Wie oft saßt ihr bereits vor eurem Rechner oder der Konsole und habt euch gefragt, warum ihr dieses Spiel überhaupt spielt? Während ihr immer weiter klickt und klackt, ballert, springt, rennt oder strategisch wichtige Entscheidungen trefft, stützt sich das Kinn auf die ebenso gelangweilte Faust und hofft, dass ihr noch eine Antwort auf diese Frage findet. In meinem Fall war die Sache nach sechs Stunden klar wie Kloßbrühe: Ich werde dafür bezahlt.

Hauptsache, es kracht ordentlich

Ist das nicht ein bisschen hart? Kann man wirklich behaupten, der beste Grund, „Army of Two: The Devil's Cartel“ zu spielen, liegt in der beruflichen Verpflichtung? Letztendlich waren die beiden Vorgänger ja auch nicht wirklich schlecht und nach allem, was man gehört und gesehen hat, ist der dritte Teil immerhin ganz ähnlich gestrickt.

Doch was, wenn ich euch jetzt sage, dass das nur auf den ersten Blick zutrifft? Was, wenn ihr plötzlich erfahren müsstet, dass dieses Spiel ganz derbe beschnitten wurde und nur noch der grobe Umriss von früher übrig geblieben ist? Stellt euch ein Tomb Raider vor, in dem ihr nur noch Klettereinlagen habt. Ein GTA, in dem man nur noch Auto fährt, oder ein Mass Effect ohne Brechreiz fördernde Ansprachen von Commander Saubermann. Also im Grunde ein Army of Two mit nur noch Ballern – fast ohne Pause.

Das wäre eine eintönige Welt, ein nicht sonderlich spannendes Spiel und ganz sicher kein guter Kaufgrund. Wenn eine Spieleredaktion ihre Testversion erst am Verkaufstag erhält, kann das drei Gründe haben: Der Publisher mag besagte Redaktion nicht. Die Post hat getan, was sie am besten kann: nix. Oder das Spiel taugt nichts, oder eben nicht viel. Wir wussten also etwa, worauf wir uns einlassen...

Army of Two: The Devil's Cartel - Philosophie für Anfänger: Musste das wirklich sein?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 27/321/32
'Boom' macht´s. Wieder und wieder und...
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Was fällt als erstes und besonders stark ins Auge? Matsch. Matsch, der aus weiter Ferne so eine Art Textur ergibt. „Verstaubt“ ist der falsche Ausdruck. Man könnte eher sagen „völlig veraltet“. Man sollte schließlich beim Testen keinen Besuch bekommen und gefragt werden, ob man das erste „Army of Two“ spielt. Doch sind wir Grafikfanatiker? Nein! Brauchen wir also unbedingt die schönste Umgebung und Gegner, die nicht wie zerlaufene Klonbrüder aussehen? Natürlich nicht.

Was wir wollen, sind neue Ideen, Weiterentwicklung, eine Richtung, von der man stolz behaupten kann: So soll der vierte Teil aussehen und der dritte hat es bereits angekündigt. Doch wo sind diese Ideen, wo ist die Hoffnung, dass in ein paar Jahren der beste Koop-Shooter aller Zeiten meine Stunden versüßt? Schlauchlevel um Schlauchlevel und Pixelhaus um Pixelhaus habe ich danach Ausschau gehalten und nur Abstriche in der B-Wertung gefunden.

Packshot zu Army of Two: The Devil's CartelArmy of Two: The Devil's CartelErschienen für PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Nicht, dass ich unbedingt traurig war, dass uns Rios und Salem als Protagonisten verlassen haben und nun durch Alpha und Bravo ersetzt wurden. Waren die Helden von einst schließlich nie sonderlich überzeugende oder auch nur sympathische Helden. Doch der Tausch war eine Falle, eine gemeine Irreführung, um uns glauben zu machen, jetzt kommen zwei Helden, mit denen sich unsereins, also der gemeine Spieler, besser identifizieren kann.

Zieh mir Stiefel an und nenn' mich Cowboy, aber das ist ganz sicher nicht, was ich mir unter einem guten Beispiel eines alternativen Alter Egos vorstelle. Alpha und Bravo sind wie ihre Namen: gesichts- und persönlichkeitslos, auch wenn man ihnen in einigen Andeutungen und Aussagen so etwas ähnliches aufkleben will. Sie sind stumpf, sie können vor allem gut ballern und sie passen in das restliche Storytelling wie Arsch auf Eimer: hohl, bedeutungslos und schnell vergessen.

