Ubisoft schlägt gleich zweimal zu und hetzt den Templern neben Connor in Assassin's Creed 3 auch die erste weibliche Protagonistin der Seriengeschichte auf den Hals: Aveline de Grandpré. Aber sorgt diese Assassinenmär für die Befreiung von Langeweile oder verbirgt sich in ihr ein Spielspaßkiller?

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Django-line?

Anders als in den bisherigen Assassin's-Creed-Spielen schlüpft ihr diesmal nicht in die Rolle von Desmond Miles, der mithilfe des futuristischen Animus die in seiner DNS gespeicherten Erinnerungen seiner Vorfahren durchlebt. Ihr befindet euch zwar in einer solchen Wundermaschine, jedoch wird zu keinem Zeitpunkt des Spiels geklärt, wer dieser Jemand im Animus ist.

Stattdessen übernehmt ihr in die Rolle der Frau mit dem französischen Namen, die im New Orleans des 18. Jahrhundert lebte und sich als Mitglied der Assassinen-Bruderschaft für die Befreiung der Sklaven einsetzte.

Aveline hat sich vollkommen diesem Ziel verschrieben, da sie das Leid ihres Volkes nicht tatenlos mitansehen kann. Auch sie wäre in die Sklaverei hineingeboren worden, hätte es ihr Vater nicht gut mit ihrer Mutter gemeint. Dieser, ein wohlhabender Kaufmann, verliebte sich in Avelines Mutter und schenkte ihr die Freiheit. Als diese jedoch eines Tages plötzlich verschwindet und Aveline zurücklässt, nimmt ihr Vater sie bei sich auf.

Aveline macht Bekanntschaft mit Agaté, einem Assassinen, der sie in die Bruderschaft einführt und ausbildet. Als ausgebildete Killerin macht sich Aveline daran, den Willen ihres Meisters auszuführen und sich mit Klinge und Pistole für die Rechte der Unterdrückten einzusetzen.

Assassin's Creed 3 Liberation - Von Assassinen, Sklaven und dem passenden Kleid

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Rächerin der Unterdrückten: Aveline de Grandpré
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Euer Abenteuer führt euch fortan durch die Straßen New Orleans, in die Sümpfe Louisianas, zu einer aztekischen Ausgrabungsstätte nach Mexiko und in die Wälder New Yorks (des Bundesstaats, nicht der Stadt).

So interessant diese Grundlage auch klingen mag, sie wird leider kaum ausgereizt. Die Geschichte plätschert mehr oder minder belanglos vor sich hin und kehrt die Spannung unter den Teppich, bis dann auch schon das "große" Finale gekommen ist. Das mag an der Darstellung der Charaktere liegen, allesamt viel zu blass, als dass man mit ihnen mitfühlen, sie hassen oder lieben könnte. Es wird auf keine der Beziehungen zwischen den handlungstragenden Personen genug eingegangen, weshalb mich die eine oder andere Wendung (die allesamt erst gegen Ende des Spiels stattfinden) auch eher kalt ließen.

Ich hätte gerne mehr über die Beziehung zwischen Aveline und ihrem Mentor, ihrem Vater oder der kessen Schmugglerin Élise erfahren, deren Wandlung von misstrauisch zur anscheinend besten Freundin viel zu plötzlich vonstattengeht. Am meisten enttäuscht hat mich aber die Geschichte der Tochter, die nach ihrer Mutter sucht. Dieses Kapitel wird regelrecht lieblos durchgewinkt und lässt den dramaturgischen Höhepunkt völlig untergehen.

Packshot zu Assassin's Creed 3 LiberationAssassin's Creed 3 LiberationErschienen für PlayStation Vita kaufen: Jetzt kaufen:

Ohne Geld geht...eigentlich alles

Auch das neue Wirtschaftssystem von Assassin's Creed 3 Liberation kann nicht begeistern. Während in den Vorgängern ein Geldhahn in regelmäßigen Abständen Geld in die Taschen spülte, müsst ihr nun aktiv zu Werke gehen, wenn ihr überhaupt etwas dazuverdienen wollt - abgesehen von den Belohnungen für jede Mission. Zu Beginn steht der Handelsgesellschaft, die ihr für euren Vater verwaltet, ein Schiff zur Verfügung. Dieses könnt ihr über eine Karte von Hafen zu Hafen schicken, Waren kaufen und wieder verkaufen lassen. Auf den Wegen müsst ihr mit Stürmen und Piraten rechnen, die eurem Schiff zusetzen können und damit euren Gewinn schmälern.

