fokus auf Kampf wurde zurückgeschraubt. Das ist gut. Der Kampf selbst ist immer noch Quatsch. Das ist schlecht.
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Nicht einen Schritt vorwärts!

Eigentlich ist das cool. Es gibt dem Spiel eine Infusion von etwas, was wir in Assassin's Creed viel zu selten sehen: eine Notwendigkeit zu schleichen. Kein Zwang per se, wie wir ihn öfter in der Reihe haben ("LASS DICH NICHT ENTDECKEN SONST GAME OVER DU SPATEN"), sondern ein wirklicher Sinn dahinter. Wird inkonsequent und fleckenhaft umgesetzt, ist aber mal eine interessante Entwicklung.

Schade drum: Gute Ansätze verenden, interessante Szenarien werden verschenkt. Chronicles landet im stumpfesten Mittelmaß.Fazit lesen

Auch das Szenario, trotz seiner plakativen Hau-Drauf-Schemata (Da unterhalten sich doch tatsächlich russische Soldaten darüber, ob die Zarin vor ihrer Hinrichtung wenigstens noch schön vergewaltigt wurde. Ubisoft, bittsie.), böte theoretisch Platz für ein paar neue Dinge, beleidigenderweise zeigt es aber immer nur Flecken und Nebelschwaden von Innovation. Da kann Nikolai dann mal mit einem Scharfschützengewehr agieren, was wiederum eher ein steifes Puzzle als ein Actionsegment ist. Oder man kann Feinde per Telefonanruf ablenken. Oder eines der durchaus gut gestalteten Level findet mal auf einem rasenden Zug statt, an dem man seitlich entlangklettern kann, dann Signalleuchten ausweichen muss, um dann wieder in den Zug zu tauchen. Niedlich.

Russland 1918 mit einsetzender Industrialisierung und Elektrifizierung ist ein schönes Spielfeld, auf dem man sich mehr wagen könnte, was aber leider ausbleibt. Stattdessen wird der bereits aus den beiden Vorgängern bekannte Kitsch abgefeiert und mit sporadischen Ideen und kleinen Sinnlosigkeiten gewürzt. Einzig die Optik wurde einmal mehr ein bisschen angepasst. In den (immer noch aus Standbildern und Voice-Overs bestehenden) Zwischensequenzen haben wir nun die farblich minimalistische Optik eines sowjetischen Propaganda-Plakats und die scharfen Konturen des sozialistischen Realismus. Im Spiel selbst werden große Teile in Grau gehalten, das nur sporadisch durch Farbkleckse aufgelockert wird. Verleiht dem ganzen jedenfalls einen Schuss mehr Persönlichkeit, was angesichts der plumpen Story und des eher ermüdenden Gameplays etwas hilft.

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Дас чиер ист ницчт ширклицч Руссисцч, ицч шеисс. Ицч шоллте нур мал гуцкен, шер сицч дие Мüче мацчт, зу версуцчен, дас чиер зу лесен. Толл гемацчт!
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Ziehen wir also einen Schlussstrich unter die Chronicles-Reihe: Braucht kein Mensch, kann man aber irgendwie spielen und etwas Spaß haben. Wer sich in das fitzelige Konzept hineinarbeiten kann, wird zwar unter Garantie nicht mit einem Knaller belohnt, aber derjenige wird auch nicht den Fehlkauf seines Lebens getätigt haben. Leider deutet Chronicles aber vor allem an, was alles mit der AC-Reihe möglich wäre, was einen bitteren Nachgeschmack im Mund zurücklässt. Würde man sich in einem großen, besser konzipierten Assassin's Creed mehr Dinge trauen, vor allem schon, was das Szenario angeht, dann hätte die Reihe vielleicht auch wieder so etwas wie eine Zukunft. Feige die Szenarien, die man nicht bewältigen kann, in halbgaren Puzzle-Plattformern zu verbraten, bringt allerdings nichts als Enttäuschung und Ärger.