Gäbe es ein Lehrbuch zum Erstellen von Fortsetzungen, würde dort vermutlich zusammengefasst etwas stehen wie: Eine gelungene Fortsetzung muss dem Spieler das gleiche Spielerlebnis geben, das er schon beim Vorgänger mochte, ein sofortiges Gefühl der Vertrautheit wecken, aber doch in entscheidenden Punkten anders, in kritisierten Punkten besser sein. Möglich, dass sich direkt unter diese Beschreibung in Zukunft ein Bild von Assassin’s Creed III setzen ließe.

Assassin's Creed 3 - Tyrannei von König Washington - Die Vergeltung30 weitere Videos

Vier Stunden haben wir eine annähernd fertige Version gespielt, uns in zahlreiche Nebenquests gestürzt und in die Story-Sequenz 6 begeben, also einen späteren Teil des Spiels, in dem bereits der übliche Tutorial-Durchmarsch abgeschlossen ist. Viel zu tun gab es dabei, an jeder Ecke des Spiels warteten Aufgaben und Betätigungen, so wie man es heutzutage von einem guten Open-World-Spiel erwartet. Keine einzige Sekunde war langweilig.

Assassin's Creed 3

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Wilder Westen: Assassin's Creed 3 bewegt sich in Richtung Red Dead Redemption.
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Aber was noch wichtiger ist: Nach dem eher enttäuschenden Revelations dürfte Assassin’s Creed 3 endlich der nächste große Schritt in der Serie werden, den Fans schon seit langem fordern. Dafür hat Ubisoft das Spielprinzip gehörig umgekrempelt, wo man es in den Vorgängern stets nur bis zum Bersten weiter aufblähte.

Das neue Setting liefert ein erfrischend anderes Gefühl beim Erkunden der Welt, die Missionsstruktur mit ihren zahlreichen Nebenquests ähnelt nun noch mehr einem typischen Open-World-Spiel. Es müssen keine Schmieden und Teppichgeschäfte mehr gekauft werden, bis die erlösende 100% im Übersichtsbildschirm prangt. Das Spielkonzept wurde radikal entschlackt und die wegfallenden Facetten durch sinnvolle Alternativen ersetzt.

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Möchte man das Spielgefühl und den Ansatz der „neuen Generation Assassin’s Creed“ in einem Satz beschreiben, so geht das am einfachsten und erstaunlich treffsicher mit einem Vergleich: Assassin’s Creed bleibt der Serie treu, macht aber einen gigantischen Schritt in Richtung Red Dead Redemption. Wer das Rockstar-Meisterwerk gespielt hat, dürfte damit eine ziemlich klare Vorstellung davon haben, was ihn erwartet.

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Im Mittelpunkt: der Mensch im Angesicht der Wildheit und Schönheit der Natur.
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Das beginnt bereits beim Design der Spielwelt, das mit seiner offenen und weitläufigen Topografie vollständig anders strukturiert ist, als das noch in den Vorgängern der Fall war: Wo die Städte der bisherigen „Assassin’s Creed“-Spiele ein, die Bewegungsabläufe vordefinierendes, Netzwerk aus Dächern und Gassen bildeten, dominiert Assassin’s Creed 3 vor allem eines: Weite.

Sofort vertraut und doch ganz anders: Assassin’s Creed 3 bleibt der Serie treu, macht aber einen riesigen Schritt in Richtung Red Dead Redemption.Ausblick lesen

Eine Weite, die nur vom Dickicht der Bäume unterbrochen und durch Flüsse, Seen und schroffe Berge begrenzt wird. Wo es in Assassin’s Creed 1 und 2 um den Schmelztigel Großstadt ging, handelt Teil 3 von der Einsamkeit und Ohnmacht im Angesicht grenzenloser Natur. Wo in den Vorgängern die Beschaffenheit von Architektur sowohl Ästhetik wie menschliches Verhalten bestimmte, ist es hier die wilde Schönheit weitgehend unberührter Landschaft.

