Eigentlich hatte ich die leise Hoffnung, Ubisoft würde seiner Assassinen-Saga nach dem Abschluss der Trilogie zumindest ein kleines bisschen Auszeit gönnen, um sich zu besinnen, welche Richtung die Serie mit kommenden Episoden einschlagen könne. Aber nein: Der Jahreszyklus wird beibehalten. Die Entwicklung läuft seit Sommer 2011. Bereits diesen Herbst erscheint Assassin’s Creed 4: Black Flag. So so, ho ho ho, Piraten also…

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Fluch der Karibik, Fluch des Erfolges

Zu verdenken ist es Ubisoft nicht: Unfassbare 55 Millionen „Assassin’s Creed“-Spiele hat der Publisher insgesamt bereits verkauft. Allein von Teil 3 wurden sagenhafte 12 Millionen Stück abgesetzt. Wirtschaftlich betrachtet wären die Franzosen schön blöd, würden sie eine Pause einlegen oder die Serie gar zum Abschluss bringen. Dass ich die Richtung, die Open-World-Spiele im Allgemeinen und Assassin’s Creed im Besonderen genommen haben, kritisch sehe, habe ich unlängst in einer Kolumne zum Ausdruck gebracht. Umso gespannter war ich auf die Präsentation der vierten Episode, der ich kürzlich beiwohnen durfte.

Nun also Piraten. Karibik. Kuba. Plündern, Schätze, tauchen, Seeschlachten. Ehrlich gesagt: Nicht unbedingt das Setting, das ich mir gewünscht hätte oder das ich mit einem „Assassin’s Creed“-Spiel assoziieren würde. Mein erster Eindruck während der Präsentation: Der Serie fehlt echte Inspiration.

Ihr fehlt ein Visionär, wie Patrice Desilets es gewesen ist, Schöpfer der ersten beiden Teile, der seine Spiele entwickelte, um seine ganze Leidenschaft für Geschichte mit uns zu teilen. Der uns mit den Kreuzzügen und der italienischen Renaissance zwei Epochen erschlossen hat, die ebenso einzigartig wie perfekt geeignet waren für das, was er mit seinem Spiel vorhatte. Seitdem hechelt die Serie der Mode hinterher: Nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und jetzt eben Piraten, fehlen für die nächsten Teile eigentlich nur noch die beiden Weltkriege, damit jedes Spieleklischee abgehakt ist.

Betraten die ersten Spiele der Serie noch Neuland, tragen sie nun lediglich die Schuhe auf, die schon andere vorher anhatten. Assassin’s Creed 4: Black Flag weckt in jeder Szene Erinnerungen an ikonographische Vorbilder: Stevensons „Schatzinsel“ natürlich, vor allem aber Sid Meiers „Pirates!“. Der Captain Blackbeard aus dem (beeindruckenden!) Render-Trailer sieht seinem Pendant aus „Fluch der Karibik“ zum Verwechseln ähnlich, und der Papagei dort im Baum scheint mir ein „Polly will nen Keks“ zuzurufen.

Geht’s noch? Es geht doch: Assassin’s Creed 4 wagt den womöglich größten Schritt in der Geschichte der Serie.Ausblick lesen

„Keine Sorge, dies wird keine Abenteuergeschichte für Kinder!“, beschwichtigt Brand-Manager Carsten Myhill umgehend, auf den naheliegenden „Pirates of the Carribbean“-Vergleich angesprochen. Assassin’s Creed 4 wird definitiv kein Disney-Spiel mit Kajal-Matrosen in Strumpfhosen.

Assassin's Creed 4: Black Flag - Fluch des Erfolges: Pirates of the Carribbean

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Der neue Held Edward ist ein Pirat, der von den Assassinen ausgebildet wurde.
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Back in Time

Ein anderer Vergleich, der zum Spieleklassiker „Pirates!“, ist wiederum nicht so leicht von der Hand zu weisen. Und das ist der Moment, wo der erste Eindruck endet und sich der zweite in mir zu festigen beginnt: Denn mit der kompletten Karibik als offene Spielwelt, dem Fokus auf Seeschlachten und eher kleinen Landarealen dürfte Assassin’s Creed 4 erstmals ein deutlich anderes Spiel werden als seine Vorgänger.