Army of Two: The Devil's Cartel - Philosophie für Anfänger: Musste das wirklich sein?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 27/321/32
Alpha und Bravo. Oder: A-Hörnchen und B-Hörnchen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Doch bei aller Liebe: Was bleibt denn bitte noch, wenn die Grafik im Schaukelstuhl sitzt, die Level nach dem Lego-Prinzip erschaffen wurden, unsere Helden gesichtslose Nullnummern sind und die gesamte Geschichte um böse Drogenbarone, Politik in Mexiko und Freunde, die zu Feinden werden, nicht einmal meine vierjährige Cousine begeistern kann?

Unnötiger Titel, der schnell wieder in Vergessenheit geraten wird. Können wir zumindest nur hoffen.Fazit lesen

Das dachten sich wohl auch die Entwickler und haben entsprechend gehandelt. Es reicht einfach nicht, Rios und Salem in den Ruhestand zu schicken und durch noch hirnlosere Fleischklumpen zu ersetzen, nein, man muss noch einen Schritt weiter gehen. Also wurden gleichzeitig alle interessanten Koop-Aktionen entfernt, um Platz für noch mehr Geballer zu schaffen.

Kein 'den Kumpel hinter die Barrikade schleifen' mehr. Keine Rücken-an-Rücken-Ballerorgien und kein Zuwerfen von Munition. Nur noch zwei Soldaten, die ihre pixeligen Kartoffelnasen hinter mehr oder weniger hübschen Masken verstecken und sich durch Gegnermassen schlachten, als wären sie Rambo und der Terminator, deren gemeinsames Kind entführt wurde...

Army of Two: The Devil's Cartel - Feurige Screenshots

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (8 Bilder)

Army of Two: The Devil's Cartel - Feurige Screenshots

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 24/321/32
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das hat sie gesagt

Habt ihr die ersten beiden Teile von Army of Two nie gespielt, kann man mit dem dritten Ableger durchaus ein wenig Spaß haben. Ob alleine, im Splitscreen oder mithilfe des glorreichen Internets: Wer stumpf ballern möchte und es liebt, innerhalb weniger Minuten eine große Zahl hirnloser KI-Gegner ins Jenseits zu befördern, wird zumindest in diesem Bereich nicht enttäuscht.

Das liegt vor allem an dem altbekannten Prinzip des „Bekomm ich etwas Neues zum Spielen, bin ich für mehrere Minuten glücklich“. Und so spielt ihr euch nach und nach neue Waffen, Masken, Outfits und Skins für eure Ballermänner frei und freut euch in der nächsten Mission über die visuelle Abwechslung. Ein wirklicher Grund zum Spielen ist das zwar nicht, aber wer bereits ins Plumpsklo gegriffen hat, freut sich auch über fünf Cent.

Die Frage, die nach dem mehr oder weniger „glücklichen“ Kauf folgt, ist eher diese: Wie spiele ich denn nun? Sollte ich online gegen die bösen Bude zu Felde ziehen, mit der durchaus okayen KI, oder im Splitscreen mit einem Freund, der mir die Kartoffelchips wegfrisst?

Army of Two: The Devil's Cartel - Philosophie für Anfänger: Musste das wirklich sein?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 27/321/32
Es macht schon wieder 'Boom'.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Persönlich würde ich zu Letzterem raten. Die KI ist zwar ziemlich nett und befolgt im Großen und Ganzen auch eure Befehle, jedoch führen häufige Aussetzer in ihrem Denkverhalten zu unschönen Frustattacken. Wenn der Mistkerl dauernd nach Hilfe schreit, mich aber in einem Sturm aus Blei untergehen lässt und im nächsten Moment glaubt, es wäre eine gute Idee, im Sekundentakt seinen Kopf vor meiner nagelneuen Mündungsbremse zu präsentieren, kann er mir auch gerne gestohlen bleiben.

Wer jedoch online spielt, sieht sich ganz anderen Problemen gegenüber: nämlich der hohen Kunst des Nicht-Ausrastens. Stellt euch vor, ihr spielt gerade schön mit einem Unbekannten von sonstwo und mitten im Level hat dieser keinen Bock mehr, seine Internetverbindung bricht zusammen oder Mama hat das Abendessen fertig. Dann guckt ihr aber schön doof, denn das Spiel ist in diesem Fall der Meinung, ihr solltet den kompletten Abschnitt neu spielen.

