Die Wunden sind noch frisch und der Katastrophenstart von Assassin's Creed Unity noch nicht ganz aus unseren Köpfen. Man ist skeptisch gegenüber Ubisoft und der Marke „Assassin's Creed“ geworden. So richtig ungeniert lebt es sich dann wohl mit einem ruinierten Ruf doch nicht. Das muss auch Xavier Penin, Lead Game Designer von Ubisoft Partners, beim ersten Anspieltermin zu Assassin's Creed Chronicles feststellen.

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„Wann gibt es zu viel Assassin's Creed?“, lautet die Gretchenfrage. Doch Xavier kontert salomonisch: „Tja, da kann ich vermutlich eher als Fan antworten, denn als Spieler. Ich persönlich freue mich darüber, neue Szenarien und neue Charaktere aus diesem reichhaltigen Universum kennenzulernen.“ Doch so wirklich glücklich scheint auch er mit den Reaktionen auf die Probleme der Assassin's-Creed-Saga nicht zu sein: „Besonders die Medien sind schon hart ins Gericht gegangen. Aber hey, es war unsere Schuld. Und das Einzige, was wir dagegen tun können, ist bessere Spiele zu entwickeln.“ Doch ob gerade Assassin's Creed Chronicles den ersten Schritt in die richtige Richtung macht?

2.5D-Schleichaction in China, Indien und Russland

Zunächst einmal zu den nackten Fakten: Assassin's Creed Chronicles für PC, Xbox One und PlayStation4 ist eine dreiteilige Reihe von 2.5D-Action-Schleichern. Für knapp zehn Euro macht Ende April „China“ den Anfang, im Herbst folgen dann „India“ und „Russia“. Das Schöne an dieser Koproduktion zwischen Ubisoft Montreal und Climax Studios – unter anderem bekannt durch Dead Nation oder die PC-Portierung von Castlevania: Lords of Shadows – stellt allerdings die künstlerische Herangehensweise an den Dreiteiler dar.

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Solche Kloppereien solltet ihr in Assassin's Creed Chronicles tunlichst vermeiden. Kämpfe spielen hier nämlich eher die zweite Geige.
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Den verschiedenen Schauplätzen und ihren Helden wird mithilfe unterschiedlicher Farbgebungen Sorge getragen. Assassin's Creed Chronicles basiert auf der Unreal 3 Engine, greift aber auf einen an Wasserfarben erinnernden Zeichenstil zurück. Besonders in den Zwischensequenzen tropft die Farbe förmlich über den Bildschirm. Wie die Wahl der Kolorierung allerdings die Stimmung des Gesamtbilds verändert, zeigen die beiden Extrembeispiele India und Russia: Wirkt Assassin's Creed Chronicles in Indien wie ein wunderschöner Farbrausch aus 1001 Nacht oder wie ein kunterbuntes Holi-Festival, kommt Russia beinahe als Schwarz-Weiß-Spiel mit Limbo-Ästhetik daher. Die Szenerie wirkt düster, deprimierend und beklemmend.

Das in Paris spielbare China dagegen liegt irgendwo dazwischen. Nicht ganz so farbenfroh wie India, aber auch längst nicht so finster wie Russia. Stattdessen dominieren klare Farben und Weißtöne sowie die typischen architektonischen Formen chinesischer Bauwerke des 16. Jahrhunderts. Nicht spektakulär schön, aber in sich stimmig und passend. Ähnlich wie Mirror's Edge nutzt auch Assassin's Creed Chronicles Farben zur Benutzerführung. Ein saftiges Rot geleitet mich durch die Areale, zeigt an, wo ich klettern soll. Grün dagegen steht für benutzbare Objekte im Vorder- oder Hintergrund. Das erzeugt besonders zu Beginn der Session große Neugierde und resultiert in einer schönen Verbindung mit der Spielwelt.

Packshot zu Assassin’s Creed Chronicles: ChinaAssassin’s Creed Chronicles: ChinaErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Assassinen-Trio auf Weltreise

Gleichzeitig führen die drei Teile von Assassin's Creed Chronicles auch neue Helden ein. In China übernimmt die von Ezio Auditore da Firenze ausgebildete Shao Jun die Hauptrolle. In Russland dagegen heißt der neue Protagonist Nikolai Orelov, in Indien ist es Abaaz Mir. Kenner der Materie werden diesen neuen Gesellen bereits in Comics oder anderen Ablegern der Serie begegnet sein.

Assassin's Creed Chronicles steht vor der schwierigen Aufgabe, das komplexe Gameplay der großen Vorgänger nun in die „platte“ Welt eines 2.5D-Abenteuers zu stopfen. Genau deshalb legt es den Fokus auch vermehrt auf die Schleichelemente. Assassinendame Shao Jun erwehrt sich der Wachleute des Tiger-Clans alias der Templer mit den typischen Eigenarten der Kuttenkiller. Sprich: Sie schleicht sich bevorzugt von hinten an ihre Opfer heran und schaltet sie dann aus.

Damit ihr das Verhalten der Wachleute auch nachvollziehen könnt, patrouillieren sie auf festen Bahnen und ihre Sichtkegel werden mit gelben Dreiecken angezeigt. Gerät Shao Jun dort hinein, färben sie sich langsam rot, ehe der Alarm ausgelöst wird. Sollte dieses Malheur tatsächlich passieren, muss sich Shao Jun für eine gewisse Zeit aus dem Staub machen. Denn Kämpfe sind in Assassin's Creed Chronicles keine gute Idee!

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Aktionen wie diesen Sprungangriff schaltet man erst mit Hilfe des Erfahrungssystems frei.
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Glücklicherweise adaptieren Ubisoft und Climax Studios viele bekannte Spielideen auch in die 2.5D-Levels von Assassin's Creed Chronicles. Von hohen Aussichtspunkten etwa verschafft ihr euch einen kurzen Überblick über den vor euch liegenden Abschnitt. Die Adlersicht wiederum markiert Feinde und lässt euch die unmittelbare Umgebung abscannen. Und dazu verfügt Shao Jun über einige praktische Hilfsmittel. Am einfachsten ist sicherlich der Pfiff. Mit ihm lockt sie Wachen auf eine falsche Fährte. Etwas rabiater sind da die Knallfrösche, die Feinde ablenken, aber gleichzeitig auch verwirren – wie eine Blendgranate. Mit dem Wurfpfeil hangelt sich die Kriegerin an Decken entlang. Und mit Wurfmesser interagiert sie mit Seilen oder Schaltern und lässt beispielsweise Kisten auf Widersacher regnen.

Nette Zusatzabenteuer für Assassin's-Creed-Junkies. Für einen Zehner pro Episode sicherlich interessant, aber auch keine Muss-ich-haben-Titel.Ausblick lesen

Lautlose Attacken aus der Luft oder von Vorsprüngen gibt es ebenso wie Interaktionspunkte zu Vorder- oder Hintergründen. Hier versteckt sich die Assassinen-Lady geschwind hinter Säulen oder in Erkern und huscht von einer Deckung in die nächste. Hat man ein Mal das Timing raus, spielt sich Asssassin's Creed Chronicles angenehm flüssig. Im Probespiel sorgten allerdings zu viel Trial an Error und teils zu penible Gegner für Frust.

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Russen-Assassine Nikolai Orelov greift als einziger auch auf Schusswaffen zurück.
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Die dunklen Seiten von 2.5D

Assassin's Creed Chronicles belohnt lautloses Vorgehen. Nach Abschluss eines Abschnitts gibt es auch prompt eine Auswertung der vollbrachten Taten. Lautlose Kills und bedachtes Vorgehen bringen euch spürbar mehr Erfahrungspunkte als Kämpfe. Mit diesen wiederum aktiviert ihr neue Fertigkeiten oder Charakter- und Inventarerweiterungen wie mehr Stauraum für Wurfmesser oder mehr Energie.

Warum ich an dieser Stelle nicht großartig auf die Kämpfe eingehe? Weil sie mir im Anspielen überhaupt nicht gefallen haben. Die Block-Mechanik war furchtbar fummelig, die Gegner-KI reagierte merkwürdig. Denn durch die 2D-Umgebung stellen sich die Wachleute im Zweifelsfall wie in einer Reihe auf und warten geduldig auf den nächsten Kampf. Aus Entwicklersicht heißt das, „man muss gleich mehrere Schlachten in Folge ausfechten.“ Aus Spielersicht wirkt das Kampfsystem sonderbar und künstlich. Deshalb: Wer mit Assassin's Creed Chronicles Spaß haben möchte, der sollte ein Faible für Schleichspiele haben. Als 2D-Prügler ist der Titel nicht gedacht.