Red Creed Redemption

Entsprechend ähnlich sind auch zahlreiche Spielmechaniken zwischen Assassin’s Creed 3 und Red Dead Redemption geworden: Um die zum Teil riesigen Entfernungen zurücklegen zu können, sind Pferde als Transportmittel wichtiger denn je – die sich selbstverständlich ähnlich, wenn auch (zumindest bis jetzt) nicht ganz so elegant steuern wie ihre Cowboy-Verwandtschaft.

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Neben den Wäldern bereisen wir natürlich auch wieder große historische Städte.
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Auch das Jagen, das einen netten Zeitvertreib in Rockstars Wildwest-Abenteuer bildete, gehört nun zum Betätigungsfeld des Assassinen Connor – mitsamt Häutungsanimation in Nahaufnahme, bei der Fell und Klauen „gelootet“ werden und im Anschluss nur fleischige Gerippe am Wegesrand zurückbleiben. Dank seiner indianischen Wurzeln verfügt der neue Held im Assassiversum über die Fähigkeit zum Spurenlesen. Findet ihr die deutlich markierte Fährte eines Tieres im Gehölz, wird dieses als Feind auf der Karte markiert und ihr könnt die Jagd eröffnen – oder umgekehrt…

Denn wilde Bären und Wölfe drehen gerne mal den Spieß um und machen Jagd auf neugierige Menschen, die in ihr Revier eindringen. Fällt euch ein solches Ungetüm an, müsst ihr es in einer meist recht einfachen Quicktime-Sequenz bezwingen. Hier sollte Ubisoft bis zum Release noch ein wenig an der Balancing-Schraube drehen, denn zum jetzigen Zeitpunkt waren Begegnungen dieser Art äußerst häufig und dem Spielfluss eher abträglich.

Und noch ein Spielelement, das von Rockstars Cowboy-Ballade in Ubisofts Attentäter-Epos geschossen wurde: Minispiele. Statt Poker und Blackjack könnt ihr in Assassin’s Creed 3 eure Gegner zu einem Reversi- oder Go-ähnlichen Brettspiel herausfordern und um Geld auf euren Sieg wetten.

Das neue Setting stellt die Assassinen-Zunft jedoch auch vor neue Herausforderungen: Ging es in den Vorgängern immer darum, eins mit der Masse zu werden, sich in den Menschen auf der Straße und den Plätzen aufzulösen, durch sie zu verschwinden und so unerkannt im richtigen Augenblick zuschlagen zu können, fällt dieses Element in der gottverlassenen Einsamkeit der Wälder weg.

Stattdessen wird das Ausnutzen der landschaftlichen Gegebenheiten, das Taktieren innerhalb der Landschaft zum Dreh- und Angelpunkt: Gebüsche bieten hier Schutz vor fremden Blicken, in der Hocke hinter einem Felsbrocken versteckt, bleiben wir vor aufmerksamen Wachen verborgen, und oben in den Baumwipfeln lässt sich in Ruhe die Lage sondieren.

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Das Anwesen bildet die Basis für unsere Abenteuer.
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Auch das ist neu in Assassin’s Creed 3: Die Map zeigt nun zu Beginn nur noch die wichtigsten Zielorte an. Landschaft und Nebenziele sind unter einem „Fog of War“ verborgen, der erst aufgedeckt werden muss. So erhält das Erkunden der Spielwelt eine zentrale spielerische Bedeutung. Und auch das Erklettern der Aussichtspunkte – Kirchen, Leuchttürme, Berggipfel – erfährt einen weitaus wichtigeren Sinn, als es noch in den Vorgängern der Fall war.