Also lauft ihr ein zweites Mal los, diesmal mit der KI im Schlepptau, gewöhnt euch an die etwas andere Art zu spielen, die nötig ist, wenn euer Partner nur noch in Einsen und Nullen denkt, und freut euch über die Anfrage von Herrn X aus Y, der gerne dem Spiel beitreten würde. Doch erneut sucht man den Drop-in-Koop vergebens. Der Abschnitt setzt abermals auf Reboot und die merkwürdig rote und pulsierende Ader auf der Stirn wird größer...

Army of Two: The Devil's Cartel - Philosophie für Anfänger: Musste das wirklich sein?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder
Ein Spiel wie 'Army of Two' sollte schon über Drop-In-Koop verfügen...
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nein, wer sich durch die leicht zerstörbare Umgebung ballern möchte und trotzdem nicht auf gute Koop-Action à la Army of Two verzichten kann, spielt bestenfalls auf der heimischen Couch und in guter Gesellschaft. So lässt sich dem simplen Titel noch die eine oder andere spaßige Minute abgewinnen und sogar der Overkill-Modus, mit dem ihr auch im höheren Schwierigkeitsgrad lächerlich einfach bis zum Endboss kommt, erhält so einen leicht erheiternden Anstrich.

Dieser Modus steht euch immer dann zur Verfügung, wenn ihr eine spezielle Leiste komplett gefüllt habt. Für einen kurzen Moment habt ihr dann unendlich viel Munition, seid absolut unbesiegbar und müsst niemals nie nachladen. Die Durchschlagskraft eurer Munition wird so pervers hoch, dass die Umgebung sich in Demut dazu entscheidet, noch ein bisschen mehr kaputt zu gehen. Das macht Spaß, sieht bombastisch aus, vereinfacht das Spiel aber immens. Sollte der andere Spieler seinen Overkill gleichzeitig aktivieren, geht das Ganze auch noch in Zeitlupe vonstatten. Derbe Action.

Zusätzlich gibt es noch eine Funktion, die vor allem den online spielenden Käufern von „Army of Two: The Devil's Cartel“ ans Herz gelegt werden soll: Die Söldner-Vision zeigt euch den perfekten Weg, um das Gebiet zu durchqueren, und markiert für euren Partner Feinde, die er bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte. Ob das eine brauchbare Funktion ist? Sicherlich. Möglicherweise. Keine Ahnung. Ich habe es nie verwendet und auch nie gebraucht...

Army of Two: The Devil's Cartel - Philosophie für Anfänger: Musste das wirklich sein?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 27/321/32
Kurzweilige Action ohne Tiefgang. Schade.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nein, dieser Titel ist kein schöner. Er ist das hässliche Ding, das ein Kumpel mal am Wochenende mitbringt und euch wenige Stunden Spaß beschert, solange die Stimmung im Vorfeld bereits gut genug ist. Er ist der Shooter mit bekannten 08/15-Passgen, in denen man MG-Stellungen ausräuchert, für den Partner eine Räuberleiter macht und Aggro zieht, damit der Scharfschütze in Ruhe anlegen kann.

Aber vor allem ist er dieses Ding, das einfach nicht hätte sein müssen. Eine lieblose Fortsetzung, die schlimmer beschnitten wurde als jeder Horrorfilm. Kein spielerischer Tiefgang mehr und vor allem kein Blut. Wer also bis eben dachte, er bekäme wenigstens noch brutale, Körperteile abhackende Action, der wird enttäuscht. Splatter-Elemente sind in der deutschen Version genauso wenig vorhanden wie eine tiefgreifende Persönlichkeit der Helden, einfallsreiche Levelabschnitte oder eine unvergessliche Geschichte.

Der Trost ist ein kleiner: Wenigstens die Sprüche der Protagonisten sind teilweise ganz unterhaltsam. Ein lockerer Witz hier, eine guter Konter dort. Für eine winzige Sekunde hatte ich fast das Gefühl, mich mit einem der beiden identifizieren zu können. Schon im nächsten Moment fühlte ich mich von mir selbst beleidigt...