Man, der Job eines Spieleredakteurs kann manchmal so herrlich einfach sein. Zum Beispiel kann ich mir und einem Teil von euch heute direkt eine Menge Mühen ersparen, wenn es darum geht, Assassin's Creed Chronicles: China zu beschreiben. Das geht so: Habt ihr seit 2012 irgendwann das großartige Spiel Mark of the Ninja gezockt? Falls ja: ACC China ist genau wie jenes Spiel, nur in allem etwas schlechter. Arbeit erledigt, Feierabend, Bier trinken.

Assassin’s Creed Chronicles: China - Launch TrailerEin weiteres Video

Natürlich wären da noch diejenigen unter euch, die Mark of the Ninja nicht gespielt haben. Denen sei gesagt, dass Chronicles eine dreiteilige Reihe von 2,5D-Plattformern wird, die sich darum bemüht, den Geist und das Gefühl von Assassin's Creed zu bewahren, während es im Verlauf einer gradlinigen Story und in doch weitestgehend linearen Levels eine deutlich andere Spielerfahrung liefert. Die nächsten beiden Teile, die uns jeweils in das Reich der Sikh und ins postrevolutionäre Russland führen, lassen noch auf sich warten, zunächst einmal geht es mit der Assassine Shao Yun durchs China des 16. Jahrhunderts, ins Ende der Ming-Ära.

Assassin’s Creed Chronicles: China - Robust wie eine Mingvase

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Shao Yun jagt einem Artefakt hinterher. Wer ist überrascht?
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Die Story ist anwesend, allerdings selbst für die Verhältnisse der Reihe ein ziemlich schmächtiges Ding. Die Templer haben die Bruderschaft in China nahezu ausgelöscht und gleichzeitig eine der obligatorischen Progenitor-Zauberwaffen entwendet, diesmal eine Box. Yun steigt ihnen nach und... das war's auch schon. Zarte Story, deswegen aber nicht weniger plump.

Startet man dann ins eigentliche Spiel, fällt zunächst der Artstyle auf... nein, halt: Als allererstes fällt auf, dass die Hintergrundgeschichte faul mittels Texttafel erzählt wird und dass Ubisoft an den kommenden Zwischensequenzen ein bisschen gespart hat. Die werden in übersynchronisierten Standbildern erzählt, was ja recht üblich und nicht per se schlecht ist, und auch die Qualität der an Aquarelle erinnernden Bilder ist recht hoch – allerdings gibt es pro Sequenz nur sehr wenige, teilweise sich wiederholende Bilder, das ermüdet ein bisschen.

Der gemalt wirkende Stil setzt sich direkt ins Spiel fort und passt dort auch ganz gut, aber man japst auch nicht orgasmisch nach Luft von Schönheit. Wenn AC Chronicles China wie ein Gemälde aussieht, dann aber eher wie ein schemenhaftes, abstraktes, minimalistisches. Das funktioniert, allerdings spukt die ganze Zeit im Hinterkopf die Frage, ob das wirklich eine bewusste Designentscheidung war oder ob man es sich auf die eine oder andere Weise leicht machen wollte, indem man mit dem künstlerischen "Filter" die Grafik ein bisschen verschleiert.

Packshot zu Assassin’s Creed Chronicles: ChinaAssassin’s Creed Chronicles: ChinaErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Wir werden nun behutsam an die Mechaniken herangeführt. Wie auch die Hauptreihe hat Chronicles drei Hauptsäulen des Gameplays: Schleichen, Akrobatik und Kampf. Im Tutorial lernen wir, wie wir ungesehen in die Schatten tauchen, welche Feinde wann aufmerksam sind usf. Vor allem aber, dass wir eine bessere Wertung erhalten, wenn wir nicht wie eine Rampensau durch die Levels heizen, uns in Gefechte verwickeln lassen und Feinde eher umgehen als sie zu bekämpfen.

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China ist hübsch. Das echte China ist aber hübscher.
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Bald aber stellen wir fest, dass diese Grundidee, ebenfalls wie in der Hauptreihe und ganz im Gegensatz zum großen Vorbild Mark of the Ninja, totaler Mumpitz ist. Der Witz geht so: Für das Vorgehen kriegen wir Wertungen, für diese Wertungen am Ende des Levels Punkte, für hinreichend Punkte Upgrades. Nicht nur sind die Upgrades aber unspannend (allesamt Kollegen von solchen Schnarchnummern wie "Mehr Leben" oder "Mehr Ausrüstung" – lahm), es ist auch so, dass sich Chronicles keine Spur dafür interessiert, wie ihr vorgeht.