Selbst Nebensächlichkeiten wie die allerorts versteckten Schatztruhen wurden einer Überarbeitung unterzogen: Diese können nun nicht mehr einfach so geplündert werden, sondern müssen bisweilen erst in einem Minispiel geknackt werden, bevor sich ihr Inhalt offenbart. Die Buchseiten, die mühsam über die Stadt verteilt zusammengesucht werden mussten, tauchen diesmal zufallsgeneriert und unverhofft auf und werden, wie einst Forrest Gumps Feder, vom Wind durch die Straßen und über die Dächer getragen, was jedes Mal zu einer nervenaufreibenden Verfolgungsjagd einlädt. Nette Idee.

Kampfsystem überarbeitet

Sogar bei der Steuerung, die in den vier bisherigen Assassin’s-Creed-Teilen nahezu unverändert belassen wurde, hat Ubisoft für Teil 3 die Stellschrauben angesetzt. Die Tastenbelegung wurde leicht entschlackt; es müssen nun seltener mehrere Knöpfe gleichzeitig gedrückt werden, was eure Finger angesichts reduzierter Verknotungsgefahr danken werden. Einfacher oder weniger komplex wird das Spiel dadurch glücklicherweise nicht, nur weniger kompliziert.

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Das Kampfsystem wurde ein Überarbeitung unterzogen. Kritikern werden die Konter aber immer noch zu mächtig sein.
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In Sachen Kampfsystem gibt es zunächst eine Entwarnung: Die Befürchtung, Assassin’s Creed 3 könne sich mit seinem verstärkten Einsatz von Schusswaffen in Richtung Shooter bewegen, ist unbegründet. Zwar habt ihr mit Pfeil und Bogen oder modernen Musketen einige mehr davon im Repertoire.

Diese bieten aber mit ihren spezifischen Vor- und Nachteilen (Pfeil und Bogen sind lautlos, haben aber nur eine geringe Reichweite, Musketen sind mächtig, aber laut) lediglich weitere taktische Optionen in Ergänzung zu den bisherigen Pistolen und Giftpfeilen. Selbst im ersten Teil gab es ja bereits mit den Wurfmessern ähnliche Pendants im Arsenal; sonderlich weit darüber hinaus geht auch Assassin’s Creed 3 nicht. Noch immer sind versteckte Messer und Schwerter die bevorzugte Wahl in Auseinandersetzungen.

Auch über eines der meist zitierten Kritikpunkte am Kampfsystem hat man bei Ubisoft nachgedacht und die übermächtigen Gegenangriffe überarbeitet. Wer eine Attacke des Gegners kontert, setzt nun nicht mehr automatisch zum vernichtenden Gegenschlag an. Stattdessen verschafft er sich einen kurzen Moment der Zeitlupe, in dem er die Wahl zwischen mehreren taktischen Optionen hat: beispielsweise den Gegner angreift, ihn entwaffnet oder seine Deckung durchbricht.

Setzt Ubisoft dieses System klug ein, könnte Assassin’s Creed 3 um einiges anspruchsvoller und taktischer werden und damit vor allem jenen entgegenkommen, denen die Kämpfe stets zu einfach und im Vergleich zu den anderen Spielmechaniken übervorteilt waren. Insbesondere in Kombination mit stärkeren Gegnertypen, die Angriffe effektiv blocken oder mit Gewehren aus kontersicherer Entfernung schießen, dürften die neuen Möglichkeiten ihr Potenzial entfalten. Bislang war davon aber nur im Ansatz etwas zu spüren. In unserer vierstündigen Spielsitzung erwiesen sich die Kämpfe in bestimmten Momenten zwar als einen Tick fordernder, im Großen und Ganzen liefen sie aber immer noch so ab wie in den Vorgängern.

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Nettes Gimmick, aber vermutlich nicht mehr: Die Seeschlachten funktionieren ähnlich wie in "Pirates!".
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Groß auf der E3 angekündigte Neuerung sind dagegen die Seeschlachten. Schiffsmissionen lassen sich im Hafen annehmen: Handelswaren transportieren etwa, oder einen Konvoi eskortieren. Mehr als ein Ersatz für die launigen Tower-Defense-Intermezzi des Vorgängers ist davon aber vermutlich kaum zu erwarten: Die Schiffskämpfe spielen sich nämlich ähnlich simpel wie in Sid Meiers Klassiker „Pirates“, nur eben grafisch sehr viel schicker.