Assassin's Creed 4 geht erstmals in der Zeit zurück: Der neue Held hört auf den Namen Edward Kenway und ist der Großvater von Connor, Protagonist von AC3. Die Entwickler beschreiben ihn als „Piraten, der von Assassinen ausgebildet wurde“. Edward geht es also in erster Linie nicht um Ideale und Weltenrettung, sondern um Ruhm und Reichtum. Sein Mentor ist niemand Geringeres als Kapitän Blackbeard persönlich, Schrecken der sieben Meere.

Packshot zu Assassin's Creed 4: Black FlagAssassin's Creed 4: Black FlagErschienen für PS3, Xbox 360, PC, Wii U, Xbox One und PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Geht es um die Charaktereigenschaften Edwards, so fallen Adjektive wie rücksichtslos, charismatisch, charmant, clever, selbstsüchtig – klingt ganz nach einem Hallodri wie dem jungen Ezio aus Assassin’s Creed 2: eine Mischung aus draufgängerischem Freibeuter, egoistischem Glücksritter, Abenteurer und leichtsinnigem Frauenheld.

Assassin's Creed 4: Black Flag - Fluch des Erfolges: Pirates of the Carribbean

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Die Karibikwelten sind traumhaft schön und dürften vor allem auf Next-Gen-Konsolen eine Augenweide sein.
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Und was ist mit Desmond und der Animus-Rahmenhandlung? Nun, darüber schweigen sich die Entwickler traditionsgemäß bis zum Release aus, doch immerhin machten sie ein paar Andeutungen - wenngleich ziemlich konfuse: So wird es zwar wieder eine Geschichte in der Gegenwart geben, doch sicherlich ohne Desmond, und so, wie es klingt, möglicherweise ganz ohne konkreten Helden. Stattdessen scheint es, als würde der Spieler selbst oder sein Multiplayer-Avatar in einer Art Lobbywelt zum Teil der Geschichte. Wie gesagt: Die schwammigen Aussagen zu dem Thema waren eher rätselhaft denn aufschlussreich…

Doch nun zum Wesentlichen: dem Spiel

Wirft man einen eingehenderen Blick auf Assassin’s Creed 4: Black Flag, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, der etwas inkohärente Teil 3 sei nur eine Fingerübung der Entwickler gewesen, ein Warmmachen, eine Demo, um eine Reihe von Spielmechanismen auszuprobieren und zu testen, die, als Grundsteine gelegt, dann in Teil 4 verbaut und zu einem großen Ganzen zusammengesetzt werden würden.

Allen voran: die Seeschlachten. Jene waren in Assassin’s Creed 3 noch ein zwar spaßiges, spektakulär inszeniertes, aber in letzter Konsequenz eigentlich überflüssiges Minispiel – das nun das Kernelement von Teil 4 bilden wird. Assassin’s Creed 4 wird nicht mehr in einzelne Gebiete – Städte und Wälder – unterteilt sein, nein, die gesamte Karibik bildet hier eine gigantische, nahtlose Spielwelt. Und das meiste davon besteht natürlich aus Wasser.

Dadurch erhalten euer Schiff, die „Jackdaw“, und seine Mannschaft eine zentrale Bedeutung für das Spiel: Ähnlich wie in Handelsspielen, etwa dem Klassiker „Pirates“ oder dessen Sci-Fi-Pendant „Elite“, stattet ihr allmählich euer Schiff mit neuen Kanonen, Segeln, Rumpfverstärkungen aus und macht derart aus dem anfangs klapprigen Kutter eine stattliche Fregatte, rekrutiert neue Crewmitglieder und sorgt euch um deren Wohlergehen. Damit hat die Serie vielleicht endlich eine Möglichkeit gefunden, das Geld aus erbeuteten Schätzen auch mal sinnvoll verwenden zu können und den Spieler zu motivieren, sich mit den zahlreichen Nebenaufgaben zu beschäftigen.

Seeschlachten werden zudem weniger Minispiel-Charakter aufweisen, sie sind organischer Teil der dynamisch erzeugten Spielwelt: Ständig trefft ihr auf andere Schiffe, späht sie mit dem Fernrohr aus, ermittelt so ihre Stärke und Fracht und entscheidet: Ja, nein, vielleicht? Freund, Feind, Beute? Flucht, Angriff, Schulterzucken?