Durch Mängel an allen Ecken und Enden bleibt dieser Attentäterin der Rang eines Meisters verwehrt.Fazit lesen

Dieses System ist in sich schlüssig und nett gemacht, nervt aber dadurch, dass ihr regelmäßig in eurem Hauptquartier nachschauen müsst, ob das Schiff seinen Zielhafen endlich erreicht hat - eine Einblendung mitten im Spiel gibt es nicht. Auch lassen sich die Kaufen-/Verkaufen-Abläufe nicht automatisieren. Ihr müsst also jedes einzelne Mal selbst Hand anlegen. Der Lohn ist besonders zu Beginn kaum die Mühe wert, da ihr wenig Gewinne einfahrt. Ärgerlich ist auch, dass ihr zum Ankurbeln des Systems erst einmal euer Geld in den Kauf von Waren investieren müsst. Wenn ihr also einfach nur mal schnell Geld für eine schicke neue Axt aus dem Waffenladen braucht, werdet ihr viel Zeit und Geduld in das Wirtschaftssystem investieren müssen.

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Wachen könnt ihr leise mit eurem Blasrohr ausschalten.
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Oder ihr lasst es gleich ganz bleiben, denn so unterhaltsam das Kampfsystem auch ist, wirklich fordernd ist es nicht. Versteht mich nicht falsch, ihr werdet sicher das eine oder andere Mal sterben, aber das ändert nichts daran, dass ihr euch selbst mit den Anfangswaffen durch das gesamte Spiel schlagen könnt - mörderischen Konterangriffen sei Dank! Das macht den Kauf besserer Ausrüstung so gut wie überflüssig.

Eine Frau, drei Gesichter

Aveline stellt sich von allen Assassinen bisher als die wandlungsfähigste heraus, da sie zum Erfüllen ihrer Aufträge verschiedene Verkleidungen und damit Rollen annehmen kann. So klettert ihr als Attentäterin über die Dächer, mischt euch als Sklavin unter das gemeine Volk oder tanzt als Edeldame auf den Festen der Reichen und Schönen.

Das Umkleiden erfolgt ganz einfach in einer der zahlreichen Umkleidekabinen, die in der Stadt verteilt sind und größtenteils erst durch Geldaufwendung freigeschaltet werden müssen. Sofern euch durch eine Mission nicht gerade ein bestimmter Fummel aufgezwungen wird und ihr euch nicht in einem Kampf oder der Fluchtphase befindet, könnt ihr hier jederzeit die Kleider wechseln.

Die drei Rollen zeichnen sich durch unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten aus. So ist die Attentäterin ganz klar die Rolle fürs Grobe und die Einzige, die das ganze Repertoire an Waffen nutzen kann. Da sie jedoch nicht inkognito werden kann und somit immer die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich zieht, ist es für Botengänge und heimliche Verfolgungen oft nützlicher, in eine andere Rolle zu schlüpfen.

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Im Kampf kann die Sklavin nicht so stark austeilen, ist aber unauffälliger.
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Wie zum Beispiel in die Rolle der Sklavin, denn dieser wird kaum Beachtung geschenkt. Sie ist zwar nicht ganz so effizient im Kampf wie die Attentäterin, da sie weder eine große Waffe, wie ein Schwert, noch eine Pistole bei sich tragen darf. Dafür kann sie als Einzige die Fähigkeit nutzen, in einer Gruppe von Sklaven unterzutauchen, indem sie sich dazugesellt und scheinbar bei der Arbeit hilft.

Außerdem kann sie für Ablenkungen sorgen, indem sie andere Sklaven zu einem Aufstand anstachelt, wodurch sie Wachen in der Nähe in einen Kampf verwickeln. Sehr nützlich, um hinter einer Gruppe Wachen ein gesperrtes Gebiet betreten zu können.

"Ich bin eine Lady"

Die letzte zur Verfügung stehende Rolle ist die der Dame. Als Dame könnt ihr zwar keine Waffen mitschleppen (abgesehen von eurer versteckten Klinge natürlich), aber dafür könnt ihr andere Personen betören oder bestechen und somit von ihrem Posten weglocken. Da es sich im langen Kleid nicht sonderlich gut klettert, seid ihr ausschließlich auf den Straßen der Stadt unterwegs. Auch auf Straßenräuber, die eine gewöhnliche Sklavin oder gefährliche Attentäterin zwar ignorieren, euch in der Rolle der wohlhabenden Dame aber nachstellen und auszurauben versuchen, müsst ihr Acht geben.

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Als Dame wickelt ihr die Männer um den Finger.
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Jeder der drei Rollen ist ein eigener Bekanntheitsgrad angeheftet, von "Inkognito" bis "Gesucht". Begeht ihr als Sklavin ein Verbrechen und werdet dabei beobachtet, steigt euer Bekanntheitsgrad und die Wachen werden nach euch Ausschau halten. Putzt ihr euch nun als feine Dame heraus, könnt ihr gemütlich an den ahnungslosen Häschern vorbeimarschieren, da es sich bei euch ja wohl kaum um die gesuchte Sklavin handeln kann. Als Killerin könnt ihr jedoch nie einfach an den Wachen vorbeispazieren, da diese immer mit mindestens dem zweiten Bekanntheitsgrad herumläuft und von Wachen daher sofort misstrauisch beäugt wird.