Ziel ist es, das Schiff und vor allem seine Kanonen derart auszurichten, dass ihr möglichst viele feindliche Schiffe mit einer Salve beschädigt und schließlich versenkt. Per Knopfdruck lässt sich zudem das Großsegel setzen, um Fahrt aufzunehmen, oder es einholen, um die Geschwindigkeit zu drosseln. Insbesondere bei Beschützermissionen kommt erschwerend hinzu, das eigene Schiff immer geschickt zwischen angreifender Flotte und zu verteidigendem Frachter zu positionieren, um den Schaden von ihm abzulenken. Ganz nett, aber Großes ist hierbei wohl nicht zu erwarten.

Revolution statt Revelation

Über die Rahmenhandlung um Desmond und seinen Kampf gegen die Templer in der nahen Zukunft schweigt sich Ubisoft traditionsgemäß vor Release aus. Sicher ist nur, dass jene Zukunft dieses Jahr Gegenwart wird: Assassin’s Creed spielt bekanntlich im Jahr 2012 – entsprechend darf in dieser Episode der große Story-Knall erwartet werden.

Knallen wird es aber auch in Connors Kampf im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der dieses Mal den historischen Überbau absteckt. Unfreiwillig zwischen die Fronten geworfen, sind Connor und seinen Indianerbrüdern politische Ideale der Revolutionäre und wirtschaftliche Interessen der Kolonialisten zunächst gleichgültig.

Erst als ein imperialistischer Templer heimtückische Pläne schmiedet, um das Land, auf dem Connors Stamm seit Generationen beheimatet ist, zu erwerben, gräbt das Halbblut sein Kriegsbeil aus und macht das, was auch schon seine Vorfahren zur Zeit der Kreuzzüge und der Renaissance getan haben: den Verantwortlichen zur Strecke bringen.

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Connor wird zur zentralen Gestalt in der Boston Tea Party.
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Hierzu reisen wir nach Boston, wo die Lage bereits zum Zerreißen gespannt ist. Mit der neu eingeführten Teesteuer laden die Kolonialisten den armen Bürgern zusätzliche Last auf die Schulter, die sie endgültig in die Knie zwingt. Als Connor Zeuge der Rücksichtlosigkeit und Brutalität der Steuereintreiber gegenüber einem armen Bürger wird, mischt er sich ein und hat damit sein Schicksal besiegelt, ohne es zu wollen seine Wahl für eine der beiden Seiten getroffen.

Denn während sich die Lage zusehends zuspitzt, erkennen wir allmählich, wie sich fast unbemerkt unter der Oberfläche in der Bevölkerung bereits der revolutionäre Funke entzündet, der sich bald in einen landesweiten Flächenbrand verwandeln wird. Als ein Bekannter ausrastet und im Zorn auf die abschätzig „Rotröcke“ genannten Soldaten der britischen Armee losgeht, versuchen wir zunächst noch, ihn davon abzuhalten, ihn zu beschwichtigen und den Konflikt zu schlichten – bis wir bemerken, wie sich um uns herum die Menschen versammeln, sich eine Traube bildet, die zunächst verhalten, dann grölend Beifall klatscht, sich in der Wut auf die Imperialisten solidarisieren, verbrüdern, aufwiegeln.

Immer mehr schließen sich dem Marsch durch die Straßen an, bis die Tropfen auf den heißen Stein schließlich zu einem rauschenden Fluss anschwellen, zu einer blutrünstigen Demonstration gegen die Unterdrücker werden. Die Revolution hat begonnen! Und sie ist auf dem Weg zum Hafen, dort, wo die Schiffe mit der Teelieferung vor Anker liegen. Was dort geschehen wird, ist heute als „Boston Tea Party“ bekannt. Der Rest ist Geschichte…