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Die Seeschlachten nehmen diesmal einen zentralen Teil des Spieles ein.
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Während der Kämpfe habt ihr außerdem jederzeit die Möglichkeit, das Steuerrad loszulassen und euch bereit zu machen zum Entern, sobald das gegnerische Schiff nahe genug ist. Und auch hierbei habt ihr die Wahl: mit Karacho ab durch die Mitte? Oder ein Überraschungsangriff aus der Luft über den Mast und die Segel? Oder doch eher ein heimtückischer Fall in den Rücken, indem ihr den Schleichweg durchs Wasser, unter dem Schiffsrumpf hindurch und von der anderen Seite heimlich wieder hinauf nehmt.

Denn, ja, auch das ist jetzt möglich: Edward kann tauchen. Und zwar immer und überall. Das heißt, wo immer ihr wollt: Anker werfen und Sprung hinein ins Wasser. Die karibische Unterwasserwelt von Assassin’s Creed 4 mit ihren im Sonnenlicht glitzernden Korallenriffen unter türkisblauem Meer, den farbenfrohen Fischschwärmen und blutdürstenden Haien sieht auf den ersten Screenshots schon beeindruckend aus. Wie in Far Cry 3 könnt ihr hier unten majestätische Schiffswracks durchsuchen und versunkene Schätze bergen.

Wer Arrr sagt, muss auch B sagen

Dass ein Großteil der Welt von Assassin’s Creed 4 nun aus Wasser besteht, bedeutet aber nicht, dass euch das Spiel gänzlich den Boden unter den Füßen wegzieht. Insgesamt etwa 50 Locations versprechen die Entwickler über die ganze Karte zu verstreuen: kleine malerische Inseln, Fischerdörfchen, massiv befestigte Forts, einsame Plantagen, Mayaruinen, riesige Höhlen, aber natürlich auch Städte, Dschungel und die komplette Insel Kuba mit ihrer riesigen Landmasse.

Hier findet sich auch die größte Stadt im Spiel: Havanna, sozusagen die Hauptstadt der Karibik. Sie kommt dem am nächsten, was Assassin’s-Creed-Spieler traditionell von ihrer Serie gewohnt sind: Dächer, Straßen, Menschenmassen, Bewegungsfreiheit. Kingston im Süden hingegen ist eine eher junge, ebenerdige Stadt, ähnlich den Siedlungen in Assassin’s Creed 3. Nassau wiederum ist der Unterschlupf der Piraten, ein verkommener Ort, an dem die Freibeuter den zentralen Stützpunkt ihrer Piratenrepublik aufgeschlagen haben. Dieser Moloch ist vermutlich am ehesten mit einer Mischung aus dem Mos Eisley von Star Wars und den Banditenlagern in Far Cry 3 zu umschreiben.

Indem die Welt durch ihre maritime Topographie mehr zerfleddert als fließt, aber an ihren Fransen wiederum kondensiert und komprimiert, dürfte sich das Spielgefühl im Vergleich zu den Vorgängern grundlegend verändern und möglicherweise mehr Gelegenheit bieten, die unterschiedlichen Taktiken, die das Spiel anbietet und die die Serie über all die Jahre hinweg entwickelt hat, besser auszuspielen.

Assassin's Creed 4: Black Flag - Fluch des Erfolges: Pirates of the Carribbean

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Im Dschungel geht es hinauf ins Dickicht der Bäume.
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Kleine Inseln laden zum Erforschen und Entdecken ein, Mayaruinen und Höhlen zum Klettern. Im dichten Dschungel sucht ihr in den Baumwipfeln Schutz, und die Plantagen mit ihrem Gestrüpp und Gewächs eignen sich hervorragend als Schleichsandkästen für vorsichtiges Vorgehen. Und an Deck des Schiffes wird rücksichtslos gekämpft. Das Kampfsystem, so die Entwickler, soll speziell auf den Nahkampf auf engem Raum, eben dem chaotischen Gewühl eines Entermanövers, zugeschnitten sein. Da wird nicht lange gefackelt, da wird abgefackelt.

Möglich, dass darin der Schlüssel besteht, die verschiedenen und in der Vergangenheit niemals wirklich harmonierenden Spielmechaniken der Serie endlich unter einen Hut zu bringen: Indem man aufhört, sie jederzeit miteinander verschmelzen zu wollen, sondern sie klarer voneinander abtrennt. Wir werden sehen…