2010 erschien mit Assassin's Creed: Brotherhood der zweite Teil um Renaissance-Legende Ezio Auditore de la Firenze. Du weißt schon, dieser schwarzlockige Held, der ohne Probleme auch für ein Männer-Parfum oder ein Motorrad hätte werben können. Nachdem Ezio sich in AC2 als Assassine behauptet hat, will er jetzt ein Attentäter-Start Up inmitten von Rom zu einer erfolgreichen Mord-Agentur aufsteigen lassen. Zwischen versteckten Klingen, Da Vincis Spielereien und transzendentalen Erscheinungen soll er dabei zudem alles auf den Kopf stellen, was mich der Geschichtsunterricht über Cesare Borgia gelehrt hat, der - ABER vergessen wir doch mal für einen Moment den Singleplayer!

Assassin's Creed blickt auf eine lange, mörderische Karriere zurück - seht einen der ersten Trailer zur E3 2007:

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Zum ersten Mal in der Reihe erhielten Spieler in Brotherhood ebenfalls die Möglichkeit, gegeneinander anzutreten und herauszufinden, wer der beste Meister-Assassine ist. Auch wenn der Modus es noch in drei weitere Teile geschafft hat, war nach Assassin’s Creed Blag Flag Schluss damit. So ein bisschen war er für das Assassin’s Creed-Franchise dasjenige, was der Singleplayer für Call of Duty ist: Ein nettes Beiwerk. Kaum einer hat ihn gespielt, - weil ihn meiner Meinung nach auch kaum einer verstanden hat.

Assassin's Creed Brotherhood: Der Multiplayer lebt noch heute

Dieses Beiwerk ist tatsächlich der Grund, warum ich seit acht Jahren die Assassin’s Creed Brotherhood-CD stets neben der Konsole liegen habe. Ich gehörte mit zu den ersten Grünschnäbeln, die damals zittrig über die Multiplayer-Karten gehuscht sind, und kämpfe heute mit den übrigen Meistern immer noch um den ersten Platz. Die Community ist über die Jahre immer weiter geschrumpft, heute sind wir vielleicht noch gefühlte zwanzig bis dreißig Leute, die in der Woche online sind. Ein paar Spieler sind aus Portugal, England und Frankreich. Eine Partie braucht insgesamt sechs Leute, maximal acht und bis ein Match starten kann, dauert es schon mal eine halbe Stunde. Wann eine gute Zeit ist, um online zu kommen, kann ich heute immer noch nicht genau sagen. Es ist meistens nur ein Gefühl und irgendwann lernt ihr zu spüren, wann die anderen wieder Lust auf ein Duell haben. Mit den letzten Spielern bin ich zudem befreundet und sie spielen nur noch PlayStation 3 für Assassin’s Creed Brotherhood, dem ersten und einzig richtigen Multiplayer der Reihe.

Letztens, als meine Freundin nach Hause kam, spielte ich zufällig gerade eine Partie. Sie setzte sich neben mich und stellte nur ein, zwei Fragen, während sie mir beim Spielen zusah. Danach fragte sie, ob sie es mal versuchen könnte, ein paar Tipps von mir hätte ich sie aber schon gern. “Es kann ziemlich frustrierend sein, ich habe es erst nach einem Jahr wirklich verstanden”, warnte ich sie. Sie zuckte mit den Schultern und legte wieder diese bedingungslose Neugierde an den Tag, wofür ich sie sehr bewundere. Ich gab ihr den Controller, kurze Zeit später lief ihr Charakter schon über den Markusplatz von Venedig. “Du darfst nicht die ganze Zeit laufen, halt an den Ecken immer an”, rate ich ihr, auch wenn ich mich nicht mehr erinnere, woher ich das weiß. Ich weiß nur, dass es stimmt.

Tötet euer Opfer, entwischt eurem Verfolger

Sommer 2011 - Ich sterbe zum dritten Mal durch das Rasiermesser eines Barbiers in einer Seitengasse. Winter 2013 - Ich springe vom Dach auf einen Mönchen und töte ihn, kurze Zeit später erscheint eine Kurtisane und läuft auf mich zu. Ich stolpere nach vorn, um mich in einen Brunnen zu retten. Sommer 2015 - Nachdem ich meinen Verfolger abgewehrt habe, verschwinde ich in der Menschenmenge. Jemand rennt auf meinen ohnmächtigen Verfolger zu, ich streife ihn am Hals, er läuft weiter und kurz bevor er den Körper erreicht, kippt er tot um. Durch mein Gift. Sommer 2018 - Sie wartet vor einer Tribüne, hört Schritte und bevor ich ihr etwas sagen kann, zündet sie eine Rauchbombe. Eine Klinge verfehlt sie, ein kurzer Schwenk und dann knallt sie dem Gegner ihre Faust ins Gesicht. Sie lächelt mich an und ich weiß nichts darauf zu erwidern.