Der Bekanntheitsgrad der verschiedenen Rollen lässt sich auf unterschiedliche Art wieder senken. Bei der Sklavin genügt das Abreißen von Steckbriefen. Im Fall der Dame müssen schon bestimmte Zeugen sterben. Um schließlich den Bekanntheitsgrad der Attentäterin wieder zu senken, müsst ihr einen korrupten Magistrat ausfindig machen und bestechen. Diese drei Vorgehensweisen kennt man zwar schon aus vorherigen Teilen, jedoch spielte es da noch kaum eine Rolle, wofür ihr euch nun entschieden habt, da euer Bekanntheitsgrad so oder so gesenkt wurde. Liberation bricht dieses Konzept nun etwas auf, wodurch ihr euch selbst dann noch auf die Straße trauen könnt, wenn eine andere Rolle gerade intensiv gesucht wird.

Technikspielereien und ein Rattenschwanz an Fehlern

Die Steuerung hat Ubisoft weitestgehend gut hinbekommen. Wie Assassin's Creed 3 für die Heimkonsolen, setzt auch Liberation auf ein überarbeitetes Klettersystem. Somit müsst ihr nun nur noch eine Taste gedrückt halten, um loszusprinten, die Dächer zu erklimmen und von Dach zu Dach zu hüpfen.

Das Spiel bietet euch zahlreiche Möglichkeiten, euren Weg zu bahnen, gerät aber gerade durch seine Reichhaltigkeit an Optionen ins Stolpern. Ihr werdet immer wieder das Gefühl verspüren, die Protagonistin nicht völlig unter Kontrolle zu haben. Hier und da gibt es Stellen, an denen ihr zum Beispiel einfach nur geradeaus auf einen Baumstamm klettern wollt, sich die Spielfigur aber vehement weigert, dies zu tun, und konsequent daran vorbeirennt.

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Leider habt ihr nicht immer die volle Kontrolle beim Klettern.
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Wirklich ärgerlich wird dieser Kontrollverlust dann, wenn euch das Spiel in einigen Missionen dazu zwingt, mehrere Wachen zu eliminieren und dabei durchweg unerkannt zu bleiben. Passiert nun so ein kleiner Patzer, für den ihr selbst nichts könnt, ist der Frust über die gescheiterte Mission gleich besonders groß.

Mit ihren Kameras, Touchpads und dem Neigungssensor bietet die Vita die Möglichkeit zu vielen technischen Spielereien, was Ubisoft dazu nutzt, euch allerhand Steuerungsmöglichkeiten an die Hand zu geben. Sollt ihr zum Beispiel einen Brief öffnen, streicht ihr mit Daumen und Zeigefinger auf den beiden Touchpads über den Bildschirm, als würdet ihr einen Brief aufreißen. Um Geheimbotschaften auf dem Papier zu entdecken, müsst ihr die Vita gegen eine Lichtquelle halten.

Nachbesserungsbedarf

Das geht auch meistens gut, reicht über ein "Ist ganz nett" aber auch nicht hinaus. Wirklich begeistern kann das nicht, da all diese Spielereien zu fehlerbehaftet sind. Die Kanusteuerung mit dem Touchpad ist ein Graus (mit alternativer Steuerung übrigens nicht viel besser), das Vita-gegen-das-Licht-Halten klappt auch nicht auf Anhieb und etwa in der Mitte des Spiels ist mir mitten in einem alten Tempel beinahe ein Plotstopper begegnet. Bei einer Art Murmellabyrinth, zu lösen durch das Neigen der Vita, stellte sich die Steuerung vollends bockig an.

Egal, wie die Vita auch geneigt wurde, die Murmel kullerte, angetrieben durch ihre Pseudo-Physik, wohin sie wollte. Erst ein kompletter Neustart der Vita löste das Problem und die Steuerung funktionierte schließlich so, wie sie sollte. Und das bei der Fassung des Spiels, die so im Laden stehen wird und für die außerdem bereits der erste Patch bereitsteht.

Ein weiterer kleiner Fehler, über den ich immer wieder gestolpert bin, waren einige Soundaussetzer. Da, Vorsicht! Eine riesige lautlose Felskugel rollt auf euch zu. Und da "kracht", ohne einen einzigen Ton zu verursachen, ein Mauerwerk zusammen.

Assassin's Creed 3 Liberation fühlt sich an vielen Stellen an, als wäre es noch nicht ganz fertig. Hier sollte Ubisoft auf jeden Fall noch dringend mit Patches nachbessern.