Schon bald nämlich geht mal etwas schief, man wird entdeckt, muss sich durchkämpfen... und erlangt trotzdem eine der begehrten Goldmedaillen für den Abschnitt. Hm. Dann probiert man, tötet heimlich zahllose Widersacher und wird abermals mit Bestnoten bewertet. Der Unterschied ist, dass die Medaille dann eben fürs Kämpfen oder Meucheln vergeben wird. Andernorts (ihr wisst ja so langsam, auf welches Spiel ich mich beziehe, wenn ich Vergleiche anstelle) wurde das heimliche Vorgehen quasi forciert und somit Herausforderung geschaffen.

Schwächlicher Auftakt der Reihe - kann man zwar spielen, man verpasst aber nichts, wenn man es lässt.Fazit lesen

Chronicles ist, zumindest im ersten Teil, dafür aber zu flexibel. Man könnte auch unterstellen: zu feige und casual. Chronicles wird durch die Ist-mir-doch-egal-Attitude, die es gegenüber dem Spielerverhalten hat, zu leicht und direkt ein bisschen langweilig. Allerdings sei zu seiner Verteidigung gesagt, dass sich jede der drei Varianten ganz ordentlich spielt und als kleiner Spaß okay ist. Und immerhin muss man sich beim Kloppen, Dolchen oder Schleichen doch jeweils ein bisschen Mühe geben, wenn man wirklich auf die (wie gesagt, nicht so wirklich wichtigen) Upgrades hinarbeitet.

Aber leider ist die Spielerfahrung insgesamt nur so mäßig befriedigend. Von den müden Upgrades hab ich schon gesprochen, und wenn neue Levels mit Features wie "DU KANNST JETZT AUCH AN DECKEN HANGELN!!!" automatisch um die Ecke kommen, dann ist das nicht sehr spannend. Die Feinde sind nicht nur komplett schematisch, sondern auch komplett doof. Sie vergessen Yun im Falle des Entdeckens nach zehn Sekunden und wenn sich zwei von ihnen unterhalten, werden sie richtiggehend blind, sodass Yun per Hechtsprung direkt neben ihnen landen kann und sie überhaupt nicht reagieren. Von Versteck zu Versteck zu springen klingt witzig, ist aber so automatisiert, dass es belanglos wird. Die Kämpfe, die eigentlich als Strafe so richtig schwer sein sollten, sind trivial einfach.

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Überwältigung kommt nicht auf, aber vielleicht können die Nachfolger ja auf dem Fundament aufbauen.
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Das Kuriose daran ist: Auch, wenn ich im Test (ihr werdet es dank meiner subtilen Art kaum gemerkt haben) darüber geunkt habe, dass Chronicles bei Mark fo the Ninja geklaut hat, muss ich doch sagen: Das fände ich eigentlich gar nicht so schlimm. Richtig schade ist, dass es nicht noch mehr und besser geklaut hat. In Mark gab es ein motivierendes Punktesystem, es war ästhetisch stilsicher, hatte vielfältige und nützliche Items, Upgrades und Spielweisen. Chronicles versucht das zu imitieren und scheitert an allem, weil es sich dann offenbar doch schämt.

Zum Beispiel wurden in Mark die für ein Stealthspiel so wichtigen Schallwellen allesamt als Kreise visualisiert, was nicht nur nützlich war, sondern als auffälliges optisches Element auch maßgeblich zum Look des Spiels beitrug. In Chronicles gibt es diese Visualisierung vereinzelt und verhältnismäßig zufällig, wodurch sie zum sporadischen Störfaktor wird. In Mark waren Wurfmesser ein ständig nützlicher Begleiter. In Chronicles ist ihr Einsatz selten und nur an extrem offensichtlich dafür vorgearbeiteten Stellen möglich.

Ich denke, das Fazit ist: Wenn schon klauen, dann aber richtig. Und natürlich hat die Chronicles-Reihe noch zwei weitere Episoden Zeit, uns davon zu überzeugen, dass sie anders als halbherzig kann. Aber einen starken Auftakt stellt die programmatische Hetzjagd durch China nicht gerade da, in keiner Hinsicht. Kein totaler Ausfall, sondern ein derart zahmes, leichtherziges und kantenloses Erlebnis, dass es nur noch bedingt Spaß machen will.