Packshot zu Assassin's Creed: BrotherhoodAssassin's Creed: BrotherhoodErschienen für PS3, Xbox 360 und PC kaufen: Jetzt kaufen:

In Assassin’s Creed Brotherhood dauert eine Multiplayer-Partie zehn Minuten. Es gibt verschiedene Spielmodi, aber nur GESUCHT stellt die Königsdisziplin dar. Vor dem Spiel wählt jeder Spieler seinen Charakter aus. Ob Arzt, Herumtreiber oder Schmied, das ist egal, keine Figur ist besser als die andere. Manche sieht nur cooler aus und hat ästhetischere Tötungs-Moves. Anhand dieser wird die Spielwelt gefüllt. Dutzende Barbiere, aber nur einer ist der Spieler. Zuletzt entscheidet sich der Spieler noch, welches seiner selbst zusammengestellten Fähigkeiten-Pakete er nehmen will. Es gibt Pistolen, Rauchbomben, Wurfmesser, optische Täuschungen und viele mehr. Hier gibt es keine Wahrheit, nur den eigenen Spielstil. Lasst die Pistole aber besser stecken, das gilt in der Community als unsportlich und faul. Und dann beginnt die Uhr zu zählen. Sechs bis acht Attentäter jagen sich gegenseitig durch eine historische Stadt. Die Besonderheit liegt darin, schnell, aber unauffällig, präzise, aber flexibel zu spielen. 10 Minuten Stress, Schleichen und Verfolgungsjagd!

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Euer Kill wird danach bewertet, wie heimlich und kreativ er ist. Brutales Töten bringt kaum Punkte ein, ein Mord aus dem Nichts aber gleich mehrere tausend. Je höher euer Platz liegt, desto mehr Verfolger bekommt ihr auch. Mischt euch unters Volk und hofft, dass euer Feind den falschen Doppelgänger tötet oder klettert wie für die Reihe typisch über Dächer und Zäune. Es gibt viele Taktiken, Geheimnisse und Kniffe - aber das bringt euch nur das Spielen selbst bei, das Tutorial kratzt nur an der Oberfläche dieser Wissenschaft des Tötens.

Die Community spricht nicht miteinander. Sie kommuniziert nur übers Spielen. Ein fieser Kill kann sich im Nachhinein als inoffizielle Lernstunde herausstellen, ein Anrempeln als Begrüßung und ein Lauf über die Dächer als gemeinsamer Spaziergang. Oft habe ich es erlebt, wenn ich mir mit einem Spieler sechs schweißtreibende und brutale Partien um den ersten Platz geliefert habe und ich ihn in der letzten vernichtend geschlagen habe, dass er mir anschließend eine Freundschaftsanfrage schickte. Vielleicht noch mit einem GG in der Betreffzeile oder einem Smiley oder gar nichts. Aber auch nach einer Niederlage sendete ich ihm dem Gewinner manchmal eine Anfrage zur Ehrung seiner Leistung, die er dann auch meistens positiv beantwortete. Obwohl wir uns zuvor noch gegenseitig das Genick gebrochen, erstochen und mit Gift ins Jenseits geschickt haben. Jetzt schicken wir uns seit Jahren gegenseitig Spiel-Einladungen zu und kennen unsere Namen und Geschlechter nicht.

Es sind seit Jahren dieselben Spielernamen. Sicanda, Even1ls, OldLeader. Wenn ihre Namen in der Lobby auftauchen, erinnern sie mich an Spielstile und lassen mich instinktiv zittern, zürnen und schnauben. Ich weiß: “Okay, jetzt kannst du kein Hütchenspiel mit den Grünschnäbeln spielen, jetzt wird’s ernst.” Schatten, die in dunklen Gassen auf mich warten. Schatten, die sich als Wasserspeier auf den Dächern ausgeben. Schatten, die ins Licht treten. Ich liebe diesen Scheiß.

Das Aussterben der Auftragsmörder?

Oft passiert es auch, dass ich ganz allein die Lobby bewohne. Dass das System mit der Suche nach Spielern immer wieder von Neuem anfängt. Ein paar Modi werden seit Jahren nicht mehr gespielt, auf bestimmten DLC-Karten habe ich seit einer Ewigkeit keinen Fuß mehr gesetzt. Irgendwann wird Ubisoft den Server dicht machen, aber noch hat er es nicht getan, weil er vermutlich dieser erfolgreichen Reihe angehört. Ja, ich könnte auch auf einen anderen Assassin’s Creed Multiplayer umsteigen, aber die haben wesentliche Züge des Spiels geändert, angepasst oder entfernt. Es wäre nicht dasselbe und auch diese werden irgendwann dicht gemacht. Ein Spiel auf Steam namens Murderous Pursuits sieht vielversprechend aus und könnte einen guten Schlupfwinkel für einen vom Aussterben bedrohten Auftragsmörder wie mich geben.

Wenn mein Gegner auf der Straße geht und nichts ahnt, sollte ich einen Fokus-Kill probieren, richtig?”, fragt meine Freundin mich, der jetzt nicht mehr so häufig zum Spielen kommt. “Ja, wirf eine Rauchbombe, warte, bis sich das Symbol füllt und dann stich zu, 150 Punkte Extra.” Sie nickt und handelt wie besprochen. Bevor der Server dicht gemacht wird, möchte ich noch gegen sie antreten. Ich freue mich darauf, selbst wenn ich verlieren